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Finder und Erfinder – Friedrich Spielhagen

Ich bin sonst kein Freund von Vorworten. Wenn das Buch nicht für sich selbst spricht, habe ich immer gemeint, wird ihm ein Vorwort auch den Mund nicht öffnen. Mache ich nun von meinem Prinzip in diesem Falle eine Ausnahme, so ist es, weil er denn doch — in meiner Praxis wenigstens — ein ganz besonderer ist. Man kann in einem langen Leben bei dem nötigen Fleiß viele Romane schreiben, aber nur eine Autobiographie. Nun thut man ja bei jenen Gewohnheitssünden, als ob die fürchterlichste aller von seiten des Lesers aufzuwerfenden Fragen: Was geht mich die Geschichte an? gar nicht möglich sei; aber bei dem Specialdelikt einer Autobiographie drängt sie sich dem Unverbesserlichen allzuheftig auf. Wie denn? Da steht der Mann seit dreißig und einigen Jahren an dem litterarischen Markt, immer auf demselben Platz. Seine Ware hat sich auch nicht verändert. Höchstens zum schlimmeren. Das sind dieselben Töpf’ und Krüge, die er bereits feilbot, als wir noch in die Klippschule gingen. Wenn sie jetzt vielleicht ein wenig sauberer gearbeitet sind: mit zierlicheren Ornamenten und dergleichen — der kühne Schwung der Formen, der uns so anzog, die kräftigen Farben, die uns in die Augen stachen — sie sind dahin. Und wären sie es nicht, wäre alles beim alten geblieben — mein Gott, es ist eben das Alte, Veraltete, umsomehr, wenn es blieb, wie es war, sich nicht den Anforderungen einer neuen Zeit accommodieren konnte: unserer Zeit, in der wir das Wort haben, Stoff und Form der Ware bestimmen und den Marktpreis normieren. Merkwürdigerweise ist nun gerade dieser Ein- und Widerspruch, der mich von meinem Unternehmen hätte zurückschrecken sollen, das gewesen, was mich in erster Linie bewogen hat, mich ihm zu unterziehen. Ist die Ware veraltet, hat sie nur noch geringen, vielleicht keinen Wert mehr, so liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, daß sie demnächst vom Markte verschwinden, in die Rumpelkammer geworfen werden wird, und es also die höchste Zeit ist, sie für die Kunst-, oder Kunstgewerbe-Geschichte, oder, wie man die Specialität sonst nennen will, zu retten. Wo denn gewissenhaft beschrieben werden mag: welches Material man zu ihrer Herstellung zu nehmen pflegte; welche Formen man bevorzugte; welche Methoden man bei der Bereitung anwandte, und was dann sonst noch in das Kapitel gehört. Dergleichen Regesten anzufertigen, geziemt sich ja für ein Kulturvolk, das nicht allein in der Gegenwart leben, sondern auch seine Vergangenheit verstehen will, und wäre es nur, um aus dem Vergleich der bescheidenen Leistungen der Väter und dem, was die Söhne Herrliches vollbracht, einen höchst angenehmen Schluß auf der letzteren ganz besondere Tugend und Leistungsfähigkeit ziehen zu können. Nur daß sie — die Söhne — dabei eines nicht vergessen mögen. Wie sie heute zweifellos die jungen sind, so wird, wenn sie’s erleben, nicht minder zweifellos ein Tag kommen, wo sie wiederum die Alten sein und die dann Jungen genau so wieder von ihnen denken und sprechen werden, wie sie heute über uns, die Alten, denken und sprechen. Vielleicht ist das eine Erwägung, die in nachdenklichen Gemütern den Entschluß reifen läßt, die Vergangenheit, bevor sie gänzlich mit ihr brechen, daraufhin anzusehen, ob sie denn wirklich so durchaus wertlos geworden; ob nicht dies oder jenes von ihr unverwüstlich sich in die Gegenwart hinüber gerettet hat; ja, ob die Gegenwart, die mit jedem Tage, der dahinsinkt, mit jeder Stunde, die verrauscht, bereits wieder Vergangenheit wird, überhaupt ein solides Etwas sei, auf das man mit auch nur einiger Sicherheit bauen könne. Die Philosophen bestreiten es. Ihr Gemunkel wird den thätigen Mann nicht schrecken und ihn nicht hindern, den Tag auszunutzen, wie er kann; aber zur Vorsicht, wie gesagt, mag es ihn doch mahnen: zu einer billigeren Beurteilung der Vergangenheit, zu einer bescheideneren Wertschätzung der Gegenwart und ihrer Leistungen. Besonders wenn er sich, in der Verbindung dieser Ideen, des Wortes aus dem Munde des weisen Ben Akiba erinnert, daß alles schon dagewesen sei. Zum Beispiel in der Litteratur. Ich erkläre hier, daß ich die Strebungen unserer jungen und jüngsten Litteratur mit größter Teilnahme verfolge. Ich erblicke in ihrem entschlossenen Vorgehen die völlig berechtigte Sorge, von der machtvoll fortschreitenden Wissenschaft, von dem sich so gewaltig ausgestaltenden Leben überholt zu sehen. Ich begreife, wie sie — die junge Litteratur — in dieser Sorge sich unter die Botmäßigkeit von Wissenschaft und Leben stellt, indem sie die Resultate der ersteren für sich zu verwerten und sich dem letzteren mit möglichst kopistischer Treue anzunähern und anzuschmiegen sucht.


Sie spricht zur Wissenschaft: »Du kannst nichts lehren, wozu ich, mich zu bekennen, nicht den Mut hätte.« Sie sagt zum Leben: »Du kannst nichts aufdecken, und wäre es noch so furchtbar und grauenhaft, das ich nicht darzustellen wagte.« — Wer, wie die Dinge heute liegen, in diesem Wagemut unserer jungen Litteratur nicht sowohl ihr gutes Recht sieht, als ihre ganz unabweisliche Pflicht, stellt sich damit das Zeugnis aus, daß er in Wahrheit zu dem im schlimmen Sinne Alten, d. h. den Veralteten gehört. Einer Litteratur verbieten wollen, den Anforderungen ihrer Zeit zu entsprechen; sich jedes Stoffgebietes zu bemächtigen, das ihr die Zeit erschließt; nach neuen Formen zu suchen, in welchen dieser neue Stoff auszuprägen sei, heißt einfach ihren Tod wollen, oder sie zu einem kläglichen, nichtswürdigen Vegetieren verdammen, das schlimmer ist als der Tod. Also, weg mit dem Kopfschütteln, der Totengräbermiene, den moralisch ästhetischen Achs und Ohs! Wir Alten haben, als wir jung waren, es nicht anders gemacht, und wenn wir es etwa zu etwas gebracht, verdanken wir es einzig und allein dem, daß wir uns ebensowenig an die Achs und Ohs kehrten. Aber — es muß ja nach Thackeray bei allem ein Aber sein — eines ist sehr zu bedenken. Nämlich: ob dem Flügelroß, dem man so den Wettlauf mit der Lokomotive zumutet, nicht am Ende doch der Atem ausgehen, und sein Reiter gezwungen sein wird, es laufen zu lassen (wenn es noch laufen kann) und sich zu dem Führer auf die Lokomotive zu stellen. Der dann natürlich dem sich neu anbietenden Kollegen bedeutet, daß er Manns genug für sein Geschäft sei, der sehr fraglichen Beihilfe in keiner Weise bedürfe, und der andere deshalb sich seines Weges trollen möge. Da wäre nun freilich der arme Pegasus zu schanden geritten, die Lokomotive ohne ihn davon gefahren, und der Mann hätte sich, sozusagen, zwischen zwei Stühle gesetzt. Ich möchte unsere junge Litteratur warnen, in diese böse Lage zu geraten. Daß sie auf dem besten Wege dazu ist, könnte nur etwa sie selbst in Abrede stellen. Nicht, als ob ich glaubte, die böse Lage könne ihr und — bei der Solidarität der modernen Literaturen — der gesamten Dichtkunst den Untergang bringen! Mag die Wissenschaft noch so stolz ihr Haupt erheben, mag das Leben Bahnen einschlagen, die zu Ende zu denken uns schwindelt — so lange Menschenhirne sinnen und Menschenherzen klopfen, wird es eine Kunst, wird es eine Poesie geben; wird es Menschen geben, die sich nicht begnügen mit dem, was sie der in das wirkliche Leben spürende Blick finden läßt, sondern die der Dämon treibt, zu dem Gefundenen anderes zu finden, was erst die Vervollständigung und Erfüllung des Gefundenen bringt und, indem es sich mit jenem vermählt, ein drittes hervorgehen läßt, das sich nie und nirgends begeben hat, noch begeben kann und doch unser enges Dasein ins Unendliche erweitert. Denn dies ist mir sicher: der Poet, nenne er sich einen Idealisten oder Realisten oder Naturalisten oder wie immer, muß — er mag wollen, oder nicht — Finder und Erfinder sein, gerade so, wie der Mensch — er mag wollen oder nicht — Hammer und Amboß in jedem Augenblicke seines Lebens sein muß. Das nun an einem Beispiele, welches mir am nächsten lag, nämlich: an dem meines eigenen litterarischen Lebens bis zumAbschluß etwa der »Problematischen Naturen« nachzuweisen, war jene erste Absicht, von der ich ausging, als ich mich zu dieser Arbeit niedersetzte, und weshalb ich ihr den Separattitel, den sie führt, gegeben habe. Ob ich bei meinem Schaffen immer im Stande gewesen, die beiden Fundamental-Thätigkeiten in der wünschenswerten Gleichkraft spielen zu lassen; ob ich nicht bald nach dieser, bald nach jener Seite des Guten so viel gethan, daß daraus ein Übles wurde — das sind für mich keineswegs gleichgültige Fragen — im Gegentheil! Gerade auf ihre Beantwortung kommt es mir an. Gerade darauf möchte ich die Aufmerksamkeit des jüngeren Gefährten lenken, während ich ihn in meiner Werkstatt herumführe, ihm von den anfängerischen Mühen und Nöten erzähle, von den vielen verfehlten Versuchen, und wie ich — dessen darf man sich ja bescheidentlich rühmen — Tamerlans Ameise gleich, immer von neuem die den zu schwachen Schultern entsunkene Last aufgegriffen, die glatte Wand emporgeschleppt habe, bis ich es endlich zu stande brachte. Was? Sicherlich nicht, was er erstrebt. Warum hätte er auch sonst die dreißig oder vierzig Jahre Arbeit, auf die ich zurückblicke, vor sich! Aber auf das Was? kommt es hier wirklich erst in zweiter Linie an. Durchaus in erster auf das Wie?, das nach möglichst allen Seiten klar zulegen, eben die vorzüglichste Aufgabe dieser Blätter ist. Nebenbei habe ich immer gefunden, daß in künstlerischen Dingen das Was? und Wie? in einem gar engen Zusammenhange stehen, und man sich nur über das eine gegenseitig klar zu werden braucht, um sich über das andere mit ziemlicher Sicherheit zu verständigen. Auf jeden Fall wünsche und hoffe ich von ganzem Herzen, daß sein — des jüngeren Gefährten — »Was« mit Apollos und der neun Musen gnädigem Beistand ein Großes und Herrliches werden möge, auf das die kommenden Jahrhunderte mit Stolz zurückblicken. Soviel über den Specialtitel des Buches. Der andere, der, obgleich er in bescheidenerem Druck hinterherkommt, doch eigentlich der Haupttitel ist, wendet sich an ein Publikum, von dem ich hoffe, daß es etwas größer sein wird, als das, für welches der erstere einen Fingerzeig geben sollte.

An jenes Publikum, das glücklicherweise dem Poeten gern die von Horaz als obligatorisch erachtete Pflicht des prodesse schenkt, wenn er nur mit der anderen: dem delectare rechten Ernst macht. Nicht, als ob ich so sicher wäre, ihm in diesem Buche so besonders Ergötzliches zu bieten! Aber ich getröste mich, daß sie, die ich jetzt im Sinne habe, wesentlich aus solchen bestehen, denen ich schon ein und das andere Mal durch meine Schriften ein Vergnügen bereitete, aus welchem Vergnügen dann bei ihnen der Wunsch sich regte, von dem Manne Genaueres zu erfahren, ihm einfach menschlich näher zu treten; — mit einem Worte: solchen, die bereits meine Freunde sind, oder, falls die nähere Bekanntschaft sie nicht enttäuscht, nichts dagegen haben, es zu werden. Möchte doch die Enttäuschung nicht eintreten! Möchte ich doch alle, die das Buch gelesen, zu meinen Freunden zählen dürfen! Noch eines, ein Nebensächliches, das aber doch auch erwähnt sein will. Ich hatte bereits vor Jahren mit diesen Aufzeichnungen den Anfang gemacht und die fertig gewordenen Abschnitte in »Westermanns deutschen Monatsheften«, die ich damals herausgab, veröffentlicht. Man wird es selbstverständlich finden, daß ich diese Fragmente — es sind ein paar Kapitel des zweiten Buches — die ich in dem Gesamtbilde nicht fortlassen konnte, demselben, überarbeitet und dem Tone des Ganzen angepaßt, eingefügt habe. — Einer wirklichen Entschuldigung aber wird ein anderes bedürfen. In meinem »Skizzenbuche« findet sich ein Aufsatz: »Aus meiner Jugendstadt«, den ich gelegentlich für die (jener Zeit von Paul Lindau redigierte) »Gegenwart« schrieb. Es waren flüchtige Streiflichter auf meine Jugendzeit — ich dachte, als ich sie hinwarf, nicht an eine zusammenhängende Geschichte meines Lebens, Dennoch erwiesen sie sich, als es nun zu der Ausarbeitung einer solchen kam, so bedeutsam, daß ich mindestens ein paar derselben wieder einfangen und dem neuen, größeren Zwecke dienstbar machen mußte. Es handelt sich um nur wenige Seiten, welche der Besitzer des Skizzenbuches hier noch einmal findet. Er wird mir hoffentlich die kleine, im Interesse des Ganzen geschehene Entlehnung verzeihen.

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