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Über Jean Paul – Verschiedene-2

Baireuth, Sonntag den 23. Oktober 1808. Heute Vormittag ging ich zu Jean Paul. Harscher war verstimmt, und wollte durchaus nicht mitgehen, ich glaube, es verdroß ihn zu sehr, seine äußeren Ansprüche gegen seine inneren so weit zurückstehen zu finden, und einen Mann, mit dem er sich geistig auf gleicher Linie fühlte, nur als unscheinbarer Student zu begrüßen, dessen innrer Werth zufällig noch zu keiner Namhaftigkeit ausgeprägt worden. Denn von Jean Paul eingenommen und bezaubert ist er mehr noch als ich, und seinen Wunsch, den Mann wie er leibt und lebt zu sehen, hatte er bisher oft und lebhaft ausgesprochen. Ich bin auch nur ein unscheinbarer Student, aber das ist mir eben recht, und so ging ich getrost hin! Eine angenehme, freundlich neugierige Frau, die mir die Thür öffnete, erkannt‘ ich sogleich als Jean Pauls Gattin an der Aehnlichkeit mit ihrer Schwester. Ein Kind wurde geschickt, den Vater zu rufen. Er kam bald; war auf meinen Besuch durch Briefe aus Berlin und Leipzig schon vorbereitet, und empfing mich sehr liebreich. Als er sich neben mir auf das Sopha niedersetzte, hätte ich ihm beinah in’s Gesicht gelacht, denn indem er sich etwas bückte, sah er genau so aus, wie ihn unser Neumann in den „Versuchen und Hindernissen“ scherzhaft beschrieben hat, und wie und was er sprach, verstärkte den Eindruck in derselben Weise. Jean Paul ist wohlbeleibt, hat ein volles, gutgeordnetes Gesicht, kleine, feuervoll sprühende und dann wieder gutmüthig matte Augen, einen freundlichen, auch im Schweigen leise bewegten Mund. Seine Sprache ist schnell, fast eilig, und daher bisweilen etwas stolpernd, nicht ohne einigen Dialekt, der mir schwer zu bezeichnen wäre, aber ein Gemisch von fränkischem und sächsischem sein mag, natürlich doch ganz in der Gewalt der Schriftsprache festgehalten. Ich mußte ihm zuvörderst alles erzählen, was ich von seinen Berliner Bekannten irgend wußte oder gar zu bestellen hatte. Gern dachte er der Zeit, da er in Berlin als Nachbar von Markus Herz in dem Leder’schen Hause gewohnt, wo ich vor sieben Jahren im Garten an der Spree ihn zuerst gesehen, mit Blättern in der Hand, die man mir als zum „Hesperus“ gehörig insgeheim bezeichnete. Dies Persönliche, und manches Litterarische, das sich damit verflechten mußte, regte ihn außerordentlich an, und er hatte bald mehr zu sagen, als zu vernehmen. Seine Rede war durchaus liebenswürdig und gutmüthig, immer gehaltvoll, aber in ganz schlichtem Ton und Ausdruck. Wiewohl ich es schon wußte, daß sein Witz und Humor nur seiner Schreibfeder angehören, und er nicht leicht ein Zettelchen schreibt, ohne daß jene mit einfließen, dagegen sein mündlicher Ausdruck selten etwas davon verräth, so fiel es mir doch sehr auf, bei dieser beständigen inneren Bewegung, in der ich ihn sah, und bei dieser Lebhaftigkeit, der er sich überließ, von Witz und Humor keine Spur zu sehen. Sein übriges Betragen glich seinem Sprechen; nichts Vornehmes, nichts Gespanntes, nichts Absichtliches, nichts, was über das Bürgerliche hinausginge; seine Höflichkeit war die größte Güte, seine Haltung und Art hausväterlich, für den Fremden gern rücksichtsvoll, aber für sich selber dabei möglichst ungezwungen. Auch der Eifer, in welchen der Reiz des Besprochenen ihn öfters brachte, veränderte doch jene Grundstimmung niemals, nirgends trat Schärfe hervor, nirgend ein Vorstellenwollen, nirgends lauerndes Beobachten und Spähen, überall Milde, überall freies Walten seiner nicht scharfumgränzten Natur, überall offne Bahn für ihn, und hundert Uebergänge aus einer in die andere, mit völlig unbekümmertem Darstellen seiner selbst. Erst lobte er alles, was von neuern Erscheinungen zur Sprache kam, und wenn wir dann etwas näher in die Sache kamen, war dann alsbald doch Tadel die Hülle und die Fülle. So über Adam Müllers Vorlesungen, über Friedrich Schlegel, über Tieck, und Andere. Er meinte, die deutschen Schriftsteller müßten sich immer nur an das Volk, nicht an die vornehmen Stände halten, wo schon alles verdorben und verloren sei; und hatte doch eben Adam Müllern gerühmt, daß der es verstehe, ein gründliches Wort an gebildete Weltleute zu bringen. Er ist überzeugt, daß aus dem Aufschlusse der indischen Welt für uns nichts zu gewinnen sei, als zu den vielen Dichtungsgärten, die wir schon haben, noch einer mehr, aber keine Ausbeute von Ideen; und doch lobte er einige Minuten vorher Friedrich Schlegels Bemühungen mit dem Sanskrit, als müsse ein neues Heil daraus hervorgehen. Er hatte es nicht hehl, daß ein rechter Christ ihm jetzt nur als ein protestantischer denkbar sei, daß ihm eine wahre Verkehrtheit dünke, wenn ein Protestant jetzt katholisch werde, und mit dieser Ansicht hatte sich kurz vorher doch die größte Hoffnung vertragen, daß der katholische Geist in Friedrich Schlegel mit dem indischen vereint viel Gutes wirken werde! Von Schleiermacher sprach er achtungsvoll, meinte aber doch, seinen Platon könne er nicht recht genießen, und in Jacobi’s und Herder’s Seelenschwunge glaubte er viel mehr von jenem göttlichen alten Weisen zu spüren, als in allem gelehrten Scharfsinne Schleiermachers, was ich freilich nicht ohne starken Widerspruch durchlassen wollte. Fichte, von dessen Reden an die deutsche Nation, gehalten in Berlin unter dem Geräusch französischer Trommeln, ich ihm viel erzählte, war und blieb ihm unheimlich; die Entschiedenheit dieser Kraft ängstigte ihn, und er sagte, er könne diesen Autor nur noch gymnastisch lesen, mit dem Inhalte seiner Philosophie habe er nichts mehr zu thun. Jean Paul wurde hinausgerufen, und ich blieb eine Weile mit seiner Frau allein.


Auch dieser wußte ich von ihrer Vaterstadt Berlin mancherlei zu erzählen, und ihre Theilnahme für dortige Verhältnisse und Personen hatte nach allem, was sie schon mit angehört, noch eine große Nachlese zu halten. Die Frau gefiel mir ungemein; sanft, fein, sittig, verband sie mit dem schönsten Eindruck der Häuslichkeit zugleich höhere Gesellschaftsgaben und freiere Welteinsicht, als Jean Paul zu haben schien. Sie wollte sich aber dem trefflichen Mann auch in dieser Beziehung gern unterordnen. Aus allem ging hervor, daß beide Gatten ein recht glückliches Leben zusammen führten. Ihre drei Kinder sind schöne, liebliche, frische Geschöpfe. Ein Knabe, Max, von fünf Jahren, ist der Liebling des Vaters, der einen künftigen Kriegshelden in ihm sieht; in der That ist er ganz Kraft und Muth, und auch von Körper ausgezeichnet, ich fühlte die starken Knochen und Sehnen seiner kleinen Arme mit Erstaunen. Zwei Mädchen, Emma und Ottilie, älter und jünger als der Knabe, sahen sehr lieblich aus, und zeigten, bei schon merkbarer Verschiedenheit der Anlagen, das gemeinsame Gute der Eltern unzweifelhaft. Alle drei sind völlig unbefangen, ganz frei und ganz kindlich, weniger zum Guten erzogen, als darin aufgewachsen. Ich hatte recht herzliche Freude an ihnen, und sie riefen mir andre liebe Kinder in’s Gedächtniß, mit denen ich noch kürzlich zusammen war! Als der Vater wieder eintrat, war es ziemlich spät geworden, ich wollte weggehen, wurde aber nur entlassen, um meinen Reisegefährten zu benachrichtigen, daß ich nicht mit ihm essen würde; Harscher zu Jean Pauls Mittagstische mitzubringen, wie ich aufgefordert war, durfte ich nicht hoffen. Fortwährend gesprächig und äußerst gutgelaunt verbreitete sich Jean Paul über die mannigfachsten Gegenstände. Ich brachte ihm unter andern auch einen Gruß von Rahel Levin und die bescheidene Frage, ob er sich ihrer noch erinnere? Sein Gesicht strahlte von vergnügter Heiterkeit: „Wie könnte man ein solches Wesen je vergessen?“ rief er lebhaft aus; „Das ist eine in ihrer Art einzige Person, ich bin ihr von Herzen gut gewesen, und werde es noch täglich mehr, denn der Eindruck von ihr wächst mit allem, was sonst in mir an Sinn und Verständniß zunimmt; sie ist die einzige Frau, bei der ich ächten Humor gefunden, die einzige humoristische Frau!“ (Jean Paul dachte wohl nicht an Frau von Sévigné, oder war nicht darauf gekommen, ihrer Eigenthümlichkeit den rechten Namen zu geben; denn was die Franzosen an ihr so sehr als Natürlichkeit preisen, ist in den meisten Fällen grade das, was wir Humor nennen.) Nun ging er in großes Lob einzelner Eigenschaften ein. Als ich dieses Lob unterbrach, und ihn versicherte, aller Verstand, Klugheit und Witz, die er von Rahel rühme, seien in meinen Augen doch viel geringer, als die Innigkeit und Güte ihres Gemüths, wunderte er sich nicht, sondern glaubte mir dies gern, und wiederholte nur, jene seien aber ungeheuer groß. Er rühmte sich zweier Briefe von Rahel, und sagte, der eine aus Paris sei mehr als zehn Reisebeschreibungen werth, so habe noch nie jemand die Franzosen und die französische Welt auf den ersten Blick eingesehen und karakterisirt; was das für Augen wären, die so scharf und klar gleich die ganze Wahrheit, und nur die Wahrheit, sähen! Als ich ihm sagte, wie viele Briefe ich von ihr besäße, nicht an mich geschriebene, sondern mir geschenkte, wurde er ganz neidisch; wenn ich in derselben Stadt mit ihm wohnte, sagte er, so müßte ich ihm wenigstens zwei Worte aus jedem Briefe mittheilen; das sei ein ungeheurer Schatz, ein einziger; Rahel schreibe vortrefflich, es sei aber nothwendig, daß sie an jemand schreibe, ein persönlicher Anreiz müsse bei ihr alles hervorlocken, mit Vorsatz ein Buch zu schreiben werde sie wohl nie im Stande sein. „Ich bin jetzt fähiger, fuhr er fort, sie zu verstehen, als damals in Berlin; ich möchte sie jetzt wiedersehen! je öfter mir von den Bemerkungen und Aussprüchen, die sie nur so hin zu sagen pflegte, etwas wieder einfällt, je mehr staune ich! Sie ist eine Künstlerin, sie hebt eine ganz neue Sphäre an, sie ist ein Ausnahmswesen, mit dem gewöhnlichen Leben in Krieg, oder weit darüber hinaus; — und so muß sie denn auch unverheirathet bleiben!“ Er pries mich glücklich, eine solche Freundin zu haben, und fragte mich, gleichsam prüfend und meinen Werth messend, wodurch ich, noch so jung, mir das verdient habe? Ich gewann sichtbar in seinen Augen durch diese Beziehung. Als ich amAbend dies alles Harschern wiedererzählte, war auch dieser ganz benommen von der Macht solcher Aeußerungen, denen er sich doch nur gezwungen beugte, denn wo er die Anerkennung nicht selbst aufgebracht, wo er ihr nur zustimmen mußte, war sie ihm jedesmal schwer und fast peinlich.

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