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Reise durch den Baierischen Kreis – Johann Pezzl

Es ist Laune, Karl! ich gesteh Ihnen, ’s ist Grille, daß ich mich entschlossen, eine Weile in Baiern herumzuschweifen: Sie entstand durch die wunderbaren Nachrichten, die man seit einiger Zeit aus diesem Lande zu hören gewohnt ist. Und dann, wohnt ja ein deutsches Völklein dort; folglich halte ich eine Wallfahrt dahin immer für verdienstlicher, als eine nach dem profanen Paris, oder nach dem heiligen Rom. Ich will mich befleißen, soviel Kenntniß von diesem Erdstrich einzuholen, als einem Wandrer à la Yoryk möglich ist. Erwarten Sie keine umständliche Topographien; keine Register von Klöstern, Schlößern und Gasthäusern; keine Inventarien von Kirchenschäzen und derlei Raritäten; keine artistischen und antiquarischen Nachrichten: Sie wißen, ich hab es von jeher mit Pope gehalten: „The proper Study of Mankind is Man.“ Nur was ich über Sittlichkeit, Aufklärung, Volkskarackter und Nationaldenkart aufhaschen kann, soll hauptsächlich mein Gegenstand seyn. Ich will mich, so viel es thunlich ist, mit der Nation familiarisiren, will sie über sich selbst reden hören, sollt ich auch, — wie weiland Dechant Swift — die Gelegenheit dazu in Taglöhner-Hütten und Winkelschenken aufsuchen müssen. Die politische Lage Baierns, folglich auch die moralische, muß in kurzem gewaltsame Revolutionen gewarten. Sie wißen, man raunt sich an einigen bedeutenden Pläzen neuerdings etwas von einem wichtigen Ländertausch in die Ohren. — Sehr natürlich! … Wär‘ ich besonders Besizer von Böhmen, Oestreich, und Tirol, ich würde ebenso wenig der Versuchung widerstehen, von Eger aus zwischen Franken und Oberpfalz an die Donau, und dann weiter die Iler hin bis an den Bodensee eine Linie zu ziehn, um meinen Staaten diese schöne Ründung zu geben. … Salzburg, Passau, Freisingen, Regensburg, Eichstädt und Augsburg, fielen dann von selbst gelegenheitlich mit in die grosse Masse. Diese hübsche Ründungs-Linie ziehe ich so eben, auf der Homannschen Karte dieses Kreises, welche ich zu mir gesteckt, weil ich sie für die respektabelste halte. — Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß sie im Jahr 1779 zu Teschen auf dem Tische lag, da der Herr Baron de Breteuil Sonnelier die Cercles d’allemagne wieder zusammenbinden half, wie man in dem feinen Paris wizelte, da schon eine halbe Million Deutscher gegen einander standen, um sich ihre deutschen Hälse zu brechen; als endlich Josefs und Friedrichs menschenschonende Großmuth sich die Hände zum Frieden reichten. Einige auffallende Lokalnachrichten will ich Ihnen ganz warm, so wie mir die Gegenstände vorkommen, senden; aber das Resultat meiner Beobachtungen kann ich erst am Ende meiner Wallfahrt herausziehn. … [Von Passau bis Augsburg.] Passau. Wäre nicht im sechszehnten Jahrhundert zwischen den Katholiken und Protestanten hier der bekannte Passauische Religionsvertrag geschlossen worden: Wäre die Stadt nicht der Siz eines jener politischen Mitteldinge, die in Deutschland unter dem Namen der Fürst-Bischöfe existiren; so würde sie ausser ihrem Kreise ganz unbekannt seyn. Der Ort ist nicht so ganz unansehnlich, als man es von einem Plaze vermuthen sollte, der vermöge des Zusammenflußes zweener schiffbarer Flüße seinen Ursprung unbezweifelt einigen Bootsknechten und Fischern zu danken hat. Er liegt zwischen zwo Festungen, einer überirdischen, und einer irdischen. An der Südseite liegt die himmlische Zitadelle Maria-Hilf: An der Nordseite der Donau liegt die bischöfliche Festung Oberhaus. Ich weiß nicht, was Sie bey dem Ausdruke denken; aber mir kömmt eine bischöfliche Festung eben so ärgerlich vor als mir ein bischöfliches H**haus seyn würde: Ich denke, für einen Bischof sind beide Dinge gleich unanständig; und finde nicht, was die heiligen Kanonen mit den Festungskanonen für eine Verbindung haben können, so oft auch immer die ersten durch die leztern sind gepredigt worden. Der jezige Fürst-Bischof, der die bekannte Prachtliebe, und das grosse Herz aller Firmian’s hat, gab dem Platz eine Zeitlang ziemlich viel Lebhaftigkeit; aber die Revenüen seines Erdkreises reichten nicht lange hin, den grossen Plan fortzusezen. Die Schulden häuften sich. Man schränkte sich also wieder ein, und zur Zeit divertirt sich der Hof beynahe bloß noch mit der Jagd. Indeßen fahren die Domherren in ihrer gewöhnlichen Lebensart fort. Eine Pfründe vom hiesigen Stift trägt ungefähr 2000 Thaler jährlich ein: Hat nun Se.


Exzellenz noch eine oder zwo Präbenden nebenbey, so kann sie den Karakter eines deutschen Domherrn desto glänzender machen. Pferde, Hunde, Köche, Laufer, Jäger, und alle die hundert Nothwendigkeiten unsrer Kavaliers befinden sich nur desto beßer. Ueberhaupt sind es wunderbare Geschöpfe die Domherren. Wenn man auf den Mausoläen eines Schwerin und Winterfeld liest, daß sie Domherren in Magdeburg oder Halberstadt gewesen; wenn man liest, daß Ernesti und Hommel Domherren zu Meissen oder Merseburg waren— so wird schwerlich jemand etwas gegen die Existenz solcher Domherren einwenden. Aber wenn man in unsern Bischofsstädten allenthalben ein Schock so reichlich bepfründeter Herren sieht, deren ganzes Verdienst in einem alten Stück Pergament besteht; dann wünscht man sich manchmal eine kleine Reformazion, um diese liebenswürdigen Leute doch auf irgend eine Art an die Reihe der arbeitenden Wesen zu ketten. Ihren eignen nobeln Personen gönne ich ihre fetten Präbenden immerhin; aber ihre Miethlinge, die sogenannten Domsänger, Chorvikare, oder wie sie heißen, deren Psalliren in unsern Tagen doch allgemein für nichts bessers angesehen wird, als für Hummelgesumse, diese schaffe man ab, und verwende ihre Azungskosten zu Anstalten, die den frommen Absichten der Stifter, und der Menschengesellschaft mehr zu Nuze kommen, als das ekelhafte Chorgeheul. Ich bedaure die verflossenen Jahrhunderte, welche keine bessere Begriffe von guten Stiftungen hatten; aber noch mehr das gegenwärtige, wenn es die ungestalten Denkmale der müßigen Andächtelei der vorigen nicht zu verbeßern weiß. Der hiesige Bischof steht seit etwa einem halben Jahrhundert unmittelbar unter dem päbstlichen Stuhl. Lorch in Oesterreich war in den altern Zeiten ein Erzbisthum. Attila zerstörte den Plaz; die Geistlichen zerstreuten sich. Statt Lorch entstand das Bisthum Passau, nebenher auch Salzburg, das durch Zufall zum Erzbisthum erhoben ward. Jahrhunderte durch blieb Passau ruhig; endlich fiel es auf den unpatriotischen Gedanken, sich von Salzburgs Oberherrschaft zu trennen, und unter den römischen Schuz zu kommen. Salzburg führte die Verjährungsrechte an; aber die römische Kanzley, welche allemal ins Fäustchen lacht, wenn sie Uneinigkeit unter auswärtigen Fürsten stiften, und sich neue Unterthanen machen kann, sprach, wie leicht zu vermuthen, für Passau, und eximirte es auf immer von seinem deutschen Erzbischof. Diese Raserey, sich unmittelbar unter Roms Schuz zu flüchten, war vor einiger Zeit eine ziemlich allgemeine Schwachheit der deutschen Bischöfe. Würzburg und Fulda spielten die nämliche Posse. Der Pabst theilte dem einen ein Pallium, und dem andern die Unabhängigkeit zu. Aber diese Raserey hatte auch bald wieder ihr Ende; und in unsern Tagen ist es nicht wohl mehr zu vermuthen, daß ein deutscher Bischof seinem Erzbischof den Gehorsam aufkünde, um sich unter die Herrschaft Roms zu schmiegen. Die meisten deutschen Bischöfe scheinen es endlich begriffen zu haben, daß sie eben so authentische Sankt Peters sind, als ihr Herr Amtsbruder im Quirinal.

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