| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Orientalische Briefe – Ida von Hahn-Hahn

Meine liebe Herzensmutter, da sind nun meine sämtlichen Briefe beieinander, und ich bringe sie Dir jetzt alle, weil sie Dir das größte Vergnügen machen werden. Ferner bist Du so daran gewohnt, Nachsicht mit mir haben zu müssen, daß Dir die mannigfachen Unvollkommenheiten, Widersprüche und Inkonsequenzen, die untrennbar von einer solchen Briefsammlung sind, nicht störend auffallen werden, und dieser Gedanke ist mir sehr angenehm. Denn wenn ich auch bereit bin meinen Briefen tausend Unvollkommenheiten anzuerkennen, so muß ich doch die scheinbaren Widersprüche und Inkonsequenzen ein wenig in Schutz nehmen, weil sie wirklich nur scheinbar sind. Am Montag sah ich ein Ding von der Seite an, und schrieb es Dir; am Mittwoch betrachtete ich es von der anderen, und schrieb es Dir auch. Erklärungen, Ergänzungen, die Du auf der Stelle haben möchtest, findest Du vielleicht erst zehn Briefe weiter, – vielleicht gar nicht, wenn ich nicht wieder an den Gegenstand gedacht habe, was auf einer an fremden und neuen Eindrücken reichen Reise ziemlich natürlich ist. Wiederholungen kommen denn auch vor, z. B. spreche ich ein bißchen oft von den Sternen und von der Luft; aber die sind nun einmal meine Liebe und machen mich glücklich – Gnade für Sie! – Dafür, daß ich meinen Glauben, meine Ansicht, meine Meinung mit der vollkommensten Unbefangenheit, ohne Hehl und ohne Rücksicht bei jeder Gelegenheit ausspreche, bitte ich Dich nicht um Gnade; denn obwohl Du auf der weiten Gotteswelt die einzige Person bist, die mir imponiert, hast Du mich dennoch immer meine eigenen Wege gehen lassen, so fern und fremd sie den Deinen sein mögen, und mir eine selbständige Entwicklung gegönnt, deren Resultat mein Glaube und meine Meinungen sind. Wie ganz unter meiner Erwartung die Beschwerden, Gefahren, Drang- und Mühsale dieser Reise gewesen sind, kann ich Dir gar nicht genug wiederholen. Ich muß immer lachen, wenn man mich jetzt überall wie eine von den Toten Erstandene empfängt, mitleidvoll nach großen Fährlichkeiten fragt, die mir nicht wiederfahren sind, und den Mut bewundert, den ich nicht Gelegenheit gehabt habe, zu zeigen. Weder Unfälle, noch Störungen, noch Krankheiten haben uns getroffen; zuweilen Verdrießlichkeiten und Unbequemlichkeiten, nämlich träge Leute, Ungeziefer und die Kamelreiterei durch die Wüste, aber Verdrießlichkeiten gibt es überall. Furcht habe ich nicht einen Augenblick empfunden, und ebensowenig die momentane Desperation gekannt, die uns ausrufen läßt: »Hätte ich’s doch nie unternommen!«. Bei der ganzen Sache ist nur Eines mir schwer geworden. zum Entschluß zur Reise zu kommen. Meine gute Gesundheit hat nur später Alles leicht gemacht; sie ist das Haupterfordernis. Die Wahl der guten Jahreszeit ist das zweite: Oktober und November für Syrien, zwischen Sommerhitze und dem Winterregen; und die Wintermonate für Ägypten, bevor Pest und Wüstenwind ( Chamsin) ausbrechen. – Das muß ich denn aber doch sagen: wer das Reisen wie eine oberflächliche Zerstreuung betrachtet, der gehe nicht in den Orient. Vergnügungen bietet er nicht, nur Lehren und Offenbarungen. Das habe ich vorausgesetzt, sie gesucht und gefunden, und darum bin ich vollkommen mit meiner Reise zufrieden, nur freilich wieder in meiner Art und Weise: ohne Ekstase und Übertreibung. Herzensmutter, wenn Dir die Briefe ein Paar angenehme Stunden machten – wie froh wär‘ ich! Tausendmal küsse ich Deine Hand. 1. Aus Wien Allerlei Reisevorbereitungen. Baron Hügels Campagne zu Hietzing An meine Mutter Wien, August 22, 1843 Heute nur zwei Zeilen, Herzensmama, um Dir zu sagen, daß meine Abreise definitiv auf übermorgen früh um 5 Uhr angesetzt ist. Wundre Dich nicht, daß ich Dir aus dem schönen, reichen, fröhlichen, bunten Wien fast nichts sage als: ich bin angekommen und reise ab. Mein Hauptgedanke in diesen vierzehn Tagen war ja der an meine Abreise, und des Verkehrs mit Handwerkern und Kaufleuten war kein Ende, da man sich zu einer solchen Reise mit einer Menge von Notwendigkeiten versehen muß, die man am Libanon und bei den Pyramiden nicht findet.


Ich spreche gar nicht von Luxus oder Bequemlichkeit sondern nur von Notwendigkeiten. Es ist aber wirklich keine kleine Plage so lange voraus bedenken zu müssen, ob man mit Schuhen und Handschuhen reichlich versorgt sein werde. Der Hauptzweck, weshalb ich hierher kam, um mir Briefe für den Orient zu sammeln, ist erfüllt. Im zivilisierten Europa, wo der Reisende alles findet, ja wo ihm angeboten und aufgedrungen wird, was er nur irgend bedarf, sind Empfehlungsbriefe fast immer unbequem, weil man durch sie in gegebene Beziehungen tritt, während man, besonders auf Reisen, die selbstgewählten vorzieht. Aber für den Orient stelle ich sie mir unerläßlich vor, weil man in den Fall kommen kann, nicht bloß Gastfreiheit sondern auch Schutz, Rat, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Diesem Wunsche ist man hier mit der größten Freundlichkeit entgegen gekommen, und reich ausgestattet ziehe ich von dannen. Indessen habe ich doch nicht ganz wie mit verbundenen Augen in Wien gesessen. Ich war in Baden und in Vöslau; ich habe Strauß im Volksgarten und in Dommeiers Casino zwischen Illumination, Feuerwerk und Tausenden von Menschen gehört; ich habe die Theater besucht, und den St. Stephan bewundert; die Gemäldegalerien betrachtet und bei Dehne Abends Gefrorenes gegessen; – kurz, ich habe alles getan was der Fremde hier zu tun pflegt und es hat mir auch Vergnügen gemacht, nur freilich nicht so, als wie wenn Wien das Ziel meiner Reise gewesen wäre. Und doch sind das fast lauter Dinge, woran ich kaum unter Jahresfrist mich wieder erfreuen kann, und wonach ich vielleicht in den fremden Ländern Sehnsucht haben werde. Aber ich kenne sie, und was ich noch nicht kenne – grade das möchte ich kennenlernen; denn kennen ist wissen, und Wissen ist eine noch schönere Sache als die Freude über den St. Stephan, über die bacchantischen Jubelwalzer von Strauß und über die Venetianischen Meistergemälde im Belvedere. Allein ich kann nun einmal nicht anders als streben und immer streben, und daher geht mir der Drang zur Erkenntnis über das, was ich bereits erkannt habe. Bald nun werde ich wissen, wie der Orient sich im Auge einer Tochter des Okzidents abspiegelt. Und was ist denn leben anderes, als seine Kräfte gebrauchen und mit dem Leibe die Seele nähren? Was die wunderschöne Fabel vom Phönix erzählt daß er sich einen Scheiterhaufen baue aus dessen Flammen er verjüngt erstehe: paßt auf den Menschen, nur daß der nicht so selten als der Phönix ist. Der Abschnitt unsrer Existenz, welcher auf der Erde verläuft, ist ja im Grunde nichts als ein Scheiterhaufen, den wir mit Leib und Leben, mit himmlischen und irdischen Gaben nähren; aber freilich meistens ohne es zu wollen, bewußtlos, und erst wenn wir darüber nachdenken, fällt es uns ein, wie es ist. Ein Dasein, das sich nicht in dem Gebrauch seiner Kräfte üben und verzehren kann, darf man nicht mehr ein Leben nennen. Ich war in Schönbrunn, in dem schönen Garten, der alle Arten von Gärten in sich schließt. Feierlich und majestätisch ist er mit seinen unendlichen Hecken und Alleen bis zur Gloriette, wo man einen hübschen Aussichtspunkt hat; dann nimmt er einen ungenierten, freieren, parkähnlichen Charakter an. Ein lieblicher Pflanzengarten, in welchem die hölzernen Etiketten an Bäumen und Blumen nicht dominieren, schließt sich an ihn, und eine Menagerie mit ausländischen und wilden Tieren liegt ganz vertraulich zwischen den Promenaden. Ich habe nun gar keine Sympathie für diese Bestien. Man sagt immer: wie klug ist der Elefant, wie majestätisch der Löwe etc., und in der Freiheit mögen sie es sein; aber in der Haft finde ich sie nur unbehaglich, und den Elefanten wahrhaft scheußlich durch seine Unform. Aber ein Tier rührt mich ganz unsäglich, und das ist der Adler, denn er gibt im Käfig das schmerzlichste Bild von dem namenlosen Leid der Gefangenschaft. Unbeweglich sitzt er da, kein Federchen regt sich, er scheint sich versteinert zu haben gegen sein Schicksal; nichts lebt an ihm, als sein Auge, und das ist ein wunderschönes, menschenähnliches Auge, nicht kugelrund wie bei anderen Vögeln, sondern das obere Augenlid etwas herabgedrückt und dadurch mehr oval.

Und mit diesem melancholischen, metallisch glänzenden Auge, worin sich der Ausdruck seines Lebens konzentriert, und das in rastloser Bewegung ist, blickt er nie die Menschen, seine Peiniger an, sondern immer in einen freien Raum. Man kann nicht sagen, daß er den Blick des Menschen vermeidet, nein, er bemerkt ihn nicht. Es ist als fühle er, daß ihre Blicke nicht geschaffen sind um sich zu begegnen. Nun, dieser Adler so majestätisch und poetisch in seiner Schwermut, wird in der Haft uralt, weit älter als in der Freiheit, und zwar deshalb – weil man ihn reichlich mit Nahrung versorgt, während es oft nur schmale Bissen in seinem Horst gibt. Aber ist diese Existenz ein Leben für den Adler? Ich meines Teils bin für die Freiheit, für schmale Kost und ein kurzes Leben. – –

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |