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Tagebücher 1918-1937 – Harry Kessler

Früh um acht telephonierte mich Hatzfeldt an, das Kabinett habe doch noch gestern abend in Sachen Pilsudski einen Beschluß gefaßt, allerdings in Abwesenheit des Kanzlers und nach aufgehobener Sitzung im Stehen, aber unter Zustimmung von Groener und Hoffmann. Er soll freigelassen werden, aber vorher eine schriftliche Erklärung abgeben, deren Wortlaut von General Hoffmann aufgesetzt ist. Ich wurde beauftragt, hinzufahren und ihn zu der Erklärung zu bestimmen. Mit Hatzfeldt ins Kanzlerpalais, wo der Kanzler nicht zu sehen war; dagegen Groener, den ich nur einen Augenblick, ohne Pilsudski zu erwähnen, sprach; dann Haeften, der die Sache formal in die Hand nahm. Im gewaltigen Kongreßsaal berieten derweilen an einem Tischchen der Marinestaatssekretär Mann und der Sozialdemokrat Ebert; Haeften hatte Eile, weil er Hermann Müller in ein Flugzeug setzen mußte, damit er nach Hamburg fliege, wohin die Verbindungen unterbrochen sind; Scheidemann schritt majestätisch im Gespräch mit einem anderen Staatsmanne durch die Säle. Auf der Treppe traf ich Oberndorff, der mir zurief, daß er um fünf mit Erzberger zu Foch ins französische Hauptquartier fahre, um die Waffenstillstandsbedingungen zu erfahren. Das débâcle ist vollständig, Kapitulation und Revolution; in diesen durch den Berliner Kongreß bismarckisch geweihten Räumen ebenso packend wie vor fünfzig Jahren die Kaiserkrönung in Versailles. Büdingen im Kriegsministerium, wohin ich mit Hatzfeldt wegen Pilsudski ging, erzählte, außer Kiel seien Hamburg, Lübeck, Cuxhaven von der meuternden Marine genommen, in Hamburg die Truppen übergelaufen, eine rote Regierung. Rote strömten mit allen Zügen von Hamburg nach Berlin. Man erwarte für heute abend hier einen Putsch. Die Russische Botschaft ist heute früh aufgeflogen wie eine Kaschemme, Joffe mit Personal abgeschoben. Das bolschewistische Hauptquartier in Berlin damit zerstört. Vielleicht werden wir sie noch zurückrufen. Um drei nach Magdeburg. Drei Viertel sieben an. Keine Weisungen angetroffen. Daher Verhandlungen heute abend unmöglich. Der Hauptmann d. R. Schloessmann, der Bewachungsoffizier von Pilsudski, sagt mir, es sei ausgeschlossen, daß dieser unsere Erklärung unterschreibe oder überhaupt etwas Schriftliches von sich gebe; er und Sosnkowski seien genau über die politische Lage unterrichtet und hätten ihm bereits gesagt, daß sie infolge des Waffenstillstandes in wenigen Tagen freikommen müßten. Weshalb sollten sie da sich jetzt noch binden? • Magdeburg. 7. November 1918. Donnerstag Da früh noch immer keine Weisungen, an Hatzfeldt über Generalkommando telegraphiert. Gegen zwölf telephonierte mir Hatzfeldt, die Antwort auf meine Depesche sei unterwegs und zustimmend.


Da zu spät, um noch heute den Zug nach Warschau in Berlin zu erreichen, solle ich morgen fahren und es so einrichten, daß Pilsudski möglichst kurz in Berlin bleibe. Daher das geplante Frühstück bei Hiller mit Pilsudski, Hatzfeldt, Langwerth aufgegeben. Ich mache die Freilassung morgen früh und fahre mit beiden um eins nach Berlin, von wo sie um sechs nach Warschau weiterreisen. Nachmittags kam für mich über das Generalkommando vom Kriegsministerium Telegramm: ›Staatssekretär mit sofortiger Freilassung unter Berufung auf die Ihnen neulich gemachten mündlichen Erklärungen einverstanden. Es liegen neue politische Gründe vor, welche möglichst baldige Freilassung dringend erwünscht erscheinen lassen.‹ Schloessmann morgens bei mir in großer Aufregung, weil der Kommandierende ihm den Befehl geschickt hat, die Garnison in Alarmbereitschaft zu setzen. Er meint – was wohl richtig ist –, dadurch würden die Truppen nur nervös und zu Putschen geneigter; bat mich, zu intervenieren. Ich sagte, meine Mission gebe mir nicht das geringste Recht, in militärische Maßnahmen einzugreifen; wenn der Kommandierende aber meine Ansicht als Privatmann hören wolle, werde ich auffälligen und nicht unbedingt notwendigen Vorkehrungen widerraten. Gleich darauf wurde vom Generalkommando angeklingelt, der Kommandierende wünsche mich zu sprechen. Ich fuhr hinaus und hörte dort, daß inzwischen auch Hannover von den Roten genommen ist. Sie haben den Kommandierenden verhaftet und das Generalkommando besetzt. Man erwartet eine Abordnung roter Matrosen in Magdeburg heute nachmittag, hofft, sie am Bahnhof abzufangen. In den Kruppwerken wird gearbeitet, jedoch unter Unruhe. Der Kommandierende, ein General der Kavallerie von Werder, ein fetter, müder Mann, der aus dem Kriege heimgekehrt und hier den Verhältnissen nicht gewachsen ist, saß ziemlich zusammengebrochen vor seinem Schreibtisch. Den Befehl zur Alarmbereitschaft hatte er bereits wieder zurückgezogen auf Vorstellungen des Polizeipräsidenten. Er fragte mich, wie man es in Berlin mache? Ich sagte, soviel ich weiß, benutze man möglichst die Arbeiter selbst, die Organisation der Gewerkschaften und Sozialdemokratischen Partei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Werder meinte müde, das sei auch seine Absicht, möglichst die Arbeiter selbst vorzuschieben, ließ aber durchblicken, daß er sich nicht wundern würde, wenn ihn selber noch im Laufe des heutigen Tages die Revolutionäre abführten. Zu den Truppen hat offenbar weder er noch irgendeiner seiner Offiziere, die ich sprach, wirklich Zutrauen. Er sagte kleinlaut, ›er habe ja nichts da‹. Womit solle er einen Aufstand niederwerfen? Ich mußte an die Zeit in Lüttich im August 1914 denken, wo wir auch nichts hatten und dann der Aufstand wirklich kam, die gräßliche Unterdrückung. Man muß hoffen, daß wir das jetzt nicht in Deutschland erleben! Bisher sind die Vorgänge in Kiel, Lübeck, Altona, Hamburg, Hannover ziemlich unblutig. Aber alle Revolutionen fangen unblutig an. Der Durst nach Blut kommt erst allmählich mit den Anstrengungen, die die neue Ordnung kostet, um sie durchzuführen. Auf der Straße hier grüßen die Mannschaften prompt und stramm, ihre Straßendisziplin hat bisher nicht gelitten. Die Physiognomie der Revolution beginnt sich abzuzeichnen: allmähliche Inbesitznahme, Ölfleck, durch die meuternden Matrosen von der Küste aus.

Sie isolieren Berlin, das bald nur noch eine Insel sein wird. Umgekehrt wie in Frankreich revolutioniert die Provinz die Hauptstadt, die See das Land: Wikingerstrategie. Vielleicht kommen wir so gegen unseren Willen an die Spitze des Sklavenaufstandes gegen England und das amerikanische Kapital. Liebknecht als Kriegsherr in diesem Endkampf; die Flotte hat die Führung. • Magdeburg. 8. November 1918. Freitag Die sozialdemokratische Parteileitung hat gestern nachmittag um fünf durch Ebert und Scheidemann dem Reichskanzler eine Erklärung überreicht, in der unter anderem gefordert wird, daß die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen bis heute mittag bewirkt würde. Der Kanzler ist zum Kaiser ins Hauptquartier gefahren. Schloessmann kam morgens um achteinhalb, um mir zu sagen, daß der Bahnverkehr mit Berlin unterbrochen sei. Ich beschloß, ein Militärauto zu requirieren und Pilsudski im Auto nach Berlin zu bringen. Während Schloessmann telephonisch deshalb verhandelte, kamen Nachrichten, daß sich ein großer Demonstrationszug auf dem Breiten Weg gebildet habe, daß Offizieren die Achselstücke abgerissen und der Degen abgenommen würden. Die Arrestlokale seien gestürmt und die Gefangenen befreit worden. Offenbar war es höchste Zeit, wenn ich Pilsudski überhaupt noch aus Magdeburg hinausbringen wollte. Ich ging daher mit Schloessmann zum Kommandanten der Kraftfahrtruppen, dem Rittmeister von Gülpen, und bat diesen, mir sofort ein Auto zur Verfügung zu stellen. Gülpen, ein äußerst energischer Mann, der die Armeniergreuel und den Krieg bei den Türken im Kaukasus mitgemacht hat, erbot sich, selbst zu fahren. Fraglich war, ob die Meuterer bereits die Elbbrücken besetzt hätten. Wir beschlossen daher, uns zu trennen. Gülpen sollte das Auto aus der Stadt hinausbringen und an der Berliner Chaussee jenseits der Elbe warten, während ich mit Schloessmann in die Festung ging und Pilsudski befreite.

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