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Moderne Literatur – Hanns Heinz Ewers

Das Jahr 1889 wird in jeder Literaturgeschichte eine große Rolle spielen, ist es doch das Geburtsjahr des deutschen Naturalismus, der die moderne Literaturbewegung einleitet. Es erschienen in diesem Jahre Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«, Hermann Conradis »Adam Mensch« und der »Papa Hamlet« sowie die »Familie Selike« von Holz-Schlaf, also vier sehr bemerkenswerte Erzeugnisse, die von den bisher begangenen Pfaden durchaus abwichen, und deren Einfluß in kurzer Frist mit der bis dahin herrschenden Geschmacksrichtung gründlich aufräumte. Es wehte ein frischer Wind im Lande und pfiff dem auf dem deutschen Parnaß thronenden schwächlichen Epigonentum kräftig um die Ohren. Nur wenige Jahre vergingen, da waren die bis dahin allmächtigen Literaturgrößen, die Wildenbruch, Wilbrandt, die Julius Wolf, Dahn, Ebers, Baumbach und wie sie alle hießen, wenigstens für das aufgeklärte Publikum völlig entthront. Und das mit Recht, denn die dem Jahre 1889 vorhergehende Zeitepoche war gerade kein Ruhmesblatt in der deutschen Dichtkunst. Freilich gab es auch in dieser Zeit Dichter, deren Namen ihren guten Klang immer behalten werden, wie die Schweizer Gottfried Keller und C. F. Meyer, wie Fontane, Raabe, Wilhelm Busch und manche andere. Aber alle diese waren Einsame. Sie gaben ihrer Zeit nicht ein Gepräge; diese stand vielmehr ganz unter dem Einflusse des schwächlichen Epigonentums, der Nachahmung eines mißverstandenen Klassizismus. Den Gegenschlag brachte eben das Jahr 1889. Eine Reihe jüngerer Schriftsteller erkannte, daß unsere Dichtkunst in der Schablone und dem Klischee einer sklavischen Nachahmung der klassischen Periode zu ersticken drohe, und empörte sich dagegen. Man verlachte die bewährte »Technik des Dramas« von Gustav Freytag, mit der alle Oberlehrer die Bühnen erobern zu können glaubten, und warf kühn das über den Haufen, was bisher stolz auf hohem Kothurn einherschritt. Wie bei jeder Revolution, auf welchem Gebiete es auch sei, so geschah es auch hier; ganz ähnlich wie hundert Jahre vorher, in der sogenannten Sturm- und Drangperiode, ging auch die moderne Geistesrevolution vor: Die literarischen Empörer zerschlugen zuerst die hergebrachte Technik, die noch immer auf die alten aristotelischen Prinzipien im Lessingschen Gewande schwor. Prinzipien, die zu ihrer Zeit vielleicht Wahrheiten waren, für uns aber längst zu drückendem, unerträglichen Ballast geworden waren. Beeinflußt war diese Revolution durch das Ausland: Zola, Ibsen sowie Tolstoi (in seinen früheren Romanen) hatten ihre Schatten vorausgeworfen. Trotzdem hat die deutsche Bewegung durchaus ihre Eigenart zu bewahren gewußt, sie ist in ihren Konsequenzen vielleicht am weitesten gegangen. Die Jungen zerbrachen die alte Form und glaubten, ohne etwas an ihre Stelle zu setzen, eine neue Kunst schaffen zu können. Sie verfolgten instinktiv Rousseaus Gedanken: »Zurück zur nackten Natur!« Während aber der französische Rationalist nur an eine gesunde, kräftige Natur dachte, beschäftigten die jungen Naturalisten sich mit Vorliebe mit ihren kranken, entarteten Auswüchsen. Sie gaben das Leben, wie sie es sahen, aber sie sahen ein trübes, düsteres Nebelbild. Dieser innere Schaden, den die neue Richtung mit in die Welt brachte, mußte ihr gar bald eine Lebensgrenze setzen. Ihre begeistertsten Anhänger sogar sahen in kürzester Zeit, wie das kampfesmutige Genie allmählich in einen Don Quichotismus schlimmster Art verwandelt wurde, und ihre Erbfeindin, die Reaktion, jubelte. Kaum zehn Jahre der Blüte waren das gewesen. Aber die Reaktion jubelte ohne Grund. Für sie war das Feld nicht geräumt.


Schon zu seinen Lebzeiten hatte der Naturalismus für Nachkommen gesorgt, ganz entartete Nachkommen freilich, die aber trotz aller Wesensverschiedenheit ihm allein ihre Existenz verdankten. Die toten Epigonen, die über den ungeschlachten, polternden Bengel lachten, und eine Wiederkunft für sich witterten, mußten neuerdings in ihre Särge zurückkehren. Um so kräftiger und hoffnungsvoller schossen aus dem durchwühlten Boden die jungen Gewächse des Symbolismus, des Mystizismus, der Renaissanceromantik, des Neuklassizismus, und wie sie sonst literaturhistorisch getauft sein mögen. Es war also ein Abdanken des Naturalismus zugunsten selbstgewählter Erben! Wiewohl der Naturalismus seinem ganzen Wesen nach dazu angelegt war, alles zu egalisieren, entwickelte er noch auch innerhalb seiner engsten Grenzen starke, in sich abgeschlossene Individualitäten. Für das feinere Auge des Kritikers waren die Nuancen, die Grade der Selbständigkeit, bereits sichtbar. Nur die schwächeren, die begrenzteren Talente blieben auf den ursprünglich eingeschlagenen Wegen, Hauptmann, Holz, Max Halbe, Helene Böhlau u. a. dagegen fanden das gelobte Land ihrer spezifischen Eigenart, oder doch fruchtbare Seitenstraßen, ohne jedoch ihre Abkunft späterhin undankbar zu verleugnen. Sie hatten vom konsequenten Naturalismus ein Doppeltes gelernt. In formeller Hinsicht das Verzichten auf die Hilfe eines starren, den freien Fluß des schaffenden Gedanken hemmenden Dammes, wie er sich als jene bereits erwähnte philiströse Verballhornung klassischer Prinzipien darstellt, in gedanklicher Beziehung eine dem romantischen Genius verwandte Großzügigkeit und Freiheit der Weltanschauung.

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