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Leben und Schicksale – Friedrich Christian Laukhard

Der Aufforderung der Verlagsbuchhandlung, der Ausgabe dieses hochinteressanten Werkes einige Worte, freundliche Begleiter auf der Reise in die Leserwelt, beizugeben, bin ich um so lieber nachgekommen, als es schon lange mein Wunsch war, die berühmte Selbstbiographie des Magisters Laukhard in modernem Kleide erscheinen zu sehen. Dieses Unikum der deutschen Literaturgeschichte drohte leider aus dem Gesichtsfelde des Publikums zu verschwinden, seit die immer seltener werdenden Originaldrucke in nicht jedermann zugänglichen Sammlungen mehr und mehr verschwanden. Zudem erlag das Auge des Lesers, der sich glücklich in den Besitz eines der noch vorhandenen Exemplare gesetzt hatte, dem grauen Löschpapier und den elenden Typen dieser einer schlechten Offizin des achtzehnten Jahrhunderts entstammenden Ausgabe. So glaube ich kühn behaupten zu dürfen, daß der Herausgeber der Stuttgarter Memoirenbibliothek sich einer dankenswerten Mühe unterzogen hat, indem er Laukhards Werk in einer dem Geschmacke der Gegenwart entsprechenden Bearbeitung aufs neue in die Oeffentlichkeit bringt. Ueber Wert und Nutzen der Memoirenliteratur im allgemeinen zu reden, kann hier wohl schwerlich der Platz sein. Ist es wirklich nötig, an Goethe und sein Interesse für »alles wahrhaft Biographische« zu erinnern oder an die Tatsache, daß die glänzend geschriebenen Memoiren des französischen Generals Marbot das letzte Buch waren, das Fürst Bismarck in Friedrichsruh gelesen hat? [Auch Marbots Denkwürdigkeiten gehören, wie die Erlebnisse verschiedener deutschen und französischen Militärs, zum Bestande der in Robert Lutz‘ Verlag erscheinenden Memoirenbibliothek.] Zwei Dinge sind freilich erforderlich, um für eine Lektüre dieser Art die weiteren Kreise der Gebildeten zu gewinnen: der Memoirenschreiber muß etwas zu erzählen, also allerlei gesehen haben, und er muß über die Gabe einer fesselnden Darstellung verfügen. Beides ist bei Laukhard in einem ungewöhnlichen Grade der Fall. Als Student ein Zeitgenosse der Orden und Landsmannschaften und selbst ein Mitglied zweier von diesen Verbindungen, ist er imstande, von deren Leben und Treiben, an dem er starken Anteil genommen und dessen intime und intimste Seiten er aus dem Grunde kennt, genaueren Bericht zu geben. So gehört er denn zu den Klassikern der Geschichte des Universitäts- und Studentenlebens, und kein Forscher auf diesem Gebiete, weder Schrader noch König, noch Fabricius oder ein anderer, hat an ihm vorübergehen können, ohne sich mit dem absonderlichen Gesellen zu beschäftigen, und die meisten haben es nicht ungern getan. Auch die Theologen können den Namen eines der skrupellosesten unter den »Aufklärern« aus den Annalen ihrer Wissenschaft nicht streichen, so wenig sympathisch den meisten unter ihnen dieser Schüler Bahrdts und Semlers auch sein kann, dessen extremer Radikalismus mit jeder positivgläubigen Richtung in schneidendem Gegensatze steht und dessen zynisches Wesen mehr noch als sein Unglaube manchen frommen Herrn mit gelindem Schauder erfüllen mag. Schauder vor diesem frevelnden Weltkinde, das an den Folgen gewisser Naturanlagen, verfehlter Erziehung, trauriger Lebensverhältnisse und – wenn man so will – auch an eigener Schuld schwerer zu tragen, härter für sie zu büßen hatte als viele, die im Grunde weit schlechter waren. Es ist unmöglich gewesen, trotz umfangreicher Streichungen in dem Original, die vielfachen Ausfälle gegen andere theologische Richtungen und deren Vertreter in der vorliegenden Ausgabe der Lebensbeschreibung des merkwürdigen Mannes gänzlich zu tilgen. Es würde auch unmöglich sein, die nicht minder zahlreichen Szenen verschwinden zu lassen, in denen der unter dem wüsten Studenten- und Soldatenvolke damaliger Zeiten lebende Autor die geschlechtlichen Ausschweifungen dieser Kreise grell, oft nur zu grell beleuchtet. Zur »Entschuldigung« – wenn es in der Ausgabe historischer Denkwürdigkeiten einer solchen überhaupt bedarf – also zur Entschuldigung mag gesagt werden, daß Laukhard zwar seine Bilder mit einer manchmal verblüffenden Offenheit malt und ausstellt, daß ihm aber niemals einfällt, zweifelhafte Situationen in jener durchsichtigen Verschleierung vorzuführen, die pikant, verlockend und daher nach meinem Empfinden unsittlicher und gefährlicher wirken muß als die freilich poesielose, aber ehrliche Darstellung nackter Gemeinheit. Wir sind hiermit auf den Punkt gekommen, der einen Hauptwert der Laukhardschen Lebensbeschreibung ausmacht: das Kulturgeschichtliche. Ja, es ist wahr, was in dieser Hinsicht C. Baur über Karl Friedrich Bahrdts und Laukhards Lebensbeschreibungen sagt: »Wer an optimistischer Schwärmerei für die ›gute alte Zeit‹ leidet und an pessimistischer Schwarzsehern in bezug auf die Zustände der Gegenwart, in welcher alles schlechter geworden sei. der muß, wenn ihm überhaupt zu helfen ist, durch diese Schriften gründlich geheilt werden.« Wie falsch ist es doch, sich den allgemeinen Bildungszustand zur Blütezeit unserer klassischen Literatur, die auch die Epoche unserer großen Philosophen war, weit erhaben über dem heutigen zu denken! Das Gegenteil war der Fall, wenn auch zugegeben werden muß, daß Deutschland und andere Länder damals über eine ungewöhnlich reiche Zahl erster Geister verfügten. Gerade Laukhards Schriften gehören aber zu denen, die da zeigen, wie wenig tief die breiteren Schichten der zeitgenössischen Gesellschaft von der gepriesenen Humanität des Klassizismus durchtränkt, ja, wie roh und ungebildet sie geblieben waren. Mochten in den Zaubergärten von Weimar die Leonoren und Iphigenien wandeln: im benachbarten Jena hausten in alter Roheit Hieber und Hetzpeitsche: konnte im entlegenen Königsberg der Tiefsinn Kants die Grenzen menschlicher Erkenntnis bis an ferne Punkte zurückschieben: in dem Berlin der Wöllner und Bischofswerder herrschte die schwärzeste Finsternis, die beschränkteste Orthodoxie, der barockste Aberglaube, in dessen Dunkel die Rosenkreuzer ihr lichtscheues Wesen trieben. In beschaulichem Quietismus aber lag noch Laukhards Heimat, lagen die pfälzischen und die rheinischen Lande, mit ihren Krummstabherrschaften und Duodezfürstentümern, in denen rundwangige »Nichten« den Bischöfen und Prälaten, Kammerzofen und Amtleute den kleinen weltlichen Herren »regieren« halfen. Aus der behaglichen Ferne eines Jahrhunderts betrachtet, nehmen sich diese Dinge fast romantisch aus; die Feder des scharfäugigen Zeitgenossen aber enthüllt uns eine Menge von Dingen, die, bei Licht besehen, unumstößlich beweisen, daß es in der Urgroßväter Tagen neben Philistertum, Kleingeisterei und Beschränktheit auch an einer tüchtigen Dosis »Korruption« wahrlich nicht gefehlt hat. Durch den sommerlich schwülen Nachthimmel dieser Zeit und ihrer Zustände fährt nun aber der grelle Blitz der französischen Revolution.


Er ist auch in Laukhards Leben gefahren, und sein Widerschein leuchtet uns aus dem Buch entgegen, das in sauberem Neudruck unter den modern angezogenen Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts heute wieder den Büchermarkt betritt. Laukhard ist ein Zeitgenosse Robespierres und Napoleons; und wenn auch der Sieger von Marengo in der Lebensgeschichte des hallischen Magisters weiter keine Rolle spielt, so hat besagter Magister eine um so genauere Bekanntschaft mit den Sansculotten gemacht, in deren Land ihn die Irrfahrten seiner wunderbaren Erdenpilgerschaft verschlugen. Das war so zugegangen: Nachdem er in Gießen, Göttingen und Halle studiert und die Burschenherrlichkeit dieser drei berühmten Hochschulen bis auf die Neige gekostet, hatte er sich in Halle zu einer gelehrten Dissertation aufgeschwungen, das Magisterexamen bestanden und begonnen, an der dortigen Universität Vorlesungen zu halten. Aber der Sumpf lockte, und der junge Gelehrte war, wie so oft, in Schulden geraten. Sein Vater, sonst den nicht immer noblen Passionen des Sohnes gegenüber großmütig, will diesmal nicht zahlen. Ein psychologisches Nachtstück hebt an, ein Monodram, das in wenigen Stunden sich abspielt. Am Weihnachtsabend sieht ein Freund den unglücklichen Magister, der sein letztes rotes Kleid nebst Rock und Weste bei der Trödlerin versetzt hat, in einer Soldatenkneipe verschwinden. Am folgenden Morgen geht der Verzweifelte in die Christmette, von da in die »Broyhanschenke«, ein malerisch an der Saale gelegenes Wirtshaus, wo er stundenlang in dumpfem Schweigen vor sich hinstarrt. Nun folgt der dritte Akt: Laukhard meldet sich auf der Hauptwache, empfängt das übliche Handgeld – und der preußische Staat ist um einen jener bedauernswerten »Vaterlandsverteidiger« reicher, die sich um ein paar Goldstücke dingen ließen und den Leichtsinn einer Stunde mit einem Leben voll namenlosen Elends bezahlten. So war der Privatdozent gemeiner Musketier geworden, hinter dem die Hallenser Kinder in hellen Haufen hersangen: »Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Magister mehr.« Das war der Kehrreim einer Ballade, die ein schauerliches Menschenschicksal zum Inhalt hatte. Zwar wurde ihm das Los, als gebildeter Mann unter den »Ausländern« des damaligen Werbeheeres zu dienen, von wohlwollenden Vorgesetzten tunlich erleichtert; aber Laukhard hat doch das schreckliche Soldatenleben mit seinem Hunger und Elend, seiner sittlichen Verwilderung und seinen grausamen Strafen bis in die untersten Tiefen kennen gelernt. Besonders während des Feldzugs in die Champagne, wo infolge der unfähigen Führung ein ganzes Heer in Regen- und Schlackerwetter verfaulte

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