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Künstlerehe – Leopold Schefer

Wenn wir nun, anerkennend, wie viel unser Freund im Uebrigen geleistet, wie gerechten Anspruch er auf unsre Theilnahme hat, auf die Erwartung, daß man auch ihn sich aussprechen, sich abschäumen und klären lasse, von Galate als einem Werke scheiden, wo seine Muse zuweilen, wie dieß dem alten Homer, aller Poeten Urahne, selber begegnet, ein ungöttlicher Schlummer überschlichen: so ruhen wir mit desto freudigerem Auge auf jenem Ehelaufe Albrecht Dürers, welcher die Stimmen des Publicums in so reichem Maaße davon getragen, daß er allein dem Dichter einen höchst ehrenvollen Platz auf dem deutschen Parnasse sichern müßte. Wie nun diese historische Novelle uns gleich von vorn herein in das frische, ehrenhafte, thätige Bürger- und Kunstleben des fünfzehnten Jahrhunderts in Deutschland und Italien versetzt und dem Dichter Gelegenheit giebt, sein bestechendes Talent im Ausschmücken und Ausmalen des Oertlichen und Sittlichen zu entfalten: so verstattet ihm das innerliche Treiben und Weben einer Künstlerseele, sich auf diesem seinem beschaulichen und betrachtenden Gebiete nach Herzenslust zu ergehen. Wenn ihm hiebei der Drang und die Fülle seiner Ideen überquillt, so sehen wir, bei deren Tiefe und Anmuth, doch nur immer einen Blumenkorb vor uns, in den man die Aernte der Flora mit allzu üppiger Hand gehäuft; daß nun manche Blüthe durch die andre gedrückt und verdunkelt wird, oder halbverloren am Rande hangt, ja zum Boden gegleitet ist. Und während nun offenbar der Autor mit sehr lobenswürdiger Gesinnung bemüht gewesen ist, den Unglückslauf einer schattenvollen und düsteren Ehe mit der Fackel der Seelenkunde und der milden menschlichen Erfahrung aufzuhellen, fallen allerdings auf den Charakter Albrecht Dürers manche Streifschatten, die sonderlich dem männlichen Theile der Leser nicht behagen mögm; wie gegentheils die Lichter, welche in dieser Weise der Frau Agnes herbe Züge aufheitern und verschönem, ein zu grelles Streben, ihr gerecht zu «erden, argwohnen lassen. Daher denn diese Agnes sammt dem Dichter die Parthei der Frauen, wie wir zu bemerken glauben, durchaus gewonnen hat. Die Kunstgeschichte berichtet mit trockner Unumwundenheit, daß Albrecht Dürer nach seiner Zurückkunft aus Italien das Unglück hatte, eine böse Frau zu heirathen, die ihm keinen ruhigen Bissen zu essen gönnte, und ihn beständig auf’s geldgierigste zur Arbeit trieb, so daß ihm sein Leben völlig verbittert, ja sie an seinem frühzeitigen Tode Schuld geworden. Die Freunde dichterischer Kunst erinnern sich nun gleicher Eindrücke aus Sternbalds Wanderungen. Leopold Schefer ist unsres Wissens der einzige, welcher die Sache einem edleren Gesichtspuncte zu nähern versucht hat, und er hat dem Geschichtlichen der Wirklichkeit eine zauberische Folie der Idee untergelegt Dürer erscheint dabei menschlich schwach, es ist wahr: aber das muß geradezu abgelehnt werden, daß er schwächer ausgefallen sey, als er wirklich gewesen. Er lebte allerdings, wie so viele Künstler, so sehr als Mann im Reiche seiner Ideale, daß er ein Kind blieb für diese Welt. Will man nun tadeln, daß Agnes gegen ihn und auf seine Kosten so sehr gewinnt, so macht man den allgemeinen und ununtersuchten Unwillen gegen schlimme Weiber zu sehr in Bausch und Bogen gelten. Denn Eines von beyden muß auf dieser Erde immer statt sinden, wo ein ruhiger, glücklicher Zustand gedeihen soll: entweder zieht der Mann das Weib in das Reich seines Wollens und Wesens hinüber, oder auch umgekehrt das Weib den Mann; und in beyden dieser Fälle ist eine eigentlich böse Frau nicht möglich. Oder es bleibt eine unauflösbare Differenz übrig, beyde Theile setzen den Fuß auf das strittige Gebiet der ehelichen Herrschaft, und während sie einander nicht zu verdrängen vermögen, gelingt es ihnen auch nicht (was das Glücklichste, aber hienieden auch das Seltenste zu seyn pflegt), sich wechselseitig zu ergänzen und zu vertragen. Hier eröffnet sich nun der Spielraum für das Weib, um böse zu werden. Denn böse ist ein Weib nicht mehr als ein Mann, und beyde sind nur schwach. Die Stärke des Weibes aber ist, wenn der Mann schwach ist; und ihre Bosheit, wenn er das doch nicht einsehn und sich völlig unterwerfen will. Albrecht Dürer hätte nun gern, um diesen irdischen Frieden zu erkaufen, seinen Männersinn hingegeben, wenn Agnes nicht auch den Künstlersinn hätte knechten wollen. Da aber schwang der eingekerkerte Engel in dem sanften Manne die Fittige des Zorns. Sie ihrerseits hatte gleichwohl, von ihrer Seele aus gesehen, nicht Unrecht: denn zum ganzen Manne gehört auch der ganze Künstler. Und hat denn der Dichter jene Schlange des Alleinwillens im Paradiese des weiblichen Herzens nicht als die Schlange gemahlt? Hat er sie mit Rosen überdeckt, so, daß ihr Giftzahn ungesehen stechen könnte? Dessen kann ihn niemand beschuldigen. Die ganze Hölle verfehlter Hoffnungen, wo Beruf, Aussicht, Berechtigung zu dem heiligen Frieden vorhanden war, die jeder wohlgeschaffnen Brust zustehen, ist nie flammender, bedeutsamer, warnungsreicher geschildert worden. Und wer etwa von jungen Leuten Lust hätte zu heirathen, der lese sich (wir sagen dieß im Ernste) diesen Ehespiegel durch. Des Dichters tiefe Menschenkenntniß hat sich als ächte Folie ihm untergelegt, und wie die alten Weisen der Vorzeit spendet er treue Lehrsprüche in kräftigschöner Form zum Herzen und zum Sinne zugleich. Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci. Die Ehe ist wie ein Orangenbaum: sie soll die süße ätherische Blüthe der Geliebtenliebe zugleich mit der strengeren, aber den Durst heißer Lebenstage erquickenden Frucht der Gattenliebe tragen: wie dieß wahr ist; wie trügerisch, wo nur das erste begehrt; wie schmerzlich, wo nur das letzte gewährt wird, das sproßt als herrliche köstliche Musenblume aus dieser schönen Novelle hervor. In Wilhelm Hauff’s Werken (1827) im Kapitel Kleine Schriften (S.


236) ist diese Notiz zu lesen: Es ist Albrecht Dürers Ehestandsgeschichte, und L. Sch. läßt den herrlichen Meister in einem Geheimbüchlein alle Leiden, die er in diesem Stand genossen, erzählen. Wir erinnern uns nicht, die schwierige Charakteristik einer Frau, die ihren Mann, aus Liebe zu ihm, das Leben verbittert, so sicher gezeichnet gesehen zu haben. Frau Agnes Dürerin lebt. Albrechts hohe Gestalt, seine edlen, aber vom Gram frühe gebleichten Züge treten uns klar hervor, und sosehr wir seine Schwachheit bemitleiden, fühlen wir doch einen hohen Sinn in seiner stillen Ergebung; und alle Nebengestalten von Sabina bis hinauf zu der still-liebenden Clara tragen hohe Wahrheit in sich. Ein Hauch von echter Rührung ist über das Ganze verbreitet, um so bedeutungsvoller, als wir die Geschichte neben Albrechts Sterbebett lesen. Und wäre es für einen Rezensenten nicht im höchsten Grade unschicklich, so hätten wir wohl gerne geweint, als unter dem Flötenklange der fremden Künstjünger Albrechts unsterblicher Geist hinüberging.

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