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Novellen IX – Paul Heyse

Es war einmal ein blutarmes, verlassenes Ding, das hieß die gute Seele, und war schlank und fein gewachsen und hatte rechte Elfenbeinchen, die aber leider barfuß laufen mußten. Verwandtschaft hatte sie auf der ganzen Welt nicht; nur einen Bierbruder und eine Kaffeeschwester, die gingen mit ihr um, als wäre sie das Aschenputtel, und gaben ihr kein gutes Wort. Das stand die gute Seele eine Zeitlang aus, bis sie vom Herrn Pastor eingesegnet war. Nun, dachte sie, hab’ ich Schuh’ und Strümpfe, da geh’ ich in die Fremde, weit weit weg. Aber weil sie doch einmal die gute Seele war, brachte sie’s nicht übers Herz, fortzulaufen, ohne ihrem Bierbruder und ihrer Kaffeeschwester was davon zu sagen. Alle die eingesegneten Mädchen, sprach sie, haben sich einen Schatz angeschafft, und meine Freundinnen schauen nicht mehr viel nach mir um. Ich will sehen, ob ich auch irgendwo einen Liebsten aufgabele, oder eine neue Freundin. — Ja, du Zeisig, erwiederte der Bierbruder, meinethalb magst du nach Lappland gehn, wo du hingehörst! Aber dein schwarzes Abendmahlskleid lass’ ich dir nicht; das Bairische wird mir immer theurer. — Und mir geht der Zucker auf die Neige und der Stippzwieback, sagte die Kaffeeschwester. Gieb flink deine Schuh’ und Strümpfe her! wir müssen Alles wieder auf den Trödel geben. — Da zogen sie der guten Seele ohne Mitleid ihre alten Fetzchen wieder an, gaben ihr eine trockne Brotrinde und ließen sie laufen. — Das ging langsam genug; denn alle Augenblick kam ein Käfer über den Weg gelaufen, den konnte sie doch nicht todt treten; oder eine Blume stand todtmüde oder gar halb ohnmächtig auf der Seite, da mußte sie geschwind die Händchen in den Bach tauchen und ihr ein bischen Wasser ins Gesicht spritzen, daß sie wieder zu Athem kam. Das hat man davon, wenn man die gute Seele ist, sagte sie vor sich. Man wird gar nicht fertig. Nun kam sie in einen Wald, da standen Erdbeeren in Fülle und sie labte sich recht daran. Sie werden doch gepflückt, entschuldigte sie sich dabei, ob ich sie esse oder ein Anderer. Dann setzte sie sich, weil ihr die zarten Füße weh thaten, holte ihr Tagebuch heraus und beschrieb ihre bisherigen Reise-Abenteuer, und wie sie damit fertig war, dachte sie: Singst du jetzt ein Lied, oder nicht? Am Ende weckt es ein krankes Vöglein, das eine Stunde geschlummert hat. Aber wenn dich gerade eine sterbende Lerche hört, meint sie, sie vernähme schon den Gesang der Engel im Himmel und du machst ihr letztes Gebet fröhlich. — Also fing sie an zu singen, und das klang recht ordentlich so, als ob eine gute Seele sänge: Der Tag wird kühl, der Tag wird blaß, Die Vögelstreifen übers Gras; Ei wie die Halmen schwanken Vor ihrer Flügel Wanken, Und leise wehn ohn’ Unterlaß. Und Abends spät die Liebe weht Ob meines Herzens Blumenbeet. Das ist ein heimlich Beben, Und süße Gedanken weben Sich in mein tiefstes Nachtgebet. Du fernes Herz, komm zu mir bald! Sonst werden wir Beide grau und alt, Sonst wächst in meinem Herzen Viel Unkraut und viel Schmerzen; Da wird’s den Blumen gar zu kalt! Wie sie aufsah, gewahrte sie eine große Tafel am Wege, da stand drauf: Reitweg. Ach Gott, sagte sie, da muß ich nur wo anders gehn; der arme Weg wird ohnehin genug von den Hufschlägen zu leiden haben; was soll ich noch mit meinen dünnen Elfenbeinchen drauf herumstapeln! Sie wollte eben fort, da hörte sie Einen daherreiten im Schritt, eine prächtige zerrissene Fahne in der Faust, denn es war der schwarzbraune Fähnrich mit dem wunderschönen Schnurrbart. Wie den die gute Seele sah, blieb sie stehn, faßte an ihr Herz und sagte: Gottlob!, eben verliebe ich mich. Der Fähnrich aber ritt heran und sagte: Liebe gute Seele, wo geht der Weg nach Küssemich? — Darauf antwortete die gute Seele ganz fix: Lieber schwarzbrauner Fähnrich mit dem wunderschönen Schnurrbart, es ist ganz nah, vom Rößlein herab, drei Schritte zu mir, dann ein bischen gebückt, weil ich eine gar zu kleine Person bin.


— Ach was! sagte der Reiter, versteh mich recht; ich meine das Dorf Küssemich, das drei Stunden südlich von Lieberose liegt. — Da weiß ich den Weg bei Gott nicht, erwiderte die gute Seele; aber sag, schwarzbrauner Fähnrich, willst du nicht mein Schatz sein? siehst du, ich bin eben eingesegnet und habe noch keinen und auch keine Busenfreundin. — Wie der zu Roß das hörte, fing er an zu lachen, ritt ohne Antwort weiter und sang: Nun stehn die Rosen in Blüte, Da wirft die Lieb’ ein Netzlein aus. Du schwanker, loser Falter, Du hilfst dir nimmer heraus! Und wenn ich wäre gefangen In dieser jungen Rosenzeit, Und wär’s die Haft der Liebe, Ich müßte vergehen vor Leid. Ich mag nicht sehnen und sorgen; Durch blühende Wälder schweift mein Lauf. Die luft’gen Lieder fliegen Bis in die Wipfel hinauf.

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