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Memorabilien – Karl Immermann

Die Jugend vor fünfundzwanzig Jahren! – Was heißt das? das soll die Jugend heißen und bedeuten, welche am vierzehnten Oktober 1806 mindestens zehn Jahre und höchstens sechszehn Jahre alt war, welche also am dritten Februar 1813 die siebzehnjährigen bis zu den dreiundzwanzigjährigen Menschen des Volks ausmachte. Man sieht aus der Nennung jener Tage, daß hier die Jugend von Norddeutschland gemeint ist. Denn am ersten wurde Norddeutschland umgeworfen und, soweit es den Fremden möglich war, in seinem Dasein zerstört, am zweiten aber begann der Wiederaufbau durch die Gesamtkraft der Nation in die Sichtbarkeit zu treten. Ich will unternehmen zu schildern, wie und auf welche Weise die norddeutsche Jugend von den beiden Tagen, von dem, was zwischen ihnen lag, und von dem, was dem letzten unmittelbar folgte, berührt worden ist, welche Gestalt des Geistes und des Herzens ihr dadurch zukam, und in welchen Folgen sich diese Gestalt abdrucken mußte. Die Altersgrenzen habe ich darum so gefaßt, weil sie mir die natürlichen Scheiden zu sein scheinen, von welchen ab und bis zu welchen hin der Mensch seine bestimmenden Eindrücke empfängt. Denn mit dem zehnten Jahre etwa pflegt das Bewußtsein zu erwachen, und in den ersten Zwanzigen hat es sich am Vaterhause, an der Schule, an der Universität und an den frühesten Berufsanfängen dergestalt entwickelt, daß die geistige Physiognomie zwar nachmals noch manchen Ausdruck empfangen kann, eigentlich sich zu verändern aber nicht mehr imstande ist. Die Züge stehen fest und nur die Objekte wechseln noch, über welche sie später lächeln, zürnen, oder ein stilles Nachdenken zeigen. Was die jüngeren Kinder durch jene beiden Tage und durch das, was ihnen anhing, erfuhren, gab ihnen also wenigstens nicht den vollen Kernschuß der Eindrücke; und ein Gleiches läßt sich von den älteren Leuten der Periode behaupten. Bei den einen wie bei den anderen traf ihr Strahl entweder auf einen zur Empfängnis noch nicht vorbereiteten Punkt, oder er fand schon einen Widerstand in Ausbildung und Charakter vor, welcher die unbedingte Einwirkung des ganzen Zeitraums mannigfach spaltete und brach. Daß aber der vierzehnte Oktober und der dritte Februar zusammengehören, wird der Geschichte wohl unverboten bleiben zu sagen, wenn auch einige die Erinnerung an den ersten Tag unbequem finden. Diese verraten dadurch, daß sie von dem letzten ebenfalls nichts wissen oder nichts mehr wissen wollen. Denn eine glorreiche Erhebung fand nur statt, weil eine schmähliche Niederlage vorangegangen war. Die also von der Niederlage zu hören tauben Ohres sind, legen Zeugnis ab, daß ihnen die Erhebung vorübergegangen ist wie etwa ein Sturm, vor dem sich der für seine Gesundheit besorgte Mann unter einem Wetterdache birgt. Am konsequentesten unter diesen verfahren denn auch diejenigen, welche die Jahre 1813, 1814, 1815 geradezu für schädliche Wetterereignisse ausgeben. Für solche werden die nachfolgenden Blätter nicht beschrieben. Da wir nur durch jene Jahre als Deutsche vorhanden sind, so zeigen sie, daß sie an diesem Zustande nicht teilhaben wollen, sondern entweder überhaupt nur als sogenannte Weltbürger daseien, oder sich bei andern Völkern naturalisiert haben wollen. Von diesen nenne ich, nicht in gehässiger Absicht, sondern beispielsweise: Franzosen, Engländer, Russen; denn alle drei Völker sind wirkliche Volksindividualitäten. Ob die Wahlvölker nun solchen Übergängern das Naturalisationspatent auszufertigen geneigt sein möchten, ist eine Frage, auf welche nur die Ironie die verneinende Antwort in Zweifel stellen würde. Sonach wären die Gemeinten lediglich an das Weltbürgertum verwiesen, über welches die öffentliche Überzeugung sich dahin geeinigt hat, es für eine Negation, d.h. für ein reines Nichts zu erklären. Meine Darstellung wendet sich also an Deutsche und denen will sie etwas erzählen oder in das Gedächtnis zurückrufen. Unter den Deutschen sind nicht etwa verschollene oder neu zu erweckende Altdeutsche verstanden, welche vielmehr auch schon der Geschichte und nicht mehr der Gegenwart, noch viel weniger aber der Zukunft angehören. Es hieße das recht eigentlich den Toten predigen wollen. Vielmehr verstehe ich unter Deutschen diejenigen, die von den Schauern der Weltgeschichte zwischen den sechs Strömen erschüttert, diese Schauer fromm nachfühlen und das Gebot der Weltgeschichte auszuführen sich bestreben, ohne dazu Abzeichen an Kappe und Kleid, oder Stichworte in Rede und Schrift nötig zu haben.


Daß für diese eine Darstellung, wie ich sie vorhabe, von Interesse sein werde, sollte ich meinen, wofern sie mir nämlich gelingt, wie ich wünsche. Denn der Gegenstand ist von der Art, daß er in Deutschland früher nie vorgekommen war und allem Vermuten nach kaum wieder vorkommen kann. Eine Napoleonische Überziehung war unerhört und kann sich nicht wiederholen, sollte auch in späteren Zeiten ein neuer Eroberer auf eine neue Schwäche treffen, weil dann doch Held und Überwundene in andern Farben spielen werden. Nun brachte jene Tyrannis auch eine nie gesehene Wirkung hervor. Unsere Jugend ging vor der Eroberung ihren mäßigen Lebens- und Bildungsschritt. Die Weltereignisse traten nicht an sie hinan; die Stille des Hauses umgab ihre ersten Entfaltungen, zugeschnitten war der Unterricht und dieser überlieferte sie nach gelindem Schäumen und Brausen in den akademischen Jahren einem geordneten Berufe, in dem sie nun das wurden, was sie vorher verachtet hatten, nämlich Philister. Zwischen der Gewalt des öffentlichen Lebens und ihr war bis dahin eine unübersteigliche Kluft befestigt gewesen. – Gegenwärtig lebt zwar die Jugend seit dem Erwachen ihrer Aufmerksamkeit mehr in den Weltbegebenheiten, weil diese alle Vorstellungen und Verhältnisse zu durchdringen angefangen haben, allein sie empfängt dieselben doch nur in einer Rückspiegelung und gestaltet sie sich in einer oft sehr vorschnellen Reflexion, so daß zwischen ihr und dem Öffentlich-Wirklichen abermals ein breiter Strom fließen bleibt, nämlich der Strom ruhiger Friedenstage. – Ganz im Gegenteil zu beiden Zuständen sah die Jugend, welche beschrieben werden soll, ihrer ersten Blüte die furchtbarsten Erschütterungen in materiellster Aufdringlichkeit annahen und wenige Jahre später hörte sie sich berufen zu dem Eingreifen in das öffentliche Leben, über welches hinaus es kein tieferes gibt, nämlich die Waffen zu nehmen, um Thron und Vaterland retten zu helfen. Die Jugend vor der Eroberung war daher politisch null, die gegenwärtige Jugend ist im glücklichsten Falle (wenn nämlich keine phantastischen Verirrungen sie hinreißen) politischkontemplativ; die Jugend vor fünfundzwanzig Jahren war politisch leidend und handelnd. Gewiß ein Phänomen, welches, nur einmal so vorgekommen und von den weitestgreifenden Folgen gewesen, ernste Betrachtung verdient. Und was zu letzterer noch mehr auffordert, ist: die Jugend litt damals als Jugend, handelte als Jugend. Jugendstimmungen wurden angerührt und jugendliche Motive in Bewegung gesetzt. Aber, wird man sagen, dergleichen Betrachtungen sind schon zum Übermaß angestellt; bis zum Ekel ist von jener Zeit und von dem Anteile der Jugend an ihr geredet und geschrieben worden. Ich gestehe zu, daß der Gegenstand kein Modegegenstand mehr ist und manchem als sehr altfränkisch erscheinen mag. Aber die Mode bringt in solchen Dingen wenig mehr hervor, als die Debatte der Parteien. Und so verhielt es sich auch hier. Wir haben zwar viel gehört und gelesen einesteils: von frischer, freier, frommer, fröhlicher Jugend, vom Eichenwalde deutscher Jugend, von der Jugend Tugend und Zucht, von den Gebeinen der Jünglinge, die auf den Feldern von Groß-Görschen modern; andernteils: von überspannten jungen Menschen, von Demagogen und Hochverrätern – ich erinnere mich aber keiner Darstellung, welche, wenigstens mit einiger Mühe und Sorgfalt, hinabgestiegen wäre in die Ökonomie des jugendlichen Geistes und Gemüts jener Zeit, und nachgewiesen hätte, was darin durch die Hand des Elendes und der Befreiung entwickelt oder zerrüttet, zurechtgerückt oder verschoben worden ist. Entweder helles Licht oder finsterer Schatten! Ein Gemälde, worin beides harmonisch vermittelt wäre, worin die Farben an ihrem Orte ständen, kenne ich nicht. Und doch geschah an jener merkwürdigen Schicht der bürgerlichen Gemeinschaft, welche so viele der jetzigen Vierziger geliefert hat, also einen bedeutenden Beitrag zu dem eigentlichen Ernste und Grunde und Boden der Gesellschaft, das eine wie das andere: Aufbau und Zerstörung.

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