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Lebenslauf eines Optimisten – Ludwig Ganghofer

Ein entsetzlicher Spektakel mit Geklirr und Gerassel – grelles Licht – dann finstere Nacht, in der ich schreien mußte vor Angst. Das ist die älteste unter den Erinnerungen an meine Kinderzeit in Kaufbeuren. Als ich vor vielen Jahren meiner Mutter einmal sagte, daß diese Erinnerung in mir wäre, mußte sie sich lange besinnen, bevor sie das Rätsel lösen konnte. Sie hatte mich, ein anderthalbjähriges Bübchen, an einem Winterabend auf den Boden der Wohnstube gesetzt und war in die Küche gegangen; da hörte sie diesen klirrenden Spektakel; und als sie dem Lärm erschrocken nachlief fand sie eine finstere Stube, in der ich schrie, als wär‘ ich an einen Spieß gebohrt; sie machte Licht, und da saß ich zeternd auf dem Tisch, während die Stehlampe in Scherben auf dem Boden lag. Diese Lampe bekam neue Gläser, und ihr eiserner Fuß wurde fest auf einen großen, mit Blei ausgegossenen Holzteller geschraubt. Nun konnte man sie mit dem besten Kinderwillen nicht mehr umwerfen. Und so hat diese Lampe in der Wohnstube meiner Eltern noch hellen Dienst getan, als ich nach 25 Jahren der dunklen Beschäftigung oblag: Philosophie zu studieren. Eine zweite Erinnerung: ich friere schrecklich, obwohl die Sonne scheint; viele Menschen sind um mich her; ich laufe schnell und habe Schmerzen an den Sohlen; und die vielen Menschen laufen mir nach und lachen immer. Da hatte meine Mutter mich als dreijährigen Jungen an einem Märzmorgen ins Bad gehoben. Sie wurde abgerufen, kam zurück – und fand die Badewanne leer. In der Wohnung war der nasse Ausreißer nicht zu finden. Meine Mutter rannte über die Treppe hinunter, guckte durch die Haustür auf den Kirchplatz hinaus – und da rief ihr eine Nachbarsfrau mit Lachen zu: »Frau Aktewar, uier Ludwigle isch buzelnacket über’n Marktplatz gloffe!« Die Mutter jagte hinter mir her, vergnügte Leute wiesen ihr den Weg, und schließlich erwischte sie mich draußen vor der Stadt im Forstamte, in dessen Kanzlei mein Vater als Aktuar unter dem Forstmeister Thoma diente. – Aus dieser unsittlichen Begebenheit machte ein Kaufbeurer Gelegenheitsdichter eine Ballade, die mit den Versen begann: »Frau Aktuar, Ja isch denn wahr?« Dieses Lied wurde nach der Melodie einer landläufigen Moritat gesungen. Meine dritte Kindheitserinnerung: ich freue mich sehr über ein schönes, neues, weißes Kleidchen; immer höre ich schmetternde Musik; ich bin in einem großen Walde, und da sind noch tausend Menschen; zwischen anderen Kindern steh‘ ich vor einem dicken, langen Balken; ich schiebe diesen Balken; er bewegt sich, immer schneller – viel schneller, als ich mit meinen vierjährigen Beinchen laufen kann; ich hänge mit beiden Armen an dieses rasende Ungeheuer geklammert, und meine Füße fliegen in der Luft; ein grauenvoller Schreck überfällt mich; ich lasse den brausenden Drachen aus, schlage Purzelbäume durch eine linde Sache und sinke in eine schwarze fürchterliche Tiefe. Damals wurde in Kaufbeuren das jährlich wiederkehrende ›Tänzelfest‹ gefeiert, ein Kindervergnügen, an dem sich auch alle Erwachsenen der Stadt zu beteiligen pflegten. Die schulpflichtigen Knaben waren soldatisch uniformiert, hatten Musik, Offiziere und Fahnenjunker. Ich erinnere mich noch deutlich an solch einen Junker, der auf dem Kirchplatz, inmitten eines schwarzen Ringes von Menschen, seine Kunststücke als Fahnenschwinger produzierte. In festlichem Zuge marschierte jung und alt nach einem kleinen, vor der Stadt gelegenen Wäldchen – nach dem ›Tänzelholzle‹. Unter den mancherlei Belustigungen, die es hier für die Kinder gab, befand sich auch ein etwas primitiv konstruiertes Karussell. Ein Stern von langen Balken, an deren Enden die kleinen Kutschen und Pferdchen angeschmiedet waren, drehte sich horizontal um seine Achse. Ein paar Dutzend Jungen stellten sich vor die Balken hin und brachten diesen Göppel in Lauf. Die lustige Arbeit gefiel mir; ich wollte da mitmachen, lief meiner Mutter davon und half an einem Balken schieben. Es hatte am Morgen geregnet, und der Boden unter dem Balkensterne war in klebrigen Morast verwandelt. Erst glaubte ich zu schieben, dann wurde ich geschleift, verlor den Boden unter den Füßen, ließ den Balken aus, kollerte in meinem schönen, neuen weißen Kleidchen durch den schwarzen Schlamm – und viele Schuhe trampelten über mich weg, bis ich bewußtlos davongetragen wurde. Noch eine andere Erinnerung reicht in mein viertes Lebensjahr zurück.


Ich glaube, daß ich sie nicht übergehen darf. Denn sie hilft die Frage beantworten, in welchem Lebensalter die unbewußten Ahnungen des Blutes beginnen und die Kinderseele zum ersten Male berührt werden kann von jenem Ewigkeitsgeheimnis, das zwischen Männchen und Weibchen seine unsichtbaren, aber sicher bindenden Fäden spinnt. Meine Eltern waren mit einer Familie befreundet, in der zwei Töchter von achtzehn und neunzehn Jahren das Haus mit Frohsinn und Lachen füllten. Diese Mädchen waren meine zwei anderen Mütterchen. Namentlich die Jüngere von den beiden, das Theresle, verhätschelte mich über Gebühr. Ich war viel in diesem Hause. Und einmal blieb ich da über Nacht – ich weiß nicht, weshalb – vielleicht, weil sich daheim bei den Eltern etwas ereignete, wobei man die zweijährigen Augen meines Schwesterchens noch nicht scheute, aber schon meine vierjährigen, immer in Neugier spähenden Gucker. Ich vermute das, weil mir aus jener Zeit ein Wort im Gedächtnis blieb, das irgendjemand über mich sprach: »Das Lausbüeble spitzt überall hin, wo’s vorbeischaue sollt!« Und damals wurde ja auch mein Brüderchen geboren, das Fritzele, das nach wenigen Monaten die Augen wieder schließen mußte, mit denen es die Welt noch gar nicht recht gesehen hatte. Da sprechen nun die beiden Kontraste durcheinander: der Tod, der das Leben endet – und das Geheimnis, aus dem alles Leben quillt. Und zwischen diesen beiden Gegensätzen zittert ein erschrockenes Kinderseelchen. Das Theresle behielt mich damals über Nacht und bescherte mir ein lindes Winkelchen in seinem Bett. Ich wurde wohl schon mit Anbruch des Abends in dieses große Nest gesteckt. Und als dann das Theresle schlafen ging, wurde ich wieder munter, tollte nach meiner Art, trieb allerlei Ungezogenheiten und warf die Kissen so unmanierlich durcheinander, daß meine achtzehnjährige Schlafkameradin unser Lager wieder in Ordnung bringen mußte. Sie legte das Federbett und die Kissen auf den Boden heraus, und während ich mir’s auf dieser linden Unterlage gemütlich machte, strich das Theresle mit flinken Händen das Leintuch glatt. Und wollte beim Tisch, auf dem die Lampe brannte, etwas holen. Und stieg im Hemde über mich weg – und wie ein ahnungsloser Schläfer von Alpdrücken befallen wird, nur weil er auf dem Rücken liegt, so wurde ich da plötzlich von einem atembeklemmenden Schreck überfallen, so tief und wunderlich, daß er sich für Lebenszeit in meinem Erinnerungsvermögen festnistete. Als mich das Mädel in das frischgemachte Bett hineinhob, blieb ich still und zitterte. Und niemals wieder ließ ich mich vom Theresle küssen oder hätscheln. Ich fing zu schreien an, wenn sie mich in die Arme nahm. Und seit damals blieb in mir durch ein Dutzend Jahre ein grober Widerwille gegen alles, was Mädchen hieß. Warum dauerte gerade diese Erinnerung so fest und deutlich? Und vieles andere, das sich meinem Gedächtnis hätte einprägen müssen, ist erloschen in mir. Ich weiß nicht mehr, wie das auf mich wirkte, daß ich plötzlich ein Brüderchen hatte. Und weiß nicht, was ich empfand und dachte, als dieses Brüderchen über Nacht verschwunden war und nicht mehr kam. Ich erinnere mich nur dunkel an eine Zeit, in der die Mutter immer weinte und der Vater immer ein blasses Gesicht hatte. Und weiß noch, daß im Schlafzimmer meiner Eltern ein Gemälde hing, das ein bleiches, ruhig schlummerndes Kind auf weißen Kissen zeigte – und daß ich eines Tages fragte: »Warum kommt das Fritzele nicht herunter und spielt mit mir?« Nach Jahren erfuhr ich, daß dieses Bild ein verstorbenes Brüderchen meiner Mutter darstellte, das auf dem Totenbett gemalt worden war.

Wie Vater und Mutter damals in Kaufbeuren aussahen, weiß ich nicht mehr zu sagen. Wenn ich mich an die Züge der Mutter in jener Zeit zu erinnern suche, seh‘ ich kein Gesicht, sondern höre ein leises Weinen und dann wieder ein helles Lachen, eine heiter singende Stimme, die durch alle Zimmer klingt, Trepp‘ auf und nieder. Und forsche ich in meinem Gedächtnis nach meiner kleinen Schwester Berta, die anderthalb Jahre nach mir geboren wurde, so seh‘ ich immer ein schwarzes Mohrengesicht mit einem roten Mäulchen, das fürchterlich schreit. Ich hatte das Kind, das in seinem Bettchen schlief – und dazu noch die Kissen, die Stühle, den Tisch und die Wände – reichlich und dick mit frisch eingesottener Heidelbeermarmelade bestrichen, die zum Auskühlen am offenen Fenster stand

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