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Studien und Essays – Ida Boy-Ed

Und hat man gleich fünfzig Bücher von und über einen Menschen gelesen — man weiß doch garnichts von ihm, wenn die Intuition nicht aus dem Untergrund des eigenen Wesens das Bild des Darzustellenden heraufruft und es mit unbezweifelbarer Liniensicherheit auf ein bisher unbeschriebenes Blatt hinzuwerfen vermag. (Sollten wir Intuition nicht besser mit Erschauung übersetzen — drückt nicht Erschauung deutlicher als Anschauung das Offenbarende und oft Jähe dieses geistigen Erlebnisses aus?) Immer steht bei dieser Art Bildnerei im Hintergrunde Carlyle mit der Frage auf den Lippen: „Sind nicht alle diese bloß fingierte Biographien?“ Denn er weiß wohl, daß ein Zwangsverhältnis zwischen dem Dargestellten und dem Darsteller besteht. Der letztere handelt in der Notwendigkeit, am Verwandten oder auch am Gegensätzlichen herumzutasten, um dabei und dadurch die Überraschungen und Gewißheiten eigenen Wesens deutlicher verstehen zu lernen. Zuweilen ist das Verhältnis auch so, daß Resignation über verstümmelte oder unvollendet gebliebene eigene Möglichkeiten dem zur Höhe aller Art von Entfaltung Gelangten verständnisvoll nachblickt. Aber auch jede Dichtung ist biographisch durchsetzt, weil ein Schöpferischer nur die Probleme lebendig zu behandeln vermag, die ihn irgendwann einmal in innerste Bewegung brachten. Über die Beziehungen zwischen Erlebnis und Dichtung hat ja Wilhelm Dilthey das Feinste und Aufschlußgebendste, auch Unterscheidendste gesagt. Ob man also die Fußtapfen eines schon längst Dahingegangenen auszuspüren versucht, um dem Hall seiner Schritte nachzulauschen, oder ob man Fäden vom Webstuhl der Phantasie zusammenflicht, um in sie hinein erfundene Menschen zu setzen: man spricht immer sein Ich aus. Es war dieses ganz einfache und von jeglicher Literaturforschung unzählige Male festgestellte Wissen, das mich gezwungen hat, unter den schimmernden Namen, der dies Buch benennt, die vorsichtige Einschränkung zu setzen: „Ein Buch anläßlich ihrer.“ Menschen ohne Geheimnisse in ihrem Wesen sind für den Psychologen ohne Reiz. Und es könnte scheinen, daß die vollkommene Durchsichtigkeit von Germaine von Staël sie der Anziehungskraft beraube. Allein die geradezu ungeheure Energie des Lebenswillens in ihr, ihre Unbefangenheit, die ihrem Dasein einen einzigartigen Charakter gibt, erhöhen sie zu einer beispielhaften Erscheinung, zu einem Gradmesser von Möglichkeiten im Weiblichen. Das M. und das W. in ihr (um die Weiningersche Formel für Mann und Weib einmal wieder anzuwenden) hielten sich vollkommen die Wage. Und dieser geistig-seelische Hermaphroditismus, der auch in ihrem Verhältnis zu ihrem Vater, wie in dem zu Napoleon bestimmend sich zeigt, macht dennoch aus ihr einen Menschen von geradezu elementarer Ganzheit. In großartiger Unbekümmertheit folgte sie immer nur dem Wegweiser, den ihre Intelligenz und ihr Temperament ihr aufstellten und der sie Pfade wies, die mittenhinein in die leidenschaftliche Zeit führten, die um sie rauschte. Die Tatsache, daß diese ihre Zeit einige Jahre lang viele Ähnlichkeiten der Oberfläche mit der unserigen hatte — denn Revolutionen sind zwangsläufig an gewisse Erscheinungszustände geknüpft, wie ein vom Sturm aufgewühltes Meer immer mit schäumendem Branden gegen das Ufer sich bäumt, ganz gleichwie des Meeres Grund und des Ufers Charakter geologisch bestimmbar sind — diese Tatsache also äußerlicher Ähnlichkeiten in den Bedingtheiten vieles Zuständlichen brachte mir die Staël noch näher, als sie mir schon viele Jahre lang war in immer wiederholten Studien über sie und ihre Zeit, Jahre, in denen mich stets der Wunsch beunruhigte, mich hineinzuversetzen in den Mittelpunkt ihrer weiten Persönlichkeit. Aber ein Zweifel ist da, ein zögerndes Besinnen: Pazifisten und Internationalisten, denen ich mich abgewendet fühle, ließen uns so oft das Wort vom Europäertum hören. Da will in mir die Frage laut werden, ob denn nicht Frau von Staël die erste Europäerin im modernsten Sinne war und ob ich nicht Untreue gegen mich selbst zeige, wenn ich mich ihr widme. Es könnte doch scheinen, als ob eine Beschäftigung mit ihr ein Zwang aus einem Unterbewußtsein heraus wäre, das früher die Zukunftsgestaltungen erfaßt als der Verstand. Denn ist nicht vielleicht alles, was wir jetzt erleben, der Umweg nach Europa? In welchem Falle freilich die Pflicht nur noch heiliger erschiene, die Eigenschaften der Nationalität streng zu sichten und ihre Werte weiter auszubilden. In einer zukünftigen Amalgamation das edelste Metall zu sein, müßte immer der wachsame Wille einer auf ihre Eigenart stolzen Nation sein. Im Sinne solcher Zukunftsmöglichkeiten, von denen man nicht einmal vermuten kann, ob sie öde Nivellierung oder eine unerhörte Kulturgipfelung bedeuten könnten, war aber Frau von Staël garnicht Europäerin. Sie sagt im Gegenteil in ihrer Vorrede zu ihrem Buch über Deutschland: „Deutschland kann seiner geographischen Lage nach für das Herz Europas gelten, und der große Bund des Kontinents allein durch dieses Landes Unabhängigkeit die eigene wiedererlangen. [Zur Zeit der napoleonischen Herrschaft geschrieben.


] Verschiedenheit der Sprache, natürliche Grenzen, gemeinschaftliche Erinnerungen aus der Geschichte der Vorzeit, alles dies trägt dazu bei, um unter den Menschen die großen Individuen zu bilden, die man Nationen nennt: gewisse Verhältnisse sind nötig zu ihrer Existenz, gewisse Eigenschaften, sie zu unterscheiden.“ Sie ist durchaus der Ansicht, daß bei einem Ineinanderaufgehen stufenweise eine Umbildung aller erfolge, bei der am Ende alle gleich verlieren. Das Europäertum der Frau von Staël bestand aus den Notwendigkeiten der Blutsgebundenheit, der Tradition, der Umwelt, kurz: nach biologischen Gesetzen, nicht in Gefolgschaft von Theorien. Einer bestimmten Nation läßt sie sich nicht unbedingt einfügen, trotzdem die Franzosen sie, aber erst nach ihrem Tode, für sich beanspruchten. Sie war in Paris geboren, jedoch als Kind von Eltern, die aus Genf stammend zwar französisch sprachen, aber ihre Abstammung und Staatsangehörigkeit von und zum schweizerischen Freistaat Genf nie verleugnet oder aufgegeben haben. Wie denn auch Necker, sobald seine französische Amtstätigkeit ihre erste Zäsur erreichte, sich auf heimischem Gebiet ankaufte, und dies Gebiet war eben der Freistaat Genf. Auch Brandes stellt fest, daß sich in Paris Frau von Staël als Schweizerin, in Coppet als Pariserin fühlte. Ganz spät noch, als sie schon durch eine historisch gewordene, unendlich vielfältige Verknüpfung mit der französischen vor und nachrevolutionären Gesellschaft unlösbar verbunden schien, gab die Tatsache, daß sie eine „Fremde“ sei und als solche der Polizeiaufsicht unterstehe, Napoleon den Vorwand, sie des Landes zu verweisen. Sie mußte also in verschiedenen Zuständen ihres unruhvollen Lebens das Gefühl gehabt haben, eigentlich nirgendwo innerlichst wie gesetzlich beheimatet zu sein, und sie litt auch gelegentlich in der Tat unter diesem Bewußtsein der Ungebundenheit. Unabhängige suchen und preisen solche Ungebundenheit, um sie doch fröstelnd zu empfinden, wenn sich das jedem Menschen tiefeingeborene Bedürfnis nach gelegentlicher Selbstaufgabe, in der Form suchender Sehnsucht, ankündigt. Sich an die Heimat, an die angestammten Eigenheiten der eigenen Nation gelegentlich zu verlieren, verantwortungsloser sich zu dünken, ist eine Art Rast für den Kämpfenden. Der Standpunkt auf der Grenze zwischen Nationen und Rassen kann dem Blick Freiheit und Weite geben. Gewachsen sind der Einsamkeit solcher Basis aber nur höchste Intelligenzen und große reinliche Charaktere. Es fehlt nicht an Werken über die Staël: namhafte Franzosen haben mit ihren Federn geistreiche Linien um ihre Gestalt gezogen, die von jedem Standpunkt aus eine höchst ragende Erscheinung war. Die erste, sie und den Hintergrund der revolutionären Zeit und ihren riesengroßen, fast unübersehbaren Freundeskreis zusammenfassende Biographie hat Lady Blennerhasset, geborene Gräfin Leyden, eine Deutsch-Engländerin, geschrieben. Mein Vorhaben ist: das eine und andere Blatt aus dem Leben der Frau von Staël aufzuschlagen, jedes für sich abzuschließen (wobei einige Wiederholungen im bloß Datierten sich nicht werden vermeiden lassen), nach eigener Wahl da verweilend, wo ich mich am Zwingendsten gefesselt fühle. Und dennoch aus diesen losen Blättern ihre ganze Gestalt erstehen zu lassen. Die gigantische politische Wandeldekoration, vor der ihre Persönlichkeit steht, wird dabei von selbst sichtbar werden. Dies Verfahren ähnelt vielleicht ein wenig dem der Zeichner, die Linien aussparen, nur die wichtigsten hinsetzen und doch den Beschauer zwingen, mit demAuge der Phantasie die volle Kontur zu sehen. Wenn man einer Gestalt nachgeht, die sich inmitten eines ungeheuren Gedränges vorwärts bewegt, ist es natürlich viel schwerer, sie in ihren Umrissen von allen Nebenerscheinungen abgesondert festzuhalten, als wenn man einem einsam Schreitenden folgt. Auf das kräftigste stellte sich heraus, daß es eine höchst zeitgemäße Aufgabe ist, wieder einmal, in möglichst zusammengefaßter Form von der Staël, ihrem Werk und dessen Wichtigkeit auch für Deutschland zu sprechen. Es zeigte sich in und nach dem Kriege, daß die Franzosen immer noch nicht viel weiter in ihrer Kenntnis unserer vorgeschritten sind, als sie es vor mehr als hundert Jahren waren, wo Frau von Staël als erste bewundernd und begeistert zu ihnen von uns zu sprechen wagte: zu den Franzosen, die damals noch die naive Frage tun konnten, ob denn die Deutschen überhaupt eine eigene Sprache besäßen! Die gehässigen Worte Nietzsches, der von Madame Roland, Frau von Staël und George Sand sagt (Jenseits): „Unter Männern sind die Genannten die drei komischen Weiber an sich“, brauchen uns nicht aufzuhalten. Auf Germaine von Staël wuchtete die zähe und scharf wachsame Feindschaft eines Ungeheuren, eines Jahrtausendmenschen— die Napoleons! Das hämmert ihres Bildes große Züge in das Relief der Geschichte ein. Und mit schönem Schmuck legt sich um eben dies Bild die treue, bewundernde Freundschaft eines Fürstenpaares, vor dessen Namen sich unsere Geschichte dankbar verneigt: Karl August und Luise von Weimar. Was kann vollkommener Zeugnis ablegen für eine Persönlichkeit als großer Haß und edle Neigung! Gewaltsame Zurechtknetungen brauche ich nicht an Germaine von Staël vorzunehmen.

Sie bedarf keiner „Rettung“. Sie machte niemals Hehl aus sich und hat das, was als Irrtümer eingeschätzt werden könnte, als Notwendigkeiten gelebt. Und ich meine, über jeder biographischen Arbeit, setze sie sich nun den rein historischen Ablauf der Daten oder die Darlegung des psychologisch Erklärbaren zum Ziel, sollte immer der Vierzeiler aus dem Ruba ‚ijat des Omar Chajjam als Mahnung stehen:

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