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Reise von Paris nach Deutschland – Ernst Moritz Arndt

Ich komme immer tiefer in das innere und lebendige Leben der großen Stadt hinein und arbeite zugleich immer näher auf den Tod einer Beschreibung hin, der man vielleicht früher schon ihr sanftes und seliges Ende gewünscht hat. Man weiß ohne mein Erinnern, um welche Dinge nächst dem täglichen Brote sich die Maschine des feineren Menschenlebens am lustigsten dreht, oder richtiger, welche Dinge den meisten Menschen mit zum täglichen Brote gehören und eigentlich den köstlichen Nachtisch ausmachen, nachdem der grobe Heißhunger der Gedärme gestillt ist. Diese Dinge nennt man gewöhnlich Vergnügungen, eine Rubrik, worunter auch alles gestellt wird, was Leute, die eben keine Katone und Platone sind, aus ihrer Republik verbannt wissen wollen. Indessen was man schreit und dekretirt und moralisirt, das Gewebe dieser zweiten Parzen, die oft für die drei Schicksalsschwestern dort unten gute Arbeit machen, ist so eng in die Sitten und das jetzige Leben verflochten und bewegt das Weltrad von Paris aus oft so lustig mit, daß es wohl der Mühe werth ist, hierüber noch ein wenig zu glossiren. Glossiren? nein, so war es nicht gemeint; nur erzählen und beschreiben wollen wir, wie es herging und was wir sahen und hörten. Das herumwandelnde Bild des Lebens wollen wir getreu aufstellen, wie es von denen und an den Plätzen gezeigt ward, die am meisten sich den Augen zeigen und ihnen ausgesetzt sind. Wir wollen von Paris etwas sagen, deswegen bleiben wir im Mittelpunkt seines Wimmelns und Treibens. Wer Gemälde aus der Sankt Antons- und Marcelsvorstadt lieferte, könnte in vieler Hinsicht eben so gut Chartres und Vienne darüber schreiben, als Paris; so ähnlich sind die kleinen Menschen und Dinge sich an den meisten Orten. Aber in der Nähe des Pols ist die Bewegung der Welt am schnellsten, weil man sie dort gleichsam zu sehen meint, und jeder Polist muß ihre Einflüsse fühlen. In dieser Polnähe, die aber das Besondere der größten Hitze vor den Polen der Erdaxe voraus hat, wollen wir uns mit im Wirbel umtreiben lassen, und was wir bei der schnellen Beweglichkeit aller Gegenstände fassen können, getreu, und frommen Gemüthes wieder geben. Wenn wir nicht alles fein ehrenfest und teutsch aus einander und nach einander entspringen und auftreten lassen, so verarge uns das niemand. Die Unordnung hat auch ihre Ordnung in der Welt, und eben daß man von ihr immer mehr, als von der Ordnung, zu sagen weiß, sollte uns endlich belehren, welche von beiden ungleichen Schwestern wohl die herrschende sei. Ich wäre vielleicht klüger, unsern zu früh gestorbenen Schultz hier nicht zu nennen, weil es unmöglich ist, daß ich bei dieser Erinnerung nicht verlieren sollte. So frei von teutschem Pedantismus und von Schwerfälligkeit des Urtheils über die irdischen Dinge ist nicht leicht ein Teutscher gewesen, so richtig und zugleich so niedlich hat sie selten einer beschrieben, wenn man das Einzige ausnimmt, daß er alles zu sehr ins Schöne mahlt und mancher Kleinigkeit einen Zauber giebt, den sie weder hat, noch haben konnte. Man hat über viele der Gegenstände, die diese folgenden Blätter füllen werden, auch von ihm sehr lebendige Schilderungen und feine Bemerkungen. Aber auch vergessen, daß dieselben Dinge sich unter verschiedenen Gesichtspunkten oft gleich interessant ansehen lassen, wie Vieles ist seit der Zeit verändert und abgeschafft, als er Paris sah! Damals saß das Haus Bourbon noch auf dem Throne seiner Väter, der alte Adel war noch nicht ganz zerschmettert, das äußere Leben ging noch mehr in dem Gängelbande des Dekorums, dieses Abgottes der Nation; dem Reichthume war es noch unverboten, auch neben den üppigsten Ausschweifungen in gefälliger Pracht aufzutreten; die Verruchtheit und Liederlichkeit schminkten sich wenigstens äußerlich die Rosenmaske der Schaam an, die nun lächerlich geworden ist. Doch ich denke, durch die Beschreibung selbst, so unvollkommen sie vielleicht manche Erscheinungen ergriffen hat, wird am klarsten erhellen, wie Paris vor sechs, sieben Jahren war, und wie es jetzt ist. Mag man mein bewegliches Marionettengaukelspiel bezischen, ober beklatschen, so viel kann ich ehrlich behaupten, daß alles, was ich darin aufgestellt und zum Spaß der achtbaren Versammlung, die ihren Dreier gezahlt hat, vorgeführt habe, wahr und wirklich und nicht aus einem Hirnkasten genommen ist, der leicht einen Roman von zwanzig Bänden füllen könnte, und zwar mit Abentheuern und Geschichten füllen, die, wenn sie nicht alle Tage in Paris wahr werden, doch darinn wahr werden können. Freilich gilt auch hier das alte Sprichwort: Wenn Du einen kennst, kennst Du alle, und man braucht eben nicht nach London und Paris zu gehen um Menschen kennen zu lernen, wenn man anders die Gabe hat, einen Karatter beurtheilen zu können; aber doch was sieht und hört man lieber, als die Thorheiten und Spiele seines eignen Geschlechts, wenn man sie auch tausendmal gesehen und gehört hat? Das Puppenspiel in einer Dorfschenke und die umziehende Ziegeunerin in einem Bauerstübchen sind mit der pariser Oper und der ersten Hure des Palais royal verwandter, als man beim ersten Blicke glauben sollte. Ueberall dieselben Kräfte, nur nicht allenthalben derselbe Umfang, worin sie umlaufen und spielen können. Ich will von den vielen Spielen, von denen ich sprechen muß, mit dem eigentlichen Spiele den Anfang machen. Spielhäuser. Dieser Spielhäuser, Schlupfwinkel, Keller, tripôts und anderer Löcher giebt es hier eine große Menge und wird es immer geben, wenn man auch Galgen und Rad für diejenigen hinmahlt, die die Karten beugen und die Würfel aus der Todesurne des Trichters oder dem Glückstopfe der flachen Hand schnellen. Unsere neuen kantischen und hyperkantischen Aesthetiker haben viel von einem Triebe zu sagen gewußt, den sie Spieltrieb nennen, und behauptet, wer diesen Trieb recht habe, und zu gebrauchen wisse, der könne flugs ein Spielmann, wie Göthe und Aristophanes, werden, aber über den Spieltrieb, der die Bedlams und la Forces bevölkert, haben sie leider wenig gesagt. Indessen hoffen viele Patrioten und Kunstgesinnte große Dinge dafür von der jetzigen französischen Regierung, die bestimmt zu seyn scheint, diesen Spieltrieb aus seinen Grundtiefen zu erschöpfen und uns endlich auch über ihn ein bestimmtes Resultat zu geben.


Wenigstens thut sie alles, was sich schicklich thun läßt, diesen Trieb zu ermuntern, und muß darüber von denen, die von ihm nicht so gut denken, oft bittere Dinge hören. Die vornehmsten Plätze, wo dieses Höllengericht über die Beutel und über die Herzen gepflegt wird, stehen im öffentlichen Schutze und bezahlen dem Direktorium und den Repräsentanten, die sie bei Gelegenheit schützen, unter der Hand ansehnliche Summen, die einige Schreier darüber auf 70000 bis 80000 Franken jährlich steigen lassen. Dergleichen kann man nun freilich so genau in runden Zahlen nicht bestimmen, aber man schließt nach dem Erwerb des Unternehmers und nach der Oeffentlichkeit, womit er ungestraft sein Werk treibt, indem die Polizei, die wohl einmal die kleineren Nester ausstöbert, ihm mit zugedrückten Augen vorbei geht. Diese Beschuldigung wird noch dadurch bestätigt, daß die Regierung bei dem öffentlichen Geschrei und den Anklagen taub und unthätig ist, wodurch man ihr zeigt, wohin sie ihren Wetterstrahl richten solle. Doch kam die Sache, weil es zu arg ward, einige Male im Rath der Fünfhundert vor, und ich selbst habe einmal darüber diskutiren hören, ohne das etwas entschieden ward. Doch war mir die Meinung eines Gesetzgebers zu schneidend, als daß ich sie nicht anführen sollte. Er behauptete: die ganze Sache sei zu klein und unbedeutend, als daß sie überall in einer so großen Versammlung vorgetragen werden sollte. Die Bürger seien überdas genug mit ihrem Gelde durch nothwendige Gesetze eingeschränkt. Man solle ihnen doch dieses einzige Mittel lassen, damit spielen zu können, damit sie es desto mehr wie einen Quark ansehen lernten, was täglich einen neuen Besitzer erhalten könnte, ohne daß der Bürger dadurch an seiner Würde verlöre. „Denn kurz, rief er aus, es ist der erste Grundsatz der Demokratie, daß die Armen die besten Republikaner sind; was also arm macht und das Geld verachten lehrt, sollte das so abscheulich seyn, als man uns einbilden mögte.“ — Ich möchte sehen, welches irdische Ding sich auf diese Weise nicht im Ernst, oder Scherz vertheidigen und blank machen ließe. So könnte man eben so witzig sagen, im Staate müsse überall keine Ehe, sondern die Weiber Gemeingut seyn. Wer sein Herz zu fest an ein einziges Weib binde, verliere die Energie zu sterben fürs Vaterland und ihm allein anzuhängen. Also seien die Huren von großem Nutzen, weil sie durch Ableitung der ehrlichen Liebe die Herzen fähig machen, auch noch für andere Triebe und Anhänglichkeiten Raum zu behalten.

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