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Römische Schlendertage – Hermann Allmers

Nach Rom zu reisen, das ist heutzutage gar kein Wagniß mehr zu nennen, aber über Rom zu schreiben, über das bis in die neuesten Tage hinein so viel tausend Herzen und Federn sich ergossen haben, dazu gehört allerdings einiger Muth. Und doch wage ich es getrost. Ich bin weit davon entfernt zu glauben, daß ich in diesen Blättern viel Neues brächte, oder nie vorher eingenommene Gesichtspunkte darböte. Wenn Du, lieber Leser, mein Buch in solcher Hoffnung in die Hand nehmen solltest, so bitte ich Dich, es nur sofort wieder bei Seite zu legen. Du würdest es doch über kurz oder lang unwillig fortschieben und hättest vergebene Mühe und verlorene Zeit dadurch gehabt. Aber sind wohl in stillem, tiefem Sehnen Deine Phantasieen und Träume hinüber geeilt über die schneestrahlenden Alpenhäupter in das sonnige, schönheitserfüllte Land des Südens Italia, jenes wundersame uralte Ziel der Sehnsucht, das wie mit geheimer Zaubermacht seit grauen Jahrhunderten den Sohn des Nordens trieb, den Wanderstab zu ergreifen, um dort einzukehren und einmal zu schlürfen den Vollgenuß irdischer Glückseligkeit; oder lieber Leser, war es Dir vielleicht selbst vergönnt, in glücklichen Tagen zu wandeln auf dem geweihten Boden der ewigen Stadt, und Du erfreust Dich gern wieder in der Erinnerung daran, dann wirf mein kleines armes Büchlein nicht sofort wieder aus den Händen, es könnte doch immer sein, daß einige Strahlen aus dem hehren Lichtglanz jener Tage sich wieder in Dein Herz senkten, es auf einige Stunden erfreuend und beglückend. Auch mir verlieh ein gütiges Schicksal, daß ich einen ganzen Winter, ein wonniges Stück vom Frühlinge und später noch ein paar schöne Herbstwochen in der alten hochherrlichen Roma weilen und schwelgen konnte. Dankbar und offen muß ich’s gestehen, es vereinte sich Alles und Jedes, um jene Tage mit dem Glanze höchster innerer Glückseligkeit zu umgeben. Und wer könnte und sollte in Rom unter gleichen Umständen auch nicht glücklich sich preisen dürfen. Die schöne vollendete Freiheit, in der man sich bewegte, das gänzliche Fernliegen und Zurücksinken aller und jeder kleinlichen und peinlichen Sorgen und Erbärmlichkeiten unseres bürgerlichen Daseins, das milde wonnige Klima, eine landschaftliche Umgebung, in ihrer ruhigen Schönheit so ideal und stylvoll, wie sie zuvor nur auf Bildern eines Poussin oder Claude Lorrain, nie aber in der Wirklichkeit mein Auge geschaut hatte, der stete Verkehr mit lieben, hochgebildeten Menschen, die von gleichen Interessen getrieben, von gleicher Freude gehoben waren, flotte poesieerfüllte Zecherkreise, wie stilltrauliche Hausfamilien, dann der große welthistorische Hintergrund, der, wo man geht und steht, vor dem geistigen Auge schwebt, und nun das tägliche ruhige Genießen der höchsten und herrlichsten Kunstdenkmale, die je aus großen gottgeweihten Menschenherzen aufgingen; zu allem Diesem noch, wenn auch nicht übermäßig, doch leidlich Geld im Beutel und endlich, was doch das Beste war, ein trotz seiner vierzig Jahre noch echt junges Herz in der Brust, frisch und empfänglich allzeit; genug, dieses Alles in feiner ganzen zusammenklingenden Harmonie mußte wohl im Stande sein, jene wahrhaft olympische Seligkeit zu schaffen, in deren reinem Aether meine glückliche Seele sich aufschwingen und entfalten durfte in jenen unvergeßlichen Tagen. Das ist nun vorüber, — verschwunden wie ein goldenes Traumbild, und ich sitze wieder fern in meinem stillen entlegenen Marschdorfe am schilfumrauschten Weserstrande. Um mich her aber liegen oder stehen hundert heimgebrachte liebe und werthe Andenken an den Süden: Kupferstiche und eigne Zeichnungen, antike Gemmen, Münzen, Vasen, Terracotten und andere Reste der Kunst und Kultur, nicht minder Pflanzen und Gesteine und selbst die dreiarmige römische Lampe, die mir dort manchen Abend leuchtete, hat mich begleitet bis in meine, Dir vielleicht durch mein Buch bekannte Marschenheimath. [Marschenbuch von Hermann Allmers. 2. Aufl. Oldenburg. Schulzesche Hof-Buchhandlung (C. Berndl & A. Schwartz).] Das Alles sagt mir genugsam, daß es kein Traum war; und betrachte ich diese Gegenstände, mich zurückversenkend in jene Tage, da ich sie sammelte, so wird mein Herz voll seliger Erinnerung. Aber, weß das Herz voll ist, davon fließt einmal der Mund über, der Mund, oder nach Umständen die Feder. Und wenn auch Dir, lieber Leser, ein Hauch meiner Freude aus diesen Blättern entgegen wehen sollte, oder wenn Dir gar beim Lesen derselben das Herz aufginge, sei’s in Sehnsucht, sei’s in Vorfreude oder Nachgenuß, dann wäre der Zweck meines Büchleins erfüllt, mein Vorhaben gerechtfertigt, mein kleines Werk reich belohnt. Darum wird denn auch mein Buch ein echt subjectives bleiben, keine umständlichen Beschreibungen, keine langen Kunstkritiken, vor Allem aber keine kalten und weitläufigen Abhandlungen sollen seine Blätter füllen, diese namentlich will ich ganz den Historikern, Archäologen und andern schrecklich gelehrten Menschen überlassen. Nein, mein altes liebes hochherrliches Rom, von mir sollst du nicht abgehandelt werden. * Italien könnte man das Land der stillen Städte nennen, doch wenn ich das wundersame, einzige Venedig und allenfalls noch ein paar halbverödete und schweigende Städte, wie etwa das träumende Pisa, das alterthümliche Siena oder das weltabgeschiedene Ravenna ausnehme, so wüßte ich kaum eine größere Stadt in der Welt und vor Allem in Italien, die mehr geschaffen wäre zu stillbeschaulichem Leben, zu friedevollem und herzerquickendem Genießen und zu ungestörtem Herumschlendern als Rom.


Eine großartige ernste und klassische Ruhe umfängt noch immer mit ihrem Zauber die ewige Stadt und wir werden mit davon ergriffen und erfüllt bis in das tiefste Herz hinein, ehe wir’s selber ahnen. Aber diese Ruhe ist erfüllt von ganz eigner Stimmung. In ihr liegt nicht das wehmüthige Träumen der Romantik oder das Trauern um verlornes Glück, wie in Venetias still hinbröckelnder Herrlichkeit, und noch weniger ist sie ein dumpfes ausdrucksloses Hinbrüten oder jene bleierne Schwere der Langenweile, wie sie uns in Städten und Residenzen ergreift, die sich weder einer großen Vergangenheit noch einer frischen, lebenskräftigen Gegenwart zu erfreuen haben. Die alte Roma ruht da voll ernster Majestät in dem Selbstgenügen des stolzen Bewußtseins, zweimal die Welt beherrscht zu haben, im Hochgefühl, daß vor ihrer Bedeutsamkeit die Gebildetsten aller Nationen sich verehrend neigen, und daß zu ihr fort und fort die Schaaren von Tausenden wallen, zu beten an geweihter Stätte, zu trinken ewige Herrlichkeit und darzubringen den Zoll staunender Bewunderung. Sei’s der stolze Lord, der schönheitsselige Künstler, der ernste Forscher der Vorzeit, der einfältige Pilger, für sie Alle ist und bleibt die heilige Roma die Kaiserin, die Hohepriesterin unter den Städten. Ich kann es nicht beschreiben, wie sie meinem Herzen wohlthat, diese Alles umfangende Ruhe. Und gewiß jedem Reisenden wird sie das, gleichviel, ob er von den lebensvollen Seeplätzen Marseille und Genua, oder zu Lande vom rührigen Florenz komme; vor Allem aber beim Gegensatz zum ewig brausenden, großen Neapel. Es sind keineswegs bloß die einsamen und verlassenen, ruinenvollen Orte der alten Roma, wo sie herrscht; nein, sie breitet sich aus über das ganze moderne Rom. Nirgends erblickt man wildes Rennen, nirgends die fieberhafte Hast des Geschäftstreibens. Man wandelt, schaut, genießt, redet mit einander, so ganz, wie’s immer gefällt, in ächter Gemüthlichkeit und Gemächlichkeit. — Der Yankee Amerika’s hat das „Time is money“ erfunden. „Zeit ist Geld!“ ruft er und rennt lieber ein halb Dutzend seiner andern Zeitconcurrenten über den Haufen, als daß er eine Viertelstunde einbüßt. In Rom müßte man sagen: „Zeit ist Genuß und Wohlgefühl.“ indeß wer sie erjagen will, betrügt sich selbst darum. In Rom muß man nur schlendern in stiller Freude, betrachten, empfangen und genießen, und vergessen das ferne Weltgetümmel draußen, das Gezänk der Parteien und alle kleinlichen Sorgen des Alltagslebens; die Seele nur geöffnet großer Vergangenheit und ewiger Schönheit, das ist die wahre Weise in der ewigen Stadt zu leben. In Rom schlendert Alles, der Mensch und der Esel, der Heimische und der Ausländer, Hoch und Niedrig, Weltlich und Geistlich, Handel und Wandel, ja die Weltgeschichte selber schlendert hier seit Jahren ihren Gang ruhig weiter und nur dann und wann wird ihr von außen her ein Ruck oder Stoß versetzt, wenn sie gar zu sehr in ihrem Schlendrian hintenan geblieben ist. Und auch ich habe Rom ehrlich durchschlendert zu allen Stunden, in der Sonnenpracht und Lichtfülle des heiteren Tages, wie im Mondenglanze der brunnendurchrauschten Nacht, einsam versunken in ruhigem Träumen und Schauen, oder fröhlich vereint mit lieben Menschen. Jetzt durchwandle ich sie wieder im Geiste, die alten wohlbekannten Gassen und Plätze und Du, lieber Leser, sollst mit mir wandeln hierhin und dorthin und mit mir genießen: Römische Schlendertage. — * „Eccola Roma!“ rufen Vetturin und Reisende, wenn der Wagen die letzte Höhe vor Ponte Molle erreicht hat, denn auf einmal liegt die ewige Stadt vor ihren Blicken ausgebreitet, ein Meer von Dächern und Ziegeln, Mauern und Bogen, Thürmen und Kuppeln und in demselben Augenblicke tritt auch hinter dem Monte Mario hervor St. Peter in seiner Alles beherrschenden Majestät.

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