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Franz Horn – Caroline Bernstein

Bei dem Verluste unserer Geliebten sucht der Schmerz eine Beschwichtigung darin, die Züge des Dahingegangenen in möglichster Reinheit und Treue auƓehalten zu sehen. In unsern Klagen und Thränen möchten wir das tief im Herzen lebende Bild abspiegeln, um es im Wiederstrahl der Kunst und einer heiligen Erinnerung gleichsam hinwegzuretten aus der Vergänglichkeit, deren ƍuthender Strom unser Dasein von allen Seiten umspült. Wie selten – wir wissen es im voraus – Pinsel oder Meißel hier auch vollkommen zu genügen vermögen, werden wir doch ihren Beistand anzurufen als frommes Todtenopfer uns nicht erlassen. Ein gleich tiefes Bedürfniß wird es, sich der Persönlichkeit eines Verstorbenen, den Verehrung und Liebe uns hochstellen, zu vergegenwärtigen, seine äußere und innere Bildungsgeschichte möglichst genau zu erfahren und ihn in den verschiedensten Lebensbeziehungen kennen zu lernen. Aber wie viel schwieriger noch, als die äußern Umrisse und der Ausdruck des Gesichts, ist es, den vollständigen Menschen im Mittelpunkte ewigen Seins und wechselnden Werdens zu erfassen und die einzelnen [VI:] Züge im Brennpunkte geistiger Gesammtheit vereinigend die theure entschwundene Gestalt im schildernden Worte zu beschwören. Vollends den Lebensinhalt, die Natur eines Franz Horn, wo die Elemente gar wundersam sich mischten, der «klar wie der Aether, doch voll unendlicher Tiefe.» Dennoch selbst im Gefühle schwacher Kräfte wage ich, auf das Geheiß des theuren Lehrers und Freundes, getrost den Versuch, ein Opfer liebenden Gehorsams. Aber auch erscheint mir den Auftrag auszurichten eine heilige Verpƍichtung, sowol gegen Alle, welche den Vollendeten erkannten, sich dem Menschen und Schriftsteller in Liebe und Theilnahme zuwendeten, als gegen die, denen seine heiter belehrenden und erhebenden Worte als leuchtende Gestirne im Herzen und Leben auch fernerhin aufgehen werden, wie ich dadurch auch der Vorsehung ihr freundlichstes Geschenk, die Wohlthat, daß ich Franz Horn und seiner geliebten Gattin so nah und immer näher treten durfte, verdanken möchte. Doch wenn ich mich in die Aufgabe und meine Unzulänglichkeit, sie, wie ich möchte, zu lösen vertiefe, geht mir der Sinn jenes heiligen Vermächtnisses des noch über das Grab hinaus treu besorgten Lehrers heller auf: Die im Gefühle eines unwiederbringlichen Dahinseins strömenden Thränen sollten sanfter ƍießen, das verworrene Schluchzen maßlosen Jammers sich lösen in Worte, die Wehklagen um den unersetzlichen Verlust in dankbares Bewußtsein des Besessenen und eines über alle Zeit hinausliegenden unantastbaren Besitzes, in dem sich wahrhaftige Liebe und Treue bewähren wie behaupten, [VII:] endlich der Trost sich durchringen, diesen hohen und edlen Geist von den Schranken und lastenden Bedingungen seines irdischen Daseins, dessen Schmerzen, Wechsel und jeglicher Hemmung befreit, im ungestörten Genusse der Seligkeit zu wissen, welche dem reinen Herzen verheißen. Mögen ähnliche Gedanken, die uns gleich Weg weisenden Stimmen aus Horn’s Schriften so vielfach anreden, die Trauer um ihn verklären, und auch diejenigen trösten, die ihn liebten und lieben werden, ohne sich der holden Lebenserscheinung im Raume erfreut zu haben. Möge ihnen dieselbe, wie in seinen dichterischen und schriftstellerischen Werken, die in Gesinnung und Eigenthümlichkeit ihn treulichst abspiegeln, auch aus diesem Buche einigermaßen befriedigend entgegentreten. Was man darin finden wird, ist aus Mittheilungen und Erzählungen des Geschiedenen, aus Tagebüchern, dichterischen Ergießungen, Briefen u.s.w. wie aus Miterlebtem und Selbstanschauung geschöpft. Bei der Darstellung wird mir, was Franz Horn in dem Fragment «Kleine Wünsche für Biographen»*), wie anderweitig ausgesprochen, als Richtschnur, seine eignen biographischen Gaben aber als Muster vorschweben. –––––– *) Fortepiano, kleine heitre Schriften von Franz Horn, Theil 3, Seite 61. –––––– Unbefangen und traulich gedenke ich Wohlwollenden und Mitfreunden des Entschlafenen von ihm zu erzählen, denen das AuƓehalten und die liebevolle Ausführlichkeit selbst kleiner Züge erwünscht und nichts unwichtig ist, was dazu dienen kann, das verehrte Bild zu [VIII:] vervollständigen und wenigstens in einzelnen Lebensmomenten und Beziehungen leibend und lebend der Erinnerung des Herzens oder ihrer mitschaƋenden Phantasie zu überliefern. In jener Voraussetzung werde ich selbst Wiederholungen – wie denn auch das Geschick sie dem Vollendeten keineswegs erlassen – nicht allzuängstlich scheuen, überzeugt, den Freunden keinen Anstoß dadurch zu geben; am wenigsten da, wo es mir begegnet sein sollte, den Eindruck einer unter allen Umständen stets gleichen Bewährung in Reinheit, Edelsinn, Güte und Liebenswürdigkeit mit überwallendem Herzen immer wieder von neuem in Worte fassen zu wollen. Untheilnehmende und Gleichgültige aber, denen diese Blätter etwa zufällig in die Hand gerathen, mögen wie an den anspruchlosen Blumen, womit Schmerz und Dankbarkeit einen ihnen fremden Grabhügel bepflanzt, schweigend vorübergehen. –––––– Die Verfasserin dieser Lebensbeschreibung konnte zwar, eng verwebt in das Leben und Dulden des von ihr gefeierten Edlen, nicht umhin, auch ihre Person in dieser Darstellung erscheinen zu lassen; aber sie wollte sich dennoch nicht nennen. Ein Fernerstehender, welcher, obgleich andern Studien zugewandt, den hohen Werth dieses seltenen Wesens kennen zu lernen Gelegenheit hatte, erhielt von ihr auf ihrem Sterbebette den Auftrag, für das verwaiste Werk Sorge zu tragen, und wurde so veranlaßt zu dem Rollentausch, die bescheidene Jungfrau, welche als Schriftstellerin niemals, so viel [IX:] wir wissen, unter ihrem Namen aufgetreten ist, aus dem Dunkel der Namenlosigkeit heraustreten zu lassen, wogegen er, sonst eben nicht gewohnt sich zu verstecken, aus Bescheidenheit oder wenn man will Schüchternheit, die ihn freilich lebhaft an des Attischen Komikers Ziererei mit seiner Jungfräulichkeit erinnert, seinen hier sehr gleichgültigen Namen unterdrückt. Caroline Bernstein hat in dem vorliegenden Werke selbst erzählt, wann und wie sie von Franz Horn angeregt und angezogen worden, und wie sie in seinen Kreis sich eingeführt habe. Seit dieser Zeit lebte sie ganz für ihn und seine Gattin. Wie sie selber mit einer mehr als weiblichen Objectivität und mit ihrer eigenthümlichen Anspruchlosigkeit sich in dieser Lebensbeschreibung in den Hintergrund gestellt, und nur sich auf Horn, selten diesen auf sich bezogen hat, so beabsichtigen wir auch nicht, sie in andern Lebensbeziehungen und in ihren eignen dichterischen Bestrebungen zu betrachten, da wir zumal hören, daß die Abendzeitung ihr einen Nekrolog zu widmen beabsichtigt, sondern fügen ihrem eignen Vorworte nur einige Zeilen bei zur Anerkennung ihrer liebreichen Aufopferung für den verehrten Mann, in welcher und in dem innigsten Zusammenleben mit der Familie des Verewigten sie die Befriedigung und den Genuß ihres durch eigene körperliche Leiden getrübten Lebens gewann, während sie, was eben das Kennzeichen echter Aufopferung ist, diese nicht als solche empfand, sondern sich vielmehr durch die Aufnahme in diesen Kreis und dessen geistiges Leben gehoben, gestärkt, geheilt fühlte.


Vermag und leistet der Mann in den meisten Dingen mehr [X:] als das Weib, so ist das Weib, nicht wie jener angewiesen mit seiner ganzen Kraft im Leben und Wissen sich geltend zu machen, größer durch seine Opfer; in diesen erscheint die Schönheit der weiblichen Seele in ihrer reinsten Verklärung. War unsere Freundin nicht mit der Myrte geschmückt, und wird der Lorbeer nur der höchsten dichterischen Vollendung zugesprochen; so hat sie doch den schönsten Kranz weiblicher Tugend errungen, und auch wer sie nicht kannte, sondern nur ihren Freund Horn, wird einsehen, daß die Freundschaft des Mannes, welchem nur das Schöne, Wahre und Gute in ihrer Durchdringung galten, ein volles Zeugniß für ihren innern Werth ablegt. Möge man aber dabei nur nicht an krankhafte Empƌndsamkeit denken; vielmehr war ihrem zarten Gefühle eine gewisse Mannhaftigkeit des Sinnes gepaart und eine Abhärtung des Geistes und Körpers, die selbst einen Mann ehren konnte: ja diese Biographie selbst und vorzüglich die in einer Beilage gegebene Tagebuch-Erinnerung von einer Badereise ist weit entfernt von schwächlicher Empfindelei. Die Verfasserin wohnte nach Horn’s Tode mit der Wittwe desselben, ihrer geliebtesten Freundin, und mit deren Mutter zusammen und gedachte in dem gewohnten freundlichen Kreise dem Andenken des theuren Verewigten mit ihrer geliebten Rosa zu leben, als Genossin zugleich und Trösterin des Schmerzes über den Verlust, wie sie erscheint in folgenden Zeilen, welche sie der Freundin zum 19ten Juli 1838 bei der ersten Wiederkehr von Horn’s Todestage übergab: [XI:] Der Thränen Zoll, die Klage, Sein heilig Recht dem Tage, Doch nicht, Geliebte, sage: Er nahm mir meinen Franz! Sein Leiden nur zu enden, Den Engelzu vollenden, Thät Vatergüte senden Den Bruder mit dem Kranz. So lehrt des Frommen Gehen Uns unser Franz verstehen: Im Tod das Leben sehen, Dabei wir halten aus; Wo wir zu sein verlangen Dahin ist er gegangen, Voraus, Dich zu empfangen Daheim im Vaterhaus. Aber eine harte Fügung warf auch die Verfasserin bald auf ein schmerzliches Krankenlager, dessen Leiden sie mit derselben großartig sittlichen Ergebung duldete, welche sie an ihrem Meister mit Recht bewundert. Sie endete in den Armen ihrer Rosa, eben so zart von dieser gepƍegt, als sie früher gepƍegt hatte. Sie war entschlossen gewesen, das Denkmal, welches sie ihrem Freunde stiften wollte, mit Muße zu vollenden; aber Vorzeichen bedeutender Krankheit, und gerade derjenigen, welcher Horn erlegen war, scheinen sie bestimmt zu haben, die Ausarbeitung rasch vorzunehmen; nur noch den Druck einiger Bogen erlebte sie, und konnte die Freude nicht mehr genießen, das Werk fertig zu sehen, womit sie dem Verewigten den letzten Tribut der Dankbarkeit zollte, um, wie sie gegen ihre Schwester äußerte, dann die Feder niederzulegen. Das Buch ist zunächst für Freunde bestimmt; diesen werden auch kleine Züge aus dem beschriebenen Leben, selbst Erzählungen aus der Kindheit, [XII:] nicht unwillkommen sein; es steht dem weiblichen Sinne wohl an, solche Kleinigkeiten nicht zu verschmähen, und sie behalten ihre Bedeutung ganz vorzüglich für die Entwicklung eines Lebens, welches frühzeitig durch Krankheit in äußerer Thätigkeit gehemmt, darum aber auch um so weniger zerstreut, sich ganz aus das Innere zurückzieht. Die Anlage des Buches ist ohne Kunst; man erhält hier, die kräftigen und charakteristischen Schlußbetrachtungen abgerechnet, nicht ein mit großen Strichen gezeichnetes Bild, in welchem alles Eigenthümliche des Gefeierten sich zu einem Ganzen verknüpfte, sondern nach der Folge der Jahre sind die meistens innerlichen Begebnisse dieses edlen, unter allem Drucke körperlicher Leiden stets regsamen nicht blos Gefühls –, sondern auch Gedankenlebens zusammengereiht; die eingefügten Auszüge aus Horn’s Papieren unterbrechen jedoch die Einförmigkeit der Erzählung anziehend und führen den Leser in das Gebiet einer geistvollen freien, Betrachtung. So denken wir, wird dieser wahrhafte und ungekünstelte Ausdruck tiefer Verehrung und Theilnahme für Franz Horn zunächst seinen zahlreichen Freunden und Freundinnen, Schülern und Schülerinnen, eine erwünschte Gabe sein, aber auch manchem andern Leser zusagen, welcher Wohlwollen und Gefühl mitbringt und einen Blick in die Ereignisse eines sittlichen, geist- und gemüthvollen, philosophisch und dichterisch gestimmten, allen ungünstigen Lagen und Umständen zum Trotz dennoch zu innerer Vollendung gestalteten und abgerundeten Privatlebens befriedigend und erhebend findet. Berlin im October 1838.

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