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Meine Lebensgeschichte – Fanny Lewald

Wie der Reisende sich Empfehlungen von verehrten Personen zu verschaffen sucht, um sich einen freundlichen Empfang und gütige Theilnahme unter den Fremden zu sichern, so schicke ich dieser Arbeit eine Bemerkung Goethe’s über die Bedeutung des Individuellen voran, die mich seit lange beschäftigt und mir während des Arbeitens oft im Sinne gelegen hat. »Das Individuum, sagt Goethe, geht verloren; das Andenken desselben verschwindet; und doch ist ihm und andern daran gelegen, daß es erhalten werde. Jeder ist selbst nur ein Individuum und kann sich auch eigentlich nur für’s Individuelle interessiren. Das Allgemeine findet sich von selbst, dringt sich auf, erhält sich, vermehrt sich. Wir benutzen’s, aber wir lieben es nicht. Wir lieben nur das Individuelle; daher die große Freude an Vorträgen, Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anekdoten abgeschiedener selbst unbedeutender Menschen. Die Frage: ob Einer seine eigene Biographie schreiben dürfe, ist höchst ungeschickt. Ich halte den, der es thut, für den höflichsten aller Menschen. Wenn sich Einer nur mittheilt, so ist es ganz einerlei, aus was für Motiven er es thut. Es ist gar nicht nöthig, daß Einer untadelhaft sei, oder das Vortrefflichste und Tadelloseste thut; sondern nur, daß Etwas geschehe, was dem Andern nützen oder ihn freuen kann.« Ein andermal, als er die Entstehung seiner biographischen Annalen schildert, spricht er sich, auf das Urtheil Cellini’s gestützt, dahin aus, daß man sich nicht zu spät daran machen dürfe seine Erinnerungen aufzuzeichnen, wenn man überhaupt die Neigung fühlt, dieses zu thun. »Es ist keine Frage, heißt es dort, daß uns die Fülle der Erinnerung, womit wir jene ersten Zeiten zu betrachten haben, nach und nach erlischt, daß die anmuthige Sinnlichkeit verschwindet, und ein gebildeter Verstand durch seine Deutlichkeit jene Anmuth nicht ersetzen kann. Hierbei ist aber noch ein bedeutender Umstand wohl zu beachten: wir müssen eigentlich noch nahe genug an unsern Irrthümern und Fehlern stehen, um sie liebenswürdig und in dem Grade reizend zu finden, daß wir uns lebhaft damit abgeben, jene Zustände wieder in uns hervorrufen, unsere Mängel mit Nachsicht betrachten und mancher Fehler uns nicht schämen mögen.« An diese Aussprüche habe ich oftmals gedacht, wenn ich bei meinen dichterischen Arbeiten, im Gestalten der einzelnen Figuren, den Boden zeichnete, dem sie entstammten, die Einflüsse welche zu ihrer Entwicklung beitrugen, und den Weg auf dem sie an ihr Ziel zu gelangen hatten. Dann ist mir häufig die Lust gekommen, mir einmal mein eigenes Leben und meine eigene Entwickelung in solcher Weise übersichtlich und zusammenhängend darzulegen, und seit Jahren habe ich die Neigung gehabt, meine Erinnerungen aufzuzeichnen. Meine Freunde haben mich in dem Gedanken bestärkt, mich zu dem Unternehmen angetrieben, und nun ich mir endlich einmal die Muße dazu geschafft, nun ich mich an den Schreibtisch setze um an das Werk zu gehen, bewegt es mir feierlich das Herz. Denn wie man in der Jugend ahnungs- und hoffnungsvoll in die ungewisse Zukunft hineinblickt, so schaue ich in diesem Augenblick ruhig und befriedigt auf den Pfad zurück, der jetzt hinter mir liegt. Es ist etwas Besonderes um das Festhalten und Aufschreiben seiner eigenen Schicksale, um das Wiedererwecken seiner eigenen Vergangenheit. Man ist Darsteller und Zuschauer, Schöpfer und Kritiker, jung und alt zugleich. Man empfindet alle seine genossenen Freuden mit der Kraft der Jugend, man blickt auf seine vergangenen Leiden mit dem Gefühle eines Ueberwinders zurück. Man durchlebt das Leben noch einmal, aber ruhig und mit unverwirrtem Bewußtsein. Und was uns im Affekte des Erlebens einst räthselhaft, was uns getrennt und zusammenhanglos, was uns zufällig, unwesentlich oder auch gewaltsam und ungerecht erschien, das gestaltet sich vor dem überschauenden Blicke zu einem übersichtlichen Ganzen, in welchem eigenes und fremdes Handeln, in welchem Irrthümer und Schmerzen, in welchem unser Denken und Streben, unser Mißlingen und unsere Erfolge uns nur noch als eben so viele Ursachen und Wirkungen entgegentreten. Jedes Menschenleben trägt eben seinen vernünftigen Zusammenhang in sich, und mehr oder weniger habe ich in dem Schicksal aller mir bekannt gewordenen Menschen das alte Sprichwort bestätigt gefunden, das mein theurer Vater uns von Jugend auf als Lehre und Warnung auszusprechen pflegte: es ist Jeder seines Glückes Schmied! In diesem Sinne haben Biographien, und vor allen Dingen ehrlich gemeinte Selbstbiographien, mich immer lebhaft angezogen. Sie sind mir bedeutsam gewesen als Bilder einer bestimmten Zeit und ihrer Kulturverhältnisse, sie sind mir lehrreich, tröstlich und erhebend gewesen. Der Hinblick auf das arbeitsvolle Ringen Anderer hat mich im Arbeiten und Beharren bestärkt.


Bevorzugte, glückliche Lebensläufe haben mir Hoffnung auf Erfolg und Streben nach ähnlicher Befriedigung gegeben; und wenn ich Menschen, die ich über mich zu stellen hatte, mit Mißgeschicken kämpfen oder gar den sie umgebenden Verhältnissen unterliegen sah, so hat mich das vor thörichten Anforderungen an ein sogenanntes unbedingtes und müheloses Glück behütet, hat mich auf thätige Geduld verwiesen und mich gelehrt, sowohl das Gute, das mir durch meine angeborenen Verhältnisse geworden, als dasjenige, welches mir durch eigene Kraft zu erringen gelungen ist, in jedem Augenblicke doppelt bewußt zu genießen, doppelt dankbar anzuerkennen. Und so mögen diese Aufzeichnungen, die ich im Gedenken an meine theuren verstorbenen Eltern und an mein liebes Vaterhaus beginne, allen Denen eine freundliche Erinnerung bereiten, denen es einst wohl geworden in dem gastlichen Hause meiner Eltern, oder die mir sonst theilnehmend auf dem Lebenswege begegnet sind. Kommen sie nebenher einem oder dem andern Menschen hier und da aufklärend und beruhigend zu statten, so würde mich das von Herzen freuen. Gelingt das diesen Erinnerungen nicht, nun so bereiten sie doch vielleicht den Lesern einen Theil des Vergnügens, welches ich selbst bei dem Niederschreiben immerfort empfunden habe. Berlin, im Juni 1858. I Erstes Kapitel ch bin am vierundzwanzigsten März des Jahres achtzehnhundert und eilf zu Königsberg in Preußen geboren, und stamme von väterlicher und mütterlicher Seite aus jüdischen Familien ab. Auch meine beiden Eltern waren geborene Königsberger. Meine Mutter gehörte einer reichen Familie an. Sie war das jüngste von zwölf Kindern. Ihr Vater war aus dem Posen’schen, ihre Mutter aus Kurland nach Preußen gekommen. Sie hielten fest an dem Glauben und an den Sitten des Judenthums, waren ununterrichtete Leute, scheinen aber, nach allen Erzählungen meiner Mutter, viel auf eine wohlanständige äußere Form des Lebens gehalten und bei strenger häuslicher Oekonomie die Benutzung und Schaustellung ihres Reichthums für besondere Fälle geliebt zu haben. Meine Mutter erzählte uns, als wir erwachsen waren, gern von dem großen Saale in ihrem Vaterhause mit seinen gelben Damastmeubeln und zahlreichen Spiegeln, der an den Feiertagen geöffnet wurde, von der gastfreien Aufnahme aller Fremden, welche sich zum jüdischen Karneval, dem Purimsfeste, maskirt und unmaskirt in ihrem Hause einfanden, von der ernsten Begehung der großen Feiertage, des Passah, des Laubhütten- und des Versöhnungsfestes; und es machte immer einen fremdartig feierlichen Eindruck auf uns, wenn wir hörten, wie die Großeltern am Vorabende des Versöhnungsfestes alle ihre Kinder zusammen gerufen und sie gesegnet hätten. Wie dann die Großmutter in einem weißen, mit kostbaren Kanten besetzten Kleide den Großvater in die Synagoge begleitet habe, wie sie darauf erst spät Abends nach Hause gekommen wären, wie man der Großmutter schweigend das modische Entre deux von schwarzem Taffet mit strohgelbem Futter abgenommen, wie man am folgenden Tage gefastet und erst am Abend desselben bei dem Hervortreten der Sterne den ersten Imbiß gehalten habe, wonach das Leben dann wieder in seinen gewöhnlichen Lauf zurückgekehrt sei. Gute Miniaturbilder dieser Großeltern hingen in unserem Wohnzimmer. Die Großmutter war eine bleiche Frau mit ruhigem klugen Blick, ganz weiß gekleidet, ein Spitzentuch um Brust und Hals gebunden, einen tiefgehenden Aufsatz mit weißen Spitzen auf dem Kopfe, der kein Haar hervorscheinen ließ und sich fest an Stirn und Schläfen anlegte. Sie trug auf dem Bilde schöne große Perlen in den Ohrgehängen und eben solche Perlen um den Hals. Der Großvater hatte ein sehr feines Gesicht mit hellblauen Augen, eine kleine gepuderte Perrücke, einen blauen Rock mit großen Knöpfen, und die alten Leute sahen Beide wie Bilder der behaglichsten Sauberkeit und Ruhe aus. Sie hatten etwas Feierliches in ihren Physiognomien, das mir immer einen großen Eindruck machte, wenn ich sie ins Auge faßte. Was mein Großvater in seinen früheren Jahren für ein Handels-Geschäft getrieben haben mag, weiß ich nicht. So weit die Erzählungen meiner Mutter reichten, hatte er sich schon vom Handel zurückgezogen und als ein reicher Mann von seinen Zinsen gelebt. Die Großeltern bewohnten sechsunddreißig Jahre lang das Eckhaus in der Kneiphöfischen Langgasse, welches der Königlichen Bank gegenüber dicht am grünen Thore liegt und die Ecke der Magistergasse bildet; und es wurde von unserer Mutter immer hervorgehoben, wie der Bankdirektor und eine Menge anderer angesehener Leute den Großvater mit besonderer Achtung behandelt hätten und wie selbst der Professor Kant ihn immer freundlich gegrüßt, wenn er im Sommer bei seiner täglichen Promenade den Großvater auf seinem gewohnten Platze am Fenster oder auf der Bank vor der Thüre sitzen gesehen habe. Es war damals in Königsberg noch eine Ehrensache für einen Juden, von Christen achtungsvoll behandelt zu werden. Die geistige Bildung im Hause dieser Großeltern muß im Ganzen gering gewesen sein, obschon man den Söhnen, es waren ihrer fünf, eine gute Erziehung geben ließ. Zwei von ihnen haben Medizin studirt. Der Aeltere war ein in Königsberg geachteter Arzt, Doktor Assur, der Jüngste, David mit Namen, ging später zum Christenthum über.

Es war der in Hamburg verstorbene, und mit Rosa Marie von Varnhagen verheirathete, Doktor Assing. Die älteren Töchter meines großväterlichen Hauses waren in der französischen Sprache, in der Musik, im Tanzen und derlei äußerlichen Dingen unterrichtet worden. Sie hatten auch einen »Complimentirlehrer« gehabt, der ihnen beigebracht, was man in der Gesellschaft und im Verkehr mit jungen Männern zu sagen, und wie man es zu sagen habe. Aber mit dem Tode meiner Großmutter hatte das Alles aufgehört, und für die Erziehung der jüngeren Töchter war fast Nichts geschehen, weil der Großvater die Bildung der Frauen als etwas Ueberflüssiges betrachtete. Meine Mutter, sein jüngstes Kind, beklagte dies durch ihr ganzes Leben als ein Unglück. Sie trug ein großes Verlangen nach Kenntnissen, aber ihr fehlte die Vorbedingung der ersten Grundlagen, sich dieselben noch in späterer Zeit anzueignen; denn sie schrieb und rechnete nur nothdürftig und hatte nicht das Geringste von wissenschaftlichem Unterricht gehabt.

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