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Palmblätter und Schneeflocken Band II – Balduin Möllhausen

Als einst dem Mississippi, dem Vater der nordamerikanischen Gewässer, der Name beigelegt wurde, ist ihm, freilich gegen alle Absicht, großes Unrecht zugefügt worden. Hätte man damals so genaue Kenntniß des Landes und der dasselbe durchschneidenden Gewässer gehabt, wie heute, so würden der jetzige Missouri und der Yellow-Stone-Fluß ganz gewiß als die Fortsetzung des Mississippi betrachtet und demgemäß getauft worden sein, während man wieder den Mississippi, von der Mündung des Missouri ab aufwärts, und den Missouri, von seiner Vereinigung mit dem Yellow-Stone bis zu seinen Quellen als Nebenflüsse des Mississippi bezeichnet hätte. Letzterer wäre dadurch nicht allein um einige [2] Hundert Meilen länger geworden, sondern hätte auch, von seiner Mündung bis zu seinen Quellen hinauf, ununterbrochen ein und dieselbe Farbe getragen, anstatt, wie jetzt, in seiner südlichen Hälfte trübes, lehmfarbiges, in der nördlichen dagegen klares durchsichtiges Wasser zu führen. Doch der Name thut ja Nichts zur Sache, und die Benennungen, die Strömen und Gebirgen von den ersten Entdeckern und Forschern beigelegt wurden, verdienen mit Recht von der Nachwelt mit einer gewissen Pietät in Ehren gehalten zu werden, um so mehr, weil solche Benennungen vielfach das Einzige sind, was von ganzen, einst mächtigen Nationen übrig blieb, und weil sich ferner aus denselben auch die eingeschlagenen und verfolgten Richtungen der ersten Reisenden errathen lassen. Das Quellgebiet des Mississippi liegt also hoch oben im Norden, zwischen dem 46◦ und 48◦ nördlicher Breite, und dem 92◦ und 94◦ westlicher Länge (von Greenwich). Zahllose kleinere und größere Seen, die durch natürliche Kanäle mit einander verbunden sind, charakterisiren die von den eben angedeuteten Gränzen eingeschlossenen Länderstrecken und verleihen dem Boden, soweit derselbe nicht eben durch den Ueberfluß an Wasser in Sümpfe und Marsche verwandelt wird, [3] eine unverwelkliche Frische, die sich in den üppigen, vor Kraft strotzenden Waldungen kundgiebt. Eichen, Hickory-Nußbäume, Sykomoren, Platanen und der freigebige Zuckerahorn wetteifern in der Ausbildung mächtiger Stämme und weitverzweigter, dichtverschlungener Kronen, während aus ihren Wurzeln immer neue Schößlinge emportreiben, die theils, durch ihre ehrwürdigen Vorfahren des Lichtes beraubt, verkrüppeln und, gemeinschaftlich mit Rankengewächsen, schwer durchdringliches Unterholz bilden, theils aber auch nur auf das Niederbrechen eines morschen, vom Alter der Lebenskraft beraubten und ausgehöhlten Stammes harren, um an dessen Stelle ihre Häupter durch die in dem Laubdache entstandene Qeffnung den warmen Strahlen der Sonne entgegenzudrängen. Der virginische Hirsch, der schwarze Bär, das Elen, der Luchs und der Panther sind die vornehmsten Thiere, welche diese prachtvollen Forsten beleben; unzählige Wasser- und Sumpfvögel schwimmen auf den Seen oder waten auf dem marschigen Erdreich, und da das Wasser durch den beständigen Abfluß vor Stagnation bewahrt wird, so finden sich in demselben ebensowohl die Forelle, wie der schön gezeichnete Sonnenfisch und die den Schlamm liebende Schildkröte vertreten. Diese Reviere liegen im Herzen der Territorien [4] der Schippewä-, Mnomonomeund Patowatome-Indianer, und scheinen eigens dazu geschaffen, die rothhäutigen Jäger nicht nur zu erfreuen, sondern ihnen auch auf alle Fälle Sicherung gegen Noth zu gewähren; denn außerdem, daß ihnen die Jagd Vieles bietet, der Fischfang sehr ergiebig ist, liefert ihnen auch der Zuckerahorn süßen Trank, und der wilde Reis, der, ähnlich den Binsen und dem Schilf, die dortigen Gewässer einfaßt, nahrhafte Speise. Der Kadikameg, einer der südlichsten Seen der oben erwähnten Gruppe, liegt auf dem westlichen Ufer des Mississippi und ungefähr eine Tagereise weit von diesem Strome entfernt. Ein Flüßchen, welches aber noch einen zweiten kleinen See durchschneidet, oder vielmehr sich in der Mitte der Strecke, die es zu durchlaufen hat, zu einem kleinen See erweitert, führt das Wasser des Kadikameg dem Mississippi zu. Wenn man nun die seeähnliche Flußerweiterung vor sich hat und genau beobachtet, so gewinnt man sehr leicht ein Bild, natürlich im Kleinen, der meisten der Seen, die zum Quellgebiet des Mississippi gehören und dem ungeübten Fuß nur schwer zugänglich sind. Diese Flußerweiterung, die wir, des Unterschiedes wegen, den kleinen Kadikameg nennen, bildet also den Mittelpunkt einer überaus anmuthigen Waldlandschaft. Ihre Ufer sind flach und ragen nur wenig [5] über dem Wasserspiegel empor, der an der breitesten Stelle gegen vierhundert Schritte breit sein mag. Von der Mitte des Sees aus aber die genaue Höhe des feuchten, schwarzen Uferbodens zu erkennen, hält schwer, weil die mächtigen Baumkronen und das verworrene Unterholz sich zu großen zusammenhängenden Massen vereinigen, die Stämme wie das Erdreich vollständig verbergen und, das Wasser berührend, scheinbar auf diesem schwimmen, oder auch, weil auf weite Strecken der dichtbestandene wilde Reis als Fortsetzung des Waldes erscheint, tief in das Becken des Sees hineingewuchert ist und sich wie eine grüne Mauer über den Wasserspiegel erhebt. Dieses nun ist der kleine Kadikameg-See, der jetzt allerdings schon als auf der Gränze der Civilisation liegend betrachtet wird, vor zwanzig und einigen Jahren aber noch mit zur Urwildniß gehörte, die nur von vereinzelten weißen Jägern durchstreift wurde. – Es war im Spätsommer, Alterweiber- oder Indianersommer, wie die schöne Jahreszeit auch genannt wird, die gewissermaßen den Uebergang vom Hochsommer zum Herbst bildet. Gelbe, rothe und braune Streifen und Flächen unterbrachen vielfach das tiefe Grün der dichten Laubmassen und verliehen dem ganzen Bilde so wunderbar schöne Schattirungen, einen so anmuthigen Wechsel von Farbkontrasten, [6] daß man, bestochen, überwältigt durch den Anblick, die Nähe des Winters vergaß und nicht bedachte, wie kurze Zeit es den Bäumen nur noch vergönnt sei, in ihrem üppigen Schmuck zu prangen. Ob aber schillernd im Grün des Sommers, oder verfärbt durch den unerbittlichen Herbst, die Blätter und Blättchen hafteten mit ihren biegsamen Stengeln noch fest an den Zweigen und wiegten sich vor dem leichten Südwestwinde gemächlich hin und her, unbesorgt um ihre Zukunft, obwohl sie eine ernste Mahnung an ihr baldiges Ende hätten erkennen sollen, wenn ein krankhafter, vielleicht von einem gefräßigen Insekt beschädigter Gefährte, durch den Luftzug und die beständige Bewegung seinen schwachen Halt verlor und, eilfertig um sich herumwirbelnd, ähnlich einer breitschwingigen, flügellahmen Libelle, auf den schattigen Boden sank. Auch hoch oben in den Lüften wäre wohl für sie eine Mahnung an das Entfliehen des Sommers zu entdecken gewesen, wenn sie sich nur die Mühe gegeben hätten, emporzuschauen zu dem lichtblauen Firmament, welches die sinkende Sonne mit rosigem Duft übergoß.

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