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Adalbert Stifter – Hermann Bahr

In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1868 griff der kranke Hofrat Stifter, sinnlos vor Schmerz, nach dem Rasiermesser auf dem Nachtkästchen und schnitt sich den Hals durch. In Eile geholt, kam sein alter Freund, der Domherr Josef Schropp, aus der nahen Pfarrkirche gerade noch zurecht, um ihm das Sakrament zu spenden. Bevor es tagte, hatte der edle Mann ausgelitten. Am 30. Januar ist er mit allen einem Hofrat, dem verdienten Schulmann, dem vaterländischen Dichter schuldigen Ehren begraben worden. Die Meisten in dem Leichenzug hatten ihn nur noch als kränkelnden, verärgerten, schon etwas wunderlichen alten Herrn gekannt, den man morgens in Holzschuhen an der Donau sein Hündchen äußerln führen und am Nachmittag bei schönem Wetter sich über den Freinberg bemühen sah. Manche wussten auch, dass er sich als Kaktuszüchter einen Namen gemacht hatte. Die paar Linzer Schöngeister aber waren ihm in den letzten Jahren eher ausgewichen: er hörte sich gar zu gern reden, sprach unerträglich breit und fand kein Ende. Auch war er eines sträflichen Hochmuts gegen die Stadt verdächtig: er habe sich hier „wie in einem Kerker 1“ gefühlt, mit Kepler verglichen, der auch einst in Linz „gequält 2“ worden war, und oft beklagt, für die Linzer bloß ein „Seifensieder 3“ zu sein. Nur die älteren Leute in dem Zug mochten sich erinnern, dass er in ihrer Jugend einst ein berühmter Dichter gewesen, vor vielen Jahren, noch vor Achtundvierzig: sehr schnell war er damals berühmt geworden, aber er hatte die hohen Erwartungen dann nicht erfüllt, es hieß allgemein, dass seine späteren Sachen zu langweilig sind; und er war halt auch, wie’s schon geht, aus der Mode gekommen. Auch die Frau Hofrätin erfreute sich keiner großen Beliebtheit in der Stadt; man hat nirgends Menschen gern, die sich einbilden, was Besonderes zu sein. Ob hinter dem Sarg damals aber auch nur einer mitging, der die Bedeutung des Dichters, seine menschliche Würde, die bildende Kraft seines hohen Werkes auch nur ahnte, das ist unbekannt. Wahrscheinlich ist es nicht. Nur ein tauber alter Herr in der Spiegelgasse zu Wien und der aufrechte Zecher in Vöcklabruck, dieser „Kirschbaum in ewiger Blüh“, die zwei, Grillparzer und Stelzhamer, wussten schon, wer an jenem Tag beigesetzt worden war. Wir aber wissen es heute noch nicht, fünfzig Jahre nach seinem Tod noch nicht. Neun Jahre nach Stifters Tod wurden mir, „dem Schüler der vierten Klasse des k. k. Gymnasiums in Linz als erstes Prämium“ von dem Direktor J. La Roche, einem durch seinen Kommentar zur „Ilias“ bekannten, immer einen langen Tschibuk rauchenden Neffen des Schauspielers, feierlich die „Studien“ überreicht, in der Ausgabe Heckenasts mit den wunderschönen Stichen Josef Axmanns (der nicht einmal in Meyers Konversationslexikon steht) nach Peter Johann Nepomuk Geiger (den der kleine Brockhaus unterschlägt). Ich las sie zunächst kaum, der ahnungsvolle Knabe misstraute „Schriftstellern für die Jugend“. Und als mir zwei Jahre später mein guter Vater, einen heißen Wunsch erfüllend, zu Weihnachten eine „Deutsche Literaturgeschichte“ gab, die damals sehr angesehene von Robert König, fand ich den Verdacht, dass mit diesem Stifter wohl nicht viel los sei, bestätigt. Ich las da: „Einen vorübergehend großen Erfolg hatte der österreichische Dichter Adalbert Stifter (1805 in Oberplan am Böhmer Walde geboren, 1868 in Linz gestorben), dessen ,Studien‘ der rasch fortschreitenden Handlung zwar entbehren, aber mit liebendem Eingehen die Natur und die Welt des Gemütes gleich meisterhaft schildern und den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen beiden feinsinnig darlegen. Novellen, wie der ,Hochwald‘, der ,Hagestolz‘, auch ‚Aus der Mappe meines Urgroßvaters‘, sind anmutige Dichtungen, zu denen man von den hochspannenden Erzeugnissen so mancher anderer Dichter immer gern zurückkehrt.


“ Nichts weiter! Sieben Zeilen. Unmittelbar vorher aber eine ganze Seite über Paul Heyse. Und der Übergang von Heyse zu Stifter mit den Worten: „Nur wenige Dichter der Neuzeit haben die Novelle zu gleicher künstlerischer Vollendung gebracht wie Heyse. Es dürfen aber neben ihm doch manche mit Ehren genannt werden.“ Und als einer, der „neben“ Heyse „doch“ genannt werden darf, folgt unter „manchen“ auch Stifter. Und natürlich bloß als Novellist. Über den „Nachsommer“, unseren österreichischen Wilhelm Meister, kein Wort und kein Wort über „Witiko“, den einzigen Roman seiner Gattung, der die Promessi sposi künstlerisch einholt, ja vielleicht überholt. Freilich, Stelzhamer, der es unterließ‚ mit Heyse zu wetteifern, wird von König gar nicht genannt, und auch in der nächsten populären Geschichte der deutschen Literatur nicht, die zwanzig Jahre später den König verdrängt und ersetzt hat, in der von den Professoren Friedrich Vogt und Max Koch nicht, während es da Stifter doch von sieben schon auf zwölf Zeilen gebracht hat. Über ihn lassen sich diese beiden Professoren 1897 also vernehmen: „Der idyllische Zug, der in Grillparzers und Raimunds Ansichten über das wahre Glück hervortritt, drückt der ganzen Schriftstellerei Adalbert Stifters das Gepräge auf.

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