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Reisen durch Italien – Ernst Moritz Arndt

Weil in der Lombardei durch die Plünderungen und Wegschleppungen nach Frankreich nicht viel für mich aushing, überdem das Reisen auch beides wegen französischen und österreichischen Argwohns sehr unangenehm war, so beschloß ich, erst nach dem schönen Florenz zu gehen, mich dort im italischen Leben fest zu setzen, und so meinen Faden nach einigen Monaten, nach den übrigen merkwürdigsten Orten, weiter auszuspinnen. Dies alles ist mir nun freilich durch die leidigen Umstände sehr verdorben. Bald nach meiner Ankunft kamen die römisch-neapolitanisch-französischen Händel, und sperrten mir Rom und Neapel. Die Lombardei, Mantua, Mailand, Parma, Turin sah ich nur wie auf der Flucht, und der drohende Krieg jagte mich in das südliche Frankreich. Was ich nun gesehen und erfahren habe, von dem ich glaube, daß es den Geist der Zeit, den Karakter der italischen Nation, ihr äußeres Leben und den Einfluß des südlichem Himmels schildern, und manches schneidend und scharf von allem Nördlichen auszeichne; was ich endlich meine, daß es menschlich auch menschlichen Herzen gefallen könne, das werde ich in diese kleinen Bruchstücke meines halbjährigen italischen Lebens aufnehmen, und will, wenn jemand nach einem gewissen Plan fragt, ihn hiemit noch einmal auf meine Vorrede zum Wiener Leben gewiesen haben. Weit die Reisen im Venezianischen zu Lande mit der Post äußerst theuer sind, und ich keinen Gesellen für die Hälfte der Kosten finden konnte, so bestellte ich mir einen Platz bey dem öffentlichen Boten, oder corriere und procaccio von Bologna, um mit ihm bald zu Bote, bald zu Lande nach Ferrara zu gehen. Wir stießen den 6. Oktober des Morgens um 3 Uhr vom rio de carbonai am großen Kanal vom Lande und schwammen in der schönen Sternennacht unter frohem Geschwätz über die Lagunen hin, jenes flache und seichte Meer, welches Venedig und seine Inseln vom festen Lande trennt. Mit dem dämmernden Morgen kamen wir an Malamocco, einem Dorfe, das in einer langen Häuserreihe flach am Meere hinläuft. Länger noch liegt Palestrina, welches man ein unendliches Dorf nennen kann; doch liegen die Häuser meistens einzeln. So streicht man zwischen den Lagunen und diesen wenig lieblichen Gestaden hin, und gelangt an das nette Städtchen Chioggia, berühmt durch den harten Kampf mit Genua, wo Venedig durch Standhaftigkeit edler siegte, als es vor einigen Jahren durch Schwäche fiel. Gegen 9 Uhr waren wir am Porto di Brondolo, wo die Lagunen ihr Ende haben, und die weitere Schiffung auf Kanälen und der Etsch und dem Po bis Ferrara veranstaltet wird. Wir kamen von hier bald auf die Etsch, wo wir einige Stunden, von Pferden nach Art guter Treckschuiten gezogen, landeinwärts fuhren. Von hier liefen wir links in einen Kanal, von dem ich nichts Merkwürdiges weiß, als daß er eine gute Herberge an seinem Ende hatte, wo wir uns ein treffliches Mittagsmahl um zwey Uhr Nachmittag schmecken ließen. Zuletzt führt die Cavanella, ein Mittelding von Fluß und Kanal, in den Po. Nahe am Po mußten wir Halt machen, um unsre Pässe von dem österreichischen Posten visitiren zu lassen. Dies hielt uns lange auf, weil der kroatische Officier, der dort stand, nicht recht italiänisch und auch das Teutsche nicht recht verstand; doch machte ich den Dolmetscher und half ihm expediren. So zogen wir langsam etwa drey Stunden stroman auf dem Po, wo wir auf dem linken Ufer, cisalpinischen Gebiets, bey einer französischen Postirung anlegen mußten. Hier ward alles in eine andre Barke ausgeladen, und die venezianische Mannschaft und Barke zogen wieder zurück. Die Sonne ging darüber unter. Wir lagerten uns unter Ulmen und Weintrauben bey einem ärmlichen Häuschen, aßen Trauben und Granatäpfel, die uns die freundliche Bäuerin verkaufte, und schifften nach anderthalb Stunden Rast wieder ein. Ein sternenheller und lieblicher Abend krönte den schönen Tag, mächtig rauschte der gewaltige Strom hinter uns fort, und immer reitzender spiegelten sich seine Ufer in ihm, die mit waldigten und buschigten Krümmungen, Büschen, Weiden und lustigen Inseln wechselten. Ich saß nach unsrer Abendtafel mit einem lieben Türken bis an Mitternacht auf dem Verdecke, und legte mich dann zu den Uebrigen in der Kajüte auf Matratzen. Doch nun ein wenig zurück, um Land und Leute etwas näher, in hohen Augenschein zu nehmen, und so die Geschichte dieses Tages zu schließen. Die Gegend um die Kanäle, welche die Etsch und den Po mit einander verbinden, und um die Ströme selbst ist äußerst flach und zum Theil sumpfig, herrliches Weide- und Kornland.


Schönes Vieh sah ich hie und da, aber bebaut schien es mir wenig, und viele Ebnen waren so mit Disteln und hohem Grase bewachsen, als fuhren wir durch eine der Südseeinseln. Die Ufer der Flüsse waren mit Pappeln und Weiden bedeckt, auch sah man zuweilen einige Ulmen mir ihren Reben. Dörfer sieht man wenige, sondern fast immer nur einzelne Wohnungen, welche zum Theil äußerst ärmlich aussehen, und meist ohne Fenster sind, deren Stellen hölzerne Läden ersetzen. Hievon nehme ich die Zoll- und Schleusenhäuser nebst den Wirthshäusern aus, die fast durchgehends nett und stattlich sind. Doch hat man weiter im Hintergrunde bessere Wohnungen und hübsche kleine Meiereien. Manche der kleinen Wirthschaften an den Strömen und Wassern sind auch recht elysisch. So lag ich den Nachmittag am cisalpinischen Ufer des Po unter phaetoutischen Pappeln bei einem allerliebsten Gehöfte unter Rebenumschlungenen Ulmen und mächtigen Mais- und Sagginastauden. Im Ganzen doch scheint die schöne fruchtbare Gegend öde, und ihre Bewohner in elenden Umständen zu seyn. Dies schließt man ziemlich sicher aus dem Kleide, und es war heute doch Festtag, und alles ging und kam zu uns aus den Kirchen. Zum Theil mag diese Unangebautheit auch von den Ueberschwemmungen und Durchbrüchen herrühren, welche der Strom zuweilen macht, und wodurch manche Strecken für einige Zeit wieder in einen Sumpf verwandelt werden. Dies macht die Sicherheit und den Ertrag dieser niedrigen Felder dann natürlich zweifelhaft. Man hat den Fluß an den niedrigen Stellen häufig mit Wällen und Dämmen eingeengt, besonders am linken Ufer umher nach Ferrara hin, wo er oft über das flache, sumpfige Land sich verwüstend ergossen hat. Wir hatten am Ufer der Kanäle und Ströme fast immer Gesellschaft, zu beiden Seiten die kaiserlichen und französischen Postirungen, und italiänische Reiter auf Maulthieren und Eselein und kleine Wagen. Der Bauer fährt meist mit Ochsen, die ganz den Schlag und die Silberfarbe der ungrischen haben. Auch seine Wagen sind noch die gementia plaustra der Alten; breite Ueberlagen von Leitern auf den langen Schulterbäumen der Axen, um die sehr kurze, entsetzlich stöhnende Räder laufen. Ihre Wohnungen sind meistens mit Stroh, wenige mit Ziegeln kümmerlich bedeckt, und auch hierin sind diese Gegenden den ungrischen zwischen Presburg und Pest an der Donau ähnlich. Die Männer gehen größtentheils in weiten Hosen, wollenen Strümpfen, blauen und grauen, einer schlechten Jacke und noch schlechterem Filz- oder Strohhut, die Weiber im kurzen zusammengefalteten Rocke und Jüpchen, doch meist mit geflochtenem Haar und Filzhüten mit breiten Rändern, wie unsre herumspielenden Cither- und Bänkelsängerinnen. Die Männer sind ein robustes Geschlecht, aber stumm und grämlich von Ansehen, die Weiber sehen eben so finster aus und sind häßlich und gelb.

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