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Palmblätter und Schneeflocken Band I – Balduin Möllhausen

Rastlos wälzt der Stille Ocean, in der Breite von Acapulco, seine Wasserberge gegen das hohe felsige Gestade. Was die tückischen Wogen in einem Zeitraum von Jahrtausenden dem Festlande zu entreißen vermochten, das nahmen sie längst mit sich fort; sie branden jetzt ohnmächtig gegen den unerschütterlichen Damm, den die Natur ihnen in Form von bizarren steinernen Palisaden, Pfeilern und senkrechten Mauern entgegenstellte. Die dort nicht seltenen Erdbeben werfen wohl zuweilen massive Felsblöcke und loses Gerölle dem nimmer ruhenden Ocean mit donnerndem Geräusch in den schäumenden Rachen, doch die Grundmauern bleiben unverrückt stehen, und auf dem, sie sehr spärlich bedeckenden Erdreich gedeihen [2] nach wie vor, begünstigt durch den Einfluß tropischer Sonnenstrahlen und schweren nächtlichen Thaus, der fettig glänzende Manzanita-Busch und das wundervoll ausgezackte Farrenkraut. Mit ihrem heitersten Grün schmücken diese lieblichen Kinder heißer Zonen die Abhänge der Küstengebirge; sie kümmert es nicht, ob der Orkan das Meer tief aufwühlt und das empörte Element in tollen Wirbeln himmelan schleudert, um es demnächst mit unwiderstehlicher Gewalt wieder zurücksinken zu lassen, oder ob eine sanfte Brise die still wogende Wasserfläche leicht kräuselt; sie lauschen ebenso gern dem heisern Schrei der Möven und Albatrosse, oder den süßen Melodien kleiner befiederter Waldbewohner, wie dem polternden unheimlichen Getöse, mit welchem der ausgehöhlte Felsen, ähnlich der einst so gefürchteten Charhybdis, die schwellenden Fluthen einschlürft und brausend wieder von sich giebt. – Der Bergrücken, der den Hafen von Acapulco von der Südsee trennt, unterscheidet sich in seinem äußern Charakter gar nicht von den theils schroffen, theils sanft abfallenden Höhen, die sich, so weit das Auge reicht, nach Norden und Süden hin erstrecken. Nähert man sich demselben von der Seeseite, dann geräth man in der That in Versuchung, die von schaumbedeckten Riffen eingesäumte Einfahrt für eine [3] der gewöhnlichen, kaum bemerkenswerthen Einbuchtungen des Meeres zu halten, wenn nicht die, einen Leuchtthurm vertretende Signalstange auf dem höchsten Punkt der das Hafenbecken abschließenden Höhe gleichsam auf einen ungewöhnlichen Anblick vorbereitete. Verläßt man nun, nach langer eintöniger Fahrt, das ewige Weltmeer und tritt durch den verhältnißmäßig schmalen, gegen Norden gekrümmten Hals in den Hafen ein, dann glaubt man eine ganz neue Welt vor sich zu sehen, so eigenthümlich, so vollständig verschieden von dem, was man in jüngster Zeit beobachtete, und dabei so prachtvoll und hinreißend schön ist der Anblick, der sich dem entzückten Auge bietet. Der Eindruck, hervorgerufen durch die Umgebung, ist überraschender, tiefer und nachhaltiger, wenn man, anstatt von Panama, jener Perle einer strotzenden tropischen Landschaft, zu kommen, das mehr an den Norden erinnernde San Francisco vor kaum einer Woche verlassen hat, und daher die vor Augen liegenden Scenen einen um so größern Contrast zu den jüngsten Erinnerungen bilden. Der Ocean scheint sich, wie durch Zauber, in einen Binnensee verwandelt zu haben; denn wie man kurz vorher auf der scharfbegränzten Linie des Horizonts vergeblich nach einem Punkte suchte, der Blick und [4] Geist auf längere Zeit gefesselt und beschäftigt hätte, so sieht man sich hier plötzlich ringsum von hohen felsigen Bergen eingeschlossen, denen aber, bis zu ihren äußersten Gipfeln hinauf, eine zwar niedrige, jedoch üppige Vegetation mit den reizendsten grünen Schattirungen den Charakter lebloser Starrheit raubt. Grün sind die Abhänge, grün deren umgekehrte Spiegelbilder, die auf der tiefblauen regungslosen Wasserfläche schwimmen; und als ob die Natur beide Theile, oder vielmehr Wirklichkeit und Täuschung habe, weithin sichtbar, von einander abgränzen wollen, drängen sich, nahe dem Strande, die stattliche Cocospalme und der fruchtbeladene Bananenbaum in wunderliebliche Haine zusammen, während auf anderen Stellen blüthenreiche Lianen und Schlingpflanzen das durch Erderschütterungen geborstene und niedergerollte hellfarbige Gestein bekränzen, und die auf dunkelem Meeresgrunde ruhenden grotesken Felsen und Korallenriffe, die mehr oder weniger über die Oberfläche des Wassers emporragen, durch Festons und Guirlanden anmuthig mit dem Ufer verbinden. Zur Zeit der Fluth spielt und tändelt das salzige Wasser mit niederhängenden Ranken und faserigen Wurzeln und erfrischt die auf den Felsenflächen zurückgebliebenen Schalthiere und die hülflosen Seesterne, [5] die sich unbegreiflich fest an das Gestein angesogen haben. Ist die Ebbe aber wieder eingetreten, dann scheidet, so weit eben der seichte Strand sich erstreckt, ein gelber Sandstreifen das klare Wasser von den schattigen Abhängen, wogegen auf tieferen Stellen schwarze, mit grünem Schleim überzogene Felswände emportauchen und eine Unzahl von Seeschnecken, Krabben, verunglückten zerfließenden Quallen und sonstigen kleineren und größeren Meerbewohnern zur Schau tragen. Doch Ebbe und Fluth wechseln in dem von allen. Seiten abgeschlossenen Becken so geräuschlos mit einander ab, daß man meinen möchte, die in dem Bergkessel herrschende glühend heiße und erschlaffende Atmosphäre übe auch aus sie ihren Einfluß aus und mache sie schwerfällig und träge in ihren Bewegungen. – Das ist also der Hafen von Acapulco. Seine Bedeutung mag in der schifffahrenden Welt nicht so sehr groß sein; wenigstens bei weitem nicht mehr so groß, als in früheren Zeiten, vor der Entdeckung des Goldes in Kalifornien und vor dem unglaublich schnellen Aufschwung von San Francisco, als er den aus den asiatischen Gewässern herüberkommenden Kauffahrern und Wallfischjägern fast den einzigen, jedenfalls aber den besten und gelegensten Zufluchtsort [6] und theilweise auch Stapelplatz auf der Westküste des nordamerikanischen Continents bot; wer ihn aber einmal in seinem Leben besuchte, dem wird er gewiß ewig unvergeßlich bleiben, und Wenige giebt es wohl, die, um den letzten Felsvorsprung in der Einfahrt herumbiegend, wenn sie in dem nördlichsten Winkel die kleine von Palmen, Bananen- und Orangenbäumen beschattete Stadt erblicken, des für den Fremden gefährlichen Klimas mit Besorgniß gedenken und nicht die Bewohner derselben um ihre paradiesische Umgebung beneiden.

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