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Paris und London – Ludwig Kahlisch

Auf der ganzen Strecke von Köln nach Paris wünschte ich mir nichts so sehr als Harthörigkeit. Es hatte sich nämlich ein Narr eigener Art, ein Gagern-Enthusiast, an meine Seite gepflanzt und wollte nicht von mir weichen, trotz aller Mühe, die ich mir gab, ihm den Aufenthalt an meiner Seite so unangenehm als möglich zu machen. Er sprach von nichts anderm als von dem großen Heinrich, von dem Atlas, der auf den breiten Schultern die Gothaer Seifenblase trägt. Anfangs widersprach ich ihm sehr heftig, in der Hoffnung, daß er sich mit mir verfeinde; als ich aber fand, daß ich mit meinem Widerspruch nur Öl in das Feuer seiner Begeisterung goß, erheuchelte ich die vollste Bekehrung. Aber nun wollte er, daß ich mit ihm gemeinschaftlich das Weihrauchfaß schwänge, daß ich von nichts anderm spräche als von dem alleinseligmachenden Heinrich. Da schwur ich wieder meinen Glauben ab. Was half aber dies gegen seine Manie? Sein Mund hörte nicht auf, Psalmen auf den Edeln zu sprudeln, und meine Ohren machten meiner Geduld die gerechtesten Vorwürfe. Ich zog daher die Mütze über die Nase, tauchte meinen Kopf in die Wellen meines Mantelkragens, und als ich auf diese Weise meine künstliche Taubheit vollständig fertig glaubte, gab ich mich der Hoffnung auf Erlösung hin. Trügerische Hoffnung! Mein fanatischer Nachbar ließ sich durch die wollene Verschanzung meines Gehörs nicht im mindesten abschrecken; im Gegenteil, meine Verteidigung diente nur, seine Angriffe zu verstärken. Er fing jetzt an, die Biographie des großen Landmanns von Monsheim ausführlich zu erzählen, und da er solche gesunde Lungen hatte, daß er das Wutgeschrei der Lokomotive übertäubte, so hatte ich das Unglück, keines seiner Worte zu überhören. Der Mensch schrie mir fast Löcher in den Mantel und versicherte mir dabei, daß er mich sehr achte, sonst würde er sich gar nicht die Mühe geben, von dem Edelsten der Deutschen so viel mit mir zu sprechen. Ich wußte nicht, was ich verschuldet, um die Achtung dieses Fanatikers zu verdienen; ich suchte indessen jedes Mittel der Grobheit auf, um sie zu verscherzen. Nichts aber half. Seine Zunge lief beständig Sturm auf meine wohlverschanzte Ungeduld. In Brüssel angelangt, suchte ich ihm zu entfliehen und fühlte mich schon glücklich, als ich wieder in den Wagen einstieg, ohne eine Spur von ihm zu entdecken. Aber in dem Augenblicke, als der Zug abgehen sollte, kam er, ein Esel zwischen zwei Nachtsäcken, an den Wagen gekeucht und beteuerte mir, indem er einstieg und mir die Nachtsäcke vor die Füße warf, daß er einen viel bessern Platz hätte haben können, daß er aber, sogar mit Gefahr, zurückbleiben zu müssen, jeden Wagen untersucht, um mich ausfindig zu machen. Ich verfluchte im stillen dieses für mich so schmeichelhafte Unglück, und kaum war der Zug in Bewegung, so fing er, nämlich der Enthusiast, im Schweiße seines Angesichts wieder an, die alten Loblieder zu singen. So wenig kannte dieser Mensch den Zorn meiner Ohren, daß er mir vorschlug, in Paris, wo er schon häufig gewesen, mit ihm in einem und demselben Hotel zu wohnen. Er nannte mir das Hotel. Mehr wollte ich nicht wissen. Als wir daher in Paris anlangten, suchte ich, nachdem im Bahnhof die Zöllner Herz und Nieren meiner Koffer geprüft, dem Enthusiasten zu entwischen, nahm eine Droschke und fuhr einem Hotel zu, das wenigstens eine Viertelmeile von dem entfernt ist, das mir der furchtbare Gagern-Enthusiast genannt hatte. Ich feierte meine Erlösung; ich war in Paris. Die meisten Menschen sehen und hören sich einen Rausch, wenn sie zum ersten Male diese Weltstadt besuchen; und ich muß gestehen, daß auch ich, trotz meiner Anstrengung, nicht ganz nüchtern blieb. Der Eindruck, den Paris auf mich hervorbrachte, war ein überaus gewaltiger, ein unbeschreiblicher. Es sind nicht jene herrlichen Bauten, in denen die großartigen Szenen der Weltgeschichte gespielt wurden, es sind nicht die kolossalen Monumente von Erz und Stein, die diesen gewaltigen Eindruck auf mich hervorbrachten: es ist das bewegte Leben und Treiben, es sind tausend Einzelheiten, die mich bewältigten.


Man glaubt in Deutschland Paris zu kennen; allein man kennt es nur aus tausend verzerrten Schilderungen, aus den Zeitungen, in welchen so mancher politische Pinsel mit dick aufgetragener Parteifarbe uns verkleckste Bilder gibt, die mit dem Original nicht die mindeste Ähnlichkeit haben. Freilich ist es auch unendlich schwer, Paris richtig zu schildern, da es schon außerordentlich schwer ist, es richtig zu sehen. Wer nicht mit gesundem, frischem, klarem Auge diese Stadt betrachtet, wer mit Vorurteilen oder, was dasselbe ist, mit einem vorgefaßten Urteile dahinkommt, der wird Paris in Paris ebenso falsch sehen, wie er es außer Paris gesehen. Er wird dann die mitgebrachte Schablone über die Pariser Zustände schieben und nur die allgemeinen Phrasen wiederholen, die schon Hunderte vor ihm hundertmal wiederholt. Als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft in Paris mein Hotel verließ, fiel ich gleich einem Landsmanne in die Arme, der nach einem kaum zweimonatlichen Aufenthalte in dieser Riesenstadt mir versicherte, daß niemand Paris so gut kenne wie er, was er in seinen nächst erscheinenden »Pariser Briefen« auch sage. Ihm war Paris ein Babel, eine Hölle, ein Vulkan, ein Sumpf, ein Ninive, ein Abgrund; und kaum hatten wir zwei Straßen zurückgelegt, als er mir dies alles auch schon logisch bewiesen hatte. Zugleich versicherte er mir, daß er dies alles bereits gewußt, eh er nach Paris gekommen; er sei aber nur nach Paris gekommen, um sich in seiner Überzeugung zu stärken. Dabei geriet er so sehr in Eifer, daß ihm durch die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen die Brille von der Nase aufs Pflaster fiel. Wir waren auf dem Place de la Concorde, und gewiß hätte er mir auch logisch bewiesen, daß der Obelisk von Luxor eigentlich nur ein ägyptischer Zahnstocher sei, wenn ich ihm nicht, während er die zerbrochenen Waffen seiner Augen zusammenlas, glücklich entschlüpft wäre. Man muß, wenn man nach Paris kommt, lernen wollen, aber nicht gelehrt zu sein glauben; vor allem muß man sich hüten, nach einzelnen Erscheinungen Urteile zu bilden. Paris ist eine Welt im kleinen, wo man mit jedem Schritte auf die merkwürdigsten Widersprüche stößt. Man sieht hier das Größte neben dem Kleinsten, das Schönste neben dem Häßlichsten, das Erhabenste neben dem Niedrigsten; und es gehört nicht nur ein Talent der Beobachtung, sondern auch Zeit dazu, wenn man durch diese Widersprüche nicht verwirrt werden, wenn man das Allgemeine mit dem Besondern, die Ausnahme mit der Regel nicht verwechseln soll.

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