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Besonnte Vergangenheit – Carl Ludwig Schleich

In der alten Oderstadt Stettin, am 19. Juli 1859 mittags um 12 Uhr, an einem Sonntage, soll ich das Licht der Welt unter mächtigem und nachhaltigem Sträuben gegen meine Existenz erblickt und den Eintritt in dies Tal der Tränen, wie ich gestehe, völlig unbewußt vollzogen haben. Ich habe entsetzlich geschrien, und ich weiß mich des Grundes meines ausfälligen Unbehagens wirklich nicht mehr zu entsinnen. Ich habe nur einen einzigen, aber wirklich zuverlässigen Zeugen für die Geschehnisse im Beginn meiner Lebensbahn, dessen Aussagen zu bezweifeln ich ein ganzes Leben hindurch keinen Grund gefunden habe – meine Mutter. Sie hat die Sache so dargestellt, als habe ich mich von Beginn an höchst undankbar gegen das Lebensgeschenk und seine Spender benommen, zumal ich mit viel größerer Freude und Genugtuung begrüßt worden sei als meine beiden Vorläufer, meine Schwestern Anna und Käthe. Ja, in gewisser Weise war ich für meine Mutter sogar eine Art Erlösung und Entsühnung. Mein Großvater Schleich war nämlich so grausam, meine arme Mutter seit der Geburt meiner Schwestern kaum noch anzusehen; er verachtete sie, weil sie ja doch »nur Mädchen« zur Welt bringen könne. Diese Ungnade, in welche meine Erzeugerin, glaube ich, völlig schuldlos gefallen war, hob ich mit meinem Erscheinen glücklicherweise auf; ich gestehe aber, daß auch alle meine späteren, hier und da gerühmten Freudebereitungen sich im Grunde genau so unbewußt und verdienstlos, gewissermaßen automatisch, vollzogen haben wie diese erste. Was ist das aber eigentlich für eine barbarische Handlungsweise, einer Schwiegertochter seine väterliche Gunst so lange vorzuenthalten, bis sie einen Jungen zur Welt gebracht hat? Hat die ganze Welt, Mann und Frau, wirklich die stillschweigende Überzeugung von der höheren Wertigkeit des Männlichen? Meldet sich schon so früh die Sorge um ein rechtzeitiges Ringelein? Oder soll durchaus der Familienname erhalten bleiben? Genug, ich persönlich muß es also als einen hohen Glücksfall betrachten, daß ich ein Knabe war, als ich ventre à terre (Zeugnis meiner Mutter und meiner Hebamme – mein Vater hatte sich angeblich anderer Berufspflichten wegen der Zeugenschaft entzogen) zur Welt kam, nur um zu versuchen, sie sofort unter Protest mit Händen und Füßen wieder von mir zu stoßen. Sie erwies sich als die stärkere von uns beiden. Und so blieb ich auf ihr zurück, wenngleich ich in meiner Jugend später noch vielfach alle möglichen Versuche machte, mich ihr auf dem Wege recht zahlreicher Kinderkrankheiten wieder stillschweigend zu entziehen. Meine Kronzeugin sagt aus, ich sei eigentlich immer krank und darum ein sehr schwächliches und zartes Kind gewesen bis zu den Flegeljahren, von wo ab es sich merkwürdigerweise rapide mit mir gebessert habe. Wie dauerhaft kann ein Organismus werden, der anfangs gleichsam nur mit Treibhauspflege zu einer gewissen Bodenständigkeit heraufgepäppelt werden muß. Denn ich habe eine zweite Kronzeugin, meine Gattin, dafür, daß ich schließlich als mit einer Bombennatur begnadet mich erwiesen habe. Ich nehme an, daß hier die Mutterliebe, allerdings in starker Konkurrenz mit der meiner alten Pflegerin aus unserem Heimatsdorf mütterlicherseits auf der Insel Wollin, die 13 Jahre meine Beschützerin gewesen ist (Berta Gehm hieß die Gute), dafür das meiste getan hat. Sicher kann die Mutterliebe außerordentlich dazu beitragen, die Konstruktionsfehler der Anlagen solcher gepäppelten kleinen Maschinchen zu kompensieren. Freilich war ich ihr Sorgenkind und bin es leider auch bis in ihr sehr hohes Alter geblieben. Sie wurde 86 Jahre alt. Wie vieles muß ich ihr jetzt abbitten, wenn ich hinauswandle auf den Kirchhof zu Stahnsdorf bei Wannsee zu ihrem Grabe, um immer den gleichen bekümmerten Schmerz vor dem Blumenhügel zu empfinden, wie alle Grabbesucher, nicht darüber allein so sehr, daß die Lieben nicht mehr sind, als vor allem darüber, daß noch keiner den Geschiedenen so viel Gutes getan hat, als sie es um uns verdienten. Erst wenn man jemand verloren hat, fühlt man ganz deutlich, wieviel an Liebestaten man versäumte. Meine Familie stammt letzten Endes aus Bayern. Laut Mitteilung meines Vaters wanderte im 17. Jahrhundert ein merkwürdigerweise protestantischer Pfarrer, Christian Schleich, aus München nach Freienwalde an der Oder aus. Wir pommerschen Schleichs, seine Nachkommen, sind also mit den Münchener Malern Schleich verwandt, was mich angesichts der hohen Künstlerschaft eines Eduard, Ernst und Robert Schleich mit Stolz erfüllt, auch erklärt, warum das Malen- und Zeichnenmüssen mir und meinem Bruder, vor allem meinem Onkel Hans Schleich, dem bekannten, sehr bedeutenden Seemaler und Landschafter, im Blute steckte. Die pommerschen Schleichs kamen dann in die Umgegend Stettins.


Um 1780 herum gab es eine berühmte Kornspeicherei von »Goldammer und Schleich« bei Stettin, die einer meiner Vorfahren begründet hatte. Noch heute gibt es einen Volksliedvers, der darauf hindeutet. Er lautet: Jo! Wer da wohnt up de Wyk (Vorstadt von Stettin), De is so rik As »Goldammer und Shlyk« (Schleich). Dieser kaufmännische Sinn muß vollständig verkümmert sein. Mütterlicherseits sind wir ganz reine Niedersachsen. Die Familie Küster stammt aus Mecklenburg, der älteste aufspürbare Sohn war ein Dorfschulmeister in Malchin. Die folgenden Vorfahren mütterlicherseits waren Bauern, Fischer, Ansiedler um das Stettiner Haff und auf der Insel Wollin. Die Familie meiner mütterlichen Großmutter, Haushalter, war lange in der Stadt Wollin, in deren Umgebung die alte Stadt Vineta versunken sein soll, ansässig. Eine richtige Bürgermeisterfamilie. Ehe ich mich an den Versuch, mein Elternhaus zu schildern, heranwage, möchte ich einiges über meine alte Vaterstadt selbst berichten, wie ja auch zu einer richtigen Naturbeschreibung eines Vogels zunächst der Baum oder Strauch gehört, auf dem er nistet, bevor die Struktur des Nestes erörtert zu werden pflegt. Aus Bau und Art beider kann manches auf die Lebensweise des Erbrüteten erschlossen werden.

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