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Meine Reisen und meine fünfjährige Gefangenschaft in Algier – Simon Friedrich Pfeiffer

In Rheinhessen geboren, verlor ich schon im sechsten Jahre meine Eltern durch den Tod. Wohltätige Menschen nahmen sich meiner Erziehung an und sorgten für meine erste Ausbildung. Im dreizehnten Jahre bestimmte ich mich zur Chirurgie, zu welchem Fache ich besondere Neigung fühlte. Elternlos und allein, getrennt und von meinen Brüdern fesselte mich nichts mehr an die Heimath und ich beschloß daher, in der Hoffnung im Auslande mein Glück zu finden, nach den Niederlanden zu reisen, wo ich mehrere Bekannte anzutreffen glaubte. Als fünfzehnjähriger Jüngling in Amsterdam angekommen, ward ich von einem dortigen Bekannten freundschaftlich aufgenommen, und ihm danke ich meine Empfehlung an den auf der Werfte kommandierenden Admiral. Dieser menschenfreundliche Mann, (Kuvel war sein Name,) voll Mitleid mit meiner zarten Jugend, willfahrte meinem Wunsch und schickte mich als Praktikant der Chirurgie auf ein Linienschiff in dem Hafen Texel. Es war dieses eines von den sogenannten Kostschiffen, einer Art von Seekasernen, die beständig im Hafen liegen. Alle Neulinge, Matrosen, Steuerleute, Kadetten, Offiziere, Chirurgen und Ärzte, werden in solche gelegt, um sich hier an das Seeleben und Schiffswesen zu gewöhnen und gleichsam ihre praktische Schule zu machen. Aus diesen werden dann die in See gehenden Schiffe bemannt. Hier nun brachte ich einige Monate zu und machte mich allmählich mit dem zwar geräuschvollen, aber doch einfachen und einförmigen Schiffsleben bekannt. Meine damalige Lage kann ich nicht unangenehm nennen. Ich stand im Range eines Kadetten, mein Geschäft war, unter der Leitung eines Oberarztes den Verband im Schiffsspital vorzunehmen, sowie die Schiffsapotheke zu besorgen. Die übrige Zeit vertrieben wir uns mit Spaziergängen auf das Land; überhaupt suchten wir uns mit den Gegenständen in unsrer Sphäre vetraut zu machen, und diese bot uns das zwischen Land und Meer getheilte Leben in Menge dar. So saßen wir eben an einem Septembernachmittage gegen 2 Uhr bei dem Mittagsmahle in der Steuerruder-Kammer, als wir auf einmal vom Verdeck einen großen Lärm vernahmen. Auf unser Fragen, was derselbe zu bedeuten habe, erfuhren wir von den uns bei Tische aufwartenden Schiffsjungen, daß man vom Verdeck aus nach einer gewissen Richtung hin und eben in keiner großen Entfernung eine Wasserhose wahrnehme. Wir eilten nun auf das Verdeck, wo sich uns in der Entfernung von etwa einer holländischen Seemeile eine Bewunderung und Grausen erregende Erscheinung darbot. Von der Meeresfläche erhob sich eine ungeheure Wassersäule hoch in die Wolken, nach oben hin an Breite abnehmend, so daß sie einem umgestülpten Trichter nicht unähnlich war. Im Innern erschien die Masse dunkelgrau, wolkenähnlich und erhellte sich allmählig nach Außen. Zwar blieb sie beständig auf derselben Stelle stehn, jedoch zeigte sich eine beständig wogende Bewegung, indem von Zeit zu Zeit dunkle, schwarzgraue Massen, gleichsam von einem Vulkane ausgespien, emporstiegen. Diesem erhabenen Schauspiele sah ich wohl eine halbe Stunde mit Erstaunen zu, bis sich die Säule nach und nach von oben nach unten auflöste und die Wassermasse vom Meere verschlungen wurde. Das Ganze hat einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht und es ist das Einzige, das mir aus dieser Zeit noch im Gedächtniß geblieben. Nur das gedenkt mir noch, wie ich oft einsam am Meeresufer einherging, während meine Schiffsgenossen ihren rohen Vergnügungen nachhingen, und wie mich dann oft meine Lage an die des jungen Robinson erinnerte. Als ich dessen Geschichte mehrere Jahre zuvor gelesen, dachte ich wohl nicht, wie ähnlich meine Schicksale den seinigen werden würden. 2. Aufbruch.


Im Dezember des Jahres 1824 wurde ich auf höheren Befehl nebst andern meiner bisherigen Schiffsgenossen auf die Fregatte »Diana« versetzt, welche auf dem mittelländischen Meere zum Schutze des Handels zu kreuzen bestimmt war. Der Tag des Aufbruches war gekommen. Der Schiffshauptmann, umgeben von seinen Subalternen, steht auf dem Verdeck. Mit besorgten Blicken die Wetterfahnen und den Kombaß beobachtend, geht er nachdenkend noch einige Mal auf und nieder, indeß die ganze Schiffsmannschaft, keinen Laut von sich gebend, frostig in sich gekehrt, in Gott ergebenem Sinne dasteht, um, wie es scheint, von nun an einzig und allein für die Winke und Befehle ihres gefürchteten, in See über Leben und Tod gebietenden Hauptmanns leben zu wollen. Endlich nach diesen Augenblicken gespannter Erwartung winkt der Kapitain mit der Rechten, gleichsam als fühle er die ganze Größe seiner jetzigen unumschränkten Gewalt. Der Kapitän-Lieutenant, diesen Wink verstehend, kommandirt, die Anker zu lichten, alle Offiziere schreien’s ihm nach, und mit: «Hurrah! Hurrah!« geht’s an’s Werk. Zwei Dritt – Theile der Mannschaft laufen nun in geregeltem Takt, von Trommel und Pfeife begleitet, um’s Drehspiel [Die Maschine, womit die Anker aufgewunden werden.], und während der Unteroffiziere gellende Pfeifchen das Signal zum Segel-Ausspannen geben, entern die übrigen Matrosen pfeilschnell auf die Masten und Raaen, und in einem Nu haben sich die ungeheuren Segel entfaltet, die Steuerleute stehen fertig am Ruder, und ehe fünf Minuten verstreichen, ist der Kasten flott. Ein frischer Nordost blies kräftig in die Segel, vogelschnell durchschnitt der Kiel die Wogen, und mit Majestät flog die Fregatte dahin, daß bald die Gestade auf beiden Seiten unsern Blicken entschwanden. Wir standen alle auf dem Verdecke, wo ein Jeder, in eigenen Gefühlen versunken, dem theuren Vaterlande noch ein Lebewohl zurief, als auf einmal ein entsetzlicher Stoß das Schiff in seinem Laufe hemmte und uns ziemlich unsanft aus unsern Träumereien weckte. „Godverdamme, wy zyn op een Zandbank geraakt [An der Küste von Holland sind bekanntlich unzählige Sandbänke und Klippen und es ist daher nichts seltens, wenn Schif e darauf stoßen.]!“ erscholl’s aus aller Munde. Sogleich wurde nun ein Theil der Segel gestrichen, und die übrigen gebrasset [d.h. gedreht.]. Fürchterlich brachen sich die Wogen am Rumpfe des Schiffes, drohend dasselbe zu zertrümmern, und wohl eine Viertelstunde brachten wir in banger Erwartung in dieser peinlichen Lage zu, bis endlich die bereits eingetretene Fluth hoch aufstieg und uns aus dieser Bedrängniß befreite. Bei manchen unsrer Leute verursachte diese Scene eine üble Stimmung, man glaubte darin schon eine Vorbedeutung künftiger Unglücksfälle zu sehn, und ich gestehe, auch ich war schwach genug, dieses zu glauben. Und leider haben sich manche unsrer bangen Vorgefühle schrecklich bewährt. Sehr bald erreichten wir die hohe See und gelangten bei günstigem Winde schon um Mitternacht in den Canal. Die Dunkelheit der Nacht bedeckte alle Gegenstände so, daß man nichts wahrnehmen konnte, als die Leuchtthürme von Calais und Dover.

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