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Eine Jugend in Breslau – Karl von Holtei

Ich bin um wenige Jahre älter, als unser neunzehntes Jahrhundert. Meine Mutter starb, nachdem sie mich geboren; mein Vater, Husaren-Offizier, wußte nicht, was er mit einem schreienden Kinde beginnen sollte? So kam ich in das Haus des alten Freiherrn von Arnold, dem nur aus erster Ehe noch eine Tochter lebte, und dessen zweite Gattin die Schwester meiner Großmutter von väterlicher Seite, folglich meine Großtante war. Ich wurde als Pflegesohn auf- und angenommen, ohne förmlich gerichtlich adoptiert zu sein. Die Persönlichkeiten dieses Hausstandes: Vater, Mutter und Tochter, hier einleitend zu schildern, wäre unnütze Arbeit. Ich habe mir vorgesetzt, zunächst von mir, von meinen Erinnerungen zu sprechen, und im Laufe meines Geschwätzes mögen sich dann auch jene Figuren geltend machen, wo sie wollen und können. Das Leben der Familie zerfiel in zwei Hälften: der Winter in Breslau, der Sommer drei Meilen von Breslau entfernt auf den ländlichen Besitzungen. Die königliche Gewalt wurde damals großartig durch zwei stolze Repräsentanten vertreten. Der sogenannte »Minister«, Graf Hoym, war eigentlich Vizekönig in Schlesien und in gewisser Beziehung allmächtig; Fürst Hohenlohe, Militärgouverneur, in seiner Art nicht minder angesehen. Um diese beiden drehte sich zwar Alles, aber in reichen Kreisen. Entweder der schlesische Adel ist zu jener Zeit wirklich wohlhabender gewesen, als heute, oder er hat sich besser darauf verstanden, so zu erscheinen. Auch viele reiche Polen vereinten sich der sogenannten guten Gesellschaft; österreichische Magnaten hingen noch aus früherer Epoche an Breslau;… kurz, es war eben anders, als heutzutage. Ob es besser gewesen, verstehe ich nicht zu beurteilen. Mein Pflegevater mag wohl seine Stellung hauptsächlich, und mehr als seinen Verdiensten um den Staat, der Protektion des Ministers verdankt haben. Es bestand zwischen seinem und dem gräflichen Hause eine stete Verbindung, die von unserer Seite ganz den Anstrich dankbarer Huldigung gewann. Von sehr vielen Soupers und Assembleen steht mir nicht viel mehr vor Augen, als der süße Nachtisch und ein alter Diener, Namens Schubert, der, obwohl sehr mürrischer Natur, mir doch bisweilen erlaubte, ihm im Bedientenzimmer meine Aufwartung zu machen und dort, während er in traulicher Dämmerung weilte, mit seinem bedeutenden Haarzopf zu spielen. Diesen alten, für gewöhnlich nicht allzusaubern Mann bei festlichen Gelegenheiten neben den jüngeren, eleganteren Dienern servieren zu sehen, setzte mich stets in kindisches Erstaunen; und ich weiß mich zu besinnen, wie ich einst, als er beimAbendtische mit einer süßen Speise rasch an mir vorüber eilte, ihn flehend am Zopf ergriff, ohne daß er nur auf einen Augenblick in seiner Pflicht wankend geworden wäre. Eine Enkelin des Ministers, um ein halbes Dutzend Jahre älter als ich, was bei Kindern einen so großen Unterschied macht, war mir gewogen und scherzte oft mit mir. Ich sah sie einst im Amazonenkleide vom Rosse steigen und starrte diese Erscheinung mit offenem Munde an. Sie nahm mich (ich mochte kaum fünf Jahre haben) auf ihre Kniee und ließ mich tüchtig galoppieren. Später, wo sie als Prinzessin ***, eine junonische Schönheit, durch die Gassen fuhr, schien sie, wenn der arme Schriftsteller an ihr vorüber ging, jenes Rittes weniger zu denken als er. Die Gemahlin unseres Vizekönigs war eine edle, aber wie ich vermute, sehr stolze, vielleicht hochmütige Frau. Vor dieser fürchtete ich mich unsäglich. Eines Abends wurde ich in das Zimmer gerufen, wo sie mit mehreren alternden Damen, – eine von diesen, eine Majorswitwe von Andrieux, war meine spezielle Gönnerin –, ihre Partie machte. Ich gehorchte dem Rufe nur widerstrebend und darf mir nachrühmen, daß meine mich am Arme dahin zerrende Pflegemutter all‘ ihre Kräfte anwenden mußte, um mich durch den langen verglasten Gang bis zum Spieltisch Ihrer Excellenz zu zwingen. Und ich, wissend, daß ein ganz frischer, jede erlaubte Grenze überschreitender Tintenfleck das linke Knie meiner Nankinghosen zierte; ich in einer karrikierten Übertreibung der fünften Tanzposition, in welcher ich mit dem rechten Beine die Schwärze des linken zu decken suchte! – Was sich gestern begeben, könnte nicht so lebendig in meinem Gedächtnis sein, als jener Abend.


Ich hatte mit dem Sohne unseres Hauswirtes, Panofka, der jetzt ein berühmter Archäologe ist, damals aber ein eben so kleiner und, mit Respekt zu sagen, ungezogener Bengel war als ich, Figuren zu unserem chinesischen Schattenspiel geschwärzt, als der unerwartete Ruf an mich gelangte. […] Meine Erziehung überhaupt wurde sowohl damals als späterhin, bei der besten Meinung und liebevollsten Gesinnung, doch aus Mangel an Einsicht so konfuse geleitet, daß man es nicht künstlicher hätte anlegen können, wäre der Wunsch vorhanden gewesen, mich aus dem Grunde und in den Grund zu verderben. Der alte Geheimrat, – so viel ich denke, zu jener Zeit bereits außer jedem Staatsdienste – bekümmerte sich nur um seine ökonomisch-merkantilischen Pläne und nahm wenig Notiz von mir; außer, daß er lachte, wenn ich eine lustige Dummheit sagte, oder daß er, wenn ich Gelegenheit zur Klage gab, fürchterlich fluchte. Seine Virtuosität im Fluchen war ungeheuer. »Himmel-TausendSchock-Donnerwetter-Schwerenots-Sackerment!« war ein gewöhnliches Bindewort der Konversation bei Tafel. Der Diener Schubert lächelte nur dazu, und mir kam es vor, wie wenn einer gesagt hätte: rücken Sie mir gefälligst das Salzfaß her. Es fällt mir wirklich erst jetzt auf, indem ich diese Zeilen niederschreibe, daß ich, von meinen Freunden oft verhöhnt, von Damen oft gescholten wegen meiner bisweilen unziemlichen Derbheit im Gespräch, diese Entschuldigung, die vor der Welt freilich keine ist, nicht wenigstens vor mir selbst geltend gemacht habe. Sollte derjenige, der als Kind täglich alle Fluchregister vor sich aufziehen und durchorgeln hörte, nicht unbewußter Nachahmer, wenn schon mit Gottes Hilfe im verkleinernden Maßstabe geworden sein? Was der Pflegevater etwa durch Fluchen sündigen mochte, das suchte die Pflegemutter durch Beten ins Gleiche zu bringen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn die gewaltsamen Einladungen, an diesen unerschöpflichen Gebeten teil zu nehmen, in mir eine Nachwirkung begründet hätten, die sich jetzt negativ kund thut, gleichwie jene des Fluchens positiv; wie ja auch Papageien, Stare und Elstern Schimpfwörter lieber memorieren, als schöne Redensarten. Gebetet wurde an Sonn- und Wochentagen, an Vor- und Nachmittagen, beim Aufstehen und beim Schlafengehen, vor dem Essen … immer! Zog etwa gar ein Gewitter herauf, so mußte die Sache kniend abgemacht werden und mit so zaghafter Furcht vor den Donnerschlägen, daß ich schon in meiner Kindereinfalt fragte: aber liebe Mutter, wenn Du meinst, daß Dir das Beten hilft, warum fürchtest Du Dich dabei? Und wenn Du meinst, daß es nicht hilft, warum betest Du denn? Mir ist aus jener frühen Zeit eine hündische Furcht vor Sturm und Gewitter zurückgeblieben, die sich erst verloren hat, als ich, etwa im Alter von achtzehn Jahren, in ein furchtbares Unwetter und in die Nacht hinein eine halbe Meile weit lief, weil ich einem Wagen zu begegnen hoffte, der in sich führte, was mächtiger war, als die Furcht. Das sogenannte »Beten aus dem Herzen« ging noch an, war mir noch erträglich, obgleich es mich in der Logik nicht weit förderte; es war kurz, denn der Vorrat frommer Floskeln hielt gewöhnlich nicht lange vor. Eine schlimmere Wendung jedoch nahmen die Gebetstunden, wenn Sturm’s Betrachtungen gelesen wurden, Bogatzky’s Schatzkästlein anrückte und das Kammermädchen als Dessert die Bibelspruch-Lotterie in einem großen Karton servierte. Wie oft kämpfte ich dann mit dem Schlafe; wie oft stellte ich mich krank, um von dem Geplärr befreit zu werden. Die Franzosen in Breslau Mittlerweile waren in der Welt große Dinge vorgegangen. Preußen war gegen Frankreich ins Feld gerückt; unsere militärischen Verwandten und Freunde jubelten und prophezeiten Siege, so lange, bis die Nachricht von einer verlorenen Schlacht ihren Prophezeiungen ein rasches Ende machte. Ich blieb sehr ruhig dabei und begriff nicht, warum viele meiner nur wenig älteren Mitschüler darüber klagten und trauerten. In meinem kleinen Herzen hatte die Idee eines Vaterlandes noch nicht Wurzel gefaßt; meine Umgebungen waren überhaupt nicht geeignet, Gedanken oder tiefere Gefühle in mir zu wecken. Desto überraschender wirkte es auf mich, als bald nachher diejenigen meiner Genossen, deren Eltern außerhalb Breslau wohnten, samt ihren Habseligkeiten abgeholt wurden. Es schien sich alles aufzulösen, was mir bisher wie eine notwendige Bedingung unserer Anstalt vorgekommen war; die Worte: »Feind, Franzosen, Belagerung« schlugen an mein Ohr, ohne daß ich ihnen einen rechten Sinn zu geben wußte; die Unterrichtsstunden waren unterbrochen; Besuche kamen und gingen, jeder brachte andere Neuigkeiten; alle waren besorgt; und mitten in diese Unruhen trat ein Bote von den Meinigen, der auch mich mit Sack und Pack aus der Pension heimzubringen den Auftrag hatte. Wer war froher als ich! O Gott, ich segnete die Feinde. Doch zu Hause, bei uns, gewann die Sache schon ein anderes Ansehen und wurde mir bedenklich. Die Frauenzimmer rangen die Hände, und ich hörte nicht mehr dunkel von Franzosen und Belagerung, sondern sehr deutlich von Kanonenkugeln, Raketen, Sturm, Feuer und Plünderung und noch kitzlicheren Dingen reden. Das gefiel mir, weibisch-furchtsam, wie ich erzogen war, freilich nicht; aber doch reizten diese aufregenden Gespräche meine knabenhafte Neugier. Auch das allgemeine Durcheinander, das Hin- und Herlaufen, das Einpacken unterhielt mich. Alle hatten alle Hände voll zu thun, deshalb blieb keinem Zeit übrig, mich zu schelten, und so kampierte ich viel im Pferdestalle.

Kinder und Kutscher sind gewöhnlich gute Leute zusammen. In jenen unruhigen Tagen wurde meiner Pflegemutter, eben als ich bei ihr stand und Wäsche zureichte, der Tod ihres Bruders, des Chefpräsidenten gemeldet. Sie nahm die Meldung in völliger Gleichgültigkeit hin und fuhr fort in ihrer Beschäftigung. Damals dachten die Menschen nur an ihr eigenes Leben, ihren eigenen Tod. Ich kann nicht angeben, wie lange die Tage der Erwartung dauerten; nur so viel weiß ich, daß ich eines Morgens, an einem Fenster unseres Hinterhauses stehend, glühende Kugeln, die feurige Schweife hinter sich zu schleppen schienen, in schönen Bogen fliegen sah. Der Anblick war wunderhübsch, doch regte sich in mir die Ahnung, als wenn die Sache nicht recht geheuer wäre. Ich stand allein auf dem Flur, mir ward bange, ich suchte Menschen, und als ich sie fand, fand ich Wahnsinnige, Narren; sie rannten durcheinander, sie weinten, sie schrien Zeter, meine alte Mama betete und heulte abwechselnd, einige alte Weiber mit ihr, – ich auch! Alles flehte um Hilfe; nur die hilfloseste von allen, Tante Lorette, blieb ruhig und gab vernünftige Worte in den Tumult der Unvernunft. Ich war doch schon klug genug, mich an sie zu halten und in der Unterhaltung mit ihr mehr Beruhigung zu finden, als in den abgeschmackten Bet- und Bußübungen der übrigen. Weil es nun aber anfing, über der Erde sehr bedenklich zu werden, so suchten viele gute Breslauer Zuflucht unter der Erde. Man fing an, sich in die Keller zu verkriechen. Die etwa bewohnbaren waren bald voll, und in Ermangelung solcher suchte man Gewölbe, massive Decken, feste Grundmauern. Wir bezogen eine kleine Wohnung dieser Art im sogenannten Hatzfeldischen Palaste, dem Sitze der Regierung, wo während der Belagerung der Kommandant oder Gouverneur der Stadt wohnte, denn unser Minister-Vizekönig hatte es für zweckmäßig erachtet, sich zu entfernen. Jene Not- und Angstwohnung bestand aus einem kleinen Stübchen nebst Kämmerlein; es war die Wohnung des Kutschers von Sr. Excellenz, der sie uns für schweres Geld geräumt hatte, dicht dabei die Pferdeställe.

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