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Menschen untereinander – Hermann Heiberg

In der Geschichte des deutschen Nordens hatte der Name der Grafen von Witzdorff von jeher einen guten Klang gehabt, da sie sich in ihren hohen und verantwortlichen Stellungen sowohl durch Diensttreue gegen die angestammten Herrscher hervorgethan, als auch durch kluge, aber ehrliche Wahrnehmung ihrer jeweiligen eigenen Vorteile bedeutendes Besitztum im Lande erworben hatten. Freilich war dieses im Laufe der Zeiten durch die Verschwendung einiger unbemittelter Schwiegersöhne wesentlich vermindert worden; aber Graf Felix von Witzdorff, der als der älteste Vertreter dieses Geschlechtes im Anfang der sechziger Jahre nach fast dreißigjähriger Abwesenheit imAuslande in seine Heimat Schleswig zurückkehrte, blieb doch eine Persönlichkeit, deren Wiedererscheinen um eines durch Heirat wiedergewonnenen großen Vermögens, seines angesehenen Familiennamens und seiner Lebensstellung willen von den Bewohnern als ein Ereignis angesehen ward. Bereits in jüngeren Jahren einer deutschen Gesandtschaft zugewiesen, hatte er sich in London mit der Tochter eines englischen Kaufmanns verheiratet. Aus dieser Ehe war ein einziger Sohn hervorgegangen, der nach einer alten Überlieferung der Witzdorffs in der Taufe den Namen »Kay«, eine Abkürzung des lateinischen »Cajus«, erhalten hatte. Graf Felix hatte diesem Sohne eine Erziehung angedeihen lassen, die den höchsten Anforderungen entsprach, und von vornherein ins Auge gefaßt, daß er sich ebenfalls dem diplomatischen Dienst widmen solle. Allein schon nach Verlauf des ersten Universitätsjahres hatte derselbe eine besondere Neigung für den Kaufmannsstand zu haben erklärt, und war, als ihm Felix endlich mit größtem Widerstreben nachgegeben hatte, in ein Londoner Handelshaus eingetreten. In Folge seiner Fähigkeiten war er dort sehr rasch vorwärts gekommen, hatte sich in ungewöhnlich kurzer Zeit selbständig gemacht und durch glückliche Handhabung überseeischer Geschäfte ein sehr erhebliches Vermögen erworben. Im achtundfünfzigsten Jahre verlor Graf Felix in der spanischen Hauptstadt, wohin ihn seine Regierung als Gesandten geschickt hatte, seine Gattin als Gesandten geschickt hatte, seine Gattin Emerence, und er beschloß nun, aus dem Staatsdienst auszutreten, nach seiner Heimat überzusiedeln und sich auf seinem Gute Dronninghof in der Nähe von Schleswig für den Rest seiner Lebenszeit niederzulassen. Wirklich traf Graf Felix v o n Witzdorff, Exzellenz, am 12. Juni zunächst in Hamburg ein und begegnete sich hier mit Kay, der zu jener Zeit im vierunddreißigsten Lebensjahre stand u n d soeben von einem Zweiggeschäft aus dem spanischen Südamerika zurückgekehrt war. Derselbe hatte gelegentlich seiner Niederlassung in London den Grafentitel abgelegt und nannte sich lediglich Kay Witzdorff. Die Begegnung zwischen Vater und Sohn fand im »Hotel de l’Europe« statt. Der Graf, welcher Kay seit vielen Jahren nicht gesehen und ohne ihn an dem Sarge seiner Frau gestanden hatte, empfand eine gewisse Unbehaglichkeit und war etwas enttäuscht, als ihm in seinem Sohne ein sehr ernster Mann entgegentrat, der zwar seiner Freude über das Wiedersehen Ausdruck verlieh, aber keine sonderliche Wärme dabei an den Tag legte. Er war in seiner Rede knapp und kurz, urteilte rasch und entschieden und äußerte seine Meinung in und entschieden und äußerte seine Meinung in einem Tone und einer Weise, gegen die ein Widerspruch nur schwer aufkam. Kay hatte auch einige Gewohnheiten, welche den Grafen, wie dieser sich mit einem bezeichnenden Fremdworte ausdrückte, äußerst »impatientierten«. Beim Sitzen legte er häufig den rechten Fuß auf das linke Knie, trug, von der Mode abweichend, breite, gelblederne Schuhe, und den Fuß bedeckten Strümpfe, die in sehr auffallenden Mustern gewirkt waren. Seine Uhr barg er lose in der Beinkleidertasche, aus der er auch kleines Geld hervorzog, während er Goldmünzen und Papier in einem kleinen juchtenledernen Täschchen trug, welches in der Weste steckte. Tief ausgeschnittene Hemden mit spitzauslaufenden, breiten Leinenkragen zeigten einen gebräunten Hals mit starken Halsknochen, und lange Manschetten reichten über die von zahlreichen Sommersprossen bedeckten Hände. Kays Gestalt war hünenhaft, jedoch schlank und äußerst biegsam. Das Haar auf dem edel gebauten Kopf trug er zurückgestrichen, und ein heller, weit und locker sitzender Anzug umgab seinen Körper. Besonders störten auch den Grafen Felix, der nur in schnellen Zügen spanische Zigarette rauchte, die vielen importierten Zigarren, von denen Kay während des Tages wohl ein Dutzend hervorzog, und deren Rauch er dann meistens durch die Nase stieß. »Ah, meine gute Mutter!« hub Kay bewegt an, als nach einigen einleitenden Worten das Gespräch auf sie gekommen war, und der Graf ein Bild hervorgeholt hatte, das im letzten Lebensjahre der Verstorbenen angefertigt war. Er betrachtete es lange und mit wehmütigem Ausdruck, ließ sich von der Krankheit ausführlich erzählen und preßte die Lippen in starker Gemütserregung zusammen, als ihm sein Vater berichtete, wie sehr sie in ihren letzten Lebensaugenblicken nach ihm verlangt habe. »Jahre würde ich darum gegeben haben, wenn ich noch einmal in ihre schönen, zärtlichen Augen hätte schauen können,« stieß Kay hervor. »Es war mir nicht vergönnt.


« Und nach kurzer Pause fuhr er fort: »Was gedenkst Du nun zu thun, Papa? Wirst Du sogleich nach Schleswig reisen? Ist das Herrenhaus bereits hergerichtet? -« Der Graf neigte bestätigend den kurzgeschorenen, weißen Kopf. Sein Gesicht zeigte jene pergamentne Farbe, die man häufig bei solchen findet, die lange in Farbe, die man häufig bei solchen findet, die lange in südlichen Ländern gelebt haben. Seine Erscheinung war äußerst vornehm. Er trug einen untadelhaft gehaltenen schwarzen Anzug, aus dem eine schneeweiße Weste hervorsah, und seine frauenhaft geformten Hände spielten oft mit einem goldenen Monocle, das er von Zeit zu Zeit in das forschende graue Auge schob. Seine Bewegungen waren gemessen, ohne etwas Gemachtes zu haben; die Ruhe, mit der er sprach, die besondere, etwas fremdländisch klingende Betonung der Worte und seine gleichmäßige Höflichkeit kennzeichneten ihn als Weltmann. Hin und wieder krümmte er den elfenbeinglatten Zeigefinger der linken Hand, an dem der Nagel mit der mondweißen Zeichnung sehr lang gewachsen war, und berührte damit eine Stelle auf dem Kopfe. Namentlich, wenn ihn etwas tiefer beschäftigte, geschah dies; in kurzen Zwischenräumen zog er auch eine kleine, blitzende, d u r c h langjährigen Gebrauch glattgewordene goldene Dose hervor, aus der er mit zierlich gespitzten Fingern eine Prise heraushob, deren Inhalt rasch, und ohne Spuren zu hinterlassen, in seiner scharf gebogenen Nase verschwand.

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