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Reisetagebücher – Franz Grillparzer

Am 21. August abends um halb zehn Uhr von Wien abgereist. Mit traurigem Gemüt. Vorzüglich angeregt durch die unwillkürliche Vergleichung des gegenwärtigen Zustandes mit jenem, in dem ich Wien vor sieben Jahren zur Reise nach Italien verließ. Damals voll Hoffnung und Blüte, »im Uebermut des Wagens und der That« – jetzt beinah verwelkt und kleinlaut. Weiß Gott, ich zwinge mich zu dieser Reise, und ich appliziere sie mir wie eine Vesikatur als letztes Mittel, um zu sehen, ob’s noch zieht und ob noch ein Rest von Lebenskraft vorhanden. Ich beginne diese Reise mit einem eigenen unangenehmen Vorgefühle. Im Wagen ein Kaufmann aus Wien und zwei Juden. Höchst unangenehm. Die Nacht hindurch gefahren. Aufgang der Sonne in der Nähe von Znaim. Erinnerung an die fatalen Reisen, die ich auf derselben Straße mit dem nunmehr verstorbenen Graf Stadion gemacht. So wenig angenehm nun der gegenwärtige Ausflug ist, so soll er doch, will ich hoffen, besser ausfallen, als jene Fronfahrten. Den Tag im Wagen zugebracht, wie man ihn nach einer durchwachten Nacht, zerschüttelt, von Hitze und dem ungeheuersten Staube gequält, vis-à-vis von zwei Juden zubringen kann. Mittags in Budwitz. Gegen Abend glücklicherweise vor Iglau die Achse gebrochen. Glücklicherweise, da der Zufall doch Gelegenheit gab, ein wenig sich zu erholen. Komisch war anzusehen, wie eine Station vor Iglau der Schmied des Ortes den Kondukteur auf den Bruch der Achse aufmerksam machte. Der Mann hatte auf eine fast unbegreifliche Weise das am unteren Teile der Achse befindliche Gebrechen im Vorbeigehen sogleich bemerkt. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als alles über ihn herfiel, ihn mit Schimpfworten überhäufte, seine angebotenen Dienste zurückwies, und doch war die Achse wirklich gebrochen und wir waren ihm eher Dank schuldig. Ich erkundigte mich und erfuhr nun, daß der Mann, wie gesagt, Schmied des Ortes, und wohl oft ohne Arbeit, sich ein eigenes Geschäft daraus mache, den ankommenden Wagen aufzulauern und den Leuten die gute Laune durch Entdeckung eines Gebrechens an denselben zu verleiden. Daher ist der Mann bekannt und verhaßt. Niemand läßt etwas bei ihm reparieren, sondern man fährt aus Abgunst lieber mit Gefahr eine Station weiter, und doch setzt der Schmied sein odiöses Geschäft immer fort. Ich bewunderte, wie ruhig er fortging, wie er auf alle Schmähungen nicht ein Wort erwiderte, als ob die anderen ein Recht hätten, sie ihm zu sagen. Er souteniert wenigstens seinen Charakter, In Iglau zwei Stunden, während der Wiederherstellung der Achse herumgeschlendert.


Die Stadt nicht übel, der Menschenschlag hübsch. Ein Haus nahe dem Thor von oben bis unten mit beinahe ganz geschwärzten Malereien bedeckt. Oben und unten biblische Geschichten, in der mittleren Reihe den Einzug eines großen Herrn darstellend, Karls V., wie man mir sagte. Das ganze recht gut gemalt; besonders scheinen in dem Festzuge die Gesichter all dieser Ritter und Herren meist mehr Ausgedrücktes und Bezeichnendes gehabt zu haben, als von einer solchen Schilderei zu erwarten ist. Bei einbrechender Dunkelheit abgereist, die Nacht durch gefahren. Gewitter und Regen. Sobald man die böhmische Grenze überschritten hat, fährt man schlechter, langsamer. – Tagesanbruch, Bilde ich’s mir ein, oder ist die, im Grunde nicht so üble Gegend wirklich – wie soll ich’s nennen? – ernster, herber, rauher als in Oestreich und Mähren, Straßenbettler häufiger und unverschämter. Einem meiner Reisegefährten fiel der Mantel vom Wagen; der Postillon stieg ab und holte ihn, der etwa zehn Schritte zurücklag. Da wir in der Station angekommen waren, begehrte der Postillon ein eigenes Trinkgeld für das Holen des Mantels. Endlich erblickt man Prag, herrlich gelegen im Umkreise seiner Berge. 23. Ich kam mit einer Art Vorurteil gegen Prag hier an. Das wahrhaft läppische Mißverstehen meines Ottokar, die lächerliche Wut, in welche der beschränkte Nationalsinn der hiesigen Einwohnerschaft über dieses unschuldig gemeinte Stück geriet, hatte mich höchst ungünstig vorbereitet. Demungeachtet aber konnte ich mich des grandiosen Eindruckes nicht erwehren, den diese Stadt auf jeden Beschauenden machen muß. Die Lage im Kessel von schönen und reich bepflanzten Bergen, überall vorteilhafte Linien bildend, der breite Fluß mitten durch die Stadt, das Häusergewühl durch sonderbare Türme und hervorragende Gebäude aller Art wohlthuend unterbrochen und in Partien gesondert, der Hradschin das Ganze krönend, alles trägt dazu bei, diese Stadt, recht gemäldehaft, zu einer der schönsten für den Beschauer zu machen. Es ist hier etwas, das an Venedig erinnert; das Fortlebende nämlich, das Altertümliche zwischen und neben dem Neuen. Rathaus und die Türme an der Brücke rufen Florenz zurück, und im ganzen machte mir Prag wirklich einen ähnlichen Eindruck mit letztgenannter Stadt. Der schönste Ueberblick ist vom sogenannten Lorenzberge, Ich war mit Pußwald gegen Abend in dem dort oben gelegenen Gasthause, die Hasenburg genannt, und ich muß gestehen, daß ich mir etwas Reizenderes kaum denken kann, als Prag von diesem Standpunkte. Die Bauwerke aus früherer Zeit haben hier durchaus etwas Phantastisches, das in einem sonderbaren Einklange mit dem Geiste der ältesten Geschichte Böhmens, der romanhaftesten, die ich kenne, steht. Diese vielen Türme mit vielfachen Spitzen, jeder anders und nur in der Seltsamkeit übereinstimmend; diese Kirchen, kaum eine schön, aber alle auffallend, mitunter wunderlich, z. B. die Domkirche mit ihren Schnörkeln und Säulchen, mit ihren Strebepfeilern, die nichts tragen, und ihren Bögen, die nichts stützen, ein treffendes Bild der Willkürlichkeit, jedes Glied gleichsam ohne Zweck, wie nur um seiner selbst willen hingestellt, und doch im Gesamteindruck so wunderbar. Kurz, diese Stadt trägt nicht das Gepräge des befriedigten Bedürfnisses, sondern der freien schaffenden Geisteskraft, sie besteht nicht aus Wohnungen, sondern aus Gebäuden.

Wenn dieses letztere freilich nur von den Ueberbleibseln der älteren Zeit gilt, so reihen sich die neueren Häuser ihnen doch so an, daß sie den würdigen Eindruck durchaus nicht stören, und man kann Prag wirklich eine schöne Stadt nennen. Die Brücke etwas derb, aber schön, die angebrachten Bildsäulen, sonst überall plump, stimmen zum Ganzen; dieser ärmliche Fluß dehnt sich hier zum breiten Strome aus, freilich ebenso seicht als er breit ist. Verhüte Gott, daß er je ein Symbol der Nationalbildung sei! 24. Auf dem Hradschin gewesen. Das königliche Schloß sehr unter meiner Erwartung, Ich ziehe die Wiener Burg vor. Dort sieht man doch die Generationen, die daran gebaut haben und freut sich, daß so unumschränkte Herrn sich behelfen und begnügen; hier sind Summen verschwendet und doch nichts erreicht. Das Ganze weitläufig und doch nicht groß; kasernenartig, ohne architektonische Bedeutenheit. Ueberhaupt ist der Hradschin der Ort nicht, von dem aus sich Prag im Glanze zeigt; der Aussicht vom Hradschin fehlt das Beste, der Hradschin selbst nämlich, der den Anblick von Prag erst zu dem macht, was er von jedem andern Standpunkte aus ist. Von der Ferne stellt sich auch das Schloß herrlich dar, in der Nähe, wie gesagt, gefällt es mir nicht. Die Domkirche besehen. So viel Merkwürdiges, daß man kaum weiß, wo man Hinsehen solle. Ottokars Grabmal. Die Figur verstümmelt, die Nase fort, kaum eine Physiognomie erkennbar. Der Körper tüchtig, nicht allzu groß, Ich habe den Mann aufrichtig um Verzeihung gebeten, wenn ich ihm irgend worin unrecht gethan haben sollte. Uebrigens zeichnet sein Grab nichts aus und er liegt ununterschieden unter den Spitihniev und anderen Tröpfen, vor denen er so ausgezeichnet war. Die Preußen haben einen Teil dieser Kirche zusammengeschossen, gegenwärtig nimmt sie sich von dieser Kehrseite und im Innern (als Ganzes) nicht zum besten aus. Diese Stadt bringt mir, außer einem wirklich ausgeführten (Ottokar), auch noch zwei entworfene Trauerspiele ins Gedächtnis: Drahomira und Rudolf II. Von ersterem, besonders dem heiligen Wenzel, ist namentlich diese Domkirche übervoll. Gemälde, seine Lebensgeschichte darstellend, sein Helm und Panzerhemde, der Ring, an den sich haltend, er getötet wurde (wenn man anders damals in Böhmen Messing schon kannte); alles erinnert an ihn und an seinen Bruder Boleslav. Hingegen kaum eine Spur von Rudolf II. zu finden, und doch muß er für Prag so viel gethan haben. Das königliche Schloß trägt seines Bruders Mathias Namen an der Stirne. Hat es denn nicht schon Rudolf bewohnt? Der stille Kaiser Rudolf. In der Judenstadt gewesen. Schmutz, Schmutz, Schmutz! Man begreift, warum dieses Volk keine Schweine ißt.

Es wäre eine eigentliche Hyophagie (Anthropophagie). Und doch sah ich drei der schönsten Mädchen, die ich je gesehen, in dieser Judenstadt, und alle drei offenbar Jüdinnen. Die eine beinahe griechisch und ideal, die andern menschlich, leiblich, fleischlich, was man will; aber äußerst hübsch. Diese Stadt hat mich einigermaßen mit der böhmischen Nation ausgesöhnt, die ich nie habe leiden mögen. Eigentlich sollte man über kein Volk aburteilen, bevor man es in seiner Heimat gesehen. Ist nicht der Italiener, daheim klug wie keiner, in der Fremde häufig die eigentlichste Karikatur? Gewisse Eigenschaften bedürfen gewisser Unterlagen und Umgebungen, außer dem Zusammenhange wird das Konsequenteste absurd.

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