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Der Graf Cagliostro – Heinrich Conrad

Bei meinen Arbeiten zur Neuherausgabe der Selbstbiographie und Briefe Elisas von der Recke, die gleichzeitig bei Robert Lutz in Stuttgart unter dem Titel »Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau« erscheinen werden, bin ich naturgemäß immer wieder auf Cagliostro gestoßen, der im Leben der Frau von der Recke einst eine so bedeutende Rolle gespielt hat. Dieser Anregung verdankt das vorliegende Buch seine Entstehung: mit ständig wachsendem Interesse durchflog ich die wichtigste Literatur über den berüchtigten Wundermann, der sein Schwindlerdasein so ganz auf die Leichtgläubigkeit und Torheit der Menschen gegründet hatte, und zwar in einer solch großartigen Weise und mit solch ungeheurem Erfolg, wie kein abenteuernder Betrüger je vor ihm oder nach ihm bis auf den heutigen Tag. Ist demnach die Geschichte des Cagliostro an sich schon reich genug an fesselnden Einblicken in Zeitverhältnisse, die trotz aller gerade damals betriebener Aufklärung es ermöglichten, daß insbesondere die Gebildeten zu Opfern des Betrügers wurden, so scheint mir der Lebensgang des theosophischen Mysterien-Schwindlers für unsere Gegenwart noch von ganz besonderem »aktuellem« Reize zu sein. Die in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts über Cagliostro erschienenen Bücher betonen nämlich immer wieder, daß in unserem nun wirklich aufgeklärten Zeitalter eine Erscheinung wie der Graf Cagliostro natürlich unmöglich sei – und gerade das dünkt mich fraglich! Freilich: eine einfache Kopie Cagliostros, seine alchimistischen Schnurrpfeifereien [Ausgestorben sind die alchimistischen Schwindler nicht und sie werden stets da sein, solange es noch Menschen gibt, die sich durch die sacra auri fames verblenden lassen. Nur die Methoden unserer modernen Goldmacher sind andere geworden: statt mit Tiegeln und Retorten »arbeiten« sie mit Gründungen, Patenten und Versprechung ungewöhnlich hoher Zinsen im Stile der Adele Spitzeder (Dachauer Banken), und es ist erstaunlich, wie viele Gimpel immer wieder mit dem alten Schwindel ungewöhnlich hoher Gewinnaussichten gefangen werden. Ich erinnere auch an jenen Goldmacher, der u. a. mehrere deutsche Bundesfürsten vor wenigen Jahren mit seinem Projekt, den Goldstaub der ägyptischen Sandwüsten durch Auswaschen zu gewinnen, um viele Millionen betrogen hat.] und dergleichen grober Schwindel würden heutigentages wohl nicht möglich sein, aber ich bin überzeugt, daß unter ähnlichen Zeitumständen immer auch einander ähnliche Dinge in die Erscheinung treten, in ewiger Wiederholung bis ans Ende der Menschheit: verschieden in der Form, in der sie sich äußern, in ihrem Wesen dagegen gleich oder doch aufs nächste miteinander verwandt. Ein Cagliostro ist nur möglich gewesen zu einer Zeit, die durch den Mystizismus, die Theosophie und den Spiritismus eines Swedenborg, Gassner, Mesmer und Schrepfer aufs glücklichste für ihn vorbereitet war; Cagliostro war der, ich möchte sagen notwendige Abschluß einer aufs Übersinnliche, auf das Okkulte gerichteten Epoche. Wenn aber nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir augenblicklich schon weit in den Anfängen eines gleichfalls auf das Mystische, Übersinnliche hinstrebenden Zeitgeistes, der schon vor dem Kriege sich mit seinen teilweise aus dem Orient hergeholten Lehren bemerkbar machte und inzwischen durch die allgemeine, tiefe Seelennot der Kriegszeit, besonders die Trauer über den Verlust innigst geliebter Mitmenschen, eine starke Förderung erfuhr. Es ist gar nicht zu verkennen, daß der Krieg bereits die verschiedensten Formen des Okkultismus und Mystizismus gezeitigt hat, [Angefangen hat es gleich mit den Amuletten unserer Frontsoldaten, mit ihren »sicheren« Ahnungen und Vorzeichen eines nahen Todes oder umgekehrt mit ihrem »inneren Bewußtsein«: Heute trif t mich keine Kugel, und verwandten Dingen. Es folgte dann, sehr charakteristisch, die Unzahl von Weissagungen über den Ausgang des Krieges, die, wenn sie auch von den wenigsten im strengen Sinn des Wortes geglaubt wurden, doch selbst unserer sonst ernst zu nehmenden Presse beachtlich genug erschienen, um von ihr weitergegeben zu werden.] und so der Boden vorbereitet wird, aus dem heraus unser Cagliostro, d. h. der für uns zeitgemäße Schwindelmystiker wahrscheinlich erstehen wird: der Mann, der die sehnsüchtige und daher besonders leichtgläubige Menschheit geschickt zu nehmen und auszuplündern versteht. Okkulte Hellseher werden kommen, ehrliche Narren, wie sie auch einem Cagliostro vorausgingen, und ihnen folgen dann die hellseherischen Dunkelmänner mit dem sicheren Blick für die Konjunktur und fürs Geschäft. Gewaltige Umsätze werden gemacht werden, viele, viele Schäfchen werden geschoren werden, und unter der ethischen Firma »Liebet euch untereinander« werden Konventikel entstehen, in denen man sich – liebt untereinander. Man werfe mir nicht ein, daß ich ja selber jetzt unter die »Weissager« gegangen sei! Wer aus früheren Zeiten die Verirrungen des menschlichen Geistes kennt, die oft so weit ins Pathologische hineinreichen, wer da weiß, wie solche Verirrungen ansteckend wirken und zu Epidemien anschwellen, und wer zugleich mit klarem Kopfe den Hang (vorläufig noch) kleiner Volksteile zum Mystizismus und Okkultismus bei uns beobachtet, und die aus alledem sich ergebenden Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten ins Auge faßt – der wird mich verstehen. Ihm wird es auch nicht entgangen sein, daß neben der Hinneigung zum eigentlichen Okkultismus unsere Zeit, vielleicht als Reaktion gegen den grausigen Intellektualismus der Maschinengewehre und Riesenkanonen, eine klar erkennbare Abwendung von allem Intellektuellen hinweg zum Gefühlsmäßigen, Unbegriffenen und Unbegreiflichen zeigt. In den verschiedensten Künsten bricht eine ausgesprochen anti-verstandliche Richtung hervor, die das Begriffliche mit Nachdruck verleugnet: die »gegenstandslose« Malerei und Graphik; etwas Verwandtes in der Dichtung: der Dadaismus, und auch in der Musik etwas Ähnliches. Diese wendet sich freilich überhaupt nicht an den Intellekt, aber es ist immerhin kennzeichnend, daß Musikverständige von gewissen allerneuesten Kompositionen sagen, daß man sich »dabei nichts mehr denken könne«. Wo aber der Verstand grundsätzlich verleugnet wird und nur das Unbegreifliche gilt, da wird stets auch der Schwindel geglaubt, und alle Herzen und Köpfe stehen ihm um so weiter offen, je dreister und verstandeswidriger er auftritt. Ist es doch beispielsweise oft schwer, in einem Saale voll gegenstandsloser Kunst sicher zu unterscheiden, wo ein ehrliches, wenn auch höchst unverständliches Schaffen vorliegt, und wo der platte, bewußte Schwindel an der Wand hängt. Die Anhänger und Verehrer der neuen Kunstrichtung aber bewundern, wie sich jeder überzeugen kann, neben dem Echten ebenso auch den offensichtlichsten Irrsinn und Humbug unterschiedslos durcheinander »wie Mausdreck und Coriander«.


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