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Reise von Genua nach Paris – Ernst Moritz Arndt

Meines Bleibens war endlich nicht länger hier, und ich sehnte mich auch bei den bösen kriegerischen Aussichten herzlich von Italien weg. Für die Seereise waren wieder die alten Gründe. Um 22 Uhr war unsre Ladung fertig — denn ich muß doch einmal die Lust haben, die Stunden italiänisch zu zählen — und wir segelten mit günstigem Winde ab und freuten uns der westlichen Bucht hinter dem Fanale, des reitzenden Sestri und der fortlaufenden Küsten, die aber allmälig immer rauher und oder werden, und nur einzelne freundliche Stellen zeigen. Dies war die letzte Freude des Landes: denn bald hatten wir nur die Sterne der Nacht über und die Wellen des Meeres unter uns. Unsre Ladung war eine der lustigsten und gemischtesten, und ich hatte sie eben darum gewählt, obgleich ich mit dem Courier, der denselben Tag nach Nizza abging, schneller, bequemer und wohlfeiler hätte reisen können. Die Hauptladung machten 48 Galeerensklaven, oder zu den Galeeren Verdammte, mit einer Eskorte von 15 Gensd’armes und einigen Officieren. Außer diesen waren mehrere Soldaten und Officiere, Jäger, Freiwillige, Officierweiber und einige Kaufleute, ferner ein Paar desertirte östreichische Officiere, die böse Dinge gemacht hatten und nun nach Frankreich gingen. Alle, außer den ersten, für welche das Schiff bedungen war, waren als Passagiere darauf. Die Galeriens waren alle Soldaten und zwar wegen mancherlei Verbrechen und Vergehungen auf längere und kürzere Zeit verurtheilt. Die übrigen, sowohl Officiere als Soldaten, gingen immer als Kameraden mit ihnen um und so machten wir andern Passagiere es nach und konnten es ohne Grausen thun, da hier französischer Ton war und nicht jene teutsche Steifheit, die andern gleich ihren Zustand auf die Stirn mahlt, und einem, der Ketten an den Füßen hat, auch sogleich Ketten ans Gemüth legt. Der Teutsche kann nur immer Eines Zustandes in Einer Zeit genießen, worein er sich gleichsam hineinfrißt, wie die Maus in den holländischen Käse; die Leichtigkeit des Franzosen läßt ihn in einem kleinen Zeitraum durch viele laufen. Der Gedanke ferner, daß viele dieser Armen für Vergehungen büßen sollen, die auf der Wage der Menschlichkeit sehr leicht wiegen, nicht aber so auf der Wage des Gesetzes und der Subordination; der Gedanke, daß Jugend und Krieg in Uebereilungen stürzen, die das Gesetz und die Ordnung strenger strafen, die aber der Mensch menschlich beweinen und richten muß, machte diese Gemeinschaft gar nicht unnatürlich. Es war größtentheils junges Blut und manche mit dem ersten Flaum am Kinn; ja die meisten Gesichter waren noch eine glatte Tafel und erregten also doppeltes Bedauren. Doch gab es einige halsbrechende und desperate und ein Paar des Galgens würdige. Von allen aber war mir keines widerlicher und abscheulicher, als das eines Teutschen. Ein langer Kerl mit krausem Mohrenhaar und dünnem Sprossenbart, länglicht gespaltenen Augen, die tief und halbgeschlossen unter der spitzen Stirn lagen. So viel Tücke und Luchsartigkeit und verschlossene Feigheit habe ich selbst in Genua kaum gesehen. Ich sah ihn weder lachen noch sprechen, doch sagte er zu einem der desertirten Kroatenofficiere das für mich häßlich tönende Wort: ich bin ein deutscher, ein Nassauer hinter Frankfurt her. Vor allen der liebste war mir ein Touloner, der sich mit seinen Ketten immer zu uns hielt, ein schöner stattlicher Mann mit einer Lustigkeit und Jovialität, die alles um ihn belebte und ihn die Ketten nicht fühlen ließ. Auch kann er am Herzen keine hängen haben; sein Verbrechen ist, trunknen Muthes gegen einen Officier ausgeschlagen zu haben. Er hatte Geld und Wein und Früchte vollauf und traktiret alle Welt und bot selbst unsern Damen an, denen er sich durch die Fesseln nicht untergestellt glaubte. Gleich sein Eintritt machte mir ihn merkwürdig: citoyens, ces fers ne m’incomodent pas, rief er, le seul qui me fait de la peine est d’entendre les lâches Italiens crier: ecco i ladri franchesi! Er sang und scherzte in Einem Athem. Diese Sklaven, die Gensd’armes, Officiere und Passagiere, alles lag und saß unter einander auf dem Verdecke und im Schiffsraum. Selbst die französischen Weiber konnten sich darein finden und unterhielten sich ohne Anstoß mit diesen braven Burschen, (braves garçons) wie sie nur genannt wurden, so wie sie in allen natürlichen Dingen keinen Anstoß kennen. Eine von ihnen offenbarte sich durch ihre Schüchternheit und Schaam gleich als eine pauvre Allemande, obgleich sie gut französisch sprach.


Ich hütete mich immer, meine Teutschheit an den Tag zulegen und wickelte mich steif in meine Schwedenhaut ein: denn die Franzosen achten die Teutschen jetzt nicht. O, mögte man rufen: exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor! Diese war von den Weibern die jüngste und liebenswürdigste und unstreitig die gebildetste, nahe bey Strasburg am Rhein gebohren und schön, wie die Rheinländerinnen pflegen. Sanftheit und Zartheit sprach aus allen ihren Zügen; zwei kleine Kinder, ein liebes Mägdlein von vier Jahren und einen saugenden Knaben hatte sie mit sich. Sie reiset, wie die andern Officiersfrauen, auf öffentliche Kosten und muß sich also schon so eine Einfrachtung gefallen lassen, obgleich die Reise zu Wagen von Genua nach Nizza gleichfalls gefährlich und wegen der Berge und schlimmen Straßen oft unmöglich ist. Sie ist das Weib eines Dragonermajors, den sie im Anfange des Krieges geheirathet hat, und der jetzt mit einigen andern Blessirten aus Aegypten in Marseille angekommen ist, sich von seinen Wunden heilen zu lassen, und dahin sein Weib zu sich berufen hat. Sie hat mich unbeschreiblich gejammert; denn sie litt auf der Fahrt außerordentlich; nicht bloß das Meer, sondern alles machte ihr Angst, und wahrlich, unsre Gesellschaft war wohl für wenige Weiberseelen gemacht. Außer ihr war da eine andere Officiersfrau, eine reine Französin, ein beherztes, muntres Weib, mit einem hübschen Knaben, den sie wohlgefällig mit den Worten vorwies: mon mari a bien son faire un bon garçon. Sie ängstete und genirte nichts, obgleich sie dem Seeübel nicht entging. Neben ihr war die dritte in der Ordnung mit einer großen Nase und einem häßlichen Gesicht, launisch und beißig wie die Häßlichen meistens; sie war meine unliebe Nachbarin. Zwei andere Weiber, eine Fabrikantenfrau aus Lyon und eine ähnlichen Schlages aus dem teutschen Lothringen, saßen in ihrem eignen Zauberzirkel einander gegenüber, und unterhielten die Gesellschaft durch ein beständiges Zanken und Keifen, wobei die Teutsche oft zum allgemeinen Spaß mit teutschen Schimpfwörtern einfiel, so daß ich fast in meinem Leben nichts so drolligtes gesehen, noch mehr gelacht habe. Sie waren erstlich die besten Freundinnen, aber die Hunde, die sie statt aller Gesellschaft bei sich hatten, zerfielen mir einander und gaben nachher von Zeit zu Zeit das Signal zu neuen Ausfällen. Sie hießen sehr ominös Margarethe und Marie. Die Lyonerin gab von der Marie eine Genealogie bis auf den Urgroßvater, der ein Landsmann vom genfer Bürger Rousseau war, und küßte sie dann herzlich. Auf meine Frage, ob sie keine Kinder hätte, sagte sie, mit einigem Behagen das kleine Thier an die Brust drückend: celle-ci est mon unique enfant, je crois, que je n’aimerois jamais tant un autre — O Menschenherz, wie kannst du dich verwöhnen? Diese beiden Weiber gehörten eigentlich nicht zu den Menschen des Schiffes; sie stimmten nie mit ein. Doch der widerlichste aller war mir ein französischer Kaufmann, ein egoistisches Thier, ein solcher Phlegmatiker, daß eine Welt hätte neben ihm zu Grunde gehen können, und er hätte nicht aufgeschaut, wenn es ihn nur nicht berührt hätte. Er hatte auch keinen Funken französischer Artigkeit, belächelte alles mit Selbstgefälligkeit und ließ sich die Dienste und Sachen andrer Leute doch ganz wohl gefallen. Officiere und Soldaten waren Eins mit den Galeerensklaven. Man lachte, man trank und sang, und ein Lied der Armen war mir äußerst rührend, eine Klage über ihren Zustand, die sie mit einer schönen Melodie sangen. Bei den Worten: Nous, privés des droit civiles, à vous, citoyens, un spectacle serons traten mir die Thränen in die Augen. Sie selbst aber waren meistens lustig und schwatzten über die Möglichkeit, daß ein englischer Kaper kommen und sie von Toulon retten könnte, indem sie lachend zu den Officieren sagten: eh, citoyens, alors vous auriés le pis. Aber jene erwiesenen, die Engländer würden sie gleich am ersten besten Landungsplatze wieder abliefern, wie sie es mit jenen gemacht hätten, die man in England ans Land setzte. So kam unter mancherlei Spaß und Geschwätz die Mitternacht und mit ihr ein rasender Sturm. Alles ward nun in den Raum hinabgetrieben, damit die Schiffsleute arbeiten konnten. Das Wasser schlug in die Luken des Verdecks und auch diese verschloß man und zündete uns ein trübes Lichtlein an. Eine böse Nacht begann.

Die Menge Menschen machte es heiß zum Ersticken und die renards fingen an; so nennt man nemlich die Wirkungen des Seeübels. Das Heulen des Sturms, das Lärmen der Schiffer, das Krachen der Rippen des Schiffs, das Wimmern und Jammern der Weiber, das Schreien der Kinder und die Todtenstille alles Gesanges und aller Rede, die eben noch so munter waren, das trübe Dämmern des Lichts und der Gestank der Füchse, das alles konnte einem den Kopf wohl verwirren. Die Meisten machten Füchse, einige beteten, andre fluchten, andre klirrten mit ihren Ketten; die Weiber schrieen: nous sommes perdues; die Galeriens: il vaudroit mieux par la sabre, que par la mer maudite; vom Schiffer hörten wir die vernehmlichen Worte: se tocchiamo la terra, tutt‘ e finito. Ich, als ein halber Seehund, hatte vielleicht die wenigste Furcht, und mich tröstete der Gedanke, daß die meisten von uns keine Heiligen waren und also keine Furcht sei, was Schlimmes zu befahren, ein Gedanke, der mir zugleich ein Lächeln abnöthigte, obgleich mein Ohr hörte, wie die Planken bei jedem andringenden Wasser krachten. Das ärgste war unsre physische beklommene Lage und nur durch zerschnittene Citronen, worein ich Mund und Nase drückte, rettete ich mich bei den Ekelhaften Scenen umher vor der Seekrankheit.

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