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Ellen Olestjerne – Franziska von Reventlow

Schloß Nevershuus lag grau und schwerfällig unter hohen Bäumen mit seinen breiten Seitenflügeln und dem viereckigen Turm, der kaum das Dach überragte. Aber von seiner Plattform aus konnte man weit über Meer und Heide sehen und auf die kleine Küstenstadt hinunter, die sich zwischen Deichen und grünen Wiesen hinzog. In früheren Zeiten sollte es einmal irgendeiner schlimmen Fürstin als Witwensitz gedient haben — von daher stammten wohl die altersschwarzen Ölbilder droben im Rittersaal und allerhand Spukgeschichten, die immer noch im Volksmund fortlebten, obgleich das Gut jetzt schon lange im Besitz der Familie Olestjerne war und die gemalten Damen mit ihren feierlichen Mienen auf die Schicksale und das Treiben einer anderen Zeit herabsahen. Es konnte immer noch einen melancholisch unheimlichen Eindruck machen, das alte Schloß, wenn die Herbststürme durch alle Kamine heulten wie geängstigte arme Seelen, oder wenn der Nebel vom Meer heraufstieg und alles in seine wogenden grauen Schleier einhüllte. Aber es hatte auch seinen Frühling und seinen Sommer, wo die Sonne alles Düstere aus den weiten hohen Räumen herausleuchtete, wo der reiche grüne Garten um die grauen Mauern blühte und drüben in der Ferne das Meer blau und schimmernd dalag. Für die Bewohner von Nevershuus ging die schöne Jahreszeit ebenso still und gleichförmig hin wie der Winter. Der Gutsherr Christian Olestjerne war meist draußen im Felde oder auf der Jagd, und seine Frau saß mit ihrer ältesten Tochter am Steintisch unter den Buchen, wenn sie nicht in Küche und [506] Vorratskammern zu tun hatten. Die Freifrau Anna Juliane war eine schöne, stattliche Frau mit raschen, dunklen. Augen und eiserner Tatkraft — von früh bis spät auf den Beinen, um überall nach dem Rechten zu sehen. Aber dabei hatte sie nichts Leichtes in ihrer Art, das Leben zu nehmen, es türmte sich alles vor ihr auf wie ein Berg, über den sie nie hinaussehen konnte — die Wirtschaft, der große Haushalt, die Kinder, tausend Dinge, die täglich zu tun und zu überlegen waren und ihr beständig im Kopf herumgingen. Seit ihre Älteste erwachsen war, hatte sie nun wenigstens jemand, mit dem sie das alles teilen und beraten konnte, während sie des Vormittags im Garten saßen, Wäsche ausbesserten oder Obst zum Einkochen schälten. Wenn nur das Heu von den Strandwiesen hereinkäme, ehe es wieder Regen gab und alles zugrunde ging wie im vorigen Jahr — Gott weiß, der Vater hatte diesen Frühling schon genug Ärger gehabt; das durfte nicht noch dazu kommen. Wie lange würde sich Nevershuus überhaupt noch halten lassen, bei all den mißlichen Verhältnissen. „Ach Mama,“ sagte dann wohl Marianne in ihrer ruhigen Weise, „quäl‘ dich doch nicht darum, es hat ja noch Zeit bis zur Heuernte.“ Aber die Mutter war schon längst wieder bei anderen Gedanken — ob Marianne meinte, daß das neue Kindermädchen zuverlässig sei? Ellen und Detlev waren in letzter Zeit gar so unbändig, und sie hatte jetzt doch nur die beiden Kleinen zu hüten. Und wie würde es Erik nun wohl auf der Schule gehen — mit Kai wollte es ja immer noch nicht recht vorwärts, und vor allem war seine Gesundheit eine rechte Sorge. Ja, Sorgen überall, und Sorgen mußten ja sein. Es war ein Wort, das die Freifrau häufig gebrauchte, und wenn sie dabei angekommen war, konnte sie so aus tiefster Seele heraus seufzen. Dann fiel ihr plötzlich wieder ein, daß sie versäumt hatte, irgend etwas anzuordnen, und sie ging mit ihrem raschen Schritt ins Haus hinein, um es nachzuholen. [507] Manchmal seufzte Marianne dann im stillen mit: die Mutter ließ sich und anderen wenig Ruhe, und ihre rastlose Lebhaftigkeit hatte beinahe etwas Aufreibendes — es war keine Kleinigkeit, ihr immer das Gleichgewicht zu halten, besonders, wenn sie sich in Taten umsetzte. Mochten nun die Dienstboten etwas versehen haben, die Jungen mit schlechten Zeugnissen heimkommen, oder die Kleinen irgendein Unheil anrichten — immer war es Marianne, bei der sie Zuflucht suchten, die alles ausgleichen und vermitteln sollte. So atmete sie meist erleichtert auf, wenn der stürmische Vormittag vorüber war und die Mutter sich nach Tisch mit einem Buch ins Wohnzimmer zurückzog. Für Marianne kamen dann die besten Stunden des Tages, wo sie dem Vater bei seinen Schreibereien half, oder ihn bei seinen Rundgängen auf dem Gut begleitete. Auch die jüngeren Geschwister wußten diese häusliche Nachmittagsruhe nach Kräften zu genießen. Es war die Zeit, wo sie ungestört allen möglichen verbotenen Unternehmungen nachgehen konnten — den alten Gärtner drüben im Nebenhaus besuchen, wo sie Kaffee bekamen und an seinen langen Pfeifen rauchen durften, oder die Dorfkinder, die schon lange wartend am Gitter standen, hereinlassen und mit ihnen am Graben Brücken bauen und Schiffe schwimmen lassen.


Das Kindermädchen hatte noch zu tun, und wenn Erik dabei war, ließ man die Kinder ruhig eine Zeitlang ohne Aufsicht. Ellen folgte dem älteren Bruder durch dick und dünn und zog den kleinen Detlev an der Hand hinter sich her. Mit vereinter Anstrengung bekamen sie ihn über alle Gitter und Schwierigkeiten weg, und wehe ihm, wenn er schrie oder sie verklagte. In diesem Sommer war das Nachmittagsglück nicht mehr so ungetrübt wie früher, denn seit Erik zur Schule ging, wurde er hochmütig, fing an, Ellen, die sonst seine unzertrennliche Gefährtin war, zu verachten um sich zu den Großen zu rechnen. Sie hatte jetzt manches auszustehen — zuweilen fiel es ihm ein, ihr Unterricht zu geben, sie sollte ihm Geschichten [508] nacherzählen oder Buchstaben in den Sand schreiben, und lehnte sie sich im Gefühl ihrer Ohnmacht dagegen auf, so wurde sie einfach übergelegt und durchgeprügelt. Manchmal kam dann Lise, das Kindermädchen, ihr zu Hilfe: „Laß doch Ellen in Ruh‘, was hat sie dir getan?“ „Da brauchst du dich gar nicht hineinzumischen,“ sagte Erik überlegen. „Mama ist immer sehr strenge mit Ellen, und wenn sie nicht da ist, muß ich Ellen verhauen, damit sie sich nichts einbildet.“ Im ganzen war das Mädchen recht froh, ihn jetzt für einen Teil des Tages los zu sein; wenn er wieder zur Schule war, ging sie mit den beiden Kleinen auf die einsame Graskoppel hinter dem Garten, wo Owe Jensen, der lange blonde Knecht, arbeitete. Und die ganze Gesellschaft war dann sehr vergnügt, Owe ließ seine Arbeit liegen und wanderte mit Lise langsam die breiten, grasüberwucherten Wege entlang, während die Kinder Hand in Hand hinterdrein trottelten. Zuweilen brachte er auch seinen Freund mit; das war Lise zuerst nicht ganz recht gewesen, denn Klaus Sörens war eine Art Räuberberühmtheit in der Umgegend und erst vor kurzem aus dem Zuchthaus entlassen. Aber allmählich fand sie, daß es auch seine Vorteile hatte, wenn er mitkam. Dann konnte sie ungestört mit Owe im Gras liegen und brauchte sich nicht um die Kleinen zu bekümmern. Detlev bekam einen schönen, weichen Platz, wo er schlief oder mit den Beinen im Sonnenschein strampelte, und der Zuchthäusler spielte mit Ellen. Sie liebte ihn leidenschaftlich und war selig, wenn er mit ihr herumjagte oder ihr Blumen und Erdbeeren pflückte. Man hatte ihr wohl eingeschärft, nichts davon zu erzählen, und das tat sie auch nie. Bei Lise und ihren Freunden fühlte sie sich viel wohler wie zu Hause, denn Mama und Prügel kriegen waren so ziemlich die ersten Begriffe, die ihr Bewußtsein zu fassen vermochte und die für sie in eins zusammenfielen. Die kleine Ellen hatte schon frühzeitig ein dunkles Gefühl davon, daß sie mit dem linken Fuß auf die [509] Welt gekommen sein mußte. Sie war ein etwas schwächliches, zurückgebliebenes und dabei scheues, trotziges Kind, an dem niemand besondere Freude hatte, und das zwischen den beiden Brüdern nicht recht zur Geltung kam. Eigentlich war sie überflüssig und wurde fortwährend hin und her geschoben. Wenn Erik ihre Gesellschaft wünschte, durfte sie mit zu Nachbarskindern oder Besuchen, wußte er nichts mehr mit ihr anzufangen, so wanderte sie wieder in die Kinderstube. Und er konnte sie nur brauchen, solange sie sein willenloses Werkzeug und Echo war, Löcher wühlte, wo er Bäume pflanzen wollte, ihm die Bälle aufsammelte oder auch nur dabeistand und seine Taten bewunderte. Aber mit der Zeit bekam sie ihren eignen Kopf, wurde eigensinnig und ungefällig und wandte sich immer mehr dem kleineren Bruder zu. Im Grunde fuhr sie dabei noch schlechter wie früher, denn war schon Erik verzogen und bewundert, so wurde Detlev, das goldhaarige Jüngste, vom ganzen Hause vergöttert und stellte sie völlig in den Schatten. Dazu kam noch, daß sie jetzt die Ältere war und für alles, was sie zusammen verbrachen, die Verantwortung zu tragen hatte.

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