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Über Deutschland – Germaine de Staël

Im Jahre 1810 übergab ich die Handschrift dieses Werks über Deutschland dem Verleger meiner Corinna. Da ich darin die nämlichen Meinungen aufstellte und gleiches Stillschweigen über die gegenwärtige Regierung Frankreichs beobachtete, als in meinen früheren Schriften, so schmeichelte ich mir, sie, wie jene, bekannt machen zu dürfen; aber einige Tage nach Einsendung der Handschrift erschien ein Dekret sehr sonderbarer Gattung über die Preßfreiheit, in welchem es hieß: „daß kein Werk ohne vorhergängige Prüfung von Censoren gedruckt werden solle.“ Das mochte hingehen, man war in Frankreich auch unter der alten Regierung gewohnt, sich der Censur zu unterwerfen; der öffentliche Geist neigte, sich damals zur Freiheit hin, und machte jenes Zwangmittel eben nicht furchtbar; aber ein kleiner Artikel am Ende des neuen Reglements setzte fest, „daß, wenn die Censoren ein Werk geprüft und seine Bekanntmachung erlaubt hatten, die Verleger zwar autorisirt seyn sollten, es drucken zu lassen; jedoch unbeschadet des Rechts des Polizeiministers, es ganz zu unterdrücken, wenn ihm dies angemessen schiene.“ Das will so viel sagen, diese und jene neue Formen sollten so lange bestehen, bis man es zweckmäßiger finden würde, sich nicht mehr in sie zu fügen: es war wahrlich kein Gesetz nöthig, um eine Abwesenheit des Gesetzes zu decretiren, man hätte sich ganz einfach an die unbedingte Gewaltsamkeit halten dürfen. Demungeachtet übernahm mein Verleger die Verantwortlichkeit der Herausgabe meines Werkes, indem er es der Censurbehörde vorlegte, und unser Vertrag wurde in Gemäßheit dessen abgeschlossen. Ich kam bis auf vierzig Stunden weit von Paris, um den Druck zu besorgen – dort athmete ich zum letztenmal Frankreichs Luft. Ich hatte mir in meinem Buche, wie man später finden wird, jede Betrachtung über den politischen Zustand Deutschlands versagt; ich versetzte mich fünfzig Jahre hinaus von der Gegenwart, aber diese Gegenwart will nicht vergessen seyn. Mehrere Censoren prüften meine Handschrift, sie unterdrückten verschiedene Stellen, die ich in dieser Ausgabe wieder hergestellt, und in den Noten bezeichnet habe: bis auf diese Stellen aber erlaubten sie den Druck des Buches, wie ich es hier gebe, denn ich glaubte, nichts darin verändern zu dürfen. Es scheint mir merkwürdig, zu zeigen, wie ein Werk gestaltet seyn muß, um im jetzigen Frankreich die grausamste Verfolgung auf das Haupt seines Verfassers herabzuziehen. Im Augenblick der Erscheinung desselben, und als die 10000 Exemplare der ersten Auflage bereits abgezogen waren, schickte der unter dem Namen General Savary bekannte Polizeiminister seine Gensd’armes zu meinem Verleger, mit dem Befehl, den ganzen Vorrath von Exemplaren zu zerstören, und die verschiedenen Ausgänge seines Gewölbes mit Schildwachen zu besetzen, aus Besorgniß, daß auch nicht ein einziges von einem so gefährlichen Werke entkomme. Ein Polizei-Commissair war zur Ober-Aufsicht über diese Expedition bestellt, in welcher der General Savary leicht Sieger bleiben konnte, und dieser arme Commissair sagt man, ist an der großen Anstrengung gestorben, die nöthig war, um mit der übertriebensten Kleinlichkeit eine so ungeheure Menge von Bänden zu zerstören oder vielmehr sie in eine Masse völlig weißer Pappen zu verwandeln, auf welchen keine Spur menschlicher Vernunft mehr sichtbar war. Der innere Werth dieser Pappen, der auf zwanzig Louisd’or abgeschätzt wurde, ist die einzige Entschädigung, die mein Verleger von dem General-Minister erhalten hat. In dem nämlichen Augenblick, wo man mein Buch in Paris vernichtete, empfing ich auf meinem Landsitze einen Befehl, die Abschrift auszuhändigen, nach welcher der Abdruck erfolgt war und Frankreich binnen 24 Stunden zu verlassen. Man muß ein Conscribirter seyn, um sich in 24 Stunden reisefertig machen zu können, ich schrieb deshalb an den Polizeiminister, daß ich 8 Tage brauche, um Geld und meinen Wagen kommen zu lassen. Hier seine Antwort. Allgemeine Polizei. Cabinet des Ministers. Paris den 3ten Oktober 1810. „Madame! Ich habe den Brief erhalten, den Sie mir die Ehre erzeigt, an mich zu richten. Ihr Herr Sohn wird Ihnen angezeigt haben, daß ich kein Bedenken dabei finde, Ihnen einen Aufschub Ihrer Reise auf 7 – 8 Tage zu bewilligen; ich wünsche, daß er zu den Einrichtungen, die Sie noch zu treffen haben, hinreichen möge, denn, ihn weiter auszudehnen, bin ich außer Stande. Es wäre ein Irrthum. wenn Sie den Grund des Befehls, den ich Ihnen ertheilt habe, in dem Stillschweigen, mit welchem Sie in Ihrem letzten Werke den Kaiser übergangen haben, suchen wollten; für ihn ist kein würdiger Platz darin; Ihr Exil ist nur die natürliche Folge der Richtung, die Sie seit einigen Jahren genommen und ausdauernd verfolgt haben. Es ist mir vorgekommen, als ob Ihnen die Luft unsers Landes nicht mehr bekäme; mit uns ist es aber noch nicht so weit gekommen, daß wir Vorbilder unter den Völkern suchen sollten, die Sie bewundern. Ihr letztes Werk ist kein Französisches, ich habe dessen Druck verhindert. Ich bedaure den dadurch für den Verleger entspringenden Verlust, aber mir ist es nicht möglich, es erscheinen zu lassen.


Sie wissen, Madame, daß es Ihnen nur erlaubt wurde, Coppet zu verlassen, weil sie den Wunsch äußerten, nach Amerika zu gehen. Wenn mein Vorgänger Ihnen verstattet hat, im Departement Loir et Cher zu wohnen, so durften Sie aus dieser Duldung keine Veranlassung nehmen, die früher Ihretwegen gemachten Festsetzungen als aufgehoben zu betrachten. Jetzt aber nöthigen Sie mich, sie strenge in Ausübung zu bringen, und Sie können die Schuld deshalb nur sich allein beimessen. Ich befehle Herrn Corbigny [Präfekt von Loir und Cher.] genau auf Vollziehung der ihm ertheilten Ordre zu halten, wenn der Ihnen bewilligte Aufschub abgelaufen seyn wird. Sehr bedaure ich, Madame, daß Sie mich in die Nothwendigkeit gesetzt haben, meinen Briefwechsel mit Ihnen durch eine Maaßregel der Strenge zu eröffnen; es wäre mir viel angenehmer gewesen, wenn ich Ihnen nur Beweise der hohen Achtung hätte geben dürfen, mit welcher ich die Ehre habe zu seyn, Madame, Ihr ergebenster und gehorsamster Diener, gez. der Herzog v. Rovigo.“ An Frau v. Stael. N. S. „Ich habe meine Gründe, Madame, Ihnen die Häfen von L’Orient, La Rochelle, Bordeaux und Rochefort als die einzigen zu bezeichnen, in welchen Sie sich einschiffen dürfen, und fordere Sie auf, mir denjenigen von ihnen anzuzeigen, den Sie gewählt haben“. [Der Zweck dieser Nachschrift war, mir die Häfen des Canals zu untersagen.]

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