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Der Schwarzkünstler Cagliostro – Friedrich von Oppeln-Bronikowski

Cagliostro, Casanova und der Graf von Saint-Germain – dies Dreigestirn weltberühmter Abenteurer, Schwarzkünstler und Hochstapler des 18. Jahrhunderts kreuzte sich in seinen Bahnen mehrfach. Casanova hat seine beiden Konkurrenten durchschaut und gebrandmarkt, obwohl gerade er ihnen nicht allzuviel vorwerfen durfte. Schatz- und Goldgräberei und das Geheimnis der Lebensverlängerung – durch Elixiere oder Palingenesie – das waren die Angeln, die sie alle drei auswarfen, um Dumme zu fischen. Alle drei tragen das Kainsmal des internationalen Vagantentums, weil ihnen stets nach einer Weile der Boden unter den Füßen heiß wurde, das Gefängnis ihnen drohte oder sie aufnahm, oder Ausweisungsbefehle sie nötigten, ihre Opfer anderweitig zu suchen. Alle drei sind mit einer ehernen Stirn, mit einer durch nichts zu entwaffnenden Frechheit, einer raffinierten Kenntnis der menschlichen Seele und ihrer Schwächen und mit einem erfindungsreichen Geist ausgestattet, der sie den Kopf aus mancher Schlinge ziehen, sie beim schwersten Sturze wie die Katze auf die Beine fallen ließ. Davon abgesehen, ergeben sich freilich auch große Unterschiede in Charakter und Benehmen der drei. Der Feinste von ihnen ist Saint-Germain. Er hüllt seine Person und Herkunft in undurchdringliches, bis heute nicht gelichtetes Dunkel; selbst sein Tod [1780 in Eckernförde.] war bis vor kurzem schleierhaft. Er deutet sein fabelhaftes Lebensalter nur an, läßt es aus Bemerkungen erraten, die er sich wie aus Versehen entfahren läßt. Er ist ein vollendeter Weltmann, spricht fließend sechs Sprachen und verrät verblüffende Kenntnisse. Er findet dauernd Kredit bei Fürsten und Königen und entschwindet dem Gesichtskreis schließlich wie ein wunderbares Meteor. Alle grobe Marktschreierei liegt ihm fern; er weiß, welche magnetische Anziehungskraft alles Geheimnisvolle auf die Menschen ausübt. Casanova, ein Weltmann gleich ihm und voll vielseitiger Talente und Kenntnisse, ist schon ein dreisterer Glücksritter, der mit gröberen Mitteln arbeitet. Daher auch der jähe Wechsel seiner Lebensverhältnisse. Er ist Glücksspieler, Spekulant, Lebemann und Lebenskünstler zugleich; in den kabbalistischen Mantel hüllt er sich nur vor ausgewählten Opfern. Er schröpft seine Mitmenschen nicht dauernd, sondern ist freigebig und gutmütig wie ein Dieb und wird selbst von gröberen Zunftgenossen oft genug geprellt und gefährdet. Über die Freimaurerei, der er sich nur gelegentlich und äußerlich anschloß, hat er sich in seinen Memoiren (III, 7) ziemlich vernichtend ausgesprochen. Er ist weder Nekromant noch Kurpfuscher, Kuppler und Wechselfälscher, wie sein Landsmann Cagliostro. Geistig und gesellschaftlich Hochstehende bewiesen ihm bis zuletzt ihre Freundschaft; er findet auf seine alten Tage das Gnadenbrot in einem vornehmen Hause und nach seinem Tode das Interesse und die humorvolle Nachsicht der Nachwelt. Der gröbste von allen dreien ist Cagliostro. Roh, ungeschliffen und halbgebildet, ein Taschenspieler und Urkundenfälscher, ein Quacksalber und Kuppler mit den Reizen seiner unglücklichen Frau, durchzieht er die Welt, um sie dauernd zu betrügen, dringt in die Freimaurerzirkel ein, um sie zu seinen Zwecken zu »reformieren«, und bereitet so seinen schlimmen Künsten einen breiten, soliden Boden, um nach schwindelnden Erfolgen im Kerker der Inquisition zu enden. Er hat zweifellos – beschämend für die menschliche Geistesart – bei Lebzeiten und selbst noch darüber hinaus die meiste Popularität genossen, ja sogar im Schrifttum die tiefsten Spuren hinterlassen. Während Saint-Germains geheimnisvolle Gestalt sich nur in einigen Memoiren spiegelt, ja Casanova nur Spuren in denen des Grafen Lamberg, des Fürsten von Ligne sowie in den zweifelhaften Aufzeichnungen der Marquise von Créqui hinterlassen hat und wie Saint-Germain meteorgleich erloschen wäre, hätte er nicht durch seine eigenen Memoiren für seinen Nachruf gesorgt, hat Cagliostro eine ganze zeitgenössische Literatur wachgerufen, in der Goethes »Großkophta«, Schillers Fragment »Der Geisterseher«, zwei Lustspiele der Katharina II.


, Tiecks Novelle »Die Wundersüchtigen« und ein Roman von Alexander Dumas figurieren. Der gröbste Betrüger hat es also am weitesten gebracht! Goethes Interesse an diesem Abenteurer rührt, wie er selbst [Tag- und Jahreshefte, 1785.] erzählt, von jener berüchtigten Halsbandgeschichte (1785) am Hofe Ludwigs XVI. her, in die Cagliostro verstrickt war und die einer der letzten Anstöße zur französischen Revolution war. Dieser Blick in den unsittlichen »Stadt-, Hof- und Staatsabgrund« erfüllte Goethe sofort mit einem ahnungsvollen Grauen. Er verfolgte den Prozeß mit gespannter Aufmerksamkeit, bemühte sich 1787 in Palermo erfolgreich um Nachrichten von Cagliostro und seiner Familie und befreite sich schließlich in seiner gewohnten Weise von dem ihn quälenden Gegenstand durch sein Drama »Der Großkophta«. Es war indes nicht allein das äußere Ereignis, das ihn quälte, sondern auch eine innere Abrechnung: Hatte doch auch der junge Goethe sich mit Magie und Alchimie beschäftigt, so gut wie sein Doktor Faust! Der mystische Zug ging durch das ganze Zeitalter der Aufklärung, das den frommen Glauben der Väter als »gothisch« verspottete, aber in seinem metaphysischen Bedürfnis Ersatz dafür suchte und so vielfach in den gröbsten Aberglauben hinabsank. Schätze und langes Leben – zum Genuß dieser Schätze – verhießen ihm die Adepten, und sie fanden im Zwielicht der heraufdämmernden Wissenschaften nur zu leicht Anhänger. Macht, Genuß und Befriedigung seines Wissensdurstes – sie begehrt selbst Goethes »Faust«, dieser Repräsentant nicht nur Goethes, sondern des ganzen 18. und 19. Jahrhunderts. »Haben wir nicht in den neueren Tagen gesehen«, sagt Goethe selbst an anderer Stelle, [Tag- und Jahreshefte, 1805.] »wie Cagliostro, große Räume eilig durchstreifend, wechselweise im Süden, Norden und Westen seine Taschenspielereien treiben und überall Anhänger finden konnte? Ist es denn zuviel gesagt, daß ein gewisser Aberglaube an dämonische Menschen niemals aufhören, ja daß zu jeder Zeit sich ein Lokal finden wird, wo das problematisch Wahre, vor dem wir in der Theorie allein Respekt haben, sich in der Ausnutzung mit der Lüge auf das Allerbequemste begatten kann!« Zu jeder Zeit! Auch zu der unseren, die es gleichfalls bis an die Sterne weit gebracht zu haben wähnt, die den ganzen Bildungsdünkel der Aufklärung durch ihre Allwissenheit oder durch tiefbohrende Skepsis noch in Schatten zu stellen vermeint! Auch heute huldigt man dunklen Wissenschaften, die das problematisch Wahre in der Ausnutzung mit der Lüge aufs allerbequemste zu begatten verstehen. Sie haben heute nur andere Namen: Spiritismus, Mediumismus, Somnambulismus, kurz alles, was man nach den damaligen, die Welt in Erstaunen setzenden Operationen des Wiener »Magnetiseurs« Mesmer als Mesmerismus bezeichnete. Und daneben machen sich die uralten Künste der Astrologie und Wahrsagekunst wieder breit. Damals kleidete man sie alle mit Vorliebe in das religiöse oder (wie die Freimaurer) in das politische Mäntelchen; heute ist das wissenschaftliche modern.

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