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Lebensgeschichte – Lebensgeschichte – Johann Heinrich Jung-Stilling

Liegt ohne Zweifel die einzig mögliche Rechtfertigung der Veröffentlichung einer schriftstellerischen Arbeit in der Nachweisung eines wesentlichen Zeitbedürfnisses, welches durch jene befriediget wird: so hat diese neue Ausgabe der sämmtlichen Werke Stilling’s eine solche Rechtfertigung in hohem Grade für sich. Zwei große, das ganze Leben des Menschen durchdringende Gegensätze sind heut zu Tage hervorgetreten. Sie beziehen sich sowohl auf das Wissen als das Thun, sowohl auf das innere Gebiet des Geistes als auf seine äußere Verwirklichung im Staatsorganismus. In beiden Sphären ist einer Seits eine rein negative, sich von den Banden göttlicher wie menschlicher, religiöser wie politischer Auctorität als solcher lossagende Tendenz, anderer Seits eine rein positive, in der Auctorität der christlichen Religion als auf etwas Unwandelbarem, für die Vernunft des Menschen Unzugänglichem ruhende, und in ihr zugleich die bestehenden Staatsformen als geheiligt anschauende Weltansicht zum Bewußtseyn gekommen. Durch die neuerdings erfolgte Reaction ist nun der Zeitgeist aus seinem in die Außenwelt gehenden, auf die Durchführung der Vernunft im Staate und die Vollbringung der politischen Freiheit gerichteten Streben heraus in seine innere Welt getrieben worden, und er scheint — wie dieß die große Zahl der neuerdings erscheinenden religiösen Schriften beweist — er scheint jetzt daran zu arbeiten, in seiner über dem politischen Treiben fast vergessenen innern Welt, dem Reiche Gottes, sich wieder anbauen, und die Freiheit, die er in Durchführung gewisser Staatsformen vergebens zu verwirklichen suchte, auf höhere Weise im Geiste durch die Kindschaft Gottes wieder gewinnen zu wollen. Aber derselbe Kampf entgegengesetzter Principien, welcher durch jene Reaction im Gebiete des Staates zur Ruhe gekommen ist, beginnt nur um so heftiger im innern Gebiete des Geistes. Und hier tritt als Vorkämpfer der einen, nämlich der an der göttlichen Auctorität des Christenthums streng festhaltenden Parthei, als ein solch leitender Genius tritt noch einmal der Geist Stilling’s auf. Es ist nämlich — wenn wir zuerst auf die positive Seite der religiösen Weltansicht Stilling’s sehen — Eine große Idee, welche diesen Mann beseelte, und von welcher alle seine Schriften erfüllt sind, die nämlich: daß Gott kindlich auf ihn Vertrauenden auf eine unmittelbare und außerordentliche Weise durch eine alle menschliche Berechnung übertreffende und von dem gewöhnlichen gesetz- und naturgemäßen Gange der Dinge ganz abweichende Schickung aus jeder Noth des Lebens helfe. Diese Idee tritt in ihrer Eigenthümlichkeit und bestimmten Ausprägung besonders in dem Glauben hervor, daß ein in der Noth zu Gott geschicktes Gebet nicht etwa bloß eine innere Erhörung durch höhere Stärkung des Geistes finde, sondern, wofern es mit den Rathschlüssen Gottes übereinstimmt, eine äußere göttliche Hilfeleistung durch wunderbare Errettung aus leiblicher Noth, Krankheit, Armuth etc. zur Folge habe. Was aber Stilling zu dem großen Volksschriftsteller machte, der er war, was allen seinen Darstellungen Lebendigkeit und eine unwiderstehliche Kraft der Ueberzeugung verleiht, das ist die Einheit seiner ganzen Persönlichkeit mit seinem schriftstellerischen Werke. Es bewährte sich an ihm das alte Sprüchwort: Was vom Herzen kommt, das dringt zum Herzen. Stilling war im eigentlichen Sinne des Wortes eine religiöse Individualität. Die lebendige Verwirklichung jenes Grundgedankens, von welchem alle seine Schriften beseelt sind, ist sein eigenes Leben. Nicht nur im Allgemeinen, sondern auch in den einzelnen Scenen ist seine Autobiographie eine wahre Verkörperung jenes religiösen Grundgedankens zu nennen, so daß man geneigt wäre, in ihr einen religiösen Roman zu erblicken, hätte nicht Stilling selbst uns hoch betheuernd versichert, daß, mit Ausnahme der Namen und einiger Verzierungen, Alles wahr sey. Sein Leben nämlich stellt, nach seinen Hauptwendepunkten betrachtet, eine Erhebung von der niedrigsten, dunkelsten Lage zur glänzendsten Stellung dar, die Stilling als Professor, Hofrath und als weltberühmter Volksschriftsteller einnahm, und wie es also schon im Allgemeinen das Daseyn einer für ihre Verehrer gütig sorgenden Vorsehung bekundet, so ist es auch im Einzelnen voll von Spuren göttlicher Hilfe, welche, in so viele Bedrängnisse auch Stilling kam, doch nie ausblieb. Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, wurde 1740 zu Grund im Nassau’schen geboren. Sein Vater, Schulmeister und Schneider, verlor frühe seine Frau, eines armen Pfarrers Tochter. Die religiöse Richtung dieses Mannes wurde durch diesen Verlust noch strenger und ernster. In der dürftigsten Lage, zurückgezogen von aller Welt, lebte der Vater. Beten, Lesen und Schreiben war die einzige Beschäftigung des Kindes, äußerst streng überhaupt seine Erziehung. Aber eben diese Erziehung war in mehrfacher Beziehung geeignet, Stilling zu dem großen religiösen Volksschriftsteller zu bilden, als der er später auftritt. Vor Allem fand hier sein religiös fühlender und denkender Geist noch das ungeschminkte, frische und lautere Christenthum. In einem höheren Stande geboren und in der großen Welt erzogen, wäre er vielleicht dem Geiste des religiösen Indifferentismus frühe erlegen. Nur ein auf einem so frischen und kräftigen religiösen Boden, wie der unbefangene, aber eben darum starke Glauben mancher den niederen Volksklassen angehörenden Individuen ist, nur ein also aufgewachsener Sproß konnte so, wie Stilling, sicher dem Sturme des in Unglauben versunkenen Zeitgeistes Trotz bieten.


Zudem war es gerade die Abgeschlossenheit, welche zur Entwickelung des Geistes Stilling’s indirect am meisten beitrug; denn er hatte hier Gelegenheit, sich in seiner Originalität frei und beinahe rein aus sich zu entfalten. Eine lebhafte Phantasie war ihm angeboren, in welcher er alles von außen Gegebene schnell sich aneignete und seiner eigenthümlichen Individualität gemäß durchbildete, aber auch Alles von sich stieß, was sich nicht bezwingen lassen, was nicht in seine eigenthümliche innere Welt passen wollte. Alles dieß wieß hin auf ein ihm ursprünglich eingeborenes inneres Leben, auf einen eigenthümlich gestalteten schöpferischen Geist, welcher, statt von außen bestimmt zu werden, vielmehr allem von außen Gegebenen seine eigene Form, seinen eigenen Charakter aufdrückte. Nur die wenigen mystischen, unter dem religiösen Theil des Volkes vielfach cursirenden Schriften eines Paracelsus und Jakob Böhme waren die wissenschaftlichen Werke, die in Stilling’s Hände kamen. Aber er fühlte sich auch von dem tiefsinnigen Geiste des letztern tief, wie ein verwandter Geist, angesprochen. Durch die wunderbare phantastische Form, in welcher Böhme redete, und an welcher so Viele, als an der Hauptsache, hängen bleiben, drang er zum wahren und philosophischen Inhalte, dem verborgenen Kerne dieser Werke, und so schuf er sich frühe schon und beinahe selbstständig eine eigenthümliche Welt religiöser Gedanken und Gefühle, die er später bereichert und durchgebildet der Welt enthüllte.

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