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Wanderungen durch einen Theil Deutschlands – Georg Rebmann

Noch nie ist vielleicht ein Schriftsteller von der Verdammung seines Werks oder Werkchens gewisser überzeugt gewesen, noch eh‘ er eine Feder ansezte, als der Verfasser der gegenwärtigen Blätter. Ohne die Sauvegarde eines berühmten Namens, ohne irgend einen Schirm treten sie, gleichsam vogelfrey, in die Welt, stehen ausser dem Gesez, jedem blosgegeben, der seine Kraft daran versuchen will. Vielleicht bleibt ihnen nicht einmal die traurige Aussicht, mit einigem Pomp zerrissen, nicht einmal die ärmliche Hofnung, als eine gefährliche Schrift verboten zu werden. Ihre Armesündermiene zeigt ja jedermann einen weit leichtern Weg, die Fehde mit ihnen zu beginnen. „Sie verdienen gar keine Widerlegung, sie sind unter aller Kritik, der Verfasser ist ein jämmerlicher Skribler, der um einige Groschen zu verdienen, lästert, verläumdet, lügt,“ ec. ec. So schreien Rezensenten und Rezensententroß, und selbst der gute Mann, der Wahrheit in den verdammten Blättern zu finden glaubt, darf nur heimlich dem Verfasser die Hand drücken, muß öffentlich am lautesten mitschreyen, und sich sorgfältig hüten, durch irgend eine Miene zu verrathen, daß er nicht aus vollem Herzen einstimme. Ihre Berührung entheiligt, und dieß arme Werkchen gleicht in der litterärischen Welt einem Indianer aus der verworfensten Classe, den zu tobten Verdienst ist. Selbst ihr, Söhne der Wahrheit! wagt es nicht, mit mir gemeine Sache zumachen! Auf diesem Wege sind keine Lorbeern zu erndten, denn eine Stimme vermag nie tausende zu überschreyen! Es ist kein undankbareres Geschäfte auf der Welt, als einem Virtuosen auf der Posaune mitten in seinem Conzert eine Sourdine zu überreichen. Damit aber Niemand sage, daß ich ihn habe betrügen wollen; so steht dieser Schuz- und Truzbrief hier oben an. Ich bekenne hiemit öffentlich, urkundlich, und aufrichtig, daß ich von nun an alle Dinge, die mir irgend bemerkenswerth scheinen, so darzustellen suchen werde, wie sie mir vorkommen, ohne mich im geringsten darum zu bekümmern, ob sie unter den vier und zwanzig Millionen Menschen, die in Deutschland leben, einem einzigen eben so scheinen, daß ich mich auch nicht darüber ängstigen werde, ob es jemand ärgere, daß diese Dinge mir so und nicht anderst vorkommen, oder daß ich es gewagt habe, offenherzig zu schreiben, wie ich dachte. Uebrigens werde ich auch nur das aufführen, was mir merkwürdig schien. Es kann seyn, daß unter einer Million Menschen dieß vielleicht den Meisten ganz gleichgültig scheint, und daß ihnen merkwürdig ist, was ich keines Blicks werth achtete. Daher ersuche ich alle Statistiker, Geographen, Politiker, Alterthumsforscher, Kunst- und Naturalienliebhaber nicht weiter zu lesen. Was man aber dann in diesen Blättern zu finden hoffen könnte? — Eindrücke, die ich in der möglichsten Wahrheit, versteht sich, relativ auf mich, darzustellen gesucht habe. Geschwäz, das vielleicht jenen unterhält, und diesem Langeweile macht. Reflexionen, die vielleicht herzlich schief sind, aber mir richtig vorkamen. Ich verspreche, wie man sieht, wenig, lieb soll mirs aber seyn, wenn man mehr finden möchte. Wer ich bin? — Anselmus Rabiosus der jüngere. Ein Wesen, oft genug gedrückt von Menschen, das deswegen wissentlich keinen andern drücken, sich aber auch vor keinem bücken will. Wo ich bin? — In Deutschland! — Und also zieh ich aus. Wer mich aufsuchen, und mir Fehde bieten will, der sehe wo er mich findet! — [Franken.] Spalt. Ein Städtchen im Bisthum Eichstädt gelegen, erinnerte mich lebhaft an die Kerker der Inquisition. Ein finsteres Nest, grobe und dumme Leute, hohe Kirchtürme.


Es war gerade Charfreitag. Ich sah eine Prozession, worinn ein Fleischerknecht die Rolle des Herrn Christus vorstellte. Um ihn herum wandelten andere seines Gleichen, als Kriegsknechte, und bemühten sich, den Herrn Christus nach ihrer Art zu quälen. Der eine zog ihn mit einer Liebesavantüre auf, die er mit des Wirths Mieke gehabt hatte, der andere rieb ihm eine Prise Schnupftoback aus der Dose des Römerhauptmanns in die Nase, mit den Worten: „Da, Hundsfutt, schnupf‘ einmal!“ Es muß wenig Mühe kosten, aber auch wenig Freude machen, Bischoff von Eichstädt zu seyn. Nürnberg. So oft ich noch diese Reichsstadt betrat; so oft war mirs, als ob ich weinen müßte. Die ganze Bürgerschaft kommt mir vor, wie eine Pflanzschule von Seidenwürmern, die man blos aufzieht, um ihnen, wenn sie reif sind, die Haut abzuziehen. Nichts Grosses, nichts Erhabenes, nichts Emporstrebendes ist hier zu finden. Alles ist ist beengt, kleinlich, niedergedrückt. Alles ist ein Bild der Leerheit und den Sinkens. Mehr als eine mittelmässige Existenz verlangt man gar nicht, man will nur so viel Erleichterung der Fesseln, um ruhiger für die Tyrannen arbeiten zu können. Alle Gesichter sind platt, ohne Charakter, so nichtsbedeutend, wie ein Alltagskompliment, alles des Kerkers so gewohnt, daß niemand nach freier Luft verlangt. Gute alte Väter dieser Stadt! Als ihr euch vor den Erpressungen der adlichen und fürstlichen Schnapphähne in diese Mauern flüchtetet, als euer Gewerbfleis, euer rastloser Geist der Tätigkeit bald die Schäze fremder Länder durch und in eure Hände zuleiten wußte, da hättet ihr wohl nicht gedacht, daß übermüthige Bürger einst euren Enkeln den eisernen Fuß auf den Nacken setzen, und sie dahin bringen sollten, bei euren stolzen Nachbarn den Fürsten, um Schuz betteln zu müssen! Dennoch hat selbst der beispiellose Druck, unter welchem die Bürger Nürnbergs durch eine Anzahl räuberischer Familien seufzen, die man Patrizier nennt, noch nicht ihren Fleiß, ihre Anhänglichkeit an ihre Vaterstadt, und einige, ob gleich schwache Ueberbleibsel eines ehemals mächtigen Gemeingeistes tödten können. Diese nemliche Anhänglichkeit ist aber eben der Kunstgriff, dessen sich jene Uebermüthler bedienen, um das arme Volk, das immer an Spielwerken klebt, in ewiger Anhänglichkeit zu erhalten. Man läßt ihm die alten Formen, und macht mit dem Wesen, was man will. Kindisch eifersüchtig bewacht der Bürger die Krägen seiner Rathsherren und Priester, die buntscheckigten Äermel seiner Stadtknechte, die jährlichen Uebungen seiner Meistersänger, seiner Gewerbfreiheiten und Misbräuche, indeß der Senat ruhig von den wesentlichen Rechten ein Stück nach dem andern an sich reißt. — Demagogen und Aristokraten! werft dem Volk immer etwas hin, das es beschäftigt, und es blutet unter euren Streichen, ohne sie abzuwehren. Daher so manche Sitte, die unverändert bleibt, so sehr sie auch mit allen gegenwärtigen Verhältnissen im Widerspruch ist. Der Geselle, der mit seinem Mädchen ohne priesterliche Einseegnung zu Bette geht, kann in Nürnberg nie das Meisterrecht erlangen, und so wird das naheliegende Fürth mit fleisigen Arbeitern bevölkert. Der Banqueroutier erhält einen anders geformten Sarg, als der Kaufmann, der seine Schulden ehrlich und redlich bezahlt, u.s.w. Diese Ueberreste der alten biedern Denkungsart sind freilich an und für sich ehrwürdig, aber sie verhindern weder, daß es Jungfernkinder giebt, noch daß der Kaufmann Bankerott macht, zumal wenn die Obrigkeit ihn geflissentlich plündert. Wohlbedächtlich hat der Despotism hier auf die Apathie gerechnet, die er hervorzubringen eifrigst bemüht ist. Daher nahm man den Luxus geflissentlich zu Hülfe, und mit jenen Sitten, den unwidersprechlichsten Zeugnissen ehemaliger Einfachheit und Biederkeit, kontrastirt die neuere, erst seit einem Jahrzehend Mode gewordene Lebensart auf das auffallendste.

Ueberall tönt Tanzmusik, überall sind Faraobanken anzutreffen. So gab Nero prächtige Schauspiele, indeß er den Kern der römischen Jugend mordete. Damit das Volk nicht murrt über die gewaltigsten Erpressungen, stellt man ihm eine lockende Faraobank auf, und läßt es — pointiren. Es giebt hier noch eine Classe Menschen, wo die biedre Reichsbürgerlichkeit sich zum Theil erhalten hat. Es sind dieß die sogenannten Rusigen, oder Feuerarbeiter, ächte deutsche Sansskulotts, rauh und gutmüthig. Sie waren es, welche die Wagen der bürgerlichen Deputirten zogen, als diese — leider! vergebens, den Kaiser um Hülfe gegen ihre Blutigel anflehten. Sie waren es, die sichs herausnahmen, ein kleines Maximum festzusezen, und mit gewissenhafter Redlichkeit die theuren Lebensmittel um einen wohlfeilen Preis auf dem Markte zu verkaufen. Gutes Volk! du willst ja von deinen Despoten nicht mehr, als satt Brod, und auch das verweigern sie dir! — Es verlohnt sich wohl der Mühe, daß sich jeder, der da wissen will, wie weit der Troz der drückenden, und die Langmuth der gedrückten Menschenklasse zu treiben is, mit einem Buche bekannt macht, welches den Titel fuhrt: Beiträge zur Geschichte der teutschen Justizpflege, und viele wichtige Angaben enthält. Man muß nach Nürnberg wandern, wenn man einen Commentor zu den Proklamationen haben will, die in diesem Kriege tagtäglich erscheinen, und so pomphaft von den Vortheilen der deutschem Verfassung sprechen. Wie vortheilhaft ist nicht ein Staat, dessen Oberhaupt bei der Wahl versprechen muß; „so leichtlich keine Klagen der Unterthanen gegen ihre Obrigkeiten anzunehmen,“ und wo diese Klagen, wenn sie endlich ja angenommen werden, nach zwey Menschenaltern den ohnmaßgeblichen Rath zum Bescheid erhalten: „Man verhoffe, es werde der Fürst von N. schon von selbst auf einige Aenderung bedacht seyn“! — Der Rath von Nürnberg denkt aber patriotischer. Neuerdings arbeitet man an einem Vergleich, wobei der Sprecher der Bürgerschaft gegen den Rath — vom Rath bestellt ist.

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