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Mein Schicksal im russischen Feldzuge 1812 – Joseph Schrafel-1

Ich bin am 4. Januar 1785 zu Landshut geboren. Mein Vater war gemeiner Soldat im Dragoner-Regiment Fürst Thurn und Taxis. Meine Mutter lebte von ihrer Hände Arbeit. Von so unbemittelten Eltern abstammend, konnte nur wenig auf meine Erziehung gewendet werden. Damals wusste man auch noch nichts von den trefflichen Schuleinrichtungen, in denen Bayern jetzt vor vielen andern Staaten hervorragt, nichts von gesetzlicher Unterstützung armer Kinder, nichts von gesetzlichem Anhalten zum Schulbesuch. Es gab wohl Schulen, aber ob ein armes Kind sie besuchte oder nicht, ob es verwahrlost heranwuchs, oder etwas lernte, darum kümmerte sich Niemand. Ein dürftiger Religionsunterricht und das Erlernen der Gebete, darauf beschränkte sich das ganze Erziehungswesen für Arme. Wie ganz anders ist es jetzt! Welche wohltätige, volksbildende Anstalten sind jetzt errichtet! Wie väterlich sorgen König und Obrigkeit für die Erziehung selbst der ärmsten Kinder! Welche ganz andere Wendung würde mein Schicksal genommen haben, wenn ich des Glückes teilhaftig hätte sein können, das die Jugend jetzt genießt. Die Klöster waren in meiner Zeit der einzige Zufluchtsort der Armut. Auch ich trieb mich schon als Knabe von sieben bis acht Jahren in dm Franziskaner- und Kapuzinerklöstern herum. Ich diente als Ministrant, wiewohl ich noch zu schwach war, das Messbuch zu tragen, so daß entweder der Priester selbst, oder ein dazu bestellter größerer Knabe mir behilflich sein musste. Die Schule besuchte ich nur einen Winter hindurch, denn meine Mutter war so arm, daß sie mich nicht mehr kleiden und nähren konnte. Ich hatte bereits mein zehntes Jahr erreicht, als sie mir wehmütig erklärte, ich mußte mich nach irgend einer Arbeit, einem Broderwerb umsehen, da sie außer Stande sei, für mich ferner zu sorgen. Mein Vater konnte eben so wenig für mich tun, zumal da das Regiment Taxis von Landshut in eine andere Garnison versetzt wurde. Er kümmertet sich auch seitdem nicht mehr um mich. Sowohl bei ihm als bei meiner Mutter war die Stimme der Natur durch den Druck des Elends erstickt. Feines Gefühl wird wohl Niemand von Leuten erwarten, die in einer rohen Zeit unter schweren Schicksalen ohne Geistesbildung aufgewachsen waren. Ich musste mich entschließen, das nächste beste Geschäft zu ergreifen, um nicht zu hungern und meine Mutter nicht hungern zu lassen. Damals führte der Freiherr von Frauenhofen in der Neustadt einen großen Bau auf (das noch jetzt stehende Hotel auf dem Schrannenplatz). Geh’ hin, sagte meine Mutter, sieh’ zu, ob du dort als Handlanger Arbeit findest. Ich ging. Es war ein Sonntag. Der Freiherr spazierte, den Bau besichtigend, in dem Gemäuer herum. Ich nahm mir ein Herz und redete ihn an, um Arbeit flehend.


Er besah mich mit gutmütigem Lächeln. Was willst Du, Kleiner, arbeiten? sprach er. Ich habe hier keine Hühner zu greifen (d. h. zu fühlen, ob sie Eier haben.) Ich kann Dich nicht brauchen. Ich aber ließ mich nicht abschrecken. Ich bat immer dringender, stellte ihm frei, wie viel er mir Lohn geben wolle, und versprach mein Möglichstes zu tun. Es mochte ihn wohl rühren, denn er sagte endlich: Nun denn, so stelle Dich morgen ein. Ich will sehen, wie ich Dich verwenden kann. Wer war glücklicher als ich? Ich trug Steine, Mörtel, Wasser, oft über meine Kräfte. Die ersten drei Wochen bekam ich neun Kreuzer täglich. Aber mein Fleiß wurde in der Folge immer besser belohnt. Die vierte Woche erhielt ich schon zwölf Kreuzer und nach Verlauf von sechs Wochen wurde ich schwacher Knabe, bloß meines guten Willens und Betragens wegen, den übrigen Handlangern gleichgestellt, so daß ich achtzehn Kreuzer täglich erhielt. Nun war ich ein reicher Mann, nun hatte meine Mutter zu leben. Ihr gab ich Alles, und erhielt dafür jeden Sonntag sechs Kreuzer. So ging es den Sommer über, so lange der Bau dauerte. Den Winter darauf nahm ich wieder zu den Klöstern meine Zuflucht. Aber mein Glücksstern war einmal aufgegangen. Der Maurermeister, unter dessen Aufsicht ich gewesen war, hatte meine Anstelligkeit gesehen. Er nahm mich förmlich drei Sommer hindurch in die Lehre und so öffnete sich mir eine nach meinen Begriffen glänzende Laufbahn. Aber damals wusste man nichts von theoretischen Kenntnissen für Handwerker. Es gab für sie keine Zeichnungsschulen, wie jetzt. Nur der Meister und der Polier, der gewöhnlich ein Fremder, fern her Verschiedener war, konnten regelmäßig Zeichnen. Die Gesellen besaßen bloß mechanische Fertigkeit, ohne alle Vorbildung, und waren nicht viel mehrmals blinde Werkzeuge.

Wäre damals Alles eingerichtet gewesen, wie jetzt, so hätte ich es in Kurzem weit bringen können. Aber vor fünfzig Jahren glaubte man nicht, oder wollte man nicht glauben, daß auch aus armen, niedrigen Menschen geschickte, für höhere Dinge brauchbare Männer gebildet werden könnten; Alles war, nur für die Bemittelten zugänglich. Der Arme blieb überall unbeachtet und hatte nur höchst selten das Glück, sich emporzuschwingen. Damals gab es keine polytechnische Schule, wo Jeder, arm oder reich, Zutritt hat. Danket dem Fortschritte der Zeit, ihr jungen Leute, danket den aufgeklärten Fürsten und Obrigkeiten, daß ihr jetzt überall Gelegenheit findet, euch zu bilden! Die Maurerprofession hatte ich nun erlernt und war vierzehn Jahre alt. Jetzt musst ich auch die Brauerei erlernen, denn in Altbayern ist es Sitte, und uralter Gebrauch, daß die Maurer sowohl, als die Zimmerleute, zugleich Brauer sein müssen. Dieser Gebrauch ist sehr zweckmäßig, da die Nahrung der Maurer und Zimmerleute im Winter endet, und die der Brauer im Winter beginnt. Auf diese Weise kommt der Handwerker nie in die Lage, sich dem Müßiggang zu ergeben, oder Mangel zu leiden. Müßiggang aber und Mangel sind die zwei gefährlichsten Feinde der Ordnung und Ruhe im Staate. Als ich die Brauerei erlernt hatte, wozu üblicherweise zwei Winter erforderlich waren, wurde ich als Brauknecht beim Brauer Hilz in der St. Nikolas Vorstadt angenommen. Nun tritt ein Abschnitt meines Lebens ein, der mir ewig merkwürdig und ein Beitrag zu den Rätseln des menschlichen Herzens ist. Mein Brauherr hatte einen Vater, der ebenfalls eine Brauerei besaß, und zu dem ich oft in Geschäften geschickt wurde. In seinem Hause diente als Köchin ein junges schönes Mädchen, Namens Walburga Herhammer, aus Siegenburg bei Abensberg. Ich war ein munterer, lebensfroher Gesell und sah nicht übel aus. Wer hätte nun nicht denken sollen, zwischen uns beiden müsste sich ein Liebeshandel entspinnen? Weit gefehlt. Wir hassten uns, hassten uns recht ingrimmig und bitter. So oft wir zusammentrafen, neckte sie mich mit Stachelreden und begegnete mit äußerst verächtlich. Ich vergalt ihr Gleiches mit Gleichem und so kränkten wir einander bei jeder Gelegenheit. Und warum hassten wir uns? So wird Jeder fragen. So fragten wir uns selbst. Und siehe da, wer sollte es denken? Wir wussten es selbst nicht. Eine unerklärbare Feindseligkeit beherrschte unsere Gemüter. Wir konnten weder uns, noch Andern Rechenschaft davon geben. Aber das Unerklärbarste folgt nach.

Damals war es Gebrauch, daß die jungen Bursche bei der Rekrutierung würfeln mussten, wer Soldat werden sollte. Schon einige Mal hatte mich das Glück begünstigt, daß ich mich, wie man damals sagte, losspielte. Man sah das ungern, da ich groß und wohlgebaut war. Besonders schimpfte Walburga über die Ungerechtigkeit des Schicksals, das mich, den Armen, Schutzlosen, begünstige, während die Söhne wohlhabender Bürger die Muskete tragen müssten. Später wurde das Würfeln abgeschafft und das Losen eingeführt, aber auch da zog ich immer das glückliche Los. 2. Die Rekrutenzeit Endlich, im Jahre 1807, kam wieder eine Rekrutenaushebung, und da man mein Glück im Losen fürchtete, so umging man willkürlich das Gesetz, erklärte mir mit dürren Worten, daß die Reihe nun auf jeden Fall mich träfe, da ich schon lange in der Reserve stände, und hob mich am 10. Januar ohne Umstände aus. Welch ein Donnerschlag für mich, für meine Mutter! Alle Nahrung, alle Aussicht auf künftigen Wohlstand, alle die süßen Hoffnungen, mit denen wir uns schmeichelten, Alles mit einem Mal dahin. Ohne einen Heller Vermögen, bloß auf fünf Kreuzer und einen halben Laib Brot beschränkt, welcher bittere Glückswechsel! Welche plötzliche Entbehrung nach einer für meinen Stand glücklichen, ja Überfluss darbietenden Lebensweise! Und welche schreckliche Aussicht vor mir. Damals waren die militärischen Einrichtungen nicht so menschlich, wie jetzt. Der gemeine Soldat war fast gänzlich in die Willkür roher, oft grausamer Unteroffiziere gegeben. Das Reglement war von äußerster Strenge. Fast kein Tag verging ohne körperliche Züchtigungen. Sie wurden nicht selten bei ganz kleinen Vergehen angewendet, die jetzt nur mit einem Verweise würden bestraft werden. Daher war der Schrecken und die Angst vor dem Soldatenleben bei dem Volke allgemein. Man stellte sich das Übel sogar noch weit größer vor. Mir war zu Mute, wie einem verurteilten Verbrecher. Äußerlich benahm ich mich still und ruhig, aber ein unnennbares Angstgefühls eine dumpfe Schwermut, die mich bis zum Stumpfsinn beugte, hatte sich meines Innern bemächtigt. So wurde ich nebst ungefähr 150 andern Rekruten, wovon 10 aus Landshut selbst, die übrigen aus den umliegenden Gegenden waren, vom Rathaus, im langen Zuge mit Militäreskorte herabgeführt. Noch wimmelt dieser bunte, durcheinander wallende Zug vor meinen Augen, noch höre ich das Jauchzen des Einen, das Schluchzen des Andern, noch sehe ich die gaffende Menge, durch die wir hinzogen. Noch fühle ich, wie das Herz mir krampfhaft zusammengezogen war. Aber den heftigsten Eindruck sollte ich erst erfahren, der bitterste Schmerz wartete meiner noch. Wir mussten an dem Hause vorbei, wo Walburga, meine Feindin, diente. Da stand sie an der Haustüre unter vielen andern Leuten.

Als sie mich erblickte, schlug sie ein schallendes Gelächter aus, klatschte in die Hände, und rief: So ist es recht! Das ist gut, daß sie den haben! Um den ist keine Schade! das hergelaufene Soldatenkind hätten sie längst nehmen sollen, statt den braven Bürgerssöhnen! — So spottete sie noch lange. Was in meinem Herzen vorging, kann ich nicht beschreiben. Betäubt und halb bewusstlos ging ich vorbei, — ist ein solcher Hass ohne allen Grund wohl erklärbar? Ich bin ein schlichter ungelehrter Mann, und möchte wohl hierüber Aufschluss haben. Sollte man nach all dem nicht denken, eine so tief gewurzelte, gleichsam schon angeborne Feindschaft könne nur mit dem Leben enden? Wer könnte wohl mutmaßen, daß diese Walburga, die mich so unverschuldet verfolgte, dass edelste Geschöpf der Welt war? wer konnte ahnen, daß sie wenige Monate darnach meine Geliebte, endlich meine Gattin und die Mutter meiner Kinder werden, dass sie unsägliches Ungemach um mich und mit mir ertragen, ihren Wohlstand, ihre Gesundheit, ja sogar ihr Leben für mich opfern würde?

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