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Lebensläufe und Schicksale – Franz Blei

Es ist hier nicht vom Leben und Tun eines Dichters zu berichten, der seine Kräfte auf das zu schaffende Werk hin sammelt. Alles was Novalis den Nachkommen hinterlassen hat, sind nicht so sehr Werke einer ihm selbst bewussten und gewollten Kunst, als vielmehr äußere Zeichen eines zur Vollendung strebenden Lebens. Es sind Versuche und Tagebücher, und Vollkommenheiten können da nicht sein, wo etwas nur als ein Mittel dient und auch dieses nur mehr dem Instinkt als der Willkür seine Art verdankt. Er schrieb: »Man muss zur vollendeten Bildung manche Stufe übersteigen; Hofmeister, Professor, Handwerker sollte man eine Zeitlang werden wie Schriftsteller.« Dieser Jüngling hatte einen weiterführenden Willen als diesen, der Kunst das Opfer seines Lebens zu bringen, einen höheren Ehrgeiz als den, zu repräsentieren. Nicht als ob sich Werk und Schöpfer je so trennen ließen oder je so getrennt wären: wechselseitig sind die Wirkungen des einen auf das andere, mehr und weniger. Auch wird man hinter dem einen Werk den Schöpfer völlig verschwunden empfinden, in dem andern wird er immer sichtbar bleiben und alles Licht seiner Verse auf sich selber ziehen. Ein wechselndes Sichtbar- und wieder Verschwundensein – dieses Schauspiel gibt Novalis, der suchend versuchte, da er der Kunst Ziele gab, die alle Ziele des Lebens einbegriffen, und er sich den Dichter als den Erkenner und Deuter der tiefsterlebten Menschlichkeit und des Kosmos selber dachte. Die Fülle alles Lebens in seine Brust zu drücken, heimisch zu werden auf Höhen und in Abgründen, ein Reicher zu werden, der mit kostbaren Geschenken den Reichtum des Lebens mehrt – so zog er in den Morgen, der für ihn keinen Abend haben sollte. Und wäre ihm auch ein längeres, ein langes Leben beschieden gewesen, es wäre immer zu kurz gewesen für die Fülle seiner Gedanken und alle seine Ziele. Doch wer wird auf das Zielerreichen, diese kleingläubige Probe auf das Beispiel, ein gewichtiges Wort legen wollen? Es ist das Suchen in den hohen Dingen des Lebens alles, und das Finden nur zu oft ein allzu frühes, vorschnelles Ende. Es war nichts in diesem Leben des Novalis, das man als einen Irrtum bedauern könnte, so sicher schloss sich alles ins Ganze wie nach einem vorbestimmten Plan, und war doch keine Anlage sichtbar und keine Absicht. Man hat den Eindruck, als weise und bestimme Unsichtbares den Weg und als ginge er ihn mit dem offenen Auge des Schlafwandlers, der nicht stürzt, denn was er hört sind nicht Stimmen der Rufenden, sondern der Klang der Sphären. Der junge Heinrich von Ofterdingen erwacht aus seinem Morgentraum von der blauen Blume und spricht mit seinem Vater vom Träumen. Zuerst meint der Alte, »Träume sind Schäume«, und lässt sich aber dann doch herbei, einen Traum zu erzählen, den er einst in seiner Jugend hatte. Und wie seltsam! Auch er träumte damals »von Quellen und Blumen, und unter allen Blumen gefiel mir eine ganz besonders, und es kam mir vor, als neigten sich die andern gegen sie. – Ach, lieber Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung. – Dessen entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe. – War sie nicht blau? – Es kann sein.« … Es ist der alte Erasmus von Hardenberg, Friedrich von Hardenbergs Vater, der das Beste seines Traumes vergessen hatte. Der frühe Tod seiner ersten Frau gab ihm wohl den frommen Traum seiner Jugend zurück, dass er sich unter dem Einfluss der Herrenhuter, deren ›Freund‹ er war, Gott zuwandte, mit der Herzenseinfalt des Kindes wohl, aber auch mit dem geraden Verstand eines gesunden Körpers. Er übte eine Frömmigkeit, die mächtig genug war, seine starke Lebenslust zu bändigen, ohne sie ganz zu zermürben. Tieck hörte einmal, da er bei Hardenberg zu Besuch war, den alten Herrn im Nebenzimmer in nicht eben glimpflicher Weise schelten und fluchen. »Was ist denn vorgefallen?«, fragt er besorgt einen eintretenden Bedienten. »Nichts«, sagt der trocken, »der alte Herr hält Religionsstunde.


« Das Gewaltsame dieser Natur gab keine Brücke, auf der Vater und Kinder zueinander gekommen und vertraut geworden wären. Deren Seelen hat die Mutter gewartet, die, weich und zart, dem im Haus launisch befehlenden Herrn gehorchend, die Zuflucht der Kleinen vor dem Gestrengen war und ihnen manches Geheimnis vor ihm zu bergen half. Geduldig sich in ein Schicksal fügend, hatte Auguste – so nannte sie ihr Gatte, da ihm Bernhardine, der wirkliche Name, zu langwierig war – ihrem Manne ein Kind ums andere geboren, neun im ganzen. Als zweitältestes kam nach einer Schwester Friedrich zur Welt, am 2. Mai 1772 auf dem Familiengut Wiedestedt. Den Ort, wo Friedrich seine Kindheit verlebte, beschreibt eine Verwandte der Familie so: »Das alte Haus in Wiedestedt war ebensowohl geeignet, Träumereien zu befördern wie auch als Tummelplatz fröhlicher Kinder zu dienen. Wie schön spielte es sich in dem dämmerigen großen Hausflur, in den langen Gängen, auf der steinernen Wendeltreppe mit den kleinen runden Fensterscheiben, durch welche das Licht so seltsam gebrochen hereinfiel, und welche vom Turm herab durch die kleine verborgene Tür in den engen Hof geleitete, wo eine Menge alter hochstämmiger Fliederbäume im Frühling so köstlich blühten. Und Haus und Hof belebt von Spukgeschichten, die die alte Kinderfrau so schön zu erzählen wusste.« – Friedrich war krank und schwächlich und zurückgeblieben bis in sein neuntes Jahr, wo ihn schwere Krankheit befiel. Gesund erwacht er eines Tages als ein anderer: sein Körper bekommt Stärke, sein Geist Leben, und bald ist er vor allen andern Kindern Stolz und Freude der Eltern. Sie schicken ihn zu seiner völligen Erholung einem Bruder des alten Hardenberg, der als deutscher Herr und Landkomtur auf Lucklum ein großes Haus führt. Hier sieht Friedrich zum ersten Mal bewegtes Leben um sich. Doch nur ein Jahr währt die Freude: er muss heim, wo es ihm nicht leicht wird, sich wieder an die eintönige Herrenhuter Strenge zu gewöhnen. Der Landkomtur schreibt einige Zeit nach dem Besuch des jungen Friedrich an seinen Bruder: »Es ist mir lieb, dass sich Friedrich wieder findet und ins Gleis kömmt, aus welchem ich ihn gewiss nicht wieder herausnehmen will. Mein Haus ist für seinen jungen Kopf zu hoch gespannt, er wird zu sehr verwöhnt, und ich sehe viele fremde Leute und kann nicht verhindern, dass an meinem Tisch viel gesprochen wird, das ihm nicht dienlich und heilsam ist.« – Friedrich besucht das Gymnasium in Eisleben, wohin die Familie übersiedelte, und 1790 schickt man ihn nach Jena, wo er Jurisprudenz studieren soll. Man weiß, was Jena damals in Deutschland war; durch Fichte und Reinhold, die hier lehrten, wurde es zur Hauptstadt des Kantianismus, der hier erst seine Macht auf die junge Generation auszuüben begann. Und in Jena brannten um den vergötterten Schiller die Begeisterungsfeuer der schwärmenden Jugend. Hardenberg, der mit den andern schwärmte, schreibt in einem Brief vom 5. Oktober 1791: »Schillers Blick warf mich nieder in den Staub und hob mich wieder auf. Das vollste, uneingeschränkteste Zutrauen schenkte ich ihm in den ersten Minuten … denn ich erkannte in ihm den höheren Genius, der über Jahrhunderte waltet … Er wird der Erzieher des künftigen Jahrhunderts werden.« Unter solchen Umständen war in Jena Jura zu studieren nicht leicht, besonders wenn man ein »so ganz unjuristischer Mensch« ist, wie Hardenberg damals von sich sagte, was aber dem Alten in Eisleben gar nicht passte; und da nun auch Erasmus, Friedrichs jüngerer Bruder, die Universität beziehen soll, so schickt er beide 1792 nach Leipzig, wo sie aber »statt Bücherstaub auf ihre Scheitel zu streuen eine brillante Rolle auf dem Theater der Welt spielen«, wie Friedrich später einmal an Erasmus schreibt. – Was Hardenberg als Frucht seines Jenaer Aufenthalts nach Leipzig mitbrachte, war nichts an Kunst, manches an Philosophie. Von dieser nicht etwa ein System – er war diesen Beruhigungen des Denkens nie ein Freund –, wohl aber die Lust, Probleme zu stellen, die Philosophie zu »vivificieren«, wie später sein Lieblingswort wurde. Die Unruhe vor dem Rätsel der Welt kam ihm aus dieser selbst, nicht aus der Existenz von Philosophie und Professoren, welche sie lehren.

Im gelehrten Jena fand Hardenberg Lehrer, vor deren Autorität er sich als ein Jüngling beugte. Im lustigen Leipzig fand er einen Suchenden, der, gleich alt mit ihm und zweifelhafter Jurist wie er, sein Freund ward, sein erster Freund, der ihn durch die Art, wie er sein Leben führte, nicht nur auf den Geist in den Büchern, sondern auch auf den des Lebens wies. Es war Friedrich Schlegel, der nach den ersten, im Keime bildenden Einflüssen der Mutter die aufregende Gewalt des männlichen Freundes über Hardenberg gewann, so ganz verschieden er auch von ihm war, und vielleicht gerade wegen dieser Verschiedenheit. In Leipzig zog das Leben zum ersten Mal seine aufwühlende Pflugschar durch das Erdreich dieser Seele, das in Jena noch jugendlich jungfräulich war. Der junge Schlegel hatte etwas Dämonisches in seiner Natur, etwas, zu dem man sich mit Widerstreben hingezogen fühlt, wie es wohl zustande kommt bei gemütlicher Unreife und geistiger Frühreife. »… Sein Geist war in beständiger Gärung; er erwartete in jedem Augenblick, es müsse ihm etwas Außerordentliches begegnen. Ohne Geschäft und ohne Zweck trieb er sich umher unter den Dingen und unter den Menschen wie einer, der mit Angst etwas sucht, woran sein ganzes Glück hängt. Alles konnte ihn reizen, nichts konnte ihm genügen. Daher kam es, dass ihm eine Ausschweifung nur so lange interessant war, bis er sie versucht hatte und näher kannte. Keine Art derselben konnte ihm ausschließlich zur Gewohnheit werden: denn er hatte ebenso viel Verachtung als Leichtsinn. Er konnte mit Besonnenheit schwelgen und sich in den Genuss gleichsam vertiefen …

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