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Italienische Reise – Johann Gottfried Herder

Gnädigster, bester Herr, Inlage empfing ich so unvermutet, als ob sie mir vom Himmel zugefallen wäre; in einem Zustande, in welchem mich der Inhalt derselben eben so erfreuete, als betäubte. Ich habe mit der gestrigen Post geantwortet, u. den kleinen Dalberg gebeten, sich über das Wie? Wo? u. Wann? etwas näher zu erklären. Das Weitere müssen Euer Durchlaucht zu seiner Zeit beantworten, u. ich verspreche mir eine gute, gnädige Antwort. […] Ich wünsche Euer Durchlaucht das beste Wohlsein von innen u. von außen. E[uer] H[erzoglichen] D[urchlaucht] untertänigster Herder. Herzog Carl August an J. G. Herder Aschersleben, den 28. April 1788. Der Antrag, den die Beilage Ihres Briefes enthielt, überraschte mich sehr angenehm. Schon lange wünschte ich eine gute, annehmbare Gelegenheit, die Ihnen den Vorteil verschaffen könnte, Ihre Atmosphäre zu erfrischen, welche hinter dem hohen Schieferdache der Stadtkirche zusammengepreßt werden mag. Der Vorschlag des kleinen Dalbergs ist mir um desto willkommner, da ich vermute, daß er die notwendigen Einrichtungen so treffen wird, daß Sie gewiß kein Hindernis finden werden, mit ihm die Reise nach dem gelobten Lande zu tun, und seine Gesellschaft von der Art ist, daß solche für Sie nicht die mindeste Beschwerlichkeit haben kann, sondern fähig ist, Ihnen vielerlei Annehmlichkeiten zu gewähren. Ich wünsche Ihnen recht herzlich Glück zu diesem angenehmen Zufalle, und werde mich recht herzlich freuen, Sie mit Ihrem Aesopischen Reisegefährten in den Wagen steigen zu sehen und auf dem Wege zu wissen, welcher Sie gerade zur erquickenden Quelle führen soll. Der Schwager Chronos (Goethe brauchte ihn einmal zum Postillon) ist doch im Grunde ein guter Fuhrmann, der seine Passagiers zu beurteilen weiß, und führt sie, wenn sie auch zuweilen auf seinem Postwagen vor Stößen geflucht oder zu anderer Zeit vor Langsamfahren gegähnt haben, doch endlich auf die Straßen, die ihnen angemessen und erwünscht sind. Selten verfehlt er ganz des Wegs, wenn er Reisende bedient, die seiner Aufmerksamkeit würdig sind. Aber auch ein Trinkgeld für ihn! das beste ist gewiß harren und vertrauen auf seine Geschicklichkeit. Glück zu! Dem kleinen Dalberg schrieb ich vor ein paar Tagen; es sollte mir leid sein, den guten kleinen Menschen nicht zu sehen. Wenn das Wo? Wie? und Wann? bestimmt ist, so schreiben Sie mir die Einrichtung desselben. Daß Sie Ihre Abwesenheit nach Ihrem Gefallen einrichten können, versteht sich von selbst. […] Grüßen Sie mir Frau und Kinder und leben Sie recht wohl. Carl August H.


z. S. Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder Trier, 5. 5. 1788 {…} Ich habe mich seit einigen Jahren sehr warm einiger Geschäfte angenommen, deren Erfolg ich wünschte, aber durch Drang unglücklicher, widerstrebender Umstände nicht allein nicht erreichen kann, sondern nach innerer Überzeugung und dem, was ich meiner Ehre schuldig bin, mich des Geschäfts entledigen muß, wenigstens auf einige Zeit, da meine schwächliche Gesundheit ohnehin Erholung und den erquickenden Hauch eines mildern Himmelsstrichs bedarf. Mein Plan geht dahin, zuerst an einem guten, nicht zu heißen Fleck Italiens oder der Provence zu ruhen, und den Sommer durch reinen Äther zu schöpfen, den Winter dann der Reise im Lande, dem Sehen und Genießen der hohen Kunst zu widmen. Ich kann mich auf einige Jahre von meinen Residenzen frei machen, und diese Zeit und meine fortdauernden Renten dort verzehren. Denn wie Sie wissen, ist die Kirche, die zwar auch Bannstrahlen hat, oft eine gütige Mutter und gestattet ihren Söhnen alle Freiheiten, wenn sie nur das Verlangen äußern, ihren mächtigen Vater mit der dreifachen Krone in Rom zu sehen. – Wie wäre nun folgender Vorschlag, bester Herder, wenn Sie die Zeit von hier bis in den September, die ich der Gesundheit und Ruhe widme, zur Vollendung ihrer Geschäfte anwendeten, und wir uns dann in der Schweiz, oder wo es sonst wäre, einen Ort bestimmten, wo wir uns träfen und als Pilgrime in das hohe Rom zusammen wallten? Der Plan unsrer fernern Reise durch Italien ließe sich dann immer noch machen. {…} J. G. Herder an Johann Gottfried Eichhorn Weimar, 6. 5. 1788 [?] […] Ich placke mich mit dem 4. T[eil] der Ideen herum, mit dem ich mich den ganzen leidigen Winter durch umhergeplackt habe. Ich habe unter den nordischen, zumal der edeln Deutschen Nation so lange hausen müssen, daß ich mich recht freuete, wieder unter eine andre zu kommen, wo ich wenigstens des Privilegiums der Reisenden genieße, a beau mentir, qui vient de loin. Ich sehne mich herzlich nach dem Ende der Arbeit, die mir zu meinem Zweck unsägliche, vielleicht auch gar unkennbare Mühe kostet. […] J. G. Herder an Karl Ludwig von Knebel Weimar, vor dem 30. 5. 1788 S. P.

Ende voriger Woche erfuhr ich unvermutet, daß Dalberg in Kalbsried sei, wohin er die Fr[au] v. Seckendorf begleitet. Ich sandte an ihn einen Expressen, mit der Einladung nach Aschersleben, die mir der Herzog nachgelassen hatte, u. die er in der Nähe des Orts vielleicht annehmen würde. Der Expresse kam Sonnabend Abend zurück, mit einem Briefe von ihm, daß er den Sonntag drauf nach Aschersleben reisen, sodann nach Weimar kommen würde u. gern bei mir logieren wollte. Gestern Abend haben wir ihn umsonst erwartet; vielleicht kommt er heut, u. höchstens morgen. In der Frankf. Zeitung hat schon vorige Woche gestanden: er sei in meiner Gesellschaft nach Italien gereiset; diese Nachricht hat sich also auch hier verbreitet u. man nimmt mich für abgereiset an, u. fragt mich selbst, ob ich nach Italien gereiset sei. Sobald Dalberg herkommt, tue ichs Ihnen zu wissen, mein H[err] u. Freund, denn es ist billig u. recht daß Sie ihn sehen u. auch mich, jetzt in Italien, in seiner Gesellschaft sehen; anbei Zeuge sind, was u. wie es sich verhandelt. Ich höre, er geht erst auf eine Hochzeit des Gr[afen] v. der Leie, u. also bin ich noch ganz ungewiß, wie sich die Sache einrichten u. abmachen werde. Sie müssen aber zu uns kommen, alter Weiser, zumal da Dalberg in meinem Hause logiert. Ich bitte Sie sehr, u. er wird sich Ihrer selbst freuen. […] Johann Wolfgang von Goethe an J.

G. Herder Konstanz, 5. 6. 1788 [?] Daß ich von Constanz an dich nach Rom zu schreiben habe, ist wohl eine seltsame Sache, die mir noch völlig den Kopf verwirren könnte. Gestern Abend lese ich in der Vaterlandschronik, du seiest wirklich mit Dalbergen verreist. Ich glaube es und ergebe mich drein, ob es gleich für mich ein sehr harter Fall ist. Reise glücklich und erbrich den Brief gesund, da wo ich in meinem Leben das erstemal unbedingt glücklich war. Angelika wird dir ihn geben. Vielleicht erhältst du zu gleicher Zeit noch einen; denn ich schreibe gleich, wenn ich nach Hause komme, und Ihr haltet Euch wohl auf. Wenn Ihr einen Antiquar braucht, wie Ihr denn einen braucht, so nehmt einen Deutschen, der Hirt heißt. Er ist ein Pedante, weiß aber viel und wird jedem Fremden nützlich sein. Er nimmt des Tages mit einem Zechin vorlieb. Wenn Ihr ihm etwas mehr gebt, so wird er dankbar sein. Er ist übrigens ein durchaus redlicher Mensch. Alsdann suche einen jungen Maler Bury incontro Rondanini, den ich lieb habe, und laß dir die farbigen Zeichnungen weisen, die er jetzt nach Carrache macht. Er arbeitet sehr brav. Mache, daß sie Dalberg sieht und etwas bestellt. Dieser junge Mensch ist gar brav und gut, und wenn du etwa das Museum oder sonst eine wichtige Sammlung mit ihm, zum zweitenmal, aber NB. allein sehen willst, so wird es dir Freude machen und Nutzen schaffen. Er ist kein großer Redner, besonders vor mehreren. Meyer, der Schweizer, ist, furchte ich, schon in Neapel. Wo er auch sei, mußt du ihn kennen lernen. Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume, da ich dir dieses schreibe. Es ist eine starke Prüfung, die über mich ergeht. Lebe wohl, genieße, was dir beschert ist.

Einer meiner angelegentlichsten Wünsche ist erfüllt. Wenn du nach Castell-Gandolfo kommst, so frage nach einer Pinie, die nicht weit von Herrn Jenkins‘ Haus, nicht weit vom kleinen Theater steht. Diese hatte ich in den Augen, als ich dich so sehnlich wünschte. Lebe wohl. Ich gehe zu den Deinigen, und will ihnen die Zeit deiner Abwesenheit verleben helfen. G. Wahrscheinlich wird Euch Hofrat Reiffenstein an einige Orte führen. Ich empfehle Hirten also zum Supplemente. Moritzen mußt du auch sehen. Du wirst noch andere finden: Lips etc. J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar, Mitte Juni 1788 Warum haben Sie mir nicht, gnädigste Herzogin, mit Ihrer schönen Italienischen Übersetzung der Lira zugleich etwas Italienischen Geist ins Couvert eingesiegelt, Ihnen Italienisch danken zu können; statt dessen, daß ich jetzt das liebliche, harmonische Blatt mit Bewunderung und etwas Neide lese, daß ich dagegen ein so barbarischer, Deutscher Ignorant bin. Indessen studiere ich seit ehegestern die Sprache, wie es sich tun läßt, und sehe den Zuruf der Lira eben auch als eine Stimme an, die mich dazu freundlich einladet. Ich will sie lesen u. wiederlesen, auch morgen die kleine Nachtigall in Manheim damit erfreuen. Haben Euer Durchl. für den süßen Enthusiasmus Dank, der darin herrschet: im schönen Lande jenseits der Alpen – – – wo die Zitronen blühn, hoffe ich Ihnen Italienisch, und also anmutiger danken zu können, als hier hinter der Peter- u. Paulskirche. Vorher aber hoffe ich es nächstens in Tiefurt tun zu können. – Die Fr. v. Dieden u. der Prinz August müssen durch Euer Durchl. Gnade doch ja auch die Musik des kleinen Ritters Valdimonte (so haben wir ihn übersetzt) hören.

Ich empfehle mich zu E. D. Gnade Herder. J. G. Herder an Christian Gottlob Heyne Weimar, 22. 6. 1788 Liebster Freund, Die Zeitungen werden Ihnen, nicht nur sehr zu frühe, sondern auch mir sehr unlieb, gemeldet haben, daß ich nach Italien reise. Reisen mußte ich, wenn es auch auf den Walfischfang gewesen wäre, u. da diese Gelegenheit u. Anerbietung kam, sahe ich sie als einen Wink des Schicksals an, den ich nicht ausschlagen durfte. Wozu ich reise? wird die Zeit selbst negativ oder positiv zeigen: ich lasse ihr gern ihren Lauf u. will den guten Göttern nicht vorgreifen; ich hoffe aber das Letzte, oder vielmehr ich bin dessen gewiß, da doch alles Nichts ein Nichts ist. Wie angenehm, unterrichtend, ja gewissermaßen notwendig wäre es, wenn ich erst zu Ihnen nach G[öttingen] käme; ich habe im Ernst daran gedacht, den Gedanken aber sogleich verworfen. Meine Zeit ist beschränkt; ich weiß nicht, wie ich hier mit meinem Bündel zurecht kommen will; eilen müssen wir, weil wir durch die Schweiz ziehen, u. in der Provence uns zuerst erholen wollen, ehe uns, wie es die Reisende über die Alpen sonst zu genießen pflegen, das stolze Rom verschlingt; also kann ich nicht säumen, u. wie sehr haben wirs mit unsern Sitten, in unsrer Lebensweise darauf eingerichtet, daß wir uns nur immer in einem »minimum« genießen u. kosten! – Also das herzlichste Lebewohl, liebster, treuer, alter Freund, Sie am Ufer der Leine, u. ich wo ich sein möge. Haben Sie Aufträge für mich, wollen Sie mir Gesichtspunkte, Ideen, Aussichten geben, finden Sie es gut, wie ichs freilich gut fände, daß Sie mich nach Ihrer weiten Bekanntschaft in den dortigen Gegenden an einige Menschen, die mir nützlich sein können, empfehlen: so tun Sie, was Ihnen Ihr Sinn u. Herz gebietet. Alles aber ohne Zwang: denn mir ists ganz gleichgültig, wenn ich auch den u. den u. den nicht sehe; was ich sehen, u. einst gesehen haben will, sehe ich doch, u.

was mir daher gewährt sein soll, ist in der Götter Händen. Mir selbst, so nahe ich dran bin, scheinet die Reise noch wie eine Fabel. So wird sie es auch sein, wenn sie vorüber ist: denn wie schnell vergehen einige Monate, in welchen wir uns wie Würmer einige Schritte weit zu Hause hingekrümmt u. am Ende doch nichts anders getan, als gemüht u. verdauet hätten – nun mögen sie auf andre Weise wie Schatten vorbeigehn. Die Augen will ich indessen auftun, u. dies schmale Interstitium mit Sorgfalt u. Muße gebrauchen. Ich weiß, Sie wünschen mir sodann eine glückliche Rückkehr, u. ich mir sodann einige Augenblicke oder Stunden, Sie sprechen zu können. Die Bücher, die ich von der Bibliothek habe, schicke ich an dem Ort, der Göttingen am nächsten ist, zu Ihnen, u. sage Ihnen sodann noch dankbar das letzte Lebewohl. […] Leben Sie wohl, lieber Patriarch der Künste, bald schreibe ich Ihnen noch einige Zeilen. Überdenken Sie indessen etwas, ob Sie mir etwas mitzugeben haben. Herder 22. Jun. 88. J. G. und Caroline Herder an Karl Ludwig von Knebel Weimar, 22. und 23. 6. 1788 [J. G. Herder:] Sonderbar ists, wie die Geister wirken.

Eben stand ich heut am Fest des H. Johanns vor Ihren 2. letzten Additamenten, zu denen ich durch einen unwiderstehlichen Trieb eben unter dem Lauten zur Kirche getrieben ward, ob ich gleich wußte, daß sie mich in meiner Johannspredigt stören würden, als der Bediente Ihren nassen Brief herauf brachte, den ein unsichtbarer Bote auf den Tisch vor meiner Frauen Zimmer gelegt haben muß. Er freuete mich sehr u. ich habe Alles sogleich besorgt. […] Aber über Ihr Glück, einen alten Philosophen gefunden zu haben, sein Sie nicht zu stolz; denn Sie haben Ihren rückkommenden Freund durch die Reise gerade zu verfehlet. Er ist seit dem 18. Abends um 10. Uhr mit dem Vollmonde hier, ist gesund und wohl, u. hat uns schon 1000. Dinge erzählet. Das hat Ihnen Ihr alter Philosoph schwerlich gesaget: doch bin ich auf ihn sehr lüstern. Mich dünkte sonst, ich kennte alle alten Philosophen an ihren Bärten. Diese Nacht gehen Diedens weg, u. den 1ten treffen die Gore’s ein: verlassen Sie also die Gebirge, u. kehren zur schönen Gesellschaft u. zum Römer zurück. Das ist artiger u. hübscher. […] Die artige Gesellschaft hat mich sehr gehindert, an meine Reise zu denken. Morgen aber u. fernerhin solls desto ernstlicher getrieben werden. Von Dalberg habe ich seitdem noch keine Zeile; vielleicht kommt sie heut. […] Leben Sie wohl, lieber Waldphilosoph u. kehren bald wieder zu uns: zum Einsiedler sind Sie doch nicht geboren.

Ich umarme Sie herzlich. H. 22. Jun. 88. […] [Caroline Herder:] Ich muß Sie auch bitten liebster Freund bald zu kommen, damit wir uns gemeinschaftlich an unserm Freund erfreuen. Diese Tage her hat der Hof durch die Anwesenheit der Fr. von Diede ihn ganz verschlungen. Er kam den Mittwoch Abends 11 uhr durch den Stern gehend, an; Frau von Stein u. der Herzog schliefen schon; er ging in sein Haus, wir erfuhren seine Ankunft gleich u. m[ein] Mann der eben von Tiefurt kam eilte zu ihm u. ich stand auch auf u. ging hin. er glaubte m. Mann sei schon auf der Reise, u. das Wiedersehen war also ganz erfreulich. Ich hoffe nun auf einige stille Abende wo wir ihn wieder sehen werden wie er ist. Da er nun da ist, fühle ich erst den schlimmen Tausch zwischen Rom u. Weimar. Doch die Liebe trägt ja alles. Herzl[lich] Adieu. Montag Abend. Goethe ist eben da u. grüßt Sie aufs beste.

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