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Reisen durch Deutschland, Ungarn und Venedig – Ernst Moritz Arndt

Nach dem Aufenthalt einiger fröhlichen Tage wanderte ich den 19ten Junius aus Bayreuth, immer der Laune und Lust nach, so wie die schöne Natur und die heitern und längsten Tage des Jahrs mich zogen, ließ mich so lustig forttreiben, in üppiger halb südlicher Vegetation all das junge und frische Leben genießend und einsaugend. Ein Donnerwetter zwang mich, in der Schenke des Dörfchens Truppach zu übernachten, und von dort ging ich den folgenden Morgen um 10 Uhr mit einem Schneider aus Sanspareil, den der Zufall mit mir in eine Schenke gebracht hatte, aus, und hatte an ihm einen treuen Führer durch alle möglichen Steige und Gehölze, bald auf bamberger, bald bayreuther Gebiet. Der Weg war schlimm — denn es hatte die ganze Nacht und den Morgen geregnet — und der Boden überdieß lettiger, als der vorher betretene, aber darum nicht fruchtbarer. Wir stiegen über Schönfeld und Gelbsreuth bis Sanspareil fast immer bergan. Statt des Schwarzholzes standen auf diesem Wege häufiger Eichen, Buchen, Haseln und andere Arten, und außer dem gewöhnlichen Getreide auch schlechter Weizen, Linsen und Wicken. Die Gegend ist hoch und heißt mit besonderm Namen das Gebirg, ein Name, der mit Unterschieden 3 bis 5 Meilen fortdauert. Die vielen kleinen Steine im Felde und die zusammengehäuften Hügel von Steinen, mit Gesträuch umwachsen und hohen Buchen beschattet, erinnerten mich lebendig und wehmüthig an die Hügel meiner mütterlichen Insel. So nahm ich von meinem Schneider bey Sanspareil Abschied und ging in den großen Buchenwald ein, oder in den Wald der großen Buchen, denn er ist nicht groß. Er läuft von Westen nach Osten länglicht fort und mag nicht über 400 Fuß breit seyn. Hoch und schlank sind seine Bäume. Aber welche Steinmassen hast du, o ewige Natur, hier hingeworfen! Mit welchen Gestalten und Gebilden hast du gespielt, als du dieses Paradies schufest! Schon ehe man in das Dunkel des Hains tritt, kündigen sich die Kalkblöcke einzeln auf dem Wege zwischen Gelbsreuth und Zwernitz an; aber wie überrascht staunt man, wenn man die seltsamen Gestalten im Walde selbst nun vor sich erblickt? Ich hätte von der Fantasie her, einem Luftschlosse, eine halbe Stunde von Bayreuth, hinauf etwas vorbereitet seyn sollen, aber ich war es nicht; alles traf ganz neu und gewaltig mein innerstes Wesen. Dazu stimmte dann auch alles zusammen. Der Himmel war düster und rauh, wie die Natur, fernher grollte‘ der Donner und der Wind schüttelte die Gipfel der Baume. Meine Seele war froh, aber nicht leicht, ich sah alle Dinge nur groß und furchtbar. So betrat ich dieses heilige Schattenreich, worin die alten Germanen sicher einmal gefeyert und geopfert haben. Wunderbar ward mir ums Herz, als ich die einzelnen großen Massen erblickte, die aus Zauberhänden als ein Spiel der Zauberey hingewälzt schienen. Nichts sagen will und mag ich von den Brockelhäusern am Eingange des Parks, nichts von den zierlichen Häuschen und Tempelchen im Walde auf den höchsten Felsenstücken. Laß sie zerfallen und zertrümmern, die große Natur bleibt und bedarf keiner Kunst. Der vordere Theil des Hains besteht aus hohen Buchen ohne Unterholz. Diese umklammern zum Theil die Felsen und scheinen sie zu halten, indem sie ihre Spitzen mit den Wipfeln umspielen. Diese liegen in allerley Gruppen umhergestreut. Natur hat hie und da Grotten und Sessel gegraben, Kunst zuweilen verbessert, öfter verschlechtert. Ueber allen Ausdruck erhaben ist die Felsgruppe, die man Dianens Altar und Grotte, und Vulkans Grotte überschrieben hat. Man erbebt in seinem Innersten bey dem großen Anblick und kann doch nicht fort. Die Buchen berühren mit ihren Wipfeln kaum die hohen Gewölbe und oben wachsen neue Buchen und Tannen aus dem Stein.


Widerlich sind hier die hölzernen Bänke und Tische und die Schnörkeleyen von Menschenhänden unten und oben; aber gottlob diese werden vermodert seyn, wenn der zwanzigste Enkel nach mir noch wallfahrtet, hier im großen Tempel der Natur anzubeten. Den zweyten Theil des Parks macht ein Reisholz, wie man hier es nennt, aus; Eichen, Buchen, Haseln und anderes Gesträuch, welches mit schönen Gängen durchflochten ist. Auch hier sind am Ost-Ende herrliche Felsen, und ich weiß nicht, ob ich die Felsgrotte der Sybilla und die Masse mit dem schimmernden Tempel droben nicht der im hohen Buchenholze vorziehe. Man hat von hieraus eine unbegränzte Aussicht in drey Winde, nur nicht in den Osten, da sind die Vorberge und Wälder zu hoch. Unten sind die lieblichsten Büsche, ein grüner Kranz, um die bemoosten Felsklumpen gewogen. Unter dem schimmernden Tempelchen hat man nun außer den natürlichen noch künstliche Arkaden gemacht, mit Muschelwerk, Fratzen und Faunen und andern elenden Statüen. Das ärgert einen hier nur. Ich weidete mich lange in diesem köstlichen Aufenthalt der Schwärmerey und finstern Betrachtung, und schlenderte dann, Erdbeeren (Rothbeeren) lesend und träumend, fort, und saß so, ohne mich dessen zu versehen, bey einem Frauenzimmer unter einer dunkeln Wölbung auf einem Sessel aus Stein. Wir fuhren gewiß beyde gleich sehr zusammen und gafften uns stumm an, bis endlich zierliche Worte und Fragen kamen. Sie sprach mit gewaltiger Schwärmerey, und den tiefen schwarzen Augen konnte man Wahrheit dieser Melancholie zutrauen; schwarze Haare hingen um den weißen Nacken. Aber dies war auch alles; das übrige schien nach den Modellen gemacht, die mich unten in der Grotte so geärgert hatten. Ich blieb nur, so lange es der Wohlstand wollte, bey diesem unlieblichen Abentheuer, und machte mich dann hurtig, wie ein Gebissener fort, um meine alten Lieblingsplätze wollüstig noch einmal zu mustern. Das alte Schloß, das Markgraf Friedrich von Culmbach vor etwa 70 Jahren wieder herstellte, hatte außer seiner auf Felsen gethürmten Lage und himmlischen Aussicht für mich heute keine Reize. Ich schlenderte also um 3 Uhr weiter durch öde Gegenden über Wonsees und Holfeld, welches schon Bambergisch ist, nach Hochstahl. Hier war große Feyer und von fernher tönten schon die Stimmen der Pfaffen, und die Orgeln und Pfeifen mir widerlich entgegen. Der ganze Kirchhof lag voll Knieender. Ich klopfte an alle Häuser an, um den Weg nach Muggendorf zu erfragen, es war nichts drinnen, als Kinder von 1 bis 5 Jahren. Da ärgerte mich die Frömmigkeit der guten Christenkinder und ich ging mißmuthig aufs Gerathewohl fort. In den folgenden Dörfern war es eben so. Heiligenbilder, Kapellchen, Christusse und Marien an allen Ecken und Kreuzwegen in allerley Gestalten, aber keine Menschen. Endlich aber traf ich ein Paar Zimmerleute, aber das waren fremde Ketzer weit rechts her, die von Muggendorf nichts wussten. Ich mußte also wieder aufs Ungefähr nach der Himmelsgegend steuern. Im dritten Dorfe fand ich wieder alle Thüren verschlossen und die Kinder auf den Gassen. Da klopfte und fragte ich nicht mehr, sondern richtete mich, indem ich auf die Höhen von Sanspareil zurückblickte, südöstlich durch’s Dorf, als mir mit einem Male ein Paar Erwachsene durch die Fensterscheiben entgegenstrahlten. Ich freudig hinein.

Sie gafften mich starr an; der eine flickte Vogelbauer, und der andere schnitt an einem Stock. Ich fragte nach dem Weg; kein Wort, sondern der eine zeigte auf einen Heiligen, der an der Wand hing. Ich glaubte, sie seyen taub, und schrie zum zweyten Mal recht herzhaft. Da fuhr der eine mit seinem Messer unter den Tisch und der andre hielt sein Vogelbauer vor die Augen. Ich merkte nun erst, daß ich unter Tollen war, und machte mich auf die Behendigkeit meiner Füße. Glücklich war ich, als ich auf dem Felde einen Knaben ersah, der Kühe hütete, weil er mir sagte, ich sey recht gegangen. Ich stieg nun in ein tiefes, felsenummauertes und gewässertes Thal, so ging es mit tausend Schweißtropfen von da wieder bergan, und erst nach einer halben Stunde stieg ich von neuem tief nach Muggendorf hinab, wo ich nun sitze unter Werbern und Amtschreibern und Posthaltern aus Streitberg und mich in politischen Diskursen für den Schlaf bereite.

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