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Meine zweite Weltreise – Ida Pfeiffer

Die Reise von Wien nach London ist heutigen Tages eine Spazierfahrt, die man bequem in vier Tagen machen kann; ich benöthigte jedoch dazu beinahe einen Monat, da ich bei meinen Freunden und Verwandten in Prag und Hamburg einige Zeit zu Besuch blieb. Am 18. März 1851 verließ ich Wien, und erst am 10. April gelangte ich nach London. Es war früh Morgens, als sich unser Dampfer dem Hafen der Weltstadt näherte. Der von ferne undurchdringlich scheinende Mastenwald tauchte vor unsern Blicken auf, und die unzähligen Schiffe, vom großen Ostindienfahrer bis zur kleinen Jacht, theils vor Anker liegend, theils die Segel entfaltend oder von brausenden Dampfern in’s Schlepptau genommen, gewährten ein reiches, wahrhaft großartiges Bild. Weniger zog mich das Gewühl im Hafen selbst an. Ich dachte hier ein Gemenge aller Nationen der Welt zu finden, und sah nichts als Europäische Matrosen und Englische Arbeitsleute. In dieser Hinsicht ist jeder Ostindische Hafen, und besonders jener von Bombay ungleich interessanter, weil man dort Menschen von allen Ländern und Farben, und Trachten von den verschiedenartigsten und seltsamsten Formen sieht. Wir landeten an dem Zollamte, welches ich mit ziemlicher Angst betrat, da man mir gesagt hatte, daß sehr strenge untersucht würde, daß jede Kleinigkeit, sobald sie neu sei, versteuert werden müsse, und daß selbst die Taschen vor den Händen der gierigen Zollbeamten nicht geschlossen seien; doch dem war nicht so: sämmtliche Effekten wurden ziemlich oberflächlich besehen. Man verlangte auch die Pässe, stellte sie aber, nachdem man die Namen in ein Buch eingetragen, sogleich wieder zurück. Ich erhielt weder eine Aufenthalts-Karte, noch frug man in der Folge nach meinem Passe, — ja, ich schiffte mich nach Afrika ein, ohne daß ich mit der Polizei oder einer andern Behörde das Geringste mehr zu thun hatte. Den Eindruck, den das Leben auf den Straßen auf mich machte, war kein angenehmer. Dieses Pressen und Drängen der Menschen, das Gewirre der zahllosen Wagen, die das Ueberschreiten einer Straße wahrhaft lebensgefährlich machen, ließen mich die Minute segnen, in der ich mein Zimmer erreichte. Das größte Gewühl herrschte in den Straßen der City; hier sind die Komptoirs der Kaufleute, die Börse, die Bank, Mansion-house (Residenz des Lord-Mayor) u.s.w. Die Kaufleute selbst wohnen nicht in der City; sie kommen selten vor 11 Uhr auf ihre Komptoirs und verweilen nur bis vier oder fünf Uhr. Die vielen Verbindungsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Omnibusse machen es ihnen leicht möglich, in entfernten Orten der Stadt, ja oft acht bis zehn Englische Meilen weit auf dem Lande zu leben. Die Züge auf den Eisenbahnen verkehren jede Viertelstunde, die Dampfer fahren von der ersten Brücke Londons bis zur letzten alle fünf Minuten, und die Omnibusse sind in steter Bewegung; letztere erscheinen jedoch für den Fremden anfänglich beinahe unbrauchbar, und er muß erst ein kleines Studium machen, um zu wissen, in welchen er einzusteigen hat. Die Hauptstationen sind zwar auf der Aussenseite des Wagens angeschrieben; aber der eine Omnibus nimmt den Weg durch diesen, der andere durch jenen Theil der Stadt; sich an die Kondukteurs zu wenden ist eben nicht sehr anzurathen, denn auf die Frage, ob man hier oder dort vorüberfahre, antworten sie nicht selten mit vollkommener Ruhe „Yes“ — und setzen dann den armen Fremden an irgend einem Orte ab, wo er von seinem Ziele vielleicht weiter entfernt ist als vorher. Ueberhaupt gehört eine Fahrt in einem Omnibus gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des Londoner Lebens. Die Wagen sind weder sehr breit noch sehr lang und enthalten 25 Plätze (13 im Innern, 12 außen [Während meines Aufenthaltes begann man im Innern einen und außen drei Plätze abzuschaf en.]. Es kann daher von einem nur einigermaßen bequemen Sitze natürlich keine Rede sein.


Hiezu kommt das ewige Anhalten, Ein- und Aussteigen, alles in der größten Eile, und nun gar wenn Regenwetter ist — die triefenden Schirme, die nassen Kleider, die beschmutzten Schuhe — wahrlich ein Comfort ohne Gleichen! Comfort, Comfort, Comfort — führt doch jeder Engländer dieß Wort unaufhörlich im Munde, und gerade in England habe ich weniger Comfort genossen als irgendwo. So litt ich z. B. von der Zimmerkälte nirgends so viel wie hier. Die Kaminfeuer erwärmen wohl den, der ganz nahe am Kamine sitzt, und der nichts anderes zu thun hat als sich zu wärmen, aber nicht den, der entfernter ist und sich mit Schreiben oder Nähwerk beschäftigen will, — Feder, Nadel entfallen alsbald der steif gewordenen Hand. Das nenne ich Comfort in einem Laude, in welchem man sechs bis sieben Monate des Jahres mit Kälte zu kämpfen hat! — Die Engländer lieben den Anblick des Feuers so über alle Maßen, daß sie die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten übersehen oder gerne ertragen. Eben so absonderlich sind sie hinsichtlich der Wohnung. Jede Familie, wenn noch so beschränkt, will ihr eigenes Haus haben, ein Haus natürlich oft nur mit zwei Fenstern in der Fronte und einem Stockwerke; haben ja selbst die Häuser der ziemlich Bemittelten selten mehr als drei Fenster und zwei bis drei Stockwerke. Ist das vielleicht Comfort, jeden Augenblick von einem Stock zum andern zu steigen? — Es versteht sich von selbst, daß ich hier nicht von den Häusern der Reichen und überhaupt nicht von den Reichen spreche — diese können sich natürlich in England alle Bequemlichkeiten verschaffen, sie können es aber auch in allen andern Ländern, und in den meisten mit ungleich geringeren Kosten. Meine Bemerkungen betreffen nur die Mittelklasse. Eine weitere Unbequemlichkeit liegt in der ungemeinen Größe der Stadt. Jeder Besuch, jedes Geschäft, jede Unterhaltung kostet viel Zeit und viel Geld, weil man häufig fahren muß. Sind es Geschäfte, so kann man wohl Omnibus und Eisenbahn benützen; sind es aber Unterhaltungen, Einladungen zu Tische, zum Thee, bei welchen man im Putz erscheinen muß, so ist man gezwungen einen Cab (einspännigen Wagen) zu miethen, welcher pr. englische Meile einen Schilling kostet [Seit einem Jahre auf 6 Pence herabgesetzt.], — keine kleine Ausgabe, wenn man, wie es leicht der Fall sein kann, hin und zurück einen Weg von zehn oder noch mehr Meilen zu machen hat. Ein Besuch der Italienischen Oper ist schon gar nur reichen Leuten möglich, da die Loge allein drei bis vier Pfund St. kostet und man darin nicht anders als in großem Putze erscheinen darf. Die Kosten und Schwierigkeiten des Zusammenkommens mögen die Hauptursache sein, daß in den Englischen Häusern das angenehme gesellige Leben nicht herrscht, an das wir Süddeutsche so sehr gewöhnt sind. Hier gibt es Gesellschaften und sogenannte Aufwartungen, aber selten freundliche, gemüthliche Besuche. Das Leben der Frauen aus dem Mittelstande ist höchst einförmig; den Tag über sind sie an ihr Haus gewiesen, Abends an die Gesellschaft des Gemahls, der vom Geschäftsleben ermüdet heim kommt, sich nach Ruhe und Bequemlichkeit sehnt und selten gelaunt ist, seine Frau durch Gespräche zu unterhalten, oder durch Besuche sich stören zu lassen; gewöhnlich setzt er sich in den Lehnstuhl nahe am Kamine, nimmt Zeitungsblätter zur Hand und schlummert mitunter dabei ein. Die Sonntage, bei andern Völkern ebenfalls Tage der Weihe und des Gebetes, aber auch der Heiterkeit und Fröhlichkeit, sind in England so langweilig, daß der aufgeweckteste Südländer davon den Spleen bekommen könnte. In echten altenglischen Familien geht das so weit, daß die Kinder an diesem Tage nicht einmal Ball schlagen oder irgend ein unschuldiges Spiel treiben dürfen; ja man läßt sogar die meisten Gerichte Tags zuvor bereiten, damit die Köchin hinlänglich Zeit findet, die Kirchen zu besuchen. Vor- und Nachmittags werden mehrere Stunden in der Kirche zugebracht, und den ganzen Tag über darf kein anderes Werk als ein Andachtsbuch zur Hand genommen werden! So lobenswerth ich es finde, daß man in Familien die ganze Dienerschaft Morgens und Abends um sich versammelt, um mit ihr vereint ein kurzes Gebet zu halten, so unpassend finde ich es, einen ganzen Tag mit Gebeten hinzubringen, Ich zähle mich nicht im entferntesten zu den Freigeistern; aber den ganzen Tag vermag ich nicht zu beten. Gebete sollen mit dem Geiste gehalten werden, mit Bewußtsein dessen, was man betet, mit Aufmerksamkeit und Andacht; durch Uebertreibung arten sie zu Lippengebeten aus, und diese sind meiner Meinung nach zwecklos und ohne Verdienst. In keinem Lande der Welt, vielleicht China und Persien ausgenommen, verstößt man so leicht gegen die sogenannte „feine Lebensart“ als hier.

Wer z. B. die Gabel in die rechte statt in die linke Hand nimmt, wer das vorgelegte Gericht in kleine Stückchen theilt, anstatt jedes Stückchen einzeln herabzuschneiden, wer einer Dame vom Geflügel einen anderen Theil als ein Bruststück vorlegt, wer Jemanden in sein Schlafzimmer führt (dieß wird gar als ein halbes Verbrechen betrachtet) und dergleichen mehr, der macht sich lächerlich und wird zu der Klasse jener gezählt, die auf feine Erziehung keinen Anspruch machen können. — Bei den unbedeutendsten Sachen findet man hier Verstöße gegen die Sittlichkeit, und andere weit größere, die wir Nicht-Engländer als unsittlich bezeichnen würden, finden die Engländer ganz in der Ordnung. So die Sitte, daß zwei Schwestern oder zwei Dienstmädchen mit einem Lager vorlieb nehmen. Ja dieser Gebrauch geht so weit, daß bei Besuchen, die über Nacht bleiben, sehr häufig zwei Freundinnen oder überhaupt zwei weibliche Wesen eine und dieselbe Bettstelle theilen [Einschläfrige Betten hat man in England höchst selten.]. Kann es etwas Unsittlicheres, Ungesünderes geben?! Ich weiß, wenn diese Bemerkung einer Englischen Dame zu Gesicht kommen sollte, daß sie Zeter und Wehe über mich schreien wird, — doch deßhalb ist sie nicht minder wahr, und ich sehe mich für meine Aufrichtigkeit reich belohnt, wenn durch diesen Anlaß auch nur eine Familie dahin gebracht würde, jener abscheulichen Sitte zu entsagen. Nicht minder anstößig kommt mir der Gebrauch vor, daß ein neuvermähltes Ehepaar einen Wagen besteigt, dessen Bespannung, Kutscher und Diener mit Blumensträußen geziert sind; so beginnen sie ihre Hochzeitsreise, so kehren sie im Gasthof ein . sonderbares Sittlichkeitsgefühl! Stolz und Hochmuth der Aristokratie und der Reichen haben in England unbestreitbar den Kulminationspunkt erreicht. Um in die Gesellschaft (Rout) eines Englischen Aristokraten zu gelangen, muß man von hoher Geburt sein, oder ausgezeichnete Verdienste aufweisen, oder durch irgend ein besonderes Mittel sich eindrängen. Eitelkeit ist natürlich hier wie überall der Sporn, der die Leute antreibt, nötigenfalls alle Minen der Intrigue spielen zu lassen, um sich in hoher Gesellschaft einige Stunden zu langweilen; denn steif, kalt und trocken sind diese Routs über alle Beschreibung. Der Hausherr setzt seinen Stolz darein, die Säle so gefüllt zu sehen, daß Niemand sich bewegen kann; er zwängt sich mühsam durch die Räume, richtet an diesen und jenen einige nichtssagende Worte und — der Spaß hat ein Ende. Am folgenden Morgen aber füllt die Beschreibung des herrlichen Festes eine Viertelspalte in der Zeitung, und die Namen der Auserwählten glänzen in dem beigedruckten Register. Man sollte meinen, daß in einem so alt-konstitutionellen Lande wie England, Hof und Adel weniger hoch angesehen wären, als in einem rein-monarchischen; dem ist nicht so. Es wird hier von dem Hofe mit weit mehr, ich möchte sagen kleinlicher Ehrfurcht gesprochen, als es selbst in Deutschen Staaten der Fall ist. Ich mußte oft lächeln über das Gewicht, das man auf die Frage legte: „Haben Sie die Königin gesehen? und Prinz Albert? und den Prinzen von Wales?“ — Viele der Straßen und Plätze Londons führen die Namen von Regenten, Prinzen, Fürsten und andern hochgestellten Personen.

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