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Tausend und ein Tag im Orient – Friedrich Bodenstedt

Ich versetze den Leser einen Augenblick nach Wien zurück in den Kriegslärm der letzten Oktobertage des Jahres 1848. Der Himmel war roth gefärbt von den hochauflodernden Flammen der brennenden Vorstädte, und auf allen Thürmen und Dächern lag des Feuermeers purpurner Wiederschein. Auch die breite Donau leckte mit blutrother Zunge an den schützenden Mauern der Stadt. In den Straßen erscholl es von Waffengeklirr und Trommelgewirbel; fast ohne Aufhören wurde der Generalmarsch geschlagen. Hinter den fahnenüberflatterten Barrikaden brannten Wachtfeuer, und um das Feuer her kauerten waffentragende Männer mit dampfgeschwärzten Gesichtern, und halbwilde Weiber in abenteuerlicher Tracht. Preßgänge durchzogen die Stadt und rafften auf, was ihnen von kampffähigen Männern entgegenkam; hier schwenkte singend ein Trupp wunderlich bewaffneter Arbeiter vorüber, geführt von Offizieren der akademischen Legion; dort trieben wenige Studenten eine ganze Schaar aus Kellern und Gewölben aufgescheuchter Bürger dem Kampfe zu. Und der Kampf, der in der Leopoldstadt um die Riesenbarrikaden der Jägerzeil geführt wurde, war ein furchtbarer und verzweifelter. Jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schießscharte. Wie es prasselte von dem sich kreuzenden Kleingewehrfeuer, wie es zischte von den zündenden Brandraketen, wie es donnerte aus den gewaltigen Feuerschlünden, und wie es weithindröhnend krachte, wenn die Kanonenkugeln einschlugen in die Barrikaden, oder wenn unter ihrer ungethümen Wucht eine Mauer der umstehenden Häuser zusammenbrach. Die Erde zitterte, das Wehklagen der Verwundeten, das Todesröcheln der Sterbenden wurde überhallt von dem chaotischen Getöse der Zerstörungswerkzeuge, welche die ganze Franzensallee in einen Schutthaufen, und die nach dem Prater zulaufenden Häuser der Jägerzeil in Ruinen verwandelten . Man wußte den Ausgang des ungleichen Kampfes vorher, und dennoch kämpften sie draußen mit der Wuth der Verzweiflung. Schon begann es in der, durch die Flüchtlinge der Vorstädte übervölkerten inneren Stadt, an Lebensmitteln zu mangeln. Ganze Familien, deren Häuser in Flammen aufgegangen, kamen bepackt mit dem Wenigen, das sie gerettet, und flehten um Obdach und Unterkommen. Die Verwirrung war unbeschreiblich, und ein tiefer Mißmuth, eine ängstliche Spannung und Unruhe zeichnete sich in allen Gesichtern. Jeder Verkehr mit der Außenwelt war abgebrochen, denn ein Gürtel von Bajonetten umschlang das unglückliche Wien, und so Mancher, der sein Liebstes draußen hatte, seufzte seit Wochen vergebens nach Kunde und Mittheilung . An einem dieser Schreckenstage, die zu durchleben entsetzlich war, und die ganz zu schildern unmöglich ist, hatte sich mit anbrechendemAbend eine Anzahl von Freunden und Bekannten in meiner Wohnung versammelt, um in traulicher Unterhaltung ein Stündchen Ruhe zu schöpfen nach den erschütternden Eindrücken des Tages. Doch bei dem wilden Getümmel draußen, und der Unruhe in der eigenen Brust, wollte es mit der Unterhaltung nicht recht gehen; alle Augenblick wurden wir durch den Lärm der Geschütze oder durch Trommelgewirbel unterbrochen. »Bodenstedt! – sagte Auerbach, der Gevattersmann – Du bist weniger aufgeregt, als wir; erzähl‘ uns von Deinen Abenteuern im Morgenlande! Thu‘ einen lustigen Griff in Deine Vergangenheit; das wird uns in eine neue Welt versetzen und den Unmuth der Gegenwart verscheuchen!« Der Gedanke fand Anklang bei der Gesellschaft. »Ja, bitte! Erzählen Sie!« riefen Alle, und rückten näher mit ihren Stühlen. »Erzählen Sie vom Kaukasus – sagte Kaufmann – und von Ihrem berühmten Lehrer Mirza-Schaffy! Das ist mein Liebling.« »Und vom Schwarzen Meer – sagte Karl Beck – und von den Kosaken und von den Türken!« »Und von den schönen Georgierinnen – rief Max Schlesinger – und vom Ararat und Armenien!« Jeder wollte etwas Besonderes hören.


Ein Geist der Heiterkeit war über Alle gekommen, noch ehe ich meine Erzählung begann, denn die, welche die obigen Bitten an mich richteten, kannten schon Einzelnes aus meinen Wanderungen. Und gern kam ich ihrem Verlangen entgegen und erzählte ihnen von Mirza-Schaffy, von seiner Weisheit und seinen wonnevollen Liedern; vomArarat und Armenien; vom Kaukasus und den schönen Georgierinnen, und vom Schwarzen Meer und von den Kosaken und Türken. So saßen wir bis tief in die Nacht hinein; gespannt lauschten Alle meinen Erzählungen. Und Keiner dachte mehr an das Getümmel draußen, noch an die brennenden Vorstädte und das Trommeln und Schießen . Heute, wo ich diese Erinnerungen niederschreibe, ist gerade ein Jahr verflossen seit jenem Tage. Meine Freunde haben mich inzwischen oft aufgefordert, den Erzählungen, welche einen so heitern Einfluß auf sie geübt, durch den Druck eine größere Verbreitung zu geben. Vieles hat sich seitdem verändert in der Welt, aber die Menschen sind so ziemlich dieselben geblieben, und wohl Mancher ist noch, der das Verlangen fühlt, nach den Wirren des Tages in erfreulicheren Dingen, als die Politik der Gegenwart uns bietet, Ruhe und Labung zu suchen. Für solche Leser sind diese Blätter geschrieben, und wenn meine Erzählungen, hübsch gedruckt und gebunden, denselben Eindruck zu erzeugen vermögen, wie einst durch das gesprochene Wort, so ist der Zweck dieses Buches erfüllt.

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