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Wanderungen durch Franken – Gustav von Heeringen

Die alten Namen von Provinzen, oft von grossen Ländern herstammend, welche dieselben im Laufe der Zeit und der Ereignisse auf einzelne Districte vererbten, haben immer etwas Liebes, Anziehendes, Theures, sowohl für das Volk, als für den einzelnen Denker. Sie sind, so zu sagen, in die Herzen gewachsen, weil die Geschichte einer Nation, oder des Erdstrichs, den sie bewohnt, auch mit ihrem Herzen verwächst. Die erste französische Revolution mochte immerhin die alten Namen der Provinzen, welche Frankreich bildeten, aus der Reihe des Bestehenden wegstreichen und statt ihrer Departements einsetzen, die den Namen von Flüssen oder Gebirgen empfingen, eine Eintheilung, welche die verbesserte Administration erfand, und die sich im Lauf eines halben Jahrhunderts als nützlich bewährte; dennoch hängt der Franzose, gleichviel, welcher politischen Partei er zugethan ist, noch an den süssen Namen von Provence, Languedoc, Normandie, Vendée, und spricht sie gern aus, indem ein lachendes Bild gesegneter Fluren, prächtiger Städte und eines ganzen Ländercomplexes sich dabei vor seinem geistigen Auge ausbreitet. Es geht uns Deutschen nicht anders. Unser Thüringen, Schwaben, unsre Pfalz, unser Franken, — sie sind, bis auf eine neuerdings erfolgte Restauration der alten Kreise in Baiern, nur noch historische Erinnerungen, ohne gegenwärtige politische Existenz, ja selbst ohne eine definitif zu bestimmende geographische Abgrenzung der genannten Kreise unter einander. Aber wer wollte sagen, dass, obgleich sie nach 1805 von den Karten verschwunden sind, sie auch nicht mehr in unsern Gemüthern, in unsern Sitten und Gewohnheiten, in der Verschiedenheit unserer Dialecte, in unsern Liedern existirten? Noch blutet auf Universitäten der Thüringer — der Schwabe für die Ehre seines Landes, obgleich es kein Thüringen und kein Schwaben mehr giebt; noch schlägt das Herz des Nürnbergers, des Würzburgers, des Bambergers, der sich in der Ferne befindet, feuriger, wenn er die breite, tieftönende, kräftige Mundart vernimmt, die seine Landsleute und er selbst reden, wenn der Name Franken vor seinem Ohre genannt wird, ein Name, der bis auf die neueste Zeit, in welcher er wieder in das praktische Leben zurückgeführt ward, nur auf ideelle Weise sein Vaterland bezeichnete. Franken — es ist der freundliche Name eines freundlichen Landes, in welches wir den Leser dieser Blätter jetzt einführen wollen. Weit, fruchtbar und lieblich breitet es sich im Herzen von Deutschland aus, bedeckt mit den gesegnetsten Fluren, welche Alles hervorbringen, was das Vaterland zu seinen edelsten, industriellen und climatischen Erzeugnissen zählt; geschmückt mit grossen und berühmten Städten, durchströmt von Schiffe tragenden Flüssen, deren Ufer mit dem weichen Laub der Weinrebe bedeckt sind, durchzogen von Gebirgen, in deren Thälern die romantische Sage und der Gewerbfleiss friedlicher Menschen wohnt, und überwölbt von einem Himmel, unter welchem der Leistenwein an seinem Felsenabhange reift. Ausserhalb dem Zweck des gegenwärtigen Werkes liegt es, eine statistische, ökonomische, geographische, geologische oder überhaupt auf streng-wissenschaftliche Basis gegründete Beschreibung zu geben. Nicht für Schulen oder für das Nachschlagen gelehrter Forschungen ist es bestimmt, sondern es soll ein heiterer Leitfaden dessen sein, der mit empfänglichem Herzen für das Schöne und für den Anklang der Poesie, eine Uebersicht über unser Vaterland sich zu eigen machen will. In den Wald will es ihn führen, nicht um zu berechnen, wie viel Bäume der Staat darin fällen kann, sondern um sich an deren heiligen Schatten zu erfreuen und dem Gemurmel des Waldbachs zu lauschen, welcher hier unter Blumen und Moos fliesst, dort über Klippen dahin springt. — Wenn es ihm Städte zeigt, mag er ihre Einwohnerzahl und ihre Gewerbe im nächsten geographischen Handbuch nachschlagen — unser Werk aber will ihn aufmerksam machen, wie schön der Fluss sich unter den Mauern der Stadt hinschlängelt, wie prächtig ihre gothischen Thürme in der Morgenbeleuchtung ragen und wie der Genius einer düsteren oder helleren Geschichte über ihren Zinnen schwebt. Der natürliche Weg, dergleichen — vielleicht auch hier und da ernstere Eindrücke zu empfangen, bleibt immer eine Reise, und es gefalle dem günstigen Leser daher, den Verfasser dieses auf verschiedenen Streifwegen durch Franken, mit Nachsicht und Güte zu begleiten. Vorher dürfte es jedoch nicht überflüssig sein, einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des heutigen Franken zu werfen, denn es ist fast die nothwendige Bedingung einer neuen Bekanntschaft, gefragt zu haben, wer bist du, wer sind deine Eltern und deine Ahnen und deine früheren Verbindungen? sind es Kriegsoder Friedenssagen, die du an meinen Heerd mitbringst, kommst du arm oder reich, vornehm oder gering, gekrönt mit Ruhm oder befleckt mit Schmach? Franken darf alle diese Fragen nicht scheuen. Es ist eine königliche Jungfrau, deren Stirn einst mit Kronen und Diademen geschmückt war und deren Gürtel noch heut zu Tage von Edelsteinen eingefasst ist. Bescheidenen aber festen Schrittes tritt sie auf die Bühne der Weltgeschichte, die Geliebte mächtiger Herrscher, ihre Eifersucht, ihr Zankapfel. Zepter, Kronen und Krummstäbe wurden zur Aufbewahrung in ihre goldne Truhe niedergelegt und der Preis ihrer Schäferstunden waren Kaiserreiche. Der Name Franken ist noch älter als die christliche Zeitrechnung und verliert sieh, nach derselben, in die traditionelle Vorzeit des Mittelalters, wo er bald mehr bald minder glänzend, bald engere, bald weitere Räume umfassend, aus jenem Chaos werdender Zustände auftaucht, das die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt charakterisirt. Denn niemals sah eine Periode der Geschichte ähnliche Erscheinungen. Die Völkerwanderungen, das Eindringen unbekannter barbarischer Nationen in die schönen Gefilde von Italien, die tödtlichen Streiche, welche die römische Herrschaft in Gallien, Germanien und selbst an der Wurzel ihres weltbeschattenden Baumes empfing — das Absterben dieses Baumes mit seinen unendlichen Zweigen, Blättern, Blüthen und Früchten — diesen Früchten so grosser und so heroischer Jahrhunderte — gegenüber dem Regen eines neuen Völkerelements, welches allmählig nach jedem Versuch seiner rohen Naturkraft, sein Dasein selbstständiger zu fühlen begann; das Entwickeln aus dem Heime auf der einen Seite, während auf der andern ein geöffnetes Grab, den Schrecken, die Furcht, die Liebe der Welt, Kultur, Künste und Schönheit, die geadelte, wie die entnervte Menschheit, genug, Rom in sich aufnahm: alles dies bietet dem Blick des Geschichtsfreundes die grossartigsten und ergreifendsten Contraste. — Römische Schriftsteller bezeichneten mit dem Namen Franken zuerst einen Haufen germanischer Nationen, der zwischen der Ostsee und dem Rhein seine wechselnden Sitze hatte und seine Freiheit am wirksamsten gegen römische Unterdrückung vertheidigte. Ob der Name von Franci (Freie) oder von einem der frühesten Heerführer dieser Völker, der Francus geheissen haben soll, abzuleiten sei, werde hier nicht weiter erörtert, ebenso, wie wir nur flüchtig die mährchenhafte Sage berühren, nach welcher die Franken ihren Ursprung von den Trojanern abzuleiten nicht ungeneigt sind, die nach der Zerstörung ihrer Stadt nach Europa übergeschifft und von der Mündung der Donau ihren Weg gegen Niedergang der Sonne fortgesetzt und sich endlich zwischen dem Rhein und der Elbe niedergelassen hätten — eine etwas kühne Annahme, wie man zugeben wird. Dem sei indessen, wie ihm wolle, so erblicken wir fünf bis sechs Jahrhunderte hindurch die Völkerschaften der Franken im Kampf mit den Römern in Gallien, die sie daraus vertrieben, mit den Ostgothen, Thüringern, Alemaniern, Sachsen, Schwaben; wir sehen sie unter Chlodowig das Christenthum annehmen und zu einer grossen Monarchie vereinigt. Bis zu diesem Zeitpunct mussten wir den Namen Franken in seiner Allgemeinheit gelten lassen, unbekümmert um die einzelnen Länderstriche, die er mit seinen Nationen bedeckte. Jetzt dürfen wir unsern Blick zuerst auf diejenigen Gegenden richten, denen wir hier vorzugsweise unsere Theilnahme widmen, auf unser heutiges Franken.


Eine, unter Genebald, dem Bruder Chlodowigs, über den Mainstrom geführte Colonie, welche sich an dessen Ufern niederliess und ausbreitete, gab Veranlassung zu einer Theilung des Begriffs: Franken, bei welchem man nunmehr das westliche von dem östlichen unterschied. Zu ersterem gehörte das ganze weite, jenseits des Rheines gelegene Gebiet, das heutige Frankreich; das andere bildete Frankenland, unser Franconia, und die Stelle, wo die Ueberführung der gedachten Colonie Statt fand, erwählte sich der Genius der Geschichte ebenfalls zur Stiftung eines leuchtenden Namens — Frankfurt ist das Denkmal davon.

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