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Kleine Fragmente für Denkerinnen – Marianne Ehrmann

Warum nützt das Lesen so vielen Frauenzimmern so wenig? – Weil sie selten so lesen, wie sie lesen sollten, weil sie meistens nur das benutzen, was ihren Lieblingsleidenschaften schmeichelt, weil die wenigsten Leserinnen bei dieser Beschäftigung denken; weil sie oft gar nicht wissen, was sie lesen. Ueberhaupt die Kunst, gut und mit Nutzen zu lesen, ist nur denen eigen, die denken, und die Kunst zu denken nur denen, die empfinden und richtig beurtheilen. Der Gatte eines hirnlosen Weibs bleibt ihr gewiß nicht länger treu, als bis er ihrer äußerlichen Reize gewöhnt ist, – oder bis ihn Langweile und Ueberdruß mit Gewalt von ihr reißen. Die Kunst, Männer Herzen zu erobern ist fast allgemein; aber die Kunst sie zu erhalten äußerst selten. Weh den Männern die sich mit blos äußerlichen Reizen vermählen, der Tod der Liebe folgt ihrer Verbindung auf den Fuß nach. An was soll sich der Mann halten, wenn ihm seine Gattin ein leeres Herz übrigläßt? Nur selten erblikkt man einen Mann, der sich mit Schwäzzereien abgiebt, aber noch seltener ein Weib, das sich nicht damit abgiebt. Die dümmsten lasterhaften Menschen sind gewöhnlich auch die unduldsamsten. So viel ist es gewiß, so fehlerhaft auch das weibliche Geschlecht seyn mag; so ist es doch zur Besserung weit geneigter, weit weicher, als das männliche – Ei warum denn? – Weil sich die Männer gar zu gerne fehlerfrei dünken, und dies blos, weil sie Männer sind. – Ihre aufgeblasene Eigenliebe malt ihnen Riesenstärke vor. Wir haben doch auch Augen ihr Herren!!! Der muntere Wiz eines nicht schönen Mädchens reißt in Gesellschaften schnell tausend Herzen hin – Die stumme Schönheit hingegen wirkt nur auf ihre Oberfläche. Erzeugt das Zölibat nicht heimliche Sünden? – Wer es zu halten im Stande ist, muß von der Natur abgestreift worden seyn, um ihren Zorn zu fühlen. Das Zölibat ist weiter nichts, als ein privilegirter Menschenmord. – Wer gab den Menschen das Recht die Natur und die herrlichsten Geschenke des Schöpfers zu unterdrüken? Die Mädchen, die sich zu viel auf ihren schwächern Gliederbau zu gute thun, sind so unerträgliche Winslerinnen, daß sie mit Recht das Gespött der Männer verdienen. Beständig in der Freundschaft ist nur der, – der sie ohne Absicht geknüpft hat; – Beständig in Liebe nur der, – der andere mehr als sich selbst liebt. Das Herz, das sich für Gattenliebe verschließen muß, ist blos ein wurmstichiger Fleischbrokken vor welchem dem Denker ekelt. Eitelkeit ist nur zu oft der Beweis weniger Vernunft. Und nicht selten die Wirkung der Langweile, oder des Mangels an Nachdenken. So mannigfaltig die Künsten einer Kokette sind, eben so mannigfaltig sind die Künsten einer alten Bethschwester, womit sie sich in den Himmel hinein buhlen will. Frömmelei ist der Zufluchtsort aller Schurken und Schurkinnen; wenn sie die schwache Menschheit betrügen wollen, so stekken sie sich hinter diese Maske. Das, was die Menschen gewöhnlich Liebe heißen, ist nicht Liebe, sondern das Werk ihrer Sinnen, oder der Wiederhall ihrer Eigenliebe. Armuth ist so unergründlich, daß derjenige, so am meisten darunter leidet, am wenigsten entdekt wird. Nicht der öffentliche Bettler ist arm, aber der, der sich schämt, es zu scheinen. Es ist keine kleine Kunst zu geben, wenn man geben und wie man geben soll. – Wer den Unglüklichen mit seiner Gabe beschämt, der giebt nichts. Sind das nicht elende schwachköpfige, geistlose Geschöpfe, die den Magen zum unumschränkten Herrn ihrer lüsternen Wünsche machen? Freimüthigkeit, wird im gesellschaftlichen Leben nicht selten äußerst mißbraucht.


– Oft wird einer zum groben Flegel, und nennt es dann Freimüthigkeit. Ueber allgemeine Dinge freimüthig sprechen, die keinen persönlichen Bezug haben, ist jedem offenen Kopfe erlaubt. Aber dumm-dreist Gegenstände angreifen, die den Anwesenden oder Abwesenden beleidigen können, gränzt an boshafte Freimüthigkeit. Versicherungen auf Ehre sind in unsern Zeiten so gewöhnlich, daß dem ehrlichen Manne keine Sprache mehr übrig bleibt, um sich vom Schurken zu unterscheiden.

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