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Das Leben Albrecht Dürers – Willy Pastor

Die Weltuhr ging auf fünfzehnhundert. Über Deutschlands heiligem Boden lag prangende Sonne. Kathedralen funkelten in ihrem Licht, hoch gen Himmel ragende Bauten, derengleichen die Menschheit nie vordem gesehen. Welch ein Stil der Pracht und des Stolzes! Im endlosen Gefolge seiner Bildnereien und prunkvollen Formen stand solch ein Dom wie ein Fürst inmitten eines Triumphzugs. Glanz strahlte er aus, und Glanz empfing, was in seiner Nähe wurde. Der Brunnen am Marktplatz, sprudelnd in Formenreichtum, er selbst eine steinerne oder erzene Wasserkunst, das Rathaus dahinter, Kaufhallen, Gewandhäuser, Gildeheime, hoch gegiebelt sie alle, und bis in die schmalsten Gassen hinein Patrizierbauten mit Wappenschildern und Erkern, geschnitztem Gebälk und blitzenden Scheiben: so lag die deutsche Stadt in jenem Jahrhundert der Erwartung. Vom Hochland zur Küste war es das gleiche Bild. Im ganzen Deutschland gab es keinen Gau, wo nicht behaglich sich sonnende Städte die Landschaft lichter machten. Im Norden war es die Hansa, von England bis ins Russische hinüberlangend in einer einzigen gestreckten Front, die der deutschen Kultur Vormacht und Stützpunkt war. Von allen Städtern damals hatten die Hanseaten vielleicht den weitesten Blick. Seeluft fegte durch ihre meisten Städte. Noch immer hat der Horizont des Meers den Menschen ein freieres Denken, Ausdauer und Kühnheit verliehen. Wie offenen Sinnes der Städter in Meeresnähe damals für die stummen Lehren des Urelementes war, das kündet seine Art zu bauen und zu wohnen. Ob wir an Brügge denken oder die Deutschenkolonie zu Bergen, an Lübeck oder Wisby oder Danzig – es sind die nämlichen hochragenden Werke, und alle reden sie die gleiche Sprache eines deutschen Jahrhunderts. Da ist ferner der germanische Osten, das Amerika der damaligen Welt. In unabsehbaren Zügen hatten sich einst, die »gen Oistland« ritten, aufgemacht, um das einer fremden Rasse verfallene Land wieder dem Deutschtum zu erstreiten. Wehrhafte Burgen hatten sie angelegt, stattliche Kirchen, und ihre Mauern und ihre Gesinnung waren ein Deich vor jeder Brandung. Das Land war gefestet, war deutscher Anbau geworden, ein fruchtbarer Boden für sonnendurchflutete Städte. Und sie blühten empor und ließen den Reichtum gedeihen, daß es in ihnen gar »vrolyk to lewen« war. Glanz und Macht und aufrechter Stolz auch hier. Und wie erst steigert sich all das Schöne und Herrliche, wenn wir, dem Lauf des königlichen Stromes folgend, rheinauf die deu Dürers Wohnhaus in Nürnberg tschen Lande überfliegen! So viel Städtenamen, so viel der hehrsten deutschen Erinnerungen werden wach im bloßen Klang. Vollends ins Unermessene steigert es sich im Lande der Franken, dem alten Kronland deutscher Geschichte. Alles strömt hier in eins, aus vergangenen Zeiten und entlegenen Weiten. Die alte Kaiserherrlichkeit hat ihr Wort mitgeredet beim Aufbau dieser Stadtgebilde, und ihre Sprache ist noch wohl vernehmlich inmitten des anderen. Wie in einem kunstgerechten Liede fügen sich verschiedene Stimmen zu einer einheitlichen Weise und geben ihr einen volleren Klang.


Das ist es, was den Städten Mittel- und Oberdeutschlands ein Übergewicht schafft über die anderen. Ein reicheres Leben drängt sich in ihnen. Ihrer gedenken wir am ersten, wenn das Zauberwort von der alten deutschen Stadt erklingt, ein Wort, von dem einst Fichte sagte, daß ihm die Kraft gegeben sei, den deutschen Geist zu heben. An welche aber unter ihnen allen sollen wir uns halten, wenn wir es nun wagen, die Fülle der Gesichte klarer zu erfassen? Wir suchen nach einem einzelnen Städtebild, einem bestimmten Bezirk, und ein Name klingt auf, der über alle Namen deutscher Städte ist: »Wie friedsam treuer Sitten, getrost in Tat und Werk, liegt nicht in Deutschlands Mitten mein liebes Nürenberg!« Nürnberg: wir heute sehen es gern durchs Ohr, erfüllt mit Orgelklang und Meistersang, Lehrbubengeschrei und minniglichen Liedern. Richard Wagner hat uns das gegeben, und sein Geschenk hat uns allesamt reicher gemacht. Wir wollen es in Ehren halten, wollen darüber aber doch jenes andere Nürnberg nicht Vergessen, das nur dem Auge sich ganz gibt. Königlich ist es gelagert. Auf Felsenhöhe die alte Burg; wie ein Adler mit scharfen Fängen den Stein umklammernd, und wie ein Adler Auslug haltend übers Land. Drunten die herrlichen Kirchen. Sankt Sebald, schwer und wuchtig gleich einem Gotteswort; Sankt Lorenz mit dem Sonnenauge seines Rosenfensters; die Kirche unserer Frauen, von Bildwerk umsponnen wie von wucherndem Efeu. Und zwischen dein viel stolzen Prachtgebäuden das Gewimmel der Häuser. Die Gassen ein ganzes Flußnetz für sich; die Plätze, in die sie münden, voll prächtigen Schmucks. Wenn es das Zeichen eines guten Künstlers ist, daß er »inwendig voller Figur« sei, dann ist auch Nürnberg eines dieser auserlesenen Wesen, die Königin der Städte – die deutsche Stadt selbst. 2 »Weißt du, wie das ward?« Die Frage der Norne raunt uns im Ohr. Die Stadt des späten Mittelalters hat Sonne gebracht in die Lande Mitteleuropas. Wir wissen, das ist ihr nicht leicht geworden. In harter Arbeit wollte errungen sein, was in seiner Vollendung wie ein Geschenk des Himmels anzuschauen ist. Wie ist diese Arbeit verlaufen? Wie haben Geschlechter und Zeiten, kommend und gehend, einander in die Hände gearbeitet, bis alles dann vollendet stand? Vor demAuge unseres Geistes versinken die Jahrhunderte. Wie sie fallen, eins um das andere, wird das heimatliche Bild uns immer märchenfremder. Das Land der Städte wird zum schattendüsteren Germanien, und dieses wandelt sich in nordisch rauhes Urland. Als ob es noch zu leiden hätte unter den Nachwehen einer Sintflut, so trüb sind seine Breiten hingelagert. Wildere Ströme wirbelten dem Meer entgegen, zwischen weiteren Ufern. Das Gewölk war drohender, und reichlicher ergoß sich aus ihm das Gewässer. Doch Urwald und Ursumpf und endlose Moore wehrten dem Regen den Weg. Der ganze Kreislauf der Wasser war anderer Art.

Schwerer lösten sich die Nebel, seltener teilten sich die Wolken und gaben den Himmelsanblick frei. Diese langen und bangen Zeiten, in denen der Mensch nur wie zu Gaste war in einer für ihn noch nicht bereiteten Umwelt, sie sind es, die uns die Grundlagen all unseres Denkens und Weltanschauens gaben. Damals geschah es, daß wir die Sonne lieben lernten, daß wir in ihrer Verehrung den ruhenden Punkt gewannen für unsere Geisteswelt. Erst der Leidende weiß das gesunde Glied zu schätzen. Nie hätten die Völker lichterer Himmelsstriche, des steten Anblicks der Sonne gewohnt, so ihrer achten können, wie es denen im sonnenarmen Nebelheim des Nordens eingegeben ward. Sie verfolgten die Bahnen des himmlischen Gestirns in Tag- und Jahreslauf, erfanden steinerne Jahressonnenuhren, die Wiederkehr bestimmter Tage zu sichten, der Zeit ein erstes Maß zu geben. All ihre Gedanken über den Menschen hinaus gingen aus von der Sonne, kehrten wieder zu ihr. Wie in ihrem Leben selbst und ihrem Schaffen, so auch war in ihrem Sinnen und Grübeln die Sonne das einzig Gewisse, das seine festen Bahnen ging durch den brauenden Wirrwarr einer dämmernd chaotischen Welt. Wie der nordische Mensch seine Sehnsucht Willen werden ließ und Tat, wie er sich den Weg frei machte zur Sonne, wie er den Teufelsspuk zu seinen Häupten bannte: das ist der Inhalt unserer ersten Geschichte. – Der Mensch, so sagen die Weisen, ist ein geologisches Tier. Geologische Tiere, das sind jene Wesen, die mit ihrer Arbeit das Bild einer ganzen naturgegebenen Landschaft ändern können. Die Korallen schaffen geologische Arbeit, wenn sie, Schicht um Schicht ablagernd, einen weiten Atollring über den Meeresspiegel heben. Die Termiten tun ein gleiches, wenn sie ihre zerklüfteten Steinkegel langsam hochtreiben, denn auch damit geben sie dem Bild der Landschaft einen neuen Zug. Vom schlichten Ameisenhügel bis zum Aufbau ganzer Dolomitengebirge gibt es der Abstufungen unendlich viele, die das geologische Tier bei der Arbeit zeigen. Gemeinsam aber ist allen die eine Fähigkeit, daß sie ein Wort mitreden können bei der Gestaltung der Landschaft. Ein geologisches Tier, das also ist auch der Mensch; und unter allen, die gewesen sind, hat er die tüchtigste Arbeit geleistet. In wenig Jahrtausenden hat er der gesamten von ihm bewohnten Erde ein neues Aussehen geschaffen, und hat so einen neuen Stern am Himmel aufgehen heißen: den Stern des Menschen. Man denkt wohl, indem man so spricht, zumeist an mächtige Erd- und Steinarbeiten; Werke, die hier Gebirge ebneten, dort Täler füllten. Mit Pyramiden und hängenden Gärten richteten wir uns ein nach eigenem Willen in der uns zugewiesenen Landschaft. In Deichen hielten wir der Sturmflut einen Schild entgegen, zwangen in graden Kanälen und einem anders geregelten Stromlauf die Binnenwässer Wege zu gehen, die uns gemäß sind. Faustisch groß ist all dieses. Und dennoch, was will es bedeuten verglichen mit dem, was der nordische Mensch geleistet hat! Sein Werk blieb nicht haften am Boden. Er hat es vermocht, den Lauf der Wolken selbst zu verändern, hat sich einen Weg geschaffen zur nebelgebundenen Sonne.

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