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Kriminal-Geschichten – August Meißner

Auf einem Dorfe ohngefähr eine starke Meile von Dresden, Birnichen mit Namen, lebte vor wenig Jahren ein Bauer, Namens Heine; er besaß einiges Vermögen, und einen unbescholtenen Ruf, so lang er ledig blieb. Aber kaum war er verheirathet, als ihn die Eifersucht seiner Frau oft aus dem Hause trieb, und die Gesellschaft seines Schwiegervaters zu Trunk und Spiel verleitete. Er verließ nachher zwar den Ort, wo er bisher gelebt hatte, und kaufte in einem andern Dorfe ein ansehnliches Gut; doch da er auch hier sein unordentliches Leben fortsezte, und da weder er selbst, noch seine Frau der Landwirthschaft sich thätig annahmen, so geriethen sie von Tag zu Tag in mehrern Verfall ihres Vermögens; die Schuldner klagten; der Tag der Hülfsvollstreckung war bereits angesezt; seine Brüder, die wohlhabend und bis izt seine lezte Hoffnung gewesen waren, sagten sich von ihm los, und sein Ruin war entschieden. Doch alles dies war nur geringes Leiden gegen einen andern täglichen Verdruß. Seine Frau nämlich, die den Gedanken der herannahenden Armuth noch weit weniger, als er selbst, ertragen konnte, unterließ nicht, ihn jeden Augenblick mit Vorwürfen zu überhäufen. „Er allein, hieß es, habe sie in dieses unübersehbare Elend gestürzt, wo der Bettelstab, wo Schimpf und Qual ihrer warteten, und wovon nur ein freiwilliger Tod sie erlösen könne. Nächstens sey sie entschlossen, denselben sich anzuthun: denn unmöglich könne dort, wenn sie auch ungerufen komme, ein so großer Jammer ihr bestimmt seyn; wohl aber müsse die ganze Last ihrer Verdammung immer und ewig auf demjenigen ruhen, der sie zu diesem Schritte gedrängt habe.“ Diese lezte Drohung erschütterte ihn tief: er hörte sie so oft und mit so ernstlichem Tone wiederholt; spürte in seiner Gattin übrigen Handlungen einen mit jedem Tage so sichtlich wachsenden Tiefsinn, daß er an der Wahrheit ihres Entwurfs nicht zweifeln konnte, und fühlte daher das Besorgnis eines traurigen Endes auch täglich bei sich gemehrt. — Vorstellungen aus Gründen der Religion wirken tiefer, als alle irdische; das ist eine gewöhnliche und auch hier bestärkte Wahrnehmung. Ihm, der bisher mit ruhiger Gelassenheit sich dem Abgrund der äußersten Dürftigkeit genähert hatte, war der Gedanke, Schuld am Verderben einer Seele, zumal der Seele seiner Frau, zu seyn, — war die Vorstellung von der Anklag‘ in jenem Leben so schrecklich, daß er alles zu thun beschloß, um solcher, es sey auf welche Art es los zu werden. Der Verlust seines eignen Lebens, wo er nur Elend und Gewissensbisse seiner warten sah, war ihm hierbei eine Kleinigkeit, und es erhob sich im Innern seines Herzens ein Gedanke, der bald zum Vorsaz ward; zum festen Vorsaz, seine Frau umzubringen, eh sie selbst Hand an sich lege; zuvor aber, da nicht Haß, sondern wahre Liebe zu diesem schrecklichen Vorhaben ihn verleite, auch alles zu thun, was ihre Seele zu retten dienlich wäre. Sein erstes Bestreben ging nunmehr dahin, ihr wieder Hoffnung zur Verbesserung ihrer Glücksumstände zu machen. Es gelang ihm durch falsche Nachrichten, die er ihr von seinem Advokaten und von seinen Brüdern brachte. Die arme Unglückliche glaubte bald, was sie so eifrig wünschte, und fing an sich von neuem aufzuheitern. Kaum merkt‘ er dieß, als er ihr vorschlug, das heilige Abendmal zu genießen; auch dazu war sie willig, und beide empfingen es mit möglichster Andacht; er betete selbst mit ihr, sprach viel vom Sterben, kurz that alles, was, seiner Einfalt nach, ihm fähig zu seyn dünkte, sie, unbemerkt und unwissend, zu dem nahen wichtigen Schritt vorzubereiten. Indeß nahte sich der zur Hülfsvollstreckung bestimmte Tag. Er wandte heimlich alles mögliche an, um ihn noch zu entfernen; jedoch umsonst; und als er nun alles verloren sah, sezt‘ er den Abend vorher zur Vollbringung seines Vorhabens an. Er war in der Stadt gewesen, und täuschte, als er heim kam, seine Frau von neuem mit den günstigsten Nachrichten. Sie ging froh zu Bette; er sezte sich vor dasselbige, sprach mit ihr von verschiednen künftigen Einrichtungen, las ihr einige Kapitel aus der Bibel und einige Gebete vor, und so entschlief sie. — Kaum sah er dieß, als er zu dem bereit liegenden tödtlichen Gewehr, einer geladenen Flinte, eilte; er drückte solche auf sie los, und sie starb, ohne selbst zu wissen, wie? Sein Rufen sowohl, als der Schuß, erweckten das Hausgesinde; sein Geständniß sezte alle außer sich; nur Er blieb gelassen, und schickte selbst nach den Gerichten, denen er sich willig gefangen gab; die ganze Zeit seiner Haft hindurch den ersten Muth beibehielt, und endlich seine Strafe mit einer Unerschrockenheit litt, die jeden Zuschauer zum Mitleid bewegte. Wie viel hier Stoff zur Ausschmückung und Verschönerung vorräthig wäre, sieht jeder leicht. Mit Vorbeilassung alles dessen frag‘ ich blos: Wo ist derjenige, der mir unwidersprechlich sagen kann, daß dieser arme Inquisit gut oder böse, mitleidig oder grausam gehandelt habe? Ob ein stärkerer Beweis gutgemeinter Liebe möglich gewesen sey? und ob nicht ein solcher Fehltritt, der vor menschlichem Richterstuhl allerdings des Todes werth war, vor jenem höhern Tribunal ein verzeihlicher, wo nicht gar verdienstlicher Irrthum gewesen seyn dürfte. — O ihr Kenner des menschlichen Herzens! ihr wollt zuweilen ein Fältchen desselben entwickeln; aber Milliontausend entschlüpfen euch.-Und ihr Aufzeichner menschlicher Begebenheiten, was gilt’s, bei eben erzählter Begebenheit stand in zwölf Zeitungsblättern: „Den und den Tag ward gerichtet N. N.


Er hatte liederlich sein ganzes Vermögen verschwendet, und dann seine Frau umgebracht.“ — Kein unwahres Wort, und doch jedes so falsch! II. Unkeusche, Mörderin, Mordbrennerin, und doch blos ein unglückliches Mädchen. [Größtentheils wörtlich, und gewiß ohne Auslassung eines Umstandes aus einem Briefe gezogen, den ich vom 18ten April 1785 aus Liefland erhielt, und für den ich hier nochmals dem freundschaftlichen, wiewohl mir unbekannten Hrn. Einsender danke. Ich machte sie zuerst in meiner damaligen Quartalschrift unter der von ihm selbst gegebnen Ueberschrift: Mörderin, Unkeusche und Mordbrennerin, doch aber nur ein gutes, Mitleid verdienendes Mädchen bekannt. In der deutschen Monatschrift, Junius 1790, erzählte später nachher Hr. Regierungsreferendar Schwarz unter dem Namen, Natalie, eine Begebenheit, die allerdings sehr viel Aehnlichkeit von der obenstehenden hat, doch aber in verschiednen Umständen abweicht.] Ein angesehner Kaufmann zu Nowogrod hatte nur eine einzige Tochter, und sparte um desto weniger bei ihrer Erziehung Mühe und Kosten. Beide waren auch nicht vergebens angewandt. Das Mädchen hatte, als sie herangewachsen, alle Eigenschaften, die man jezt von einem wohlgebildeten Frauenzimmer fordert; und besaß überdieß noch ein gutes, unverdorbenes Herz. Kein Wunder daher, daß dieses reizende Geschöpf bald ein Augenmerk vieler junger Männer ward; und daß manche Mütter bei ihrem Anblick mit sehnlichem Wunsch an die Lieblinge unter ihren Söhnen dachten. Jezt, als sie so eben kaum zur völligen Blüthe gekommen war, bewarben sich zwei Kaufleute um sie. Auch hier fand sich der so gewöhnliche Fall: daß der angenehmere Mann nicht reich, der Reichere nicht angenehm war; daß dieser an den Vater, jener ans Mädchen selbst sich wendete; und daß dieser älterliche Vertröstung, jener aber Gegenliebe erhielt. Als der Vater, in der Person seines Begünstigten, der Tochter einen künftigen Gemal vorstellte, sparte diese weder Bitten, noch Gründe, noch Schmeicheleien um ihn zu bewegen: daß er seine Wahl gegen die ihrige umtausche; aber sie erreichte nur halb ihren Zweck. Er liebte seine hoffnungsvolle Tochter so innig, daß er ihr endlich mit Wort und Handschlag versprach, nie einen Mann ihr aufzudringen; aber er bestand dagegen auch ernstlich, und vielleicht gar mit einiger Schärfe darauf: daß sie ihrem Günstling nicht minder entsagen solle; und das Ende vom Liede war: daß wirklich beide abgewiesen wurden.

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