| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Ich klage an…! – Emile Zola

Gestatten Sie, daß ich in meiner Dankbarkeit für die wohlwollende Aufnahme, die ich einst bei Ihnen gefunden, heute Ihren gerechten Ruhm mir am Herzen liegen lasse, und Ihnen sage, daß Ihr bisher so glücklicher Stern von dem allerschimpflichsten und unauslöschlichsten Flecken bedroht sei? Sie sind unversehrt aus niedrigsten Verläumdungen hervorgegangen, Sie haben die Herzen erobert. Sie erscheinen strahlend in der Apotheose jenes patriotischen Festes, welches die russische Allianz für Frankreich gewesen ist und Sie rüsten sich, unserer Weltausstellung zu präsidiren, welche – ein feierlicher Triumph – unser großes Jahrhundert der Arbeit, der Wahrheit und der Freiheit krönen soll. Aber welch ein Schmutzfleck auf Ihrem Namen – fast hätte ich gesagt auf Ihrer Regierung – diese abscheuliche Affäre Dreyfus! Ein Kriegsgericht hat es auf erhaltenen Befehl soeben gewagt, einen Esterhazy frei zu sprechen und damit jeglicher Wahrheit, jeglicher Gerechtigkeit den härtesten Faustschlag in das Angesicht versetzt. Es ist geschehen; Frankreich trägt diese Besudelung auf der Wange, die Geschichte wird berichten, daß Ihre Präsidentschaft es war, unter welcher ein solches sociales Verbrechen begangen werden konnte. Nun, da Sie es gewagt haben, so will auch ich wagen, ich. Die Wahrheit, ich werde sie sagen, denn ich habe versprochen, sie zu sagen, wenn nicht eine ordnungsmäßig gehandhabte Rechtsprechung ihr voll und ganz zum Siege verhelfen würde. Meine Pflicht ist zu sprechen, ich will nicht Mitschuldiger sein. Meine Nächte würden gestört werden durch das Gespenst des Unschuldigen, der da drüben unter den schrecklichsten Folterqualen für ein Verbrechen büßt, das er nicht begangen hat. Und Ihnen, Herr Präsident, will ich sie entgegenschreien, diese Wahrheit, mit aller Macht der Empörung eines rechtschaffenen Mannes. Zu Ihrer Ehre bin ich überzeugt, daß sie Ihnen unbekannt ist. Und wem anders sollte ich jenen Haufen von Uebelthätern, die wahren Schuldigen, angeben, wenn nicht Ihnen, dem obersten Funktionär des Landes? * * * Zunächst die Wahrheit über den Prozeß und die Verurteilung des Dreyfus. Ein unheilvoller Mensch hat Alles geführt, Alles gemacht; das ist der Oberstlieutenant du Paty de Clam, damals einfacher Major. Er ist die ganze Affaire Dreyfus, und man wird diese erst kennen lernen, wenn eine loyale Untersuchung seine Handlungen und seine Verantwortlichkeit klargelegt haben wird. Ein höchst abenteuerlicher, verworrener Kopf, der romanhaften Intriguen nachhängt und sich in den Auskunftsmitteln der Feuilletonsromane gefällt, gestohlene Papiere, anonyme Briefe, Rendez-vous an einsamen Orten, geheimnisvolle Frauen, welche des Nachts erdrückende Beweisstücke herumtragen. Er ist es, der darauf verfiel, Dreyfus das Bordereau zu diktiren, er ist es, der davon träumte, ihn in einem ganz mit Spiegeln ausgelegten Raume zu beobachten, er ist es, den uns der Major Forzinetti vorführt, wie er mit einer Blendlaterne versehen, sich zu dem schlafenden Angeklagten führen lassen will, um auf dessen Gesicht einen plötzlichen Lichtstrahl zu werfen, und so das Verbrechen gleichsam beim ersten Schreck des Erwachens abzufangen. Und ich brauche nicht Alles zu sagen; man suche und man wird finden. Ich erkläre nur, daß der Major du Paty de Clam, welcher beauftragt war, die Affaire Dreyfus als Justizbeamter zu untersuchen, nach der Reihenfolge der Daten und der Verantwortlichkeiten der erste Schuldige an dem Justizirrthum ist. Das Bordereau war schon seit einiger Zeit in den Händen des Obersten Sandherr, Leiters des Informationsbureaus, welcher inzwischen an allgemeiner Paralyse gestorben ist. Es hatten „Abgänge“ stattgefunden, Papiere verschwanden, wie noch heute deren verschwinden. Man forschte nach dem Urheber des Bordereau, als die vorgefaßte Stimmung allmählich Fuß faßte, es könne dieser Urheber nur ein Offizier des Generalstabs und ein Artillerieoffizier sein. Ein doppelter offenkundiger Irrthum, welcher zeigt, mit welcher Oberflächlichkeit man dieses Bordereau geprüft hatte, denn eine logische Untersuchung ergibt, daß es sich nur um einen Truppen-Offizier handeln konnte. Man suchte also im Hause, man prüfte die Handschriften, es war wie eine Familienangelegenheit, man wollte in den Bureaux selbst einen Verräther ertappen, um ihn aus denselben zu vertreiben. Ich will aber hier nicht eine zum Theil bekannte Geschichte wiederholen; genug, der Major du Paty de Clam erscheint auf der Scene, sobald der erste Verdacht auf Dreyfus fällt. Von diesem Augenblicke an ist er es, welcher Dreyfus erfunden hat, die Sache wird seine Sache, er übernimmt es, den Verräther zu verwirren, ihn zum vollen Geständniß zu bringen. Da gibt es wohl den Kriegsminister, den General Mercier, dessen Intelligenz eine mittelmäßige sein dürfte; da gibt es wohl den ersten Chef des Generalstabs, den General de Boisdeffre, der seinen klerikalen Leidenschaften nachgegeben zu haben scheint und den Unterchef des Generalstabs, den General Gonse, dessen Gewissen sich in Vieles fügen konnte.


Aber im Grunde gibt es anfänglich doch nur den Major du Paty de Clam, der sie alle lenkt, der sie hypnotisirt; denn er beschäftigt sich auch mit Spiritismus, mit Occultismus, er verkehrt mit den Geistern. Unglaublich sind die Experimente, welchen er den unglücklichen Dreyfus unterworfen hat, die Schlingen, in welche er ihn verstricken wollte, die tollen Untersuchungen, die ungeheuerlichen Phantasien – ein wahrer Folterwahnsinn. Ach! wie ein Alpdruck lastet es auf dem, der diese Anfänge der Sache in ihren wahren Einzelheiten kennt! Der Major du Paty de Clam nimmt Dreyfus gefangen und bringt ihn in geheime Haft. Er läuft zu Frau Dreyfus, er versetzt sie in Schrecken, er sagt ihr, daß, wenn sie rede, ihr Gatte verloren ist. Unterdessen zerfleischte sich der Unglückliche und brüllte seine Unschuld hinaus. Und die Untersuchung wurde in einer Weise geführt, daß sie uns an die Chroniken des fünfzehnten Jahrhunderts erinnert; sie hüllt sich in tiefes Geheimnis, sie bedient sich eines Systems barbarischer Hilfsmittel; sie beruht dabei auf einem einzigen kindischen Belastungsmoment: auf jenem einfältigen Bordereau, welches nicht bloß auf einen gewöhnlichen Verrath, sondern auch auf einen höchst unverschämten Betrug hinwies. Die berühmten ausgelieferten Geheimnisse waren nämlich fast alle ohne jeden Werth. Ich verweile hierbei, denn hier ist das Ei, aus dem sich später das wahre Verbrechen herausentwickelt, die fürchterliche Justizverweigerung, an welcher Frankreich erkrankt ist. Ich möchte handgreiflich nachweisen, wie der Justizirrthum möglich geworden ist, wie er aus den Machinationen des Majors du Paty de Clam erwachsen ist, wie der General Mercier, die Generäle de Boisdeffre und Gonse, sich mithineinziehen ließen, wie sie allmählich die Verantwortlichkeit für diesen Irrthum übernommen haben, und wie sie es nachmals für ihre Pflicht hielten, ihn als die heilige Wahrheit zu proklamiren, als eine Wahrheit, die nicht einmal mehr in Frage gestellt werden darf. Zu Beginn war also von ihrer Seite nur Fahrlässigkeit und Mangel an Intelligenz im Spiele. Höchstens bemerkt man noch, wie sie den religiösen Leidenschaften ihres Milieu und den Vorurtheilen des Korpsgeistes nachgeben. Sie haben der Dummheit ihren Lauf gelassen. Dreyfus erscheint vor dem Kriegsgericht. Die Verhandlung wird bei geschlossenen Thüren so geheim wie nur möglich geführt. Hätte ein Verräther dem Feind die Grenze geöffnet, und den Deutschen Kaiser bis zur Notre-Dame geführt, man hätte keine strengeren Maßregeln zur Bewahrung des Geheimnisses ergreifen können. Die Nation ist wie von Betäubung ergriffen, man flüstert von fürchterlichen Dingen, von ungeheuerlichen Verräthereien, wie sie die Geschichte brandmarkt und, natürlicherweise, die Nation neigt sich. Da ist ihr keine Züchtigung strenge genug; sie begrüßt die öffentliche Degradation mit ihrem Beifall; sie möchte, daß der Schuldige sich auf seinem Schandfelsen in Gewissensbissen verzehre. Aber sind sie denn wahr, diese unsagbaren Dinge, diese gefährlichen Dinge, welche Europa in Flammen zu setzen vermöchten und die man so sorgfältig hinter den geschlossenen Thüren begraben mußte? Nein, es stecken nur die romanhaften wahnwitzigen Phantasien des Majors du Paty de Clam dahinter; alles das geschah nur, um das abgeschmackteste Romanfeuilleton zu verbergen. Um sich diese Gewißheit zu verschaffen, braucht man nur die Anklageakte, die vor dem Kriegsgericht verlesen worden ist, aufmerksam zu prüfen.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |