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Lebenserinnerungen bis zum Jahre 1852 – Carl Schurz

Es war auf den dringenden Wunsch meiner Kinder, daß ich vor mehreren Jahren diese Erinnerungen niederzuschreiben begann. Sie hatten im häuslichen Kreise, teils von mir selbst, teils von Verwandten und alten Freunden über die Umgebungen und Zustände, in denen ich aufgewachsen war, sowie über die merkwürdigen Ereignisse meiner Jugendzeit zuweilen reden hören, und so baten sie mich, das, was sie gehört hatten, schriftlich in eine zusammenhängende Erzählung zu bringen, die sie dann als bleibendes Familiengut aufbewahren könnten. Diesem Wunsche entsprach ich denn, ohne zuerst an eine Veröffentlichung des Geschriebenen zu denken. Der Umstand, daß diese Aufzeichnungen ursprünglich nur für wenige Personen bestimmt waren, die an dem Erzähler und seinen Erlebnissen besonderen Anteil nahmen, mag die Breite und Ausführlichkeit der Beschreibungen und Geschichten erklären, die des Lesers Geduld dann und wann auf harte Proben stellen mögen. Zur Milderung seines Urteils stelle er sich einen alten Mann vor, der, indem er einem intimen Kreise seinen Lebenslauf berichtet, beständig mit Fragen über dieses und jenes, worüber die Zuhörer mehr wissen wollen, unterbrochen wird und sich so zu unwillkürlicher Weitschweifigkeit gezwungen findet. Übrigens will ich gern gestehen, daß, während ich schrieb, auch die Lust des Erzählens, die Freude des schriftstellerischen Schaffens über mich kam und mich zur Darstellung unbedeutender Dinge verführt haben mag, die, wie ich hoffe, der freundliche Leser verzeihen wird. Es ist kaum nötig zu bemerken, daß ich in der Beschreibung meiner Jugendzeit mich vielfach auf die Treue meines Gedächtnisses angewiesen sah. Ich weiß sehr wohl, daß uns das Gedächtnis zuweilen schlimme Streiche spielt, indem es uns glauben macht, tatsächlich Dinge selbst gesehen oder gehört zu haben, von denen wir nur haben reden hören, oder mit denen nur unsere Einbildungskraft lebhaft beschäftigt gewesen ist. Ich habe mich daher ernstlich bemüht, meinen eigenen Erinnerungen nicht zu viel zu trauen, sondern sie, wenn immer möglich, mit den Erinnerungen von Verwandten und Freunden zu vergleichen, sowie alte Briefe und zeitgenössische Publikationen über die darzustellenden Tatsachen zu Rate zu ziehen. Es mag freilich sein, daß trotz alledem sich Irrtümer in meine Erzählungen eingeschlichen haben; aber ich wage zu hoffen, daß solcher Irrtümer nur wenige, und diese wenigen nicht von Bedeutung sind. Bolton Landing, Lake George, N. Y. im September 1905. Carl Schurz. Erstes Kapitel. Heimat und Vorfahren. Erste Jugendjahre. Ich bin in einer Burg geboren. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß ich von einem adligen Geschlecht abgestammt sei. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt Schulmeister in Liblar, einem Dorfe von ungefähr 800 Einwohnern, auf der linken Rheinseite, drei Stunden Wegs von Köln gelegen. Sein Geburtsort war Duisdorf bei Bonn. In frühster Kindheit hatte er seine Eltern verloren und war der Sorge seines Großvaters anheimgefallen, der dem Bauernstande angehörte und auf einem kleinen Ackergütchen Getreide, Kartoffeln und ein wenig Wein zog. So wuchs mein Vater als ein eigentliches Bauernkind auf. Im Jahre seiner Geburt, 1797, befand sich das linke Rheinufer im Besitz der französischen Republik. Seine Jugendjahre fielen daher in die von den Rheinländern so genannte „französische Zeit“, und von seinen Erinnerungen aus jener bewegten Periode wußte er später manches zu erzählen: wie er den Kaiser Napoleon gesehen, als dieser, vor dem Zuge nach Rußland, in der Gegend von Bonn ein Truppenkorps Revue passieren ließ; wie dann im Spätherbst 1813 die französische Armee nach der Schlacht bei Leipzig, geschlagen und zerfetzt, wieder am Rhein angekommen sei; wie er selbst auf dem Marktplatz in Bonn den General Sebastiani, der im Gasthof „Zum Stern“ sein Quartier hatte, aus dem Hause stürzen, sich auf sein Pferd werfen und mit seinem Stabe umhergaloppieren gesehen, während die Trompeter Alarm bliesen und die Trommler den Generalmarsch schlugen; denn es war die Nachricht gekommen, daß eine Abteilung Kosaken zwischen Bonn und Koblenz den Rhein überschritten hätte; wie dann die in Bonn liegenden Truppen eilig in Reih und Glied traten und in der Richtung von Frankreich abmarschierten; wie kranke und versprengte Franzosen in Menge hinter den Marschkolonnen zurückblieben und sich mühsam dahinschleppten; wie eines Abends mehrere Trupps Kosaken, schmutzige Kerle mit langen Bärten und kleinen zottigen Pferden, über das Land zu schwärmen begannen, die französischen Nachzügler aufjagten und viele davon niedermachten; wie sie sich auch in die Häuser drängten und alles stahlen, was ihnen gefiel; und wie dann, als die ersten Kosakenschwärme durchgezogen waren, die Bauern alles Bewegliche, das die Kosaken übrig gelassen hatten, zusammenrafften und in den nahen Wäldern versteckten, um es vor den nachkommenden Russen zu retten.


Dann passierten Heeresteile der gegen Napoleon verbündeten Mächte durch die Gegend auf ihrem Marsche nach Frankreich zu dem Feldzuge von 1814, der mit der Einnahme von Paris und Napoleons Verbannung nach der Insel Elba endigte. Es folgte eine kurze Periode scheinbaren Friedens. Aber als Napoleon im Jahre 1815 plötzlich von Elba zurückkehrte und sich der Regierung Frankreichs wieder bemächtigte, hoben die Preußen auf dem linken Rheinufer frische Truppen aus. Alle waffenfähigen jungen Leute mußten mit, und so trat mein Vater, damals 18 Jahre alt, in ein Infanterieregiment ein, mit welchem er sofort nach dem Kriegsschauplatz in Belgien abmarschierte. Auf dem Wege wurden die Rekruten in den Handgriffen und den einfachsten und notwendigsten Evolutionen geübt, um sie sofort möglichst gefechtsfähig zu machen. Meines Vaters Regiment passierte über das Feld von Waterloo ein paar Tage nach der Schlacht und wurde dann bei der Belagerung einer kleinen französischen Festung verwandt, die sich bald ohne Blutvergießen ergab. Später wurde er zur Artillerie versetzt und stieg zur Würde eines Bombardiers empor, was seinem jugendlichen Ehrgeiz nicht wenig schmeichelte. Er hat jedoch immer bedauert, daß er niemals in einem Gefechte gewesen, und daß er, wenn andere von ihren Taten und Gefahren erzählten, den durchaus unblutigen Charakter seiner Kriegsdienste zugestehen mußte. Nachdem er aus dem aktiven Dienst entlassen worden, ging er als Schüler in das Schullehrerseminar zu Brühl und anfangs der zwanziger Jahre wurde er in Liblar angestellt. Im Seminar hatte er etwas Musikunterricht erhalten und die Flöte spielen lernen. So war er befähigt, seine Schulkinder einfache Lieder singen zu lehren und gar einen kleinen Gesangverein zu gründen, an welchem die jungen Männer und die erwachsenen Mädchen des Dorfes und der unmittelbaren Umgegend teilnahmen. In diesem Gesangverein machte er die Bekanntschaft von Marianne Jüssen, die er im Jahre 1827 heiratete. Sie war die Tochter eines Pächters, Heribert Jüssen, der einen Teil einer dicht bei Liblar gelegenen Burg, „die Gracht“ genannt, bewohnte. Mehrere Jahre nach ihrer Verheiratung lebten mein Vater und meine Mutter bei meinen Großeltern; und so ereignete es sich, daß ich als ihr erstgeborener Sohn am 2. März 1829 in einer Burg das Licht der Welt erblickte. Die Burg war der Stammsitz des Grafen von Wolf-Metternich. Aber sie war nicht sehr alt – wenn ich mich recht erinnere, zwischen 1650 und 1700 erbaut –, ein großer Komplex von Gebäuden unter einem Dach, an drei Seiten einen geräumigen Hof umgebend; hohe Türme mit spitzen Dachkappen und großen eisernen Wetterfahnen an den Ecken; ein ausgemauerter, breiter, stets gefüllter Wassergraben rings umher; darüber eine Zugbrücke in einen engen gewölbten Torweg führend; in der Mauer über dem schweren, mit breitköpfigen Nägeln beschlagenen Tor das Wappenschild der gräflichen Familie mit einer Inschrift, die ich entzifferte, sobald ich lesen konnte, und die mir durch all die wechselnden Schicksale meines Lebens ziemlich wörtlich im Gedächtnis geblieben ist. „Vorhin war ich in Hessenland Von Guttenberg ein Wolf genannt. Jetzt bin ich durch Gottes Macht Graf Wolf Metternich zur Gracht.“ Das große Gebäude enthielt die Wohnung des Pächters, sowie die Ställe, Scheunen, Kornspeicher und die Bureaus der gräflichen Rentmeisterei. An der vierten offenen Seite des Quadrats führte eine zweite Brücke über den Graben nach einem kleineren, aber weit eleganteren Gebäude auf etwas erhöhtem Grunde, welches der Graf mit seiner Familie im Sommer bewohnte. Dieses hatte ebenfalls seinen Turm, sowie niedrigere, eine Kapelle und Wohn- und Wirtschaftsräume enthaltende Flügel und war auch auf allen Seiten von Wasser umgeben. Man nannte dies „das Haus“. Eine andere Zugbrücke verband „das Haus“ mit einem etwa 60 Morgen großen Garten, „der englische Garten“ genannt, welcher etwa zur Hälfte im Versailler Stil mit geraden Kieswegen und gelegentlichen Labyrinthen angelegt, mit hohen beschnittenen Hecken, griechischen Götter- und Nymphenbildern, Springbrunnen und Teichen verziert und von Pfauen und Perlhühnern bevölkert war. Eine große Orangerie, deren Bäume in Kübeln im Sommer reihenweise paradierten, bildete einen besonderen Schmuck.

Die andere Hälfte bestand aus schattigen Baum- und Gebüschanlagen mit hier und da einem Sommerhäuschen oder Pavillon. Alles dies zusammengenommen hieß im Volksmunde „die Burg“, und mein Großvater war im Dorfe und weithin in der Umgegend als „der Burghalfen“ bekannt. („Halfen“ wurden ursprünglich diejenigen Pächter genannt, die mit ihren Gutsherren den Ertrag der Ernten zu gleichen Hälften teilten. Diese Einrichtung hatte jedoch in diesem, wie in den meisten Fällen am Rhein, der Zahlung eines Pachtzinses in Geld Platz gemacht. Aber der Name „Halfen“ blieb.) Mein Großvater, der Burghalfen, hatte zur Zeit meiner ersten Erinnerung ungefähr sein sechzigstes Jahr erreicht. Er war ein Mann von gewaltigen Proportionen, über sechs Fuß groß, von mächtiger Breite in Brust und Schultern; die Züge des Gesichts massiv in Übereinstimmung mit der ganzen Statur; ein voll und entschieden geformter Mund über starkem, eckigem Kinn, die Nase groß und gerade, darüber buschige Brauen, ein dunkelglänzendes Augenpaar beschattend; die Stirn breit und der große Kopf bedeckt mit krausem, braunem Haar. Seine Muskelstärke war erstaunlich. Bei einer Kirmeß, als er mehrere andere Halfen zu Gast hatte, wurde eine Kraftprobe vorgeschlagen, und mein Großvater ging die Wette ein, daß er den großen Amboß, der jenseits des Burggrabens in der Schmiede stand, in seinen Armen über die Brücke, durch das Tor, ins Haus und alle Treppen hinauf bis zum höchsten Söller und wieder zurück in die Schmiede tragen werde; und ich sehe ihn noch einherschreitend mit dem gewichtigen Eisenblock in seinen mächtigen Armen, treppauf und treppab, als trüge er ein kleines Kind. Wunderbare Geschichten wurden von ihm erzählt, wie er einmal einen wütigen Stier, der aus dem Stall in den Burghof gebrochen war und alle Knechte ins Haus getrieben hatte, und dem er allein entgegentrat, mit einem Hammer auf einen Schlag zu Boden gefällt, und wie er bei verschiedenen Gelegenheiten schwer beladene Wagen, die in den tiefen Geleisen schlechter Landwege feststeckten, allein mit untergestemmten Schultern herausgehoben habe, und dergleichen mehr. Es ist nicht unmöglich, daß diese Geschichten von den Taten des Burghalfen, wie sie von Mund zu Mund gingen, ein wenig über die Grenzen des streng tatsächlichen hinaus legendenhaft an Großartigkeit zunahmen. Aber sie wurden mit allen erdenklichen Versicherungen der Wahrhaftigkeit erzählt, und gewiß ist, daß mein Großvater in seiner Umgebung bei weitem der stärkste Mann war.

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