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Ludwig van Beethoven – Romain Rolland

Dumpf ist die Luft um uns. Unter einer schweren Glocke verdorbener Dünste liegt erschlafft das alte Europa. Ein Materialismus ohne Größe lastet auf dem Denken, hemmt die Tatkraft der Regierungen und der einzelnen Individuen. Die ganze Welt geht an einem weisen und niederträchtigen Egoismus zugrunde; er wird sie ersticken. – Öffnet die Fenster, frische Luft ströme herein, uns umwehe der Atem von Helden, wie der Wind von den Bergen! Das Leben ist hart. Es ist ein täglicher Kampf für sie, die sich nicht seelischer Mittelmäßigkeit hingeben wollen. Ein trauriger Kampf ist es meist, der ohne Größe, ohne Glück, in Einsamkeit und Schweigen ausgefochten wird. Armut drückt sie, bittere häusliche Sorgen, aufreibendes törichtes Tagewerk, das unnütz Kräfte verschlingt: ohne Hoffnung, ohne einen Schimmer von Freude sind die einen getrennt von den andern, ohne den einzigen Trost, den Brüdern im Unglück die Hand reichen zu können, den Brüdern, die sich nicht kennen untereinander. Ganz allein auf sich sind sie gestellt. Da kommen die Stunden, in denen die Stärksten zusammenbrechen unter dem Schmerz. Sie schreien um Hilfe, sie rufen nach einem Freund! Jenen zu helfen, schließe ich den Kreis der Helden, der Freunde um sie, der großen Seelen, die für das Gute gelitten haben. Nicht an den Hochmut der Ehrgeizigen wendet sich meine Schrift; sie ist ihnen gewidmet, die unglücklich sind. Und wer ist denn nicht unglücklich? So lasst uns den Leidenden den Balsam der geheiligten Leiden darbringen. Wir stehen nicht allein im Kampf: die Nacht, die über der Welt liegt, erhellt göttliches Licht. Jetzt, heute, mitten unter uns sahen wir reinstes Licht aufgehen, es leuchtete die Flamme der Gerechtigkeit, der Freiheit: Oberst Picquart, das Volk der Buren. Ist es ihnen auch nicht gelungen, die dichte Finsternis zu verdrängen, so haben sie uns doch in einem Blitz unseren künftigen Weg gezeigt. Folgen wir ihnen, folgen wir all denen, die kämpfen wie sie, einsam, zerstreut über alle Länder, durch alle Jahrhunderte. Es fallen alle Schranken der Zeit, das Volk der Helden erstehe! Nicht sie nenne ich Helden, die durch den Gedanken oder die Kraft gesiegt haben; sie, ganz allein sie sind es, die kraft ihres Herzens groß waren. Wie einer der Größten unter ihnen gesagt hat, er, dessen Leben ich hier erzähle: »Ich kenne keine andern Vorzüge des Menschen als diejenigen, welche ihn zu den besseren Menschen zählen machen.« Wo der Charakter nicht groß ist, kann es der Mensch, kann es der Künstler nicht sein, auch nicht der Mann der Tat. Da erstehen wohl hohle Götzenbilder für die niedrige Menge, aber sie alle zusammen zerstört die Zeit. Was liegt am Erfolg. Groß müssen wir sein, nicht es scheinen. Das Leben derer, deren Geschichte wir zu schreiben versuchen, war fast immer ein langes Martyrium. Sei es, dass ein tragisches Geschick ihre Seele schmiedete auf dem Amboss von leiblichem, seelischem Schmerz, von Unglück und Krankheit; sei es, dass ihr Leben verwüstet wurde, ihr Herz zerrissen vom Anblick der Leiden, der namenlosen Schmach, die ihre Brüder folterten.


Gewiss ist, sie haben das tägliche Brot der Prüfung gegessen, und wenn sie groß geworden sind durch Willenskraft, so sind sie es nicht minder durch Unglück. O, dass sie nicht allzu sehr klagen, sie, die unglücklich sind: der Menschheit Auserwählte sind unter ihnen. Ihre Tapferkeit ströme auf uns über, in unsere Herzen; wenn wir schwach werden, soll unser Kopf einen Augenblick auf ihren Knien ruhen. Sie werden uns trösten. Ein Strom reiner Kraft und allmächtiger Güte fließt aus den Seelen dieser Geweihten. Nicht ihre Werke brauchen wir zu befragen, nicht ihre Stimme zu hören, wir lesen es in ihren Augen, in der Geschichte ihres Lebens, dass das Leben nie größer, nie fruchtbarer – und niemals glücklicher ist – als im Schmerz. Der Anführer dieser Legion der Helden sei Beethoven, der Starke, Reine. Er selbst wünschte mitten in seinen Leiden, sein Beispiel möchte den übrigen Leidenden ein Halt werden; der Unglückliche möge sich trösten, da er in Beethoven den Starken findet, der, trotz aller Hindernisse der Natur, alles getan hat, was in seiner Macht stand, »um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden.« Nach Jahren des Kampfes und der übermenschlichen Anspannung aller Kräfte dahin gelangt, sein Schicksal zu überwinden und seine Aufgabe zu vollenden, die, wie er sagte, darin bestand, der armen Menschheit ein wenig Mut einzuflößen, rief dieser siegreiche Prometheus einem Freunde zu, der zu Gott flehte: »O Mensch, hilf dir selbst!« Möge unsere Seele sich begeistern an seinem stolzen Wort! Sein Beispiel belebe in uns aufs Neue den Glauben des Menschen an das Leben, an den Menschen! Januar 1903. Romain Rolland. Das Leben Beethovens Wohltun, wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen. Beethoven. (Albumblatt 1792.) Beethoven war klein und untersetzt. Stärke sprach aus dem ganzen Bau seines Körpers. Das Gesicht war breit, ziegelrot, erst gegen sein Lebensende wurde die Gesichtsfarbe kränklich gelb, besonders im Winter, wenn er ans Zimmer gebannt war, nicht mehr im Freien sich erging. Die Stirn war mächtig und zeigte seltsame Höcker. Tiefschwarzes, außerordentlich dichtes Haar, durch das scheinbar kein Kamm je einen Weg sich gebahnt hatte, sträubte sich nach allen Seiten, wie »Schlangen um das Gorgonenhaupt«. 1 Das Leuchten der Augen war so außergewöhnlich, dass alle, die ihn sahen, davon ergriffen waren. Die meisten täuschten sich in ihrer Farbe. Da diese Augen von düsterem Glanz in einem dunklen, tragischen Antlitz strahlten, sah man sie gewöhnlich schwarz, sie waren indessen graublau. 2 Klein und sehr tiefliegend, öffneten sie sich plötzlich weit in der Leidenschaft, im Zorn, rollten wild und spiegelten alle Gedanken mit wunderbarer Wahrheit. 3 Häufig suchten sie mit traurigem Blick den Himmel. Die Nase war kurz und eckig, breit, der eines Löwen nicht unähnlich, der Mund zart, aber die Unterlippe schob sich über die obere vor. Die mächtigen Kinnbacken hätten Nüsse zermalmen können.

Ein tiefes Grübchen im Kinn, rechtsseitig, gab dem Antlitz eine seltsame Asymmetrie. Sein Lächeln sei gütig gewesen und Beethoven selbst im Gespräch häufig liebenswürdig und ermutigend, sagt Moscheles. Aber sein Lachen sei unangenehm, heftig und wie eine Grimasse, übrigens stets kurz, gewesen. Es war das Lachen eines Menschen, dem die Freude ungewohnt ist. Sein gewöhnlicher Ausdruck war Melancholie, »unheilbare Trauer«. Rellstab sagte im Jahr 1825, dass er seine ganze Kraft aufbieten müsse, um nicht zu weinen beim Anblick dieser sanften Augen und ihrem Ausdruck von Schmerz. Braun von Braunthal trifft ihn etwas später in einer Brauerei: er sitzt in einer Ecke, eine lange Pfeife rauchend, seine Augen sind geschlossen, wie es mehr und mehr seine Gewohnheit ist, je näher der Tod kommt. Ein Freund richtet das Wort an ihn. Er lächelt traurig, zieht aus seiner Tasche ein kleines Notizbuch, dessen er sich bei der Unterhaltung bedient, und mit der kreischenden Stimme, die den Tauben oft eigen ist, bittet er ihn aufzuschreiben, was man ihn fragen will. Sein Gesicht veränderte sich indessen in den Augenblicken der plötzlichen Inspiration, die ihn unvorhergesehen, sogar auf der Straße überfielen, mitten unter den Vorübergehenden, die ihn anstarrten. Wenn er phantasierend am Klavier saß, schwollen die Muskeln in seinem Gesicht an, die Adern traten hervor, die ohnehin wilden Augen rollten noch einmal so heftig, der Mund zuckte und Beethoven hatte das Aussehen eines Zauberers, der sich von Geistern überwältigt fühlt, die er selbst beschwor. Er glich einer Gestalt Shakespeares 4 , Julius Benedict sagte: »König Lear«. Ludwig van Beethoven wurde am 16. Dezember 1770 in Bonn am Rhein in der elenden Mansarde eines armseligen Hauses geboren. Er war flämischen Stammes. 5 Sein Vater war ein unintelligenter, ewig sich betrinkender Tenor. Seine Mutter gehörte dem Dienstbotenstande an: Tochter eines Kochs, war sie aus erster Ehe die Witwe eines Kammerdieners.

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