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Italienische Märchen – Clemens Brentano

Es war einmal ein König von Schattenthalien, der hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte und darum Liebseelchen nannte. Aber leider war sie unter einem traurigen Stern geboren und stets so still und traurig und nie zum Lachen zu bringen, daß alle, die sie kannten, sie, statt Liebseelchen, Trübseelchen nannten, weil sie immer so trübselig aussah. Hierüber war nun ihr königlicher Herr Vater, der lieber gewollt hätte, sie möge sich bucklich lachen, sehr unwillig und wendete alles an, um sie aufzuheitern. Bald ließ er die Hoftrompeter auf Sechspfennigstrompeten zur Tafel blasen; aber sie lachte nicht und fand die Musik sehr ernsthaft; bald ließ er allen Gänsen, die der Hirt zum Tore hinaustrieb, papierne Haarbeutel anhängen; aber sie lachte nicht und fand den Zug sehr anständig; bald ließ er eine Menge Hunde wie die bekanntesten Hofherrn ankleiden, und sie mußten ihm durch die Beine tanzen, wozu er auf der Geige spielte, ohne daß er es konnte; aber sie lachte nicht und meinte, der Hofball wäre recht angenehm, weil man sie nicht auffordere, – und noch tausend andere solche Späßchen hatte er umsonst versucht; sie blieb immer, ohne eine Miene zu verziehen, so ernsthaft wie ein Arzneiglas, und der König hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, sie jemals lachen zu sehen, als ihm noch ein Gedanke einfiel, der ihm selbst so possierlich vorkam, daß er laut zu lachen anfing. »Wohlan!« sagte er, »will Liebseelchen nicht drüber lachen, so will ich mir doch einmal eine lustige Stunde geben; denn ich armer König bin vor lauter vergeblichem Spaßmachen selbst ganz betrübt geworden.« Der Platz vor dem Schlosse war von spiegelglatt geschliffenem Marmor. In der Mitte dieses Platzes ließ er einen Springbrunnen von Öl machen, der sich über den Platz ergoß und denselben noch schlüpfriger machte, so daß es nicht leicht möglich war, über den Platz zu gehen, ohne zu fallen. Es war am Neujahrstag, als er diesen Spaß anstellen wollte, weil er wußte, daß dann auf diesem Platze eine außerordentliche Menge geputzter und gezierter Leute in allerlei närrischen neuen Modekleidern herumspazieren pflegten, um sich einander das neue Jahr abzugewinnen. Er versprach sich tausend Spaß, wenn er dachte, wie die Putznarren und -närrinnen gleich Grillen und Heuschrecken auf dem Platze herumspringen würden, um sich keine Ölflecken in ihre Neujahrsröcke zu machen, und wie sie endlich doch zur Strafe ihrer Eitelkeit an die Erde fallen müßten. Als der Morgen herankam und das Neujahr schon mit Glockengeläut, Pauken und Trompeten in der Stadt angekündigt war, kam die Prinzessin Liebseelchen zu ihrem Vater an das Bett, küßte ihm die Hand und sprach so ernsthaft als ein Puthahn: »Ich wünsche Eurer Majestät ein glückseliges neues Jahr, und daß Sie noch viele untertänigste Jahre in Allerhöchstem Wohlsein zu verleben geruhen mögen.« Der König umarmte seine Tochter und sprach: »Gleichfalls, liebstes Liebseelchen! aber, wenn du mich nicht vor der Zeit unter die Erde bringen willst, so tue mir die Liebe an und lache einmal von Herzensgrund.« Das war aber fehlgegriffen; denn Liebseelchen fing an zu weinen und sagte: »Wie soll ich lachen, wenn Eure Majestät vom Sterben reden?« Da sprang der König aus dem Bett, setzte geschwind seine Krone auf, nahm seinen Szepter in die Hand und wollte mit den Worten: »Ei! das müßte doch der Kuckuck sein, wenn ich dich nicht sollte zum Lachen bringen!« im Schlafrock, wie er war, mit der Prinzessin hinaus auf den Balkon treten. Liebseelchen aber sagte: »Herr Vater! vergessen Sie nicht, Ihren Mantel anzulegen.« Zornig legte er seinen goldenen Mantel an; denn er dachte für sich: daß ich so im Schlafrock und ohne Perücke, die Krone auf der Nachtmütze tragend, hinaus vor das Volk treten wollte, darüber hätte sie eigentlich schon ordentlich lachen können; aber es ist nichts mit ihr anzufangen. Da er nun ganz königlich angekleidet war, setzte er sich mit ihr auf den Balkon, um zu sehen, wie die Leute sich auf dem Ölplatze betragen würden. Zuerst kamen die Bauern, um dem Könige Glück zu wünschen. Da sie aber teils barfuß gingen, teils tüchtige, mit Nägel beschlagene Stiefel anhatten, so gingen sie recht fest auf dem glatten Boden, und die, welche Stiefel anhatten, patschten mit Vergnügen in dem Öl herum, weil ihnen das ihr Lederwerk dauerhaft und geschmeidig machte. Viele, die mit Holzschuhen kamen, zogen diese aus und nahmen sie mit Öl gefüllt nach Hause und bedankten sich noch recht schön bei Ihro Majestät. Aber als später allerlei geputzte und gezierte Stadtleute kamen, gab es mancherlei für den König zu lachen, wenn sie, um sich nicht zu beschmutzen, auf den Fußspitzen einherhüpften und bei dem ersten Bückling, den sie machten, ausglitten und übereinander herfielen; aber auch bei den lächerlichsten Zufällen lachte die Prinzessin Liebseelchen nicht, sondern bedauerte immer nur die armen Leute, mit welchen der König einen so unschicklichen Spaß trieb, worüber dieser sehr ergrimmt den Balkon verließ und ihr sagte, sie sei ein recht widerwärtiger Sauertopf. Liebseelchen aber blieb allein auf dem Balkon sitzen und fiel in eine tiefe Traurigkeit über den Unwillen ihres Vaters, denn sie konnte gar nicht begreifen, wie es nur möglich sei, über etwas zu lachen, wodurch andere Leute in Schaden oder Spott kämen. Indem sie so über den Ölplatz hinsah, von welchem sich die Neujahrsgratulanten, auf allerlei Art verunglückt, beinahe schon alle zurückgezogen hatten, kam auf einmal eine sehr kuriose Figur anspaziert, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog: nämlich eine sehr alte französische Mademoiselle, welche in der Residenz der Schrecken aller Kinder war, die bei ihr in die Schule gingen, und die der armen Prinzessin mit ihren verdrehten und verzwickten Sitten und ihren vielen Regeln des guten Betragens und feinen Akzentes, die sie durch ihre spitze Nase hervortrompetete, auch manche qualvolle Stunde gemacht hatte, da sie früher Unterricht bei ihr hatte. Diese französische Närrin ließ sich von zwei ebenso lächerlichen französischen Tanzmeistern auf einem vergoldeten Tragstuhl gegen das Schloß hintragen. Sie war nach der lächerlichsten neuen Mode gekleidet und eingeschnürt wie eine Spindel, dazu geschminkt rot und weiß und blau wie eine französische Nationalkokarde; schnitt Gesichter rechts und links, und drehte sich wie ein Ohrwurm, der in den Honigtopf gefallen. Die beiden Tanzmeister machten die lächerlichsten Sprünge mit ihr durch das Öl, aber sie fielen nicht; denn wenn sie auch ein wenig stolperten, so machten sie gleich einen Entrechat hinterdrein, daß es immer aussah, als wäre es lauter Kunst. Da diese lächerliche Gesellschaft mitten auf dem Platze angekommen war, wendete sich die alte Hexe – denn das war sie – gegen die Prinzessin und begann einen langen französischen Neujahrswunsch mit den affektiertesten Stellungen von dem Tragstuhl herab zu deklamieren, wo immer das erste Wort »amour«, das zweite »plaisir«, das dritte »le cœur«, das vierte »souvenir«, das fünfte »bonheur«, das sechste »douceur« war, und als sie recht in die Furie der Begeisterung kam, trat die alte Zieräffin auf den Sitz des Tragstuhls und machte eine Stellung, als ob sie fliegen wollte, und sagte: Ce sont les vœux que tracent Les Amours et les Graces Avec le griffle de l’histoire Dans le marbre de la mémoire: Acceptez, princesse, les offrandes De votre très humble servante, Mademoiselle Zephise La marquise De Pimpernelle.


Aber perdauz! da flog sie vom Tragstuhl herunter in das Ölbad, und die beiden Herrn Tanzmeister fielen mit über den Haufen, und es war, als ob der Prinzessin alle Schnürbänder zerplatzten; denn »hi, hi, hi« und »ha, ha, ha« fing sie so entsetzlich an zu lachen, daß sie sich den Leib mit beiden Händen halten mußte, und »hi, hi, hi« und »ha, ha, ha« ging es immer fort: dazu bliesen hundert Trompeter und wirbelten fünfzig Pauker und wurden hundert Kanonenschüsse gelöst und mit allen Glocken geläutet; denn der König hatte alles dies vorausbestellt, wenn die Prinzessin lachen sollte; und da er hinter einem Fensterladen zugesehen, hatte er gleich bei dem Gelächter Liebseelchens eine Pistole zum Fenster hinaus losgeschossen, welches das Zeichen war, daß die Festivitäten losgehen sollten.

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