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Aus einem Flüchtlingsleben 1833-39 – Claire von Glümer

Die meisten meiner Altersgenossen sehen in ihrer Kindheit und Jugend die letzten Tage der sagenhaften „guten alten Zeit“; mir zeigen meine Erinnerungen an die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, im Schicksal meiner Eltern ein trübes Bild der damaligen Zustande. Die Demagogen-Verfolgungen waren im vollen Gange. Wer sich liberaler Ansichten verdächtig machte, wurde durch polizeiliche Ueberwachung, Haussuchungen und Beschlagnahme vorgefundener Papiere gemaßregelt; wer solche Ansichten öffentlich aussprach, durch Gefangenschaft oder Landesverweisung bestraft. Zuweilen — wie Fritz Reuters Jugenderlebnisse beweisen — genügte das Vergehen, als Student der Burschenschaft angehört zu haben, um jahrelange Haft erdulden zu müssen. Auch mein Vater war Burschenschafter gewesen, hatte sich fort und fort für die politischen Verhältnisse Deutschlands lebhaft interessiert und konnte endlich dem Drange nicht widerstehen, als Mitarbeiter liberaler Zeitungen für die Ideale seiner Jugend einzutreten. Drei Jahre lang zog ihm diese Tätigkeit im Vaterlande schwere Verfolgungen zu; dann ging er, um seine persönliche Freiheit zu wahren, mit Frau und Kindern als Flüchtling in die Fremde. Unser Flüchtlingsleben, dessen Leiden und Entbehrungen mir ebenso unvergeßlich geblieben sind, wie seine schönen, interessanten Eindrücke, bildet — ergänzt durch Briefe der Mutter und Aufzeichnungen des Vaters — den Hauptinhalt dieses Buches. Ehe ich von den Schicksalen meiner Eltern erzähle, möchte ich in Kürze den Boden schildern, dem sie entstammen, die Familieneinflüße und Zeitverhältnisse, die für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit von Bedeutung gewesen sind. Einer Sage nach sollen die Vorfahren des braunschweigschen Patriziergeschlechts der Glümer aus Island stammen; von dort nach Dänemark übersiedelt, endlich durch drohenden Krieg nach Deutschland getrieben sein. Ob dafür noch Beweise gefunden werden können, ist fraglich, denn zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde durch eine Feuersbrunst ein Teil des Familienarchivs vernichtet. Die geretteten Dokumente, die bis 1390, auf Bode Glümer und seine Ehefrau, Hanneke Stapelin, zurückweisen, führen den Stammbaum ohne Unterbrechung, mit häufiger Wiederkehr der Vornamen Bode und Wedde — später Bodo und Weddo — bis in unsre Tage. Von 1476 bis 1599 waren vier Glümer, drei Bode und ein Wedde, Bürgermeister der Stadt Braunschweig. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Familie Glümer für damalige Verhältnisse reich genannt. Ihre Einkünfte, teils Pachtgelder, teils Naturallieferungen lehnspflichtiger Bauern, waren bedeutend. Im Kirchdorfe Beierstedt besaßen sie einen Meierhof und in der Landeshauptstadt auf der Breitenstraße ein ansehnliches Haus mit wohlgefüllten Schränken und Truhen. Als 1760 mein Urgroßvater, Friedrich Conrad, heiratete, war er der letzte Träger seines Namens. Warum er aus Braunschweig nach Wolfenbüttel übersiedelte, weiß ich nicht; ebensowenig warum von seinen vier Söhnen nur der Zweite — August Weddo, mein Großvater — der braunschweigschen Heimat treu geblieben ist. Der älteste Bruder, der wie sein Vater, Friedrich Conrad hieß, ging in preußische Kriegsdienste, blieb unverheiratet und starb als Hauptmann 1811 in Berlin. Der dritte Sohn, Christian Ludwig — im Familienkreise Louis genannt — trat anfangs wie mein Großvater, in seines Landesherrn, Herzog Carl Wilhelm Ferdinands Infanterie-Regiment „Prinz Friedrich“, ging später aber ebenfalls in preußische Dienste. Der jüngste der vier Brüder, Gottlieb Friedrich Paul, studierte die Rechte und ist 1837 als Präsident des Landgerichts zu Coblenz gestorben. Das Regiment „Prinz Friedrich“ in dem mein Großvater als Leutnant, sein Bruder Louis als Fähnrich diente, gehörte zu dem Corps, das Herzog Carl Wilhelm Ferdinand, wie es die Sitte der Zeit erlaubte, einer fremden Macht, den Holländern, in Sold gab. Es hatte die Besatzung der Festung Maestricht zu verstärken, die ein heranziehendes Heer der französischen Republik bedrohte. Zur wirklichen Verteidigung kam es jedoch erst im Februar 1793.


Nach vierwöchentlichen heftigen Angriffen mußte der Feind die Belagerung vorläufig aufgeben. — Aber als im folgenden Jahre der Herzog von Braunschweig seine Landeskinder zurück gerufen hatte, fiel Maestricht in die Hände der Franzosen. Kurz nach der Rückkehr der beiden langentbehrten Söhne wurde mein Urgroßvater durch einen Schlagfluß seiner Familie entrissen. Er war ein sorgsamer Hausvater gewesen, hatte sein Vermögen in musterhafter Ordnung, seine neun Kinder in strenger Zucht gehalten. Aber nach seinem Tode wurde der ererbte Wohlstand von den vier Söhnen in Jugendübermut genossen und bedeutend geschmälert. Die fünf Töchter dagegen — Jette, Jule, Christel, Nette und Louise — hatten sich nach wie vor strenger Sparsamkeit zu befleißigen. Jede von ihnen bekam, so lange sie ledig blieb, nach LehnsSatzung und Brauch, eine jährliche „Kompetenz von 60 Talern“ — sage sechzig Talern Konventionsmünze, um davon standesgemäß zu leben. — Wenn sie heiratete, hatte sie Anspruch auf 500 Taler zur Aussteuer, aber die Jahrrente erlosch. — Auch ein Stückchen „gute alte Zeit“! Zu Anfang des Jahres 1795 wurde das Regiment „Prinz Friedrich“ abermals einer fremden Macht — diesmal England — in Sold gegeben. Es vereinigte sich mit der Armee, die an den Grenzen von Holland und Westfalen dem französischen General Moreau gegenüber stand. — Das braunschweigsche Corps kantonierte bis zum Herbst, mißgestimmt durch Entbehrungen aller Art, in der Umgegend von Osnabrück, und kehrte heim, ohne ins Feuer gekommen zu sein. Bald nach dieser Heimkehr nahmen die Brüder Weddo und Louis ihren Abschied aus dem braunschweigschen Kriegsdienst. Louis trat als Leutnant in das preußische Infanterie-Regiment von Favrat; Weddo, der als Hauptmann entlassen wurde, verheiratete sich mit Caroline Nesbitt, Tochter eines englischen Obersten, und lebte einige Jahre als Privatmann in Braunschweig, wo ihm als erstes Kind mein Vater geboren wurde. Später zog mein Großvater — wohl aus Sparsamkeitsrücksichten — nach dem freundlichen Landstädtchen Schöppenstedt. Hier kam er in Verkehr mit der Familie des Superintendenten Spohr, dessen fünfjähriges Töchterchen die Spielgefährtin seines im gleichen Alter stehenden Söhnchens, und zwanzig Jahre später seine Schwiegertochter wurde. Sie hieß Charlotte und war das einzige Kind aus ihres Vaters zweiter Ehe. Seine erste Frau hatte ihm vier Söhne und drei Töchter geschenkt, die alle erwachsen waren, als das Stiefschwesterchen zur Welt kam. Das hübsche, kluge, lebhafte Kind mit den herrlichen braunen Augen war der Liebling der ganzen Familie. Nach dem frühen Tode ihrer Mutter wurde sie von Wilhelmine, der jüngsten Stiefschwester, die noch im Hause des Vaters lebte, sorgsam gepflegt und erzogen; von den Brüdern, wenn sie zu Fest- und Ferienzeiten zum Besuch kamen, geneckt und verzogen, und für den Mangel kleiner Geschwister durch ihre Nichte Amalie entschädigt. Diese Nichte, das einzige Kind der zweiten, mit dem Landkommissar und Advokaten Fricke in Schöppenstedt verheirateten Tochter des Superintendenten Spohr, war zwei Jahre älter als Tante Lotte. Zum Glück für die kleinen Mädchen lag das Frickesche Haus der Pfarre so nah, daß sie fast immer zusammen sein konnten, wie Schwestern mit einander aufwuchsen, sich zärtlich liebten — und so verschieden sich ihr späteres Leben gestaltete — bis zum Tode meiner Mutter in unwandelbarer Freundschaft verbunden blieben. Zu diesen Beiden gesellte sich, wie schon gesagt, als Tante Lotte fünf Jahr alt war, der kleine Carl Glümer. Die drei Kinder vertrugen sich auf’s beste; spielten bei gutem Wetter zwischen den Stachelbeerbüschen und Gemüsebeeten des Pfarrgartens; bei schlechtem Wetter, wenn Lottens Vater ihr Toben vor der Tür seines Studierzimmers nicht dulden wollte, im weiten Flur des Fricke’schen Hauses, wo es hinter Schränken und Truhen so köstlich-unheimliche Winkel gab. Wurden sie durch Kälte oder Dunkelheit ins Zimmer gebannt, so war ihre liebste Unterhaltung, Geschichten oder Märchen erzählen zu hören, nachzuerzählen und — als sie größer wurden — selbst zu erfinden. Das taten freilich nur die kleinen Mädchen.

Carl war dankbares Publikum.

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