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Landschaftsbilder – Josef Ponten

Tiefe Ebene, niedriges Gebirge, hohe Ebene, Hochgebirge – so baut sie sich vom Meere herauf auf. Ist nicht Gebirgsland ohne Ebene wie die Schweiz und Norwegen, kein Flachland ohne Gebirge wie Rußland, Holland, Dänemark. Beide große Architekturgedanken arbeiten an ihr. Das deutsche Land hat große Flüsse und sendet ihre Wasser zu den grauen Meeren im Norden und den blauen Meeren im Süden. Hat Seen zu Hunderten, nicht zuviel wie Schweden, nicht zuwenig wie Frankreich. Hat Anteil an zerealisch-notwendiger Pflanzenwelt, der Körnerfrucht, und an dionysisch-überflüssiger, dem Weinstock. Entbehrt nicht der Rebe wie Skandinavien, nicht des Apfels wie Italien (o fader italischer Apfel!). Die geheimnisreiche Föhre reicht von Norden, die stachlige immergrüne Steineiche von Süden herein. Sonnetrinkender Mais glüht bei Innsbruck, die Mandel blüht und die Feige reift am Oberrhein. Das Maultier des Südens schreitet auf den Saumpfaden seines Hochgebirgs, und der Hering des Nordens berennt seine Küsten. Es hat gefaltete getürmte Gebirge wie Italien und (in Franken und Schwaben) seit unvorstellbarer Zeit ungestört liegende Landtafeln wie Rußland. Der große, eben erst abgetretene Landschaftsbildner, das Eis, das an Griechenland fast nichts, an Italien und Frankreich wenig gestaltet hat, formte die Hälfte seines Bodens. Es hat in tiefem Bereiche Anteil am strengen, heiß und kalten Landklima Rußlands und am lauen, flauen Seeklima Nordwesteuropas. Beschränken wir uns auf das Architektonische. Norddeutschland ist vom skandinavischen Gletscher gebaut. Da sind: die unter der Gletschersohle abgelagerten Lehmflächen – heute Äcker -; rosenkranzförmige Hügelhalbringe, die sich aufschütteten vor den Zungen des abschmelzenden Gletschers; die angeschütteten Sand- und Schotterfelder vor den Hügelzügen, und die Sandtäler, welche unter und vor dem Gletscher ziehende Schmelzwasserflüsse anlegten, von der Natur mit Nadelwald besetzt und von der Kultur mit Nadelwald belassen; die architektonisch gereihten, streng geformten Schlauchseen und die regellos verstreuten lappigen Seen. Urtümlich ist sie, diese Landschaft, primitiv, von vorgeschichtlichem Zauber umweht – Karl Blechen hat mit mehr als romantischem Sinne alte Germanen in sie hineingemalt -, etwas asiatisch auch im Weiträumigen und oft noch Unkultivierten. Sie schwingt weit nach Rußland, im Zwange gleicher Entstehung, hinaus, Rußland (und mit Rußland Asien) leckt in dieser norddeutschen Landschaft mit langer Zunge nach Deutschland-Europa herein. Das Baltische Meer, dieses nordische Halbmeer, Mittelmeer, gibt Gemeinsames ihr und der schwedischen und finnischen. Meer und Asien schenken ihr Weite. Gegenstück im Süddeutschen. Alpengletscher, die bis München vordrangen, bauten eine sehr ähnliche Landschaft, doch gedrängter, enger, reiner, nicht so weiträumig verloren, sinnfälliger und besser überschaubar. Herb auch und voll Größe. Was dort die Ahnung Asiens, ist hier das Blaulicht der Alpen. Das reinste Hügelland, meine ich, findet man im Dreieck zwischen München und Donau.


Boden eines jung abgeflossenen Meeres ist’s, weicher Stoff, leicht von den Kräften der Luft bearbeitbar. Eigentümliche kurzwellige Hügel hat die Landschaft, Ackerschollen im großen, wie die jüngste Landschafterei sie malt. Das Mittelland ist gebirgig, Rest uralter abgetragener Alpen. Mild wie das Alter. Runde Formen, weiche Linien, Felsen nur hier und da, im ganzen ist das Felsskelett umhüllt vom Fleisch der Verwitterungskrume. Die Flüsse ausgeglichen, die Sturzhöhe der ehemaligen Wasserfälle auf linde, gleichsinnige Flußgefälle weiter Strecken ausgetragen. Durchbruchstäler sind da, ja schwarzbraune des Rheines im Schiefer, rote des Neckars im bunten Sandstein, gelbe des Mains im Muschelkalk, rötliche der Elbe im Elbsandstein, weiße der Saale und der Donau im Kalke – aber alles gedämpft, gemäßigt, der Ruhe nahe. Das wissende Auge zieht imaginäre Ebenen von Kuppe zu Kuppe durch die Luft, Einräumungsebenen konstruierend. Ein kosmischer Kreisablauf der Formen zwischen Alpe und abrasierter Ebene, von romantischer Formenjugend zu klassischem Gestaltenalter, unermeßliche Zeiträume übergreifend, unterbrochen von Wiederbelebungen der Flüsse und Verjüngungen der Täler durch sich hebende Gebirge – ein ungeheures, tief in die Seele sinkendes Gesetz. Vulkane begegnen der Rhön und der Eifel, mit fast pädagogisch reinen Formen der Musterbeispiele, auch weiße Gebirgsmauern wie die Schleifen des ebenlagernden ungestörten Juras, aber verhaltene Rhythmen, gebundene Gestalten. Alte Landschaft. Klassisch ist sie ihrem Wesen und ihrer seelischen Wirkung nach, obgleich ein ewig romantisches Volk in ihr sitzt. Aber romantisch in Wesen und Wirkung, anregend, auch aufregend, aufreizend ist das Hochgebirge. Es ist junges Gebirge, schon an der Zeit, auch am Formenschatze gemessen. Zu solcherart doppelsinnig junger Erdformenwelt zählen auch die zum Alpenzuge gehörigen Gebirge und Landschaften Griechenlands und Italiens. Romantisch sind sie nach Wesen und seelischer Wirkung, obgleich ein in klassischen Formen denkender Mensch sie bewohnt und sie die klassischen Stätten bergen. Nicht nötig, die Alpen mit ihren Berglinien und Kammreihen, mit einschmiegsamen Längs- und widerspruchsreichen trotzigen Quertälern, mit Spitz- und Trogtälern, mit Gletschern, Seen und Klammen zu beschreiben. Jeder kennt sie, wenn auch nur im Bilde, denn einprägsam, selbstdeutlich, frisch sind die Formen, prächtig, merkwürdig, sonderbar, naiv wie alles Junge. Und auch was sie an Erhabenheit haben – etwa die Silberpanzer ewiger Firne vom Himmel hangend -, wirkt unmittelbar. Das Mittelgebirge aber ist schwerer zu deuten, es fragt den Geist, beschäftigt die Überlegung, regt eine – wahr zu sagen! – größere, tiefer in die Erhabenheit von Raum und Zeit greifende Betrachtung an. Hochgebirge wirkt sinnlich, Mittelgebirge sinnig. Jenes hat fast physische, dieses schon metaphysische Reize. Meere, die in sich ungeheure Böden legen, Erdbewegungen, Vulkane, Eiszeiten, Wetter, Sonne, Wind – bildnerische Naturgewalten der Landschaft. Aber eine Naturgewalt ist auch der Mensch. Er legt Steppen an von Nährgräsern, weist den Wäldern ihren Platz zu, verdämmt, verlegt, verknüpft Flüsse.

Staut Seen und zapft sie ab. Macht die Eingeweide der Erde sich erbrechen wie durch die Vulkane, indem er aus dem Inneren Massen heraufholt und sie in künstlichen Schuttbergen aufbaut, und läßt – in den Industriegegenden des Kali und der Kohle – den dunkeln, geheimen Besitz der Erde sichtbare Landschaft werden. Mit seinen Ansiedlungen vermenschlicht er die an sich – man kann sagen – unmenschliche Natur. Und wenn er nur schwarzscheckiges Rindvieh wie in Holland, in Deutschland rotscheckiges zieht, das auf den Wiesen am Rheine sich mischt, er ist ein Landschaftsbildner, der ein besonderes Kapitel beansprucht. Die deutsche Landschaft und der deutsche Mensch Wir sind politisch so gereizt, daß selbst dieser sanfte Titel auf den Hinterbeinen sitzt. Wir überschauen, was er enthält, um zu wissen, was wir zu verteidigen haben. Überschauen es, um uns tiefer seiner zu freuen, dieses Landes und des Zaubers seiner Fernen; des Dämmers seiner Wälder; des melancholischen Schlages seiner See auf dem Sande seiner Küste; der mageren Schönheit seiner Sandmarken und der üppigen Lebensfülle auf den fetten Schollen; des Windsummens in unendlichen Hallen der Kiefern und der Lawinendonner in den nackten Kammern seiner Alpen; des Träumens mattblauer, von Schilfwimpern umsäumter und durch Verlandung langsam erblindender Seen und des herrischen Blinkens und Strahlens blausilberner Firne am Scheitel der Berge; eines auf Kieseln rieselnden Wiesenbaches und des brausenden Massensturzes unseres ersten Stromes dort oben; der Schwermut der Nebel auf roten Erikaheiden und über schwarzen Wacholderversammlungen; der nassen, in nacktem, zitterndem Geäst perlenden Küstenwinter und der blassen, in der Hilflosigkeit ihrer spärlichen Sonnen so rührenden Sommer; der knarrenden, sternüberfunkten weißen Schneenächte und des schlichten Mondscheins auf weißen Felsen in Donauwinkeln; und all jener landschaftlichen Kleinigkeiten, wie Vulkanmare, Siebengebirg, Spreewald, steinerne Meere, Blautopf, deren Namen schon Gedicht sind – nein, dieser Herrlichkeiten haben wir uns auch in frohen Zeiten gefreut, meist etwas gedankenlos und oft undankbar, in dieser Zeit gilt es ernsteres Verhalten. Wir überschauen unsern Besitz, nicht in der Schichtebene des Zählens, sondern im Quer-durch-die-Schichten des Erzählens. Wir wollen sehen, wie er wurde, wie er ist und wie er wird. Alle politisch gebeugten Zeiten verhielten sich so. Das ernster gewordene Auge verlegt die Achse des Sehens, der Blick wird historisch. Wir wollen die historische deutsche Landschaft betrachten.

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