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Jens Peter Jacobsen – Hans Bethge

An einem warmen Sommertag, als die Sonne dem Horizont nicht mehr ferne war, schritt ich mit meiner Mutter und dem älteren meiner Brüder auf dem Sande der dänischen Küste hin, unfern Helsingör. Rechts lag der Sund, blaugrau, von Möwen überflogen. Hier und dort blinkte die Sonne auf dem Wasser, in langen rötlichen, schnell wechselnden Strichen. Drüben sahen wir Schweden liegen, flach, langweilig und nicht verlockend. Links, auf niedrigen Hügeln, stand Buchenwald, die Abendsonne spielte rötlich durch das Laub, und man konnte das feine Geflüster und Geraschel ahnen, das in den leis bewegten Zweigen sein musste, denn es kam ein schwacher Wind vom offenen Meere her, — wir freilich konnten die flüsternden Blätter nicht hören, weil die See, die mit langen, flachen, schnell verschäumenden Wellen den Sand hinaufschlug, lauter war. Wir begegneten nur wenigen Menschen. Sie hatten blauwässerige Augen, langsame, ungezwungene Bewegungen, offene Gesichter und blondes Haar. Einmal kamen uns zwei Pferde entgegen. Das eine trug einen älteren Herrn von stumpfer, gleichgültiger Miene, das Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt. Auf dem andern ritt ein junges Mädchen mit schönem, freiem, blendend weissem Hals und goldenen Locken. Sie hatte blutig-rote, verträumte Lippen und sah über den Sund, als müsse dort, fern, irgend etwas sein, ein geahntes, blühendes Dasein, nach dem sie schon lang und zuweilen mit Verzweiflung Verlangen trüge. Ihre Augen verrieten sie. Diese Augen waren gross, blau und jetzt ohne Erregung und ohne lebhaften Glanz. Aber man merkte ihnen an, dass sie zuzeiten, in einem namenlosen Sehnen, Träume von einer sinnlichen Kühnheit haben konnten, die erschreckend war und die sie vor Allen verbarg. — Die Reiter flogen an uns vorüber, ich sah wieder die Sonne auf dem Meere blitzen, ein paar versehnte Augen und rote Lippen mischten sich hinein, und ich musste an Jacobsen denken. Dann fuhren wir nach Hilleröd. Wir gingen durch die kleine Stadt mit den kleinen Häusern, über denen eine so klare Sommerluft stand, sahen das Schloss Frederiksborg, rot und reich an Türmen, im Teich sich widerspiegeln, und darauf schritten wir unter den alten Buchen des Parkes hin, die ihre Blätter leise ineinander legten, und die Sonne wob in den Wipfeln, so dass es war als triebe leise rauschend ein grüngoldenes Meer über uns fort. Das Licht huschte auch an den Stämmen herunter und malte zahllose, unruhige, bronzefarbige Tupfen auf den Weg, die sich bald miteinander vermischten, bald voneinander lösten, je nach der Bewegung in den Zweigen. Es war ein wundervolles farbiges Spiel, Töne von Gold, Grün, Braun, Bronze und Grau durcheinander, ein stetes Vibrieren, ein ewiger Wechsel von Licht und Schatten, und ich dachte wieder an Jacobsen. Auch meinem Bruder ging es so. »Hier schritt einst Marie Grubbe«, sagte er, »in seidenen Schuhen mit Rosetten und ein seidenes Rauschen um die Knie. Vor jenen Bosketts dort nahm sie mit den Prinzessinnen an den Balletten und lebenden Bildern teil, die man zu Ehren fürstlicher Gäste entrierte. Am Rande dieses Weges, scheint mir, wäre der richtige Ort, einen Granitblock niederzulegen mit der eingemeisselten Inschrift: Jacobsen.« »Das könnte man tun,« entgegnete ich, »aber mit dem gleichen Recht könnte man den Stein sicherlich überall da niederlegen, wo Dänemark ist. Denn Jacobsen ist mehr als die Erinnerung an Marie Grubbe und das Spiel des Lichtes unter diesen flüsternden Buchen.


Jacobsen ist auch der Flug weisser Möwen, die segelnd über die blanke Wasserfläche des Sundes streichen; Jacobsen ist das wilde Sehnen sechzehnjähriger Dänenmädchen, die am Fensterkreuz lehnen, mit verworrenen Gefühlen in den blühenden Frühling schauen und an das unbekannte Leben denken, das weit hinten liegt; Jacobsen ist die Wildnis roter Rosen über weissen Mauern im Sonnenlicht; Jacobsen ist Nichtstun und das Wissen um die Enttäuschungen des Lebens und der Liebe; er ist der sandige Strand am Sunde mit den ausgespannten Fischernetzen, in deren Maschen noch die blinkenden Tropfen des Meeres hängen; er ist das schillernde Sonnenlicht auf roten Mahagonimöbeln und unbestimmte Sehnsucht und waches Träumen in Purpur und Gold; Jacobsen ist — Dänemark. Er ist vor Allem und durchaus Dänemark.« Der Däne, Bürger eines flachen, nördlichen Inselreiches, das viel Nebel, einen späten Frühling und graue, dunkle Wintertage sieht, ist nicht der Mensch umwälzender Taten, grosser Erfindungen oder übermütiger Abenteuer. Er liebt es vielmehr, von traumhaften romantischen Stimmungen häufig besucht und den Bildern einer sehnsuchtsvollen Phantasie anheimgegeben, der erhofften Tat, wenn sie in Sicht ist, mit skeptischen Gefühlen aus dem Wege zu gehen und das grosse Erlebnis zu meiden. Sein Wille ist etwas, was hinter Nebeln wohnt. Er ist träg und weiss sich, wenn er überquillt, nicht leicht zu zügeln. Es passiert ihm nicht selten, dass er sich mit einem Pathos, an dem er sich selbst entzückt, in grosse Bilder einer ereignisreichen Zukunft hineinträumt. Die Tatkraft, jene grossen Bilder Wahrheit werden zu lassen, besitzt er nicht. Er ist ein feinnerviger Mensch, der am Ende immer negiert und, wenn er wirklich einmal einen Anlauf gemacht hat, am liebsten wünscht, ihn unterlassen zu haben, da er fühlt: er wird vor dem Ende erlahmen. Aber kostbare Träume und sehnsüchtige Wünsche zu geniessen versteht er, und die subtilen Reize einer Landschaft oder eines Werkes der Kunst finden an dem trägen Dänen den verständnisvollsten Bewunderer.

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